Besuch macht kluch

Heute hatte ich Besuch in meinem Unterricht. Von Erwachsenen. Von Erwachsenen aus einem fernen Land. Lehramtsstudenten. Paßte mir eigentlich gar nicht, denn ich wollte doch einen food-Vokabeltest schreiben und dann ein popliges Arbeitsblatt ausfüllen lassen. Habe ich also alles spontan umgestellt und es gab FOOD BINGO!!!! Yeahhhh!!!!

Bevor die Studenten kamen habe ich die Schüler geimpft: “Wir kriegen heute Besuch. Von Erwachenen.”
Ibrahim gleich darauf: “Ahhh, da sollen wir uns benehmen.”
“Ihr sollt euch immer benehmen, nicht nur wenn Besuch kommt.”
“Aber in der Grundschule hatten wir auch immer Besuch, bei der einen Lehrerin und die haben dann geguckt, wie die Unterricht gemacht hat und da mußten wir uns immer sehr gut benehmen.”
“Ahh, eine Referendarin. Und habt ihr euch da benommen?”
“Ja, und dann gab es Schockolade.”
“Na, hier gibt es nichts.”

Der Besuch kommt. Sie wollen sich nach hinten setzen. Nichts da. Sie werden an die Gruppentische verteilt und sollen sich vorstellen. Sie sprechen kein deutsch. Günstig, dass wir Englischunterricht haben. Sie stellen sich vor – Name, Alter und was für ein Fach sie studieren. Sie sind jung. Anfang 20. In dem Alter bin ich noch ahnungs- und orientierungslos durch die Welt geturnt. Niemals hätte ich mich mit 22 in eine Schule begeben. Na ja, jedem das Seine (oder seine? Frl Krise – du sagen!)

Wir fangen mit Hangman an – haben wir so oft mit angefangen, dass ich einen Schüler an der Tafel abstellen kann. Ich setze mich neben Murat, der schon anfängt seine Macken zu kriegen (wie Samira sagen würde). Es läuft wunderbar. Nur das mit dem Melden noch nicht. Aber egal, die Schüler sind voll dabei und ich bin stolz. Dann FOOD BINGO!!!! Yeah, ich liebe Bingo. Weniger liebe ich es das Spiel zu erklären. Die meisten Schüler kennen es und die die es nicht kennen, werden es schon irgendwie raffen.

Es gibt leichte Verwirrung, die Lehramtsstudenten schreiben und schreiben. Sollen wahrscheinlich das Lehrerverhalten dokumentieren. Mir doch egal. Dann wird gespielt. Murat darf vorne sitzen und Kärtchen ziehen (aus einem Beutel, den mir Frau Dienstag genäht hat – die kann ja wirklich alles). Schinken – ham, coffee – Kaffee, vegetables – Gemüse, meat – Fleisch – BINGO!!!!! So geht das ungefähr 20 Minuten. Die Studenten spielen mit, gewinnen aber nie.

Als die Luft raus ist, hole ich das furzeinfache Arbeitsblatt raus (eigentlich sind es drei – sicher ist sicher) und lasse es verteilen. Konzentrierte Ruhe. Niemand ist überfordert und man zeigen mir mal den Schüler, der sich ernsthaft über Unterforderung beschweren würde.

Kurz vorm Klingeln lasse ich die Schüler in Gruppen noch mal die Vokabeln abfragen. Zufrienden stolziere ich durch die Klasse. Lief doch super. Plötzlich traue ich meinen Ohren nicht. An einem Tisch läuft eine angeregte Unterhaltung zwischen den Schülern und einer Lehramtsstudentin: “And did you come with the plane?”
“No. With the train.”
“And how many hours with the train?”
“Eight.”
“You like Berlin? Frau Freitag, was heißt Sehenswürdigkeiten?”
“Ich verwirrt: “Sights.”
“You see sights in Berlin?”
“No, not yet.”
Jetzt mischt sich Elva ein. Ich hatte ihr gerade in die Zensurenliste eine fünf eingetragen, weil sie nie mitmacht.
“You like shopping?”
“Yes.” antwortet die Studentin und Elva ruft begeistert: “Ohhh I love shopping,too.”

Dann klingelt es. Die Schüler stürmen fröhlich aus dem Raum und lassen mich total verwirrt zurück. Woher soll ich denn wissen, dass die Englisch können? Meine Verwirrung lässt allerdings schnell wieder nach, denn in der folgenden Stunde kann ich mich mal wieder davon überzeugen, dass meine Klasse, sich nach drei Jahren Englisch bei mir jegliche Fremdsprachenkenntnisse abgewöhnt hat. Vielleicht sollte ich diese Siebtklässler schnell zur Realschulprüfung anmelden, bevor die noch so schlecht werden, wie meine Schüler.

Manchmal geht’s


Heute bin ich milde gestimmt, denn ich habe mir gerade Wolle gekauft, um Strümpfe zu stricken – es wird Winter, gehe gleich mit Frau Dienstag zum Sport und soeben habe ich mit dem Freund die letzten Kunstarbeiten meiner Benetton-Klasse zensiert. Die letzten Zensuren, die ich brauchte, um ihnen einen Zwischenstand ihrer derzeitigen Leistungen zu geben. Alles ist erledigt und ich bin hochzufrieden und deshalb, wie gesagt recht milde gestimmt.

Heute bin ich mit meinem Rollkoffer zur Schule getrottet. Ich kam mir vor, als würde ich verreisen, aber der Koffer war nur voll mit den Bewerbungsunterlagen, die ich von der Bewerbungsmesse am Anfang des Schuljahres zusammengesammelt hatte. In der Schule habe ich dann zwei fette Aktenordner damit gefüllt. Die habe ich dann in der Hausaufgabenstunde mit meiner Klasse auf den Tisch gestellt. Ich wußte durch einen kurzen facebook-chat, dass z.B. Mariella aus meiner Klasse noch gar nicht weiss, was sie werden will.

Ich also hin zum schnatternden Mädchentisch, die sich gerade wieder über sehr schulferne Dinge austauschen wollten. Den einen Leitzordner knalle ich Mariella direkt vor die Nase: “Hier guck’ mal, was du werden willst.” Den anderen gebe ich Elif. “Da ist was drin zu medizinischer Fachangestellten. Das musst du mal suchen.”

Und jetzt ging das herrliche Treiben los. Begeistert blätterten sie durch die Broschüren von Rossmann, Netto und Ikea. “Hier Ayla, hier is Bürokauffrau, für dich. Willst du doch werden.” Vorher hatte ich die 16 Hausaufgabenhefte verteilt, die ich auf der Messe abgestaubt hatte. Alle wollten unbedingt eins haben und die blöden Stundenpläne von irgendeinem Bleistifthersteller standen auch hoch im Kurs.

Ronnie, der immer nur auf seinem Platz sitzt und mit Peter quatscht und noch niiiiiie irgendwas in der Schule – für die Schule getan hat: “Ich will auch eins!”
Und endlich hatte ich mal die Gelegenheit für eine kleine persönliche Rache: “Ronnie, du machst doch gar keine Hausaufgaben. Da brauchst du auch kein Hausaufgabenheft.” Die anderen füllten begeistert ihre neuen Stundenpläne aus. Willst du Schüler beglücken, dann gib ihnen Formulare und Listen.

Auch die Ausbildungsplatzsuche gestaltete sich positiv: “Frau Freitag, abooo, kann ich den Zettel mitnehmen?” “Miriam, guck hier, dis Heft hier von Handelskammer is’ voll hamma, da steht alles drin.”

“Frau Freitag, woher haben Sie dieses Buch (Berufe aktuell)?”
“Na, das müsstet ihr alle bekommen haben. In der Berufsorientierung.”
“Nein, haben wir nicht. Ich schwör’, wenn ich dieses Buch hätte, abooo hier steht soooo viel drin. Wo kriegt man das, Frau Freitag?”

“Im Berufsinformationszentrum. Da waren wir auch schon. Da fandet ihr es soooo schlimm. Erinnert ihr euch?”

Als es klingelt gehen alle beschwingt in die Pause. Ausbildungsplatzsuche kann ja soooo einen Spaß machen. Sie fühlen sich schon so, als hätten sie mehrere Angebote, nur weil sie mal durch ein paar Prospekte geblättert haben. Eine Bewerbung hat noch keiner geschrieben.

Aber sie beschäftigen sich mit ihrer Zukunft und sie haben auch noch Spaß daran. Was will ich mehr. Für nächste Woche mache ich einen Termin beim BIZ und gehe mit denen, die wollen dorthin. Freiwillig, in unserer Freizeit. Tue ich eben so, als sei ich ihre Eltern.

Einfach mal so oder auch anders


Jetzt mal wieder etwas positiver in die Zukunft schauen. Morgen komme ich bestimmt in die Schule und alle meine Schüler erzählen mir freudig, dass sie sich am Wochenende auf mehrere Ausbildungsplätze beworben haben. Und wenn nicht, dann ist das ja auch nicht so schlimm, denn irgendwo müssen diese ganzen Millionen von Arbeitslosen ja herkommen.

Stellen wir uns mal vor, wir hätten gerade Vollbeschäftigung und meine Schüler würden sich nicht bewerben… Die Ausbilder würden zu uns auf den Hof kommen und mit Geschenken um unsere Schüler buhlen. Keiner müsste eine Bewerbung schreiben, man bekäme den Ausbildungsvertrag gleich dort auf dem Hof in der großen Pause. Wie stünde ich denn dann da?

“Sehen Sie Frau Freitag, das stimmt alles nicht, was Sie immer sagen. Gucken Sie, ich habe gleich zwei Plätze als Mechatroniker bekommen und sogar Mehmet hat ein Angebot von Lufthansa, er kann da Pilot werden oder Stewardess.” Schlimm wäre das. Unglaubwürdig würde ich wirken. Die Schüler würden mir gar nichts mehr glauben. “Pah, think soll ein unregelmäßiges Verb sein? Wahrscheinlich lügt sie wieder.” Nein, nein, also Vollbeschäftigung – ohne mich.

Ich freue mich sehr auf diese Woche. Denn meine Klasse hat mal wieder die Chance mich zu verblüffen. Am Freitag sollen sie ihre Anmeldungen für ihre Realschulprüfung abgeben. Wenn sie das bis Freitag nicht machen, können sie nicht an den Prüfungen teilnehmen und vor allem können sie dann nicht das zehnte Schuljahr wiederholen. Bis Freitag heißt bis Freitag! Ich werde nur den eigenen Tod als Entschuldigung gelten lassen, obwohl, da könnten ja auch die Eltern die Anmeldung vorbeibringen.

Das Wiederholen der letzten Klasse ist bei uns schwer in Mode gekommen, da es so bequem ist. Man muss sich um nichts kümmern und darf noch ein Jahr kuschelig in der Schule sitzen und Kindergeld gibt es auch noch weitere 12 Monate. Okay, wenn die Lehrer zustimmen darf auch jemand, der nicht durch die Prüfung gefallen, oder an ihr gar nicht teilgenommen hat, das Jahr wiederholen. Aber das muss abgestimmt werden und ich werde bei keinem meiner Schüler dafür stimmen.

Am Freitag werde ich sehen, ob meiner Klasse ein qualifizierter Schulabschluss genauso wichtig ist, wie der Besuch des Heideparks. Eigentlich sollte man doch meinen, dass bessere Berufschancen einen Dreifachlooping und eine Holzachterbahn schlagen würden, aber ich bin mir da leider gar nicht so sicher.

Ende des letzten Schuljahres – ich erinnere mich, als sei das gestern gewesen, haben meine Schüler mich ja echt überrascht, als sie von einem Tag auf den anderen 40 Euro für unseren Heideparkausflug und einen unterschriebenen Elternbrief mitbrachten.

Ich hab’s, wir machen die Realschulprüfung im Heidepark! Zwischen den schriftlichen Arbeiten ist jeweils eine Stunde Zeit, mit der Achterbahn zu fahren und vor der Mündlichen entspannen sich die lieben Kleinen bei einer Runde Scream. Wenn das nicht schülerrelevanter Lebensweltbezug ist, dann weiss ich auch nicht mehr.

Heiteres Berufe raten

„Was ist eine typenfreie Autowerkstatt?“ fragt die Berufsberaterin Abdul.

„Äh, hmm… weiß ich nicht.“

Marcella meldet sich wie wild: „Ich weiß, ich weiß, ich glaube das ist eine Autowerkstatt wo auch Frauen hinkönnen.“

Na, das wäre dann eine wo nur Frauen arbeiten und nur Frauen rein dürfen, denke ich – Typen-frei halt.

Das heitere Raten wird von Bilal aufgelöst, der uns erklärt, dass es sich hier um Automarken unspezifische Reperaturwerkstätten handelt, im Gegensatz zu Vertragswerkstätten.

„Und du Peter willst also Maler- und Lackierer werden. Dann sag’ mir doch mal was zu Farben!“

„Es gibt verschiedene.“

„Ja, das stimmt.“ sagt die Berufsspezialistin und grinst mich an. „Welche denn, also werde mal etwas genauer.“

Peter guckt sich im Raum um: „Also zum Beispiel rot.“ Irgendwann stammelt er dann noch was von Hauptfarben. Ich werde morgen auf jeden Fall die Grund- und Sekundärfarben wiederholen.

Dann kommt das für meine Schüler typische endlos-im-Kreis-Gefrage. Wir klären gerade, ob man beim Bewerbungsgespräch etwas Getränke annehmen sollte, wenn sie einem angeboten werden.

„Ja, das könnt ihr ruhig machen. Wie ist es mit einer Zigarette?“

Die Wiederholer melden sich sofort alle, denn sie haben sich gemerkt, dass man das nicht tun sollte. Dann aber Bilal: „Aber wenn der Chef selbst raucht?“

Die Frau: „Nein, auch dann nicht.“

„Aber wenn man selbst auch Raucher ist?“

„Nein, auch dann nicht.“

„Aber wenn man doch gerne eine rauchen möchte?“

Plötzlich reicht es mir: „Bilal! NEIN, NEIN, NEIN! Was ist daran so schwer zu verstehen. Möchtest du in dem Moment einen Job bekommen, oder ist dir das Rauchen wichtiger?“

„Aber mein Freund hat in einem Gespräch eine Zigarette angeboten bekommen und geraucht und er hat den Job trotzdem bekommen.“

Die Macht des letzten Wortes. Ich gebe auf. Bei den anderen ist das NEIN NICHT BEIM BEWERBUNGSGESPRÄCH RAUCHEN angekommen und Bilal wird wenigstens an mich denken, wenn er die Zigarette anzündet und am Ende ohne Ausbildungsplatz dasteht.

Ein Programmtipp

Also, ich kann jedem nur empfehlen sich diese “Restauranttester Rach probiert sich als Ausbilder ausbildungsresistenter Dauerarbeitsloser” anzusehen. Das kommt immer montags auf dem Bildungs- und jetzt auch Ausbildungssender RTL2. Ich habe mich wirklich köstlich amüsiert. Das steht dieser Rach, der immer sehr gestresst und schlecht ernährt ausssieht und versucht nun den Menschen EINE LETZTE CHANCE zu geben, die die Gesellschaft und die Welt und sogar Gott schon aufgegeben haben. Aber ER, ER gibt ihnen jetzt die ALLLERALLLERALLLERLETZTE Chance! Das wiederholt er ungefähr alle zwei Minuten. Er würde ja nicht auf die Zeugnisse und Lebensläufe gucken, sondern nur auf den MENSCHEN. Aber dann: “So, jetzt erstmal ein Einstellungstest.” Warenkunde – ach so, die sollen zu Kochs und Servicekräften im Gastrobereich ausgebildet werden – ja also Warenkunde – oh Überraschung, sie kennen ja gar keine Fische, dann Wissenswertes aus der Erdkunde – Wo liegt Frankfurt am Main – Antwortmöglichkeiten: Rhein, Donau, Elbe – richtige Antwort aber: Main. Ich: Ähhhh???? Und dann der Hammer des – ich-gucke-ja-nicht-auf die Schulleistungen-Typis – ein DIKTAT. Und – oh Überraschung – die ganzen Losertypen dort haben doch echt Schwierigkeiten mit der Rechtschreibung.

Ach es war herrlich. Die hatten keine Ahnung, kein Benehmen und noch nicht mal angemessenes Bewerbungsklamotten an. Und das Beste an der ganzen Sendung war: Ich habe nicht einen von denen unterrichtet. Die sind ganz ohne mich so geworden. Denen habe ich nicht jahrelang vorgebetet, dass man nicht zu spät zum Bewerbungsgespräch kommen darf und, dass es wichtig ist, wie man sich da anzieht – die haben das auch ohne mich NICHT gelernt. Ich liebe diese Sendung. Herr Rach ich bin Fan! Sie werden mit denen noch viel Spaß haben. Aber SIE werden das am Ende auf jeden Fall hinbekommen, denn SIE und RTL2 haben es einfach viel besser drauf, als wir alle zusammen!

Kreuze an ja/nein

So. Die Aufregung mit der einschmuggelten Werbung hat sich wieder gelegt. Jetzt wieder zurück zum Ernst des Lebens. Die Arbeit! wenn ich mir die Einträge in meinem Blog so ansehe, könnte man denken, ich habe gar kein Privatleben. Und BINGO! So ist es auch: Kein Privatleben. Brauche ich auch nicht. Ich bin doch Lehrerin. Ich will gar kein Privatleben. Lehrerinsein ist eine Allroundtätigkeit. So wie Königin. Die ist ja auch immer Königin. Das sollte man schon wissen, wenn man sich für diesen Beruf entscheidet.

Für alle unentschlossenen jungen Menschen, die noch nicht wissen, was sie werden möchten und für alle Studierenden, die noch überlegen, ob sie den Lehramtspfad einschlagen sollen, werde ich hier ein paar nützliche Entscheidunghilfen auflisten. Fragt euch einfach mal folgende Fragen:

1. Will ich auf ein Privatleben verzichten?

2. Reichen mir 68 Urlaubstage im Jahr?

3. Kann ich meine Ferienplanung frühzeitig vornehmen, oder bin ich ein Auf-den-letzten-Drücker-Bucher?

4. Möchte ich meine Dienstreisen selbst bezahlen und mir die Nächte mit besoffenen, kotzenden Jugendlichen und der Polizei um die Ohren schlagen? (Schüler wollen von Natur aus immer nach Italien, da kommt noch eine ziemlich lange Busreise dazu!)

5. Kann ich es verkraften, wenn ein Haufen Jugendlicher meine mit Liebe vorbereiteten Unterrichtsinhalte erst boykottieren und dann als langweilige Scheiße bezeichnen?

6. Möchte ich Elterngespräche führen, bei denen die Eltern immer nur nicken und zu jedem Vorschlag wimmern: “Du sagen!”

7. Reichen dir 5000 Euro netto jeden Monat? Ich spüre leichte Empörung? Was denn, was denn? Man kann doch auch Schulleiterin werden…

8. Möchtest du jede Nacht von den nichtgemachten Hausaufgaben träumen?

9. Möchtest du dein Leben lang Zur Schule gehen ohne jemals einen Abschluss zu erhalten und dieses schöne Freihheitsgefühl zu spüren?

10. Bist du ein Action und Abenteurtyp? Magst du Gewalt und Polizeieinsatz? Fühlst du dich in Konfliktsituationen wohl?

11. Interessierst du dich besonders für Streitereien zwischen 14 jährigen Busenfreundinnen? Und wie steht es mit Counterstrike, World of Warcraft, MsN und Jappy (oder wie das heißt)?

Solltest du mehr als zwei dieser Fragen mit nein beatwortet haben, bist du leider nicht geeignet diesen herrlichen Beruf aufzuüben. Solltest du allerdings schon Lehrerin oder Lehrer sein und trotzdem die ein oder andere Frage mit nein beantworten, dann bleibt ja nur Burn-Out und die frühzeitige Versetzung in den Ruhestand. Sorry. Und ich möchte von niemanden hören, ich habe das ja alles nicht gewußt…mir hat die Schule als Schüler immer so viel Spaß gemacht…ich dachte ich hätte nachmittags frei… ich dachte die Jugendlichen wollen was lernen… ich hatte mir das alles soooo schön vorgestellt… Nix da!!! Ihr wußtet genau worauf ihr euch eingelassen habt. Genauso wie ihr das mit den Ferien wusstet.

Die Arbeit des Lehrers ist die Menschheit von morgen!

Lehrersein ist kein Beruf, sondern eine Berufung. Fragt sich dann nur, ob Berufene Beamte sein sollten und eine Bezahlung brauchen. Berufung hört sich für mich eher nach religiöser Motivation inklusive göttlicher Offenbarung an. Und ganz recht, auch mir widerfuhr der Ruf.

Das war noch an der Uni. Ich sitze in einem langweiligen Didaktikseminar und warte auf die Anwesenheitsliste. Ohne sich eingetragen zu haben, kann man sich nicht aus dem Raum schleichen. Sonst bekommt man den Schein nicht. Ich starre also seit 30 Minuten an die Wand hinter der Dozentin. Und plötzlich sehe ich über ihrem Kopf ein helles Licht. Es wirkt wie ein Scheinwerfer, der angeht. Verwirrt gucke ich meine Kommilitonen an. Sie scheinen nichts zu sehen, denn sie hängen noch genauso apathisch über ihren Tischen wie zuvor. Und dann erscheint in dem Licht ein alter Mann mit Bart und sieht mich direkt an. Meint der mich? Und dann fängt er an zu sprechen:

“Ja, Frau Freitag, ganz recht. Ich meine Sie. Wachen sie auf! Ich möchte Ihnen etwas zeigen.” Er macht eine einladende Handbewegung und plötzlich ist da ein ziemlich kitschiges Wohnzimmer. Festlich geschmückt und viele Leute, die sich sehr schick angezogen haben. Auf dem fetten Ledersofa sitzt ein kleiner Junge in einer Art Karnevalsuniform. Wie so ein Spielmannszugführer. Mit einem Hut. An dem Hut sind Glitzersteine und eine Feder angebracht. Vor ihm liegen Geschenke auf dem gekachelten Sofatisch. Alle sehen ihn an. Der Junge weint. Jetzt kommt wieder die Stimme:

“Frau Freitag, schauen Sie, das ist Familie El-Habibi und dieser Junge (jetzt Großaufnahme des Kleinen) das ist der kleine Abdul. Das ist heute ein ganz besonderer Tag für ihn. Das ist seine Bar Mitz…äh nein, Moment, das hier ist sein Beschneidungsfest.”

Ich denke: “Beschneidung? Fimose wird gefeiert?” Was soll das alles?!

“Und was hat das mit mir zu tun?” frage ich laut und sehe mich sofort erschrocken um. Aber niemand scheint etwas gehört zu haben. Wahrscheinlich befinde ich mich zeitweise in einer Art Paralleluniversum. “Ich kenne doch diese Falilie El-Habib gar nicht.”

“El- Habibi. Nein Frau Freitag, Sie kennen Sie nicht. NOCH nicht! Aber glauben Sie mir. Sie werden im Leben von diesem kleinen Jungen eine große Rolle spielen. Eine sehr große.” “Wie das denn?” frage ich und denke: Hör mal auf zu fantan – damals ein beliebter Slangausdruck. “Sie werden den kleinen Abdul auf der dem steinigen Weg vom Kind zum Mann begleiten. Ihn begleiten und führen durch die paradoxen Wirren der Jugend. Ihm Normen und Werte und nicht zuletzt das Grundgesetz vermitteln. Es wird nicht leicht, aber sie werden es schaffen. Sie werden ein winziges Korn pflanzen und an der Hege und Pflege beteiligt sein, damit in diesem Jungen etwas wächst, etwas Gutes. Sie werden ihm sein wie eine zweite Mutter….”

“Moment” unterbreche ich. “Jetzt mal nicht so schnell. Was soll ich denn machen? Soll ich den etwa heiraten? Ich will das nicht, der ist doch viel zu jung, und ich will auch nicht in diese Familie reingeraten. Das Wohnzimmer sieht ja schrecklich aus. Dieser Kitsch überall, diese Gardinen und was ist das da an der Wand, ein Wasserfall, das ist doch nur ein Bild, aber da bewegt sich doch was….”

“Meine liebe Frau Freitag, Sie sollen diesen Jungen doch nicht heiraten…Sie werdem ihn eine Lehrerin sein! Seine Lehrerin!” Lehrerin, Lehrerin….ach ja, ich bin ja für Lehramt eingeschrieben. Aber ich will doch nicht Lehrerin werden. Das habe ich doch nur gemacht, weil man bei Freie Kunst sowieso nicht reinkommt. Ich werde doch eine berühmte Müllkünstlerin. Mein Motto wird ‘Recycle von München bis Wanne-Eikel’

Ich lehne mich entspannt zurück: “Tja, sorry, da wird wohl nichts draus, denn Ich werde KÜNSTLERIN!”

“Künstlerin, Künstlerin…pah!” die Stimme wird jetzt etwas ungehaltener “Brotloser Quatsch! Frau Freitag, ich sage Ihnen das nur einmal: Sie werden Lehrerin! DAS ist hiermit Ihre Berufung und jetzt passen Sie gefälligst besser auf in Ihrem Seminar, denn sonst müssen Sie diesen Schein nochmal machen.” Und plötzlich war das Licht wieder aus und ich verwirrt. Lehrerin. Ich? Darüber hatte ich noch gar nicht nachgedacht. Und wie dieser kleine Junge geweint hat. Süß war der. Vielleicht wäre ich ja eine gute Lehrerin. Vielleicht ist ja Lehrerin voll leicht. Wenn solche Kinder meine Schüler wären, solche süßen kleinen Griechen, Italiener oder Jugoslaven, das wird doch ein Kinderspiel und als Lehrerin verdient man doch auch einen Haufen Geld…

Von da an war mein Werdegang zementiert. Als die Dozentin Referatsthemen verteilte war ich die erste, die sich meldete.