Die zweite Fahrstunde

Kuplung treten, Kuplung kommen lassen, Schleifpunkt abwarten, anfahren, bremsbereit sein. Erster Gang, zweiter, Gang, dritter Gang, Gas geben, bremsen. Wo ist das Problem? Das Problem sitzt neben mir und erklärt mir eine Viertel Stunde lang, wie die Kuplung aufgebaut ist, warum sie funktioniert, wie sie funktioniert. Schaubilder, Zeichnungen, Beschriftungen. Ich bin schon längst geistig ausgestiegen.
Willkommen am Bord der Boing 737. Bevor wir starten können, wird Ihnen der Captain erklären, warum ein Flugzeug überhaupt fliegen kann.
Ja, ja, ist wichtig. Aber ich verstehe so viele Sachen nicht und benutze sie trotzdem. Computer, Alter. Alles nur mit 0 und 1???? Hähhhhh???? Fernseher. Geh mal nahe ran. Cyan, Magenta und Yellow, das verstehe ich ja noch. Aditive Farbmischung. Aber sonst?
Ich halte das Kuplungsgelaber aus. Stoisch. Kostet mich wahrscheinlich 12 Euro. Ab und zu schiele ich auf die Uhr. Ich möchte rauchen, aussteigen, meine Beine strecken oder endlich fahren! Und dann fahren wir und ich muss sagen, dass ich das gut gemacht habe. Nicht einmal den Motor abgewürgt. Oder passiert das bei den modernen Autos heute gar nicht mehr? Das mit dem Fahren klappt gut. Nur was nervt, sind die ganzen Autos überall. Vor allem die parkenden stressen mich, weil ich ständig denke, dass ich an denen langschleife. Aber die fahrenden Wagen sind auch nicht besser. Kommen mir entgegen, fahren direkt vor mir von einer Seite zur anderen, halten in der zweiten Reihe. Ungemütlich. Von den Fahrradfahrern und den Zufußgehenden mal ganz zu schweigen. Gewöhnt man sich daran? Das müßt ihr jetzt nicht beantworten – natürlich gewöhnt man sich daran. Auch ich werde mich daran gewöhnen. Und später über meine Gedanken hier lachen. Autofahren ohne andere Verkehrsteilnehmer, pahhh, voll langweilig. Über wen sollte man sich denn dann aufregen? Und aufregen muss man sich doch. Das gehört ja irgendwie dazu.
Zum Abschied sagte mir Harald, dass die älteste Fahrschülerin über 60 gewesen ist und auch über ein Jahr gebraucht hätte. „Aber jetzt hat sie ihren Führerschein. Und fährt auch.“

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Season für die Liebe – Teil 1

Ich weiss, ihr wollt doch wissen, wie es mit Sarah weitergeht. Hier:

„Sarah Whitmann sah noch immer super aus war noch immer eine attraktive Frau, obwohl sie nach der Geburt ihrer beiden Kinder Esra und Jeremy und der Renovierung ihres stattlichen Landsitzes eigentlich ….“

… müde war. Sarah Whitmann sah den Möbelwagen vorbeifahren. Nun war also endlich ein Mieter für das verfallene Landschloss, das Lady Hampton solange Jahre ein zu Hause gewesen war, gefunden worden. Obwohl das Schloss einige Kilometer weit entfernt lag, würden sie neue Nachbarn bekommen. Hoffentlich eine nette Familie, dachte Sarah. Denn, obwohl sie Keaton Place liebte, konnte es ziemlich einsam werden, vor allem, wenn Esra und Jeremy in der Schule waren.
Hoffentlich haben die neuen Besitzer von Schloss Fairbanks auch Kinder, denn auch wenn sich Esra und Jeremy sehr gut verstanden und stundenlang miteinander spielen konnten, neue Spielkameraden wären auch für sie eine willkommene Abwechslung.
Sarah wuchs in London auf. Sarah wollte eigentlich nie aus London wegziehen. Sie liebte den Trubel der Metropole. Dieses laute Treiben auf der Straße, die verregneten Nächte, wenn die Laternen ihr diffuses Licht in den Pfützen spiegeln ließen. Sie studierte Malerei an der renomierten University of London. Sarah genoss ihr Studentenleben in vollen Zügen. Sie ging gerne in die Museum, aber auch in die kleinen Kunstgalerien, abseits der Touristenrouten. Sie liebt London. Berauschte sich an seiner Vitalität, umarmte das unvergleichliche Nachtleben ihrer Stadt und erholte sich auf langen Sonntagsspaziergängen im Hydepark. Nie wäre sie auf die Idee gekommen, wegzuziehen. Bis sie Richard traf.
Rich war zum Studium nach London gezogen und vermisste die Natur. Rich hasste die Stadt. Aber er liebte Sarah und die Heirat lies nicht auf sich warten. In den ersten Monaten ihrer Ehe wohnten sie in Sarahs kleiner Stundentenwohnung. Zunächst schien ihr Glück vollkommen. Doch dann wurde Richard immer stiller und melancholischer. Der Verkehr vor ihrem Fenster, der Lärm und der Schmutz auf den Straßen, hing wie eine schwarze Wolke über seinem Gemüt. Er wurde krank. Die Stadt machte ihn krank. Und so sehr Sarah London liebte – Rich liebte sie noch mehr und deshalb war es auch nur ein kleiner Schritt, sich zu entscheiden nach Darkmore zu ziehen, als seine Eltern starben und Rich den Landsitz erbte.
Richard war der einzige Sohn der Whitmanns und so war schnell klar, dass es für ihn unvorstellbar gewesen wäre sein Keaton Place zu verkaufen. Also zogen sie im Frühling vor Esras Geburt nach Darkmore. Sarah verbrachte viel Zeit damit das verwohnte Haus in ein wohliges Nest für ihre Familie zu verwandeln. In der Woche ihrer Niederkunft, bemalte sie noch Möbel mit herrlichen mediterranen Mustern und pflanzte Wildrosensträucher in verschiedenen Farben hinterm Haus. Mit Richard und Esra war Sarah glücklich. Sie vermisste die Stadt überhaupt nicht mehr und gab sich mit aller Energie ihren Aufgaben und Pflichten als Ehefrau und Mutter hin. Als dann Jeremy zur Welt kam, war ihr kleines Glück perfekt.
Die ersten Jahre vergingen wie im Flug. Doch als die Kinder und Rich morgens das Haus verließen und sie alleine zurückblieb fühlte sie sich mit der Zeit immer einsamer. Es fiel ihr immer schwerer morgens das Bett zu verlassen. Wenn sie die Schulbrote für die Kinder gemacht hatte und sie mit einer innigen Umarmung an der Tür verabschiedet hatte, legte sie sich meistens wieder hin. Doch heute würde sie von vorbeifahrenden Autos geweckt und als sie aus dem Fenster sah rollte gerade der Möbelwagen in Richtung Keaton Place und sie wußte dieser Tag würde ihr Leben verändern. Dieser Tag würde Sarahs Leben für immer verändern. Aber das wußte sie in diesem Moment noch nicht.

Wenn der Lehrer zum Schüler wird

Ich sag nichts. Ich setze mich einfach nur hin und höre zu. Vielleicht schreibe ich ein bisschen mit, aber sagen werde ich nichts. Gar nichts. Es gibt immer Leute die gar nichts sagen. Die kommen rein, setzen sich hin, sind dabei und am Ende gehen sie wieder und haben gar nichts gesagt. Nicht ein Wort. Ich will auch so sein.

Mit dem festen Vorsatz mich diesemal absolut zurückzuhalten begebe ich mich in meine erste Theoriestunde. Ich nicke den Anwesenden Peoples zur Begrüßung zu. Ich werde nicht mal ’Guten Abend’ oder ‚Hallo’, sagen. Von mir hören sie nichts!            Ich werde einer von diesen Stummen undurchschaubaren Leuten sein. Mit neutralem Gesichtsausdruck. Wo man nicht weiß – findet der das jetzt gut oder schlecht. Undurchschaubar, weil stumm und emotionslos. Emotionslos… manchmal wären weniger Emotionen ganz gut. Ich finde diese Emotionen oft ganz schön anstrengend. Wie gut, dass ich mich jetzt gleich in undurchschaubarer Emotionslosigkeit üben kann.

Es fängt an. Wir sehen einen Film. Ein Film über Autos. Der Film ist länger als nötig. Ich beginne mich zu langweilen. Ist kein Actionfilm und lustig ist er auch nicht. Ich gucke mich in dem Fahrschulraum um. Der Raum ist anregungsarm und auch die Hinterköpfe der anderen Fahrschüler können meine Langeweile nicht vertreiben.

Dann kommt der Fahrlehrer. Er sitzt vor uns und erzählt uns etwas über Alkohol, Drogen, Handys, Vollkasko, Teilkasko, Insassenversicherungen, Schutzbriefe und dann fragt er, was man tut, wenn man zu müde wird beim Fahren.

Ich sag nichts! Ich werde nichts sagen. Er fragt noch mal. Niemand meldet sich. Ich werde mich weder melden, noch was sagen. Und dann höre ich plötzlich: „Na auf keinen Fall Kaffee trinken.“ Es ist einfach so aus mir herausgeplatzt. Ich wollte das gar nicht sagen. Ich wollte doch unauffällig meine Zeit absitzen.

Der Fahrlehrer grinst. Ich meine – Kaffee, ist doch klar. Jeder trinkt Kaffee, wenn er müde ist, aber hier wird Kaffee nicht akzeptiert. Und dann nickt der Fahrlehrer und wir erhalten einen kurzen Vortrag, darüber, dass Kaffee eben nicht wach macht. So ein Quatsch. Kaffee macht wach. Aber Kaffee ist böse. Tee auch und Energy Drinks ebenfalls. Von Zigaretten wollen wir gar nicht erst anfangen.

Und ab da konnte ich mich nicht mehr zurückhalten. Jeden Satz mußte ich kommentieren. Überall meine schlechten Witze beisteuern. Ich kann nicht anders. Wenn ich was höre, dann sucht mein Hirn einen passenden Witz zu dem Satz und auch wenn ich das nicht will, sage ich den dann. Das ist wie kotzen. Man denkt noch so: Nein, nein und schon ist es passiert.

Die erste Theoriestunde und Oma ist schon jetzt der Klassenclown. Na toll. Um meinen Witzemachdrang ein bisschen zu kontrollieren habe ich angefangen mitzuschreiben. Das ging dann. Aber nur kurz. Die Pausen waren ganz schlimm. Ich werde mich nächstes Mal einfach nicht zu den anderen stellen. Die können sich bestimmt auch ohne mich unterhalten.

Ich war total der Schüler. Mit all seinen negativen Eigenschaften. Unkonzentriert, habe ständig auf mein Handy geguckt, mich nicht gemeldet, wenn ich was sagen wollte, mit meinem Nachbarn geflüstert und ich bin sicher, das nächste Mal bekritzele ich die Tische. Oh Gott.

Der Plan

Im Sommer hatte ich mir überlegt, dass ich gerne Romance Novels schreiben möchte. Im Urlaub habe ich einen Danielle Steel Roman gelesen und hatte richtig Spaß daran.
„Findest du nie wieder diese Bücher, weil die so ein Trash sind, schmeißt die jeder immer gleich weg“, sagte mein Freund. Aber das stimmt nicht. Gleich am nächsten Tag fand ich einen weiteren Roman von ihr. Für nur 25Cent. Und das Komische ist, dass der erste und der zweite Roman sich total ähnlich waren. Jedes Mal ging es um eine Frau, die mit einem erfolgreichen Mann verheiratet ist und sie hat zwei Kinder. Immer einen kleinen Jungen und eine ältere Tochter und dann hat sie noch ein kreatives Talent, das sie allerdings nicht ausleben kann, weil sie ja die Kinder aufziehen und sie immer rumfahren muss. Und dann läuft es mit ihrem Mann nicht mehr so gut und irgendwas Krasses passiert und dann kommt ein Witwer, der voll nett ist und der schafft es irgendwie, sie wieder dazu zu bringen ihre Kreativität auszuleben. Beim ersten Buch war es Malen und beim zweiten Fotografieren. Ich dachte – das kann ich doch auch. Ich weiß zwar nicht, wie das ist in einem Vorort zwei Kinder aufzuziehen, aber das kann ich mir ja dann bei Danielle Steel abgucken. Ich war begeistert von meinem Plan solche Bücher zu schreiben und dachte schon über ein schönes Pseudonym nach. Irgendwas mit Gold, oder so.

Aber jeder dem ich davon erzählte verzog nur die Mundwinkel. „Warte, warte, guck mal, was bei ihr hinten draufsteht… 650 mil. sold copys! Stell dir doch mal vor 650 Millionen verkaufte Bücher! Davon kaufe ich ein Haus mit weißen Säulen!“ Nix zu machen. Ich stehe immer noch ganz alleine da mit meiner tollen Idee. Aber die werden schon noch sehen, wie super das wird. In dem Haus mit den Säulen richte ich dann ein Altersheim ein, wo alle meine Freunde, die keine Kinder haben, wohnen können. Und dann werden sie froh sein, dass ich jahreslang diese Liebesromane geschrieben habe, weil sie sonst alle in so einem ganz schlimmen staatlichen Altersheim hätten wohnen müssen. Auch du, Frau Dienstag. Ist ja auch nicht gesagt, dass die Freunde von mir, die Kinder haben dann später bei denen wohnen. Ich glaube das geht nur, wenn man seine eigenen Eltern auch bei sich wohnen läßt. Das steht doch in diesem Generationenvertrag. Kein Recht auf Aufnahmen, wenn man selbst nicht…
Ich finde das ist ein ganz hervorragender Plan. Danielle ist mein großes Vorbild. Ich glaube ich fange gleich an zu schreiben.

„Sarah Whitmann sah noch immer super aus war noch immer eine attraktive Frau, obwohl sie nach der Geburt ihrer beiden Kinder Esra und Jeremy und der Renovierung ihres stattlichen Landsitzes eigentlich….“

Die erste Fahrstunde

15 Jahre Lehrerin und plötzlich bin ich Schülerin. „Wir nähern uns immer von vorne der Fahrertür. Warum? Damit man den vorbeifahrenden Verkehr im Auge hat.“ Fahrlehrer Harald fragt gerne Sachen, die er sich dann selbst beantwortet. Bis wir im Auto sitzen, grinse und nicke ich eigentlich nur immer wieder und sage: „Aha.“, und „Ach so.“
„Hast du schon mal darüber nachgedacht den Führerschein nur für Automatik zu machen?“ fragt er gleich, nachdem ich mich vorgestellt habe. „Nee, will ich nicht.“
„Naja, schalten ist nicht zu unterschätzen.“, sagt er, obwohl ich das Schalten gar nicht unterschätzt habe. Wie käme ich denn dazu? Aber ich will nicht nur Automatik. Hast du dir schonmal überlegt nur den Hauptschulabschluss zu machen? Haben Sie sich mal überlegt nur eine halbe Packung Zigaretten zu kaufen? Nee, ich will das ganz Normale. Ich will das, was alle haben. Ich will schalten.
Aber bevor ich auch nur irgendetwas im Auto anfassen darf, wird mir jeder eingebaute Pups in dem Fahrzeug erklärt. Ich darf die Spiegel einstellen. Ich soll nicht auf den Rückspiegel fassen. „Der Blinker.“ Erklär, erklär, ich darf den Blinker anmachen. Links blinken, rechts blinken, links blinken, rechts blinken. Ich warte auf ein mich austricksendes links, links, aber das kommt nicht. „Das ist das Radio. So geht das aus, und an und die Sender…“ Ich habe schonmal ein Radio gesehen. Sogar schonmal bedient. Soar schon ein Autoradion bedient. Harald nimmt es mit der Einführung sehr genau. Wir sitzen eine Stunde nebeneinandere und er erklärt mir wie Mercedes irgendwas gebaut hat und im Gegegensatz zu Opel sei es bei VW ja immer so oder so und hier ist die Heizung und da geht der Sitz nach vorne und nach hinten und nach unten und nach oben.
Okay, ich weiß, dass Harald das machen muss. Er muss mir alles erklären. Aber auch wenn ich keinen Führerschein habe – ein Auto habe ich schonmal gesehen. Auch schon in einem gesessen und als er mir erklären will, wie ich mich anschnallen soll, da kann ich nicht anders und sage, dass ich mich schonmal angeschnallt habe, auch wenn der Stecker da auf der anderen Seite war. Anschnallen kann ich.
Und dann geht es los. Ich soll nur lenken. Wir gurken im Schritttempo durch die Gegend und ich lenke. Geradeaus und nach links und nach rechts und es geht eigentlich ganz gut. Ich schrabbe an kein parkendes Auto und fahre auch nicht in den uns entgegenkommenden Verkehr. Nach 10 Minuten sind wir fertig. Harald parkt den Wagen. Wir steigen aus und rauchen. Ich finde ich war okay, für das erste Mal. Er sagt nichts. Dann sagt er: „Naja, war ja gar nicht so schlecht. Mal sehen, wie du dich beim Schalten anstellst. Autofahren ist ja auch schwerer als in einen Laden zu gehen und ein Buch zu kaufen.“
Ich denke: Ja, stimmt. Buch kaufen ist nicht so schwer. Er hat recht. Autofahren ist bestimmt schwerer. Denkt er, dass ich denke, ein Buch kaufen und Autofahren sind gleichschwer? Denkt er, ich kaufe nur Bücher und mache sonst nichts? Er hatte mich gar nicht gefragt, was ich mache und wenn er gefragt hätte, dann hätte ich bestimmt nicht gesagt, dass ich den ganzen Tag Bücher kaufe.
Ich sage: „Stimmt. Autofahren ist bestimmt schwerer. Und alleine um die Welt segeln ist auch schwerer als Wasser kochen.“
Er denkt nach und nickt und sagt: „Aber einen Griesbrei essen ist auch schwerer als ein Haus zu bauen.“
Ich stimme ihm zu, wir verabschieden uns und ich denke: Dieser Fahrlehrer ist irgendwie komisch.

Hilfe

Erste Hilfe, zweite Hilfe, dritte Hilfe … Hiiiiilfe, ich weiß jetzt alles. Oh Gott, war das schrecklich. Wie habe ich gelitten, sechs Stunden in einem überhitztem Raum mit lauter jungen Menschen, die meine Kinder hätten sein können. Ach was sag ich, ich hätte die Oma von jedem sein können.
Ich war nicht nur mit Abstand die älteste Person im Raum, ich war auch noch die Uroma von denen, die mir die stabile Seitenlage beibringen sollten, die ich schon gelernt habe, als diese überdrehten Erste-Hilfe-Fuzzis noch gar nicht geboren waren. Ach was sag ich – als ihre Eltern noch nicht auf der Welt waren. Schrecklich.
Dabei war ich so motiviert aufgebrochen, ausgeruht mit einer extra Stunde Schlaf in den Knochen, den mir die Zeitumstellung geschenkt hatte und den ich gar nicht brauchte. In meinem Alter braucht man ganz andere Sachen als Schlaf. Wann hat das eigentlich aufgehört, dass ich immer die Jüngste bin. Wo sind denn die Älteren? Die müssten doch auch noch irgendwo sein. Die sind doch nicht alle tot. Um mein Selbstwertgefühl wieder aufzupeppen habe ich mich für eine Butterfahrt nach Rostock angemeldet. Wollen wir doch mal sehen, ob ich nicht die jüngste Käuferin einer Kamelhaardecke sein werde.
Frau Freitag, was hast du denn erwartet, von einem Erste-Hilfe-Kurs für einen Führerschein. Wer ist den so panne und macht in deinem Alter erst die Fahrerlaubnis?
Dieses Mädchen, dass an dem Whiteboard in jedem Wort einen Fehler macht (das versöhnte mich ein bisschen – ich bin also nicht die einzige mit einer Rechtschreibignoranz) – dieses Girl begrüßt uns freudestrahlend, als könne sie sich nichts Schöneres ausmalen als uns jetzt den Rettungsgriff und die Herz-Lungen-Wiederbelebenungsdingensda zu erklären.
„Wir können uns hier ja alle duzen, oder? Wir sind ja in der Freizeit hier.“ Nach Freizeit fühlt sich das ganz und gar nicht an. Der Stuhl ist unbequem und ich trage ein Namensschild. Diese jugendlichen Peoples lächeln die ganze Zeit und sprechen dich permanent mit deinem Vornamen an. Dafür die Namensschlider.
„Wir machen erstmal zur Auflockerung ein Kennlernspiel. Ich denke: Oha, was sage ich da? Ich sage auf keinen Fall Lehrerin und auch mein Alter werde ich verschweigen. Ich sage ich bin Fleischerin, Modedesignerin, Finanzbeamtin…
„…. Genau. Also sagt euren Namen und eure Hobbys und dann stellt ihr euch gegenseitig vor. Verstanden?“ Puhhh, okay, ohne Beruf und Alter. Glück gehabt.
Neben mir sitzt ein Junge mit Undercut. Er dreht sich schüchtern zu mir: „Dann machen wir also zusammen.“ Ich grinse ihn an und nicke. „Und Justin, hast du schon eine Fahrstunde gehabt?“
„Nee, erst morgen.“
Die gut gelaunte Kursleiterein stellt sich in die Mitte des Raumes: „Und? Fertig?“
„Ach so, was sind denn deine Hobbys, Justin?“
„Fußball und zeichnen. Und Ihre?“, fragt er. Und ‚IHRE’? Warum sietzt der mich jetzt? Ich dachte wir sind hier alle in der Freizeit und duzen uns so ganz locker. Na, egal, was sage ich denn jetzt? Oh Gott, Hobbys. The walking Dead? Ist das ein Hobby? Rauchen? Soll ich jetzt mit dem Rodeo kommen? Was, wenn die nachfragen?

„Äh, Lesen und verreisen.“
Hab ich das wirklich gesagt? Lesen und verreisen? Die lahmsten Hobbys, die man sich denken kann und sind wir doch mal ehrlich eigentlich rauche ich doch viel mehr als ich verreise und ich gucke auf jeden Fall viel mehr Serien als in irgendwelche Bücher. Aber jetzt ist zu spät. Da muss ich jetzt durch. Oma ist die, mit den langweiligen Hobbys. Ich bin sicher, dass die drei türkischen Brüder hinter mir nicht lesen sagen. Vielleicht müssen wir das gar nicht laut sagen, denke ich, aber da zeigt das Kursleitungsmädchen schon auf die beiden jungen Frauen, die ganz links sitzen.
„Ja, also, dass ist die Lena, sie ist 17 Jahre alt und ihre Hobbys sind Hip-Hop-Tanzen und Mangas.“
Was soll das mit dem Alter? Das stand gar nicht an der Tafel….
„Und das ist die Sina-Marie und sie ist auch 17 und ihre Hobbys sind Surfen und sich mit Freunden treffen.“
Mist, ich komme um das Alter nicht rum und beuge mich zu Justin, um ihm noch schnell mein Alter mitzuteilen.
Als sich alle vorgestellt haben ist klar, dass ich die alleraller älteste im Raum bin. Selbst der Typ hinten rechts mit der Glatze ist noch wesentlich jünger als ich. Während ich noch im Kopf ausrechne, ob ich nun dreimal oder viermal älter bin als Lena und Sina-Marie geht der Kurs auch schon los. Alles zum Helfen. Muss man helfen, wie hilft man, wer hilft, Strafgetzbuch, Studien, brennendes Haus, Verkehrsunfall und dann kommt irgendwann eine fünf Minuten Pause und ich denke: Das überlebe ich nicht. Nicht sechs Stunden. Ich kann jetzt schon nicht mehr zuhören. Ich brauche mehr Action. Mit dem Gedanken gehe ich nach zwei Zigaretten – wenigstens kann ich schneller rauchen, als diese Kinder hier – zurück in den Raum.
Und weil ich mich so langweile melde ich mich immer als erste, wenn ein Freiwilliger gesucht wird. Ich ziehe Karten, ich springe auf und zeichne Punke an das Whiteboard, wenn Fragen gestellt werden, schreie ich die Antworten, ohne mich zu melden, sofort in den Raum.
Ich bin das erste Opfer, an dem die stabile Seitenlage ausprobiert wird. Sobald die Matte ausgerollt wird und die Kursleiterin ansetzt: „jetzt bräuchten wir einen Freiwilligen….“ Schmeiße ich mich schon nach nach dem ‚jetzt’ auf den Boden und rolle mich in eine möglichst authentische Verletztenposition. Ich will hier nicht nur mitmachen – ich will auch alles besonders gut machen.

Ich presse der armen Little Anne mein ganzes Körpergwicht auf den Brustkorb, beatme sie, mit solch einer Hingabe, dass ich selbst etwas überrascht bin, dass sie nicht aufsteht und sich bei mir bedankt.
Ich bin voll dabei. Und jetzt mal ganz ehrlich – ich bin auch in allem voll gut. Mein Dreieckstuch ist definitiv besser, als das von Murat hinter mir. Und ich weiß auch immer die richtige Reihenfolge: ansehen, ansprechen, anfassen, nach Hilfe rufen…. Denis vergisst permanent die 112 zu wählen und Hassan und seine Brüdern sollen im Ernstfall auch nicht meine Ersthelfer sein.
Nach sechs Stunden bin ich nicht nur schlauer und total verschwitzt – Verkehrsopfer ohne Helm, Verunglückter mit Helm, Rettungsgriff an Murat und Sina-Marie demonstriert… nein, ich habe auch festgestellt, dass das überhaupt nicht stimmt, dass man mit über dreißig so Schwierigkeiten hat, etwas zu lernen. Ich war definitiv besser als die 17jährigen. Und ich schwöre, dass lag nicht daran, dass ich schon diverse einen Erste Hilfe Kurse besucht habe. Das hatte ich doch längst alles wieder vergessen. Das kann man sich doch gar nicht merken. Doch nicht in meinem Alter!

Einfach mal weghören

Okay, mit Volldampf voraus. Die ersten 5 Fahrstunden sind gebucht und schon bezahlt. Am Sonntag tue ich mir den Erste-Hilfe-Kurs an. Jetzt geht’s lo-os!

Auf dem Weg zur Fahrschule latsche ich so die Straße entlang und plötzlich höre ich drei junge Typen. Sie laufen hinter mir und weil sie sich so angeregt unterhalten machen sie auch keine Anstalten mich zu überholen. Unauffällig drehe ich mich um. Drei Vollbärtige Mitte-Jungs, die wahrscheinlich gerade Mittagspause haben von ihrem Start-Up Internet-streaming-irgendwas-mit-Medien-kack-scheiß-Computer-nerv Job. Sie unterhalten sich über Filme.
„Und diese Marsianer blah, blah, blah.“ Ich höre nicht zu. Irgendein Science Fiction Movie Quatsch, den ich sowieso nicht gesehen habe. Aber ich kann ja auch nicht nicht zuhören. Weghören geht ja irgendwie gar nicht. Wie soll man das machen. „Hör mal weg!“, hahaha, Witz, versuch das mal – weghören. Ich denke noch über ihre Jobs nach und warum sie immer noch diese Vollbärte tragen und ob sie die wirklich schön finden und ob sie die noch tragen werden, wenn sie Glatzen haben und plötzlich höre ich den einen sagen:
„Ich hab da neulich diesen einen Film gesehen. Mensch, wie hieß der?“
Ich warte. Welchen Film hat er wohl gehen? „Heiße Kartoffeln?“; „Pretty Woman?“
„Mist, mir fällt der Name nicht ein, aber das spielte auch im All. Und der war super. eigentlich waren das drei Filme in einem. Ich wollte den erst gar nicht sehen, dann habe ich ihn aber doch gesehen und ich war total überrascht, wie gut der dann war. weil diese drei Storys…also einmal ist es eine Vater-Tochter Geschichte und dann…“
Ich denke: Interstellar! Der Typ meint Interstellar. Den habe ich im Sommer mit dem Freund im Freiluftkino gesehen. Wir konnten uns erst gar nicht richtig auf den Film einlassen, weil vorher eine Vorschau von Mad Max vier lief und Mad Max vier lief am gleichen Tag in dem anderen Freiluftkino und irgendwie dachten wir, dass wir eigentlich viel lieber Mad Max vier gesehen hätten, als diesen Interstellar, von dem wir gar nichts wußten.
„…und man hat ihn fast gar nicht verstanden, weil sein Akzent…“
Er meint Interstellar! Klar mit Matthew McConaughey. Dass man ihn so schlecht verstanden hat, hat den Film auch nicht besser gemacht.
Und dann fängt der hinter mir an von dem Film zu schwärmen, wie nachhaltig beeindruckt er davon gewesen wäre, weil nicht nur die Vater-Tochter Beziehung so gut dargestellt wurde, nein, es gäbe ja noch die ganze Globalisierungskritik und dann die Story da auf dem anderen Planeten, auf dem die Zeit anderes läuft und da ging es ja eigentlich um Loyalität und Freundschaft und überhaupt handelte der Film ja zum größten Teil von Nachhaltigkeit. Ja. Ja, 100% vergan.
Er schwärmt und schwärmt und zwischendurch fragt er sich immer wieder: „Mensch, wenn mir der Titel einfallen würde… ihr müsst den unbedingt auch gucken, wirklich….“
Ich fand den Film sooo lächerlich. Da fliegt der Typ mit dem schwer zu verstehenden Akzent durch das Weltraum und macht hier mal dies und dort mal das und seine Tochter läßt er auf der Erde, aber nur, um in die Vergangenheit zurückzureisen und sich da im Weltraum die Hinterseite des Bücherregals ihres Kinderzimmers zu konstruieren (ihr wißt schon: Raum-Zeit Continuum) und ihre Bücher aus dem Regal zu schubsen und das entziffert sie dann später und rettet die Welt, aber sie rettet die eigentlich gar nicht, sondern baut eine Zusammenklappbare Truman-Show-Welt wo alle happy sind und irgendwann kommt er, also der Vater, wieder zurück und er ist halb so alt wie sie und sie sehen sich für zwei Minuten und dann sagt sie, er soll mal gehen, weil sie lieber ihre eigene Familie um sich haben will und dann bricht er auf in Mission Liebe.
„Wirklich ein suuuper Streifen. Man kann da soviel von lernen, Globalisierung und jetzt in Zeiten von TTIP und… wie heißt der nur…“
„INTERSTELLAR du Flachpfeife. Der Film heißt INTERSTELLAR und war total Scheiße!!!“ Ich kann nicht anders. Die drei Vollbärtigen starren mich an. Ich drehe mich schnell wieder um. Ich wollte das gar nicht. Aber irgendetwas in meinem Inneren konnte es nicht mehr ertragen, dass ihm der Titel nicht einfiel.

Als ich weitergehe höre ich wie der sagt: „Ja, genau. Inter-Stella. Und er spricht es aus wie Stella, der Name Stella, wie bei Marlon Brando und Blanche Dubois. Stelllllaaaa!!! Oh Mann, hoffentlich arbeiten diese Typen nicht in einem Bereich, der für unser aller Wohl wichtig ist. Bitte lieber Gott, lass sie nur an Webseiten rumbasteln.