Wer die Hosen an hat

Draußen ist voll kalt. Ich war extra heute Vormittag draußen, damit ich jetzt drinnen bleiben kann. Ganz ohne raus am Wochenende geht ja auch nicht. Also geht schon – macht man aber nicht.
Am Wochenende muss man also raus. Stellt sich die Frage – wohin. Am besten irgendwas erledigen. Das erhöht dann noch das gute Gefühl, wenn man wieder zu Hause ist: Ahh, gut! Habe ich das auch erledigt!
Allerdings – was hat man am Samstag zu erledigen? Lebensmittel einkaufen mache ich ja nicht. Aber kaufen klingt gut.

Ich habe momentan zwei identische Jeans, die ich im Wechsel anziehe. Jeden Morgen denke ich: Na toll, die Schüler denken bestimmt, dass ich nur eine einzige Hose habe. Dabei sind das zwei. Aber ich kann ihnen ja schlecht sagen, dass ich gestern eine andere Hose anhatte, als heute. Ich besitze natürlich wesentlich mehr Hosen, aber die traue ich mich momentan gar nicht anzuziehen. Neulich sagte ich zu einer Freundin: Wenn du kein Nein als Antwort akzeptieren kannst, dann frag lieber erst gar nicht. Und so ist das mit meinen Hosen auch. Ich könnte es nicht ertragen, zu merken, dass die mir jetzt im Winter alle nicht mehr passen, also bleiben sie schön auf dem Hosenstapel liegen. Die zwei Jeans, die ich immer anziehe wachsen irgendwie mit mir mit. Ich werde dicker, sie werden weiter. Klassiche Win-win-Situation.
Gehe ich mir doch Hosen kaufen, dachte ich mir heute morgen. Gesagt getan. Danach mit Frl. Krise und Frau Dienstag zur Aquagymnastik und dann auf die Couch. Eine perfekte Planung.

„Ich gucke erstmal.“ Oh Mann, dass man das immer wieder sagen muss. Jeder guckt erstmal. Warum lassen die Verkäuferinnen einen also nicht einfach in Ruhe. Wenn ich dann später in Unterhose in der Umkleidekabine bin und die dann doch zu kleine Hose nur halb über die Oberschenkel bekomme, dann sollen sie kommen, diese engagierten Verkäuferinnen. Dann sollen sie sagen: „Ich bringe ihnen gerne das gleiche Modell in Größe 30.“ Wenn ich zehn Hosen anprobiert habe und keine gefällt mir, dann sollen sie mich anlächeln und sagen: „Kein Problem, ich hänge die wieder auf.“ Aber wenn ich in den Laden komme und die Tür ist noch nicht mal wieder zu, dann sollen sie schweigen und mich erstmal gucken lassen.
Mein erstmal Gucken bringt mich gleich zu den Sonderangeboten. Super. Alles 50% billiger. Da ist ja dann eigentlich egal wie die aussehen. Denkt man immer so. Aber wenn man dann eine Hose kauft – auch wenn die sehr reduziert ist und man trägt die, dann kann man ja den Leuten schlecht sagen: „Ich weiß, die sitzt am Arsch irgendwie komisch aber die war von 120Euro auf 60 runtergesetzt.

Ich scanne durch die Sonderangebote, da steht die junge Verkäuferin schon wieder hinter mir. Die langweilt sich wahrscheinlich auch. Ich bin ja die einzige Kundin hier. Also erbarme ich mich: „Haben Sie die auch in M? Gibt es die auch in schwarz? Sind die alle eng?“ Ein paar Minuten später stehe ich mit 10 Hosen in der Umkleidekabine. Schuhe aus. Mist, Loch im Strumpf. Meinen Schal und meine Mütze lasse ich an. Haare sind nicht gewaschen. Ich will ja später sowieso noch zur Auqagymnastik. Aber wenn die nette Verkäuferin jetzt meine fettigen Haare sieht, dann denkt die bestimmt, dass ich alle ihre Hosen schmutzig mache, weil ich aussehe, als hätte ich einen Woche nicht geduscht. Geduscht hatte ich ja… aber eben ohne Haare waschen.

Ich ziehe eine graue Wollhose an. Passt. Fühlt sich gut an. Ich verlasse die Kabine und draußen wartet das Verkäufermädchen schon auf mich. Sie ist sehr jung. Sie könnte nicht mal meine Tochter sein. Sie könnte in meiner Klasse sitzen. Trotzdem nimmt sie ihren Job sehr ernst und mustert mich in der grauen Wollhose von allen Seiten. „Sitzt gut“ stellt sie fest. Mit einem: „Ich probiere mal die Schwarze“ verschwinde ich wieder in meiner Umkleidekabine. Die Schwarze passt auch super. Ist auch nicht weiter verwunderlich. Gleiche Hose – nur andere Farbe.

„Die sieht besser aus!“ sagt die Verkäuferin, ohne, dass ich sie gefragt hätte. Ich finde auch, dass die schwarze besser ausssieht. Allerdings sah sie in grau auch gut aus. Super denke ich: Nehme ich beide. Dann habe ich gleich zwei neue Hosen und da wird dann auch niemand denken, dass das die gleiche Hose ist. Optisch habe ich dann für die Schüler schonmal drei unterschiedliche Hosen.

Ich probiere noch die ganzen anderen Sonderangebote an und die Verkäuferin und ich werden langsam zu einem eigespieltem Team. Ich verlange nach anderen Farben und größeren Größen und sie rennt rum und reicht mir alles in die Kabine. Zur Belohnung komme ich zwischendrin immer wieder raus und drehe mich vor ihr und dem Spiegel.
„Habt ihr eigentlich nur enge Jeans?“ In der Hoffnung, dass das mit diesen hautengen Jeans ja irgendwann auch mal wieder vorbei sein muss. Ich folge ihr in den vorderen Bereich des Ladens und sie hält mir eine Hose entgegen, auf die ich schon beim Reinkommen geguckt habe. Da dachte ich: Schöne Farbe. Aber leider offensichtlich für Kinder. Und jetzt hält mir die Verkäuferin dieses Miniteil vor die Nase. „Nicht wundern. Die ist zeimlich kurz. Ankel Jeans.“ Ankel kenne ich aber von Ankel Jeans hatte ich noch nie gehört. Das heißt aber nichts. Der Boyfriendstyle ist auch sang und klanglos an mir vorüber gegangen. „Kann ich ja mal anziehen“ sage ich und denke. Hmm – so kurz… was soll das? Da friert man doch am Bein. Vielleicht für den Sommer. Ich ziehe sie an und stelle schnell fest, dass das nichts für mich ist. Ich will auch im Sommer keine Hose tragen, die wie eingelaufen aufsieht.

„Sorry… ich glaube der Ankel Look ist nichts für mich.“ Entschuldige ich mich bei dem Mädchen und fühle mich ein bisschen schlecht. Ich kann mich gerade noch beherrschen „dafür bin ich schon zu alt“ zu sagen. Eigentlich bin ich für den ganzen Laden zu alt. Aber das muss ich ja hier nicht extra betonen. Bei Modeschauen tragen ja auch immer diese blutjungen Teenagermodels die Designerklamotten und dann werden die Klamotten später von den alten Frauen gekauft. Von den alten Frauen, die sich diese Sachen auch leisten können. Kann man denn eigentlich zu alt für einen Laden sein? Ja. Ich bin z.B. zu alt für H&M. Einfach, weil ich zu viel Geld habe. Ich finde ich darf nicht bei H&M einkaufen, weil ich nicht auf diese total billigen Klamotten angewiesen bin. Ich bin irgendwie zwischen Boss und Zara. Aber definitiv bin ich jenseits von Ankel Jeans.

Ich verziehe mich wieder in meine Umkleidekabine und den 15 Hosen, die ich anprobiert habe.
„Ich glaube ich habe jetzt genug gesehen.“ Rufe ich. „Ich werde jetzt meine Kaufentscheidung treffen.“ Ich bin mir nicht sicher, ob ich das nur gedacht oder tatsächlich gesagt habe. Gewissenhaft sortiere ich die Hosen: Die nehm ich, die nicht, aber die und die, die nicht, aber die.
Plötzlich ruft die Verkäuferin: „Ja. Jetzt muss man sich entscheiden. Wer die Wahl hat, hat die Qual.“ Und ich denke: Nee! Die Qual der Wahl haben junge Frauen. Mit vier neuen Hosen in unterschiedlichsten Farben verlasse ich stolz den Laden.

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Allgemein

10 Gedanken zu “Wer die Hosen an hat

  1. Dafür muss man nicht „alt“ sein, was auch immer das ist. Ich bin 26 und das beschreibt so ziemlich genau auch mein Kaufverhalten.
    Allerdings besitze ich wirklich nur zwei oder drei Jeans. Und trage wirklich immer nur die eine, bis sie dreckig ist. Dann trage ich die andere ^^. Es gibt also immer eine Steigerung der Aufbrezelfaulheit :).

  2. Freue mich auch von Ihnen zu lesen und habe zu viele Hosen. Eine muss weg (Imelda) bevor ich eine neue Kaufen darf, ausser ich habe keine passende schwarze Hose für die Arbeit, dann darf ich eine schwarze kaufen.

    • nicht weg tun… die kommen alle wieder in mode. sogar die dummen cargohosen sind wieder da. die habe ich damals aber alle weg getan. Mist.

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