Optisanierung

Wenn du auf die Fünfzig zugehst, dann heißt Selbstoptimierung was anderes, als wenn man gerade Dreißig geworden ist. Als junger Mensch optimiert man an sich rum, so wie man ein neues Haus baut: Alles nur vom Feinsten. Alles neu! Alles ist schon super und soll noch toller werden. Ich glaub ich nehme doch den teureren Boden fürs Bad. Ach was sollst, die Küchenplatte soll ja ein Leben lang halten. Kann also ruhig was kosten. Fenster? Natürlich die Besten!

In meinem Alter optimiert man anders. Da saniert und repariert man eher. Schnell zur Zahnprofilaxe, bevor das Zahnfleisch ganz weg ist. Aquagymnastik nicht um geiler auszusehen, sondern, weil die Rückenschmerzen sonst gar nicht zu ertragen sind. Und überhaupt. Bikinifigur? Ich ziehe seit Jahrzehnten nur noch Badeanzüge an und das eigentlich sogar sehr ungern. Bin kurz vor dem Burkini.
Schuhkauf – lieber flachere Absätze wegen der Knieprobleme. Winterjacke – warm! Hauptsache sehr warm! Und Brille? Natürlich Brille!

Ich trage eine Brille, seit mir der Augenarzt im Krankenhaus sagte: „Klar dürfen Sie Kontaktlinsen tragen, wenn sie auf ein Auge verzichten können.“ Kann ich nicht, deshalb für mich nur noch Brille. Aber irgendwann werden die Augen ja im Nahbereich besser. Eigentlich wird wohl nur der Augenmuskel schwächer, aber plötzlich kann man wieder ohne Brille lesen. Anfangs dachte ich: Super. Endlich mal was, was sich von selbst mit dem Alter optimiert. Da gibt es ja nicht so viel, außer vielleicht das Gehalt.

Aber ohne Brille lesen können, heißt eigentlich nichts anderes, als mit Brille nicht mehr lesen zu können. Und das kann man ganz klar wieder als Defizit auslegen. Die Altersweitsichtigkeit – da ham wir es ja wieder. Kling ja wohl nicht gut: Altersweitsichtigkeit – ist vor allem für Lehrerinnen schlecht.

Als Lehrerin eine Brille tragen ist gut. Ich würde jedem Berufsanfänger dazu raten. Gibt ja auch Fakebrillen mit Fensterglas. Brille macht einfach schlauer und gehört, genauso wie das Schlüsselbund, zu jedem erstzunehmenden Pädagogen. So eine Art Dienstaccessoire. Die Brille schafft Distanz und wenn die Schüler sich an die Lehrkraft mit Brille gewöhnt haben, gibt es sowieso kein zurück mehr, denn dann lachen sie, wenn du die Brille abnimmst:

„Ha, sie sehen aus wie ein Maulwurf.“
„Oha, Sie haben voll Augenringe“
„Bitte setzen Sie die Brille schnell wieder auf!“

Brille ist also ein Muss. Aber dann kommt die Altersweitsichtigkeit. Und die kommt ab Mitte Vierzig! Bei JEDEM! Und plötzlich kann man die Schülerlisten nicht mehr lesen? Was macht man? Mehrere Möglichkeiten:

1. Man schiebt die Brille lässig auf den Kopf. So wie man das als Zwanzigjährige mit der Sonnenbrille getan hat. Aber da war man halt auch noch Zwanzig. Jetzt ist man Mitte Vierzig, gestresst, unausgeschlafen und die angeschwollenen Augen schwellen, wenn überhaupt erst nach der Mittagspause ab. Oder:

2. Man schiebt die Brille auf der Nase etwas nach unten, senkt dazu den Kopf und guckt über die Brille auf die Schülerliste. Ich weiß nicht warum, aber dabei reißt man außerdem automatisch die Augen weit auf. Während man das macht, fühlt man sich wie seine eigene Oma, die versucht eine Geburtstagskarte zu lesen. Und man sieht auch so aus. Und schließlich gibt es noch die Variante:

3. Unter der Brille durchgucken und dabei den Kopf heben. Auch nicht optimal.

Es gäbe noch die Möglichkeit sich eine Lesebrille vor die normale Brille zu setzen. Das würde ich aber höchstens für zu Hause empfehlen und auch dann nur, wenn man schon Jahre mit dem gleichen Partner zugange ist. Vor der Klasse taugt die zwei Brillenvariante überhaupt nicht.

Und ihr eitlen Kontaktlinsenträger… macht euch mal keine Hoffnungen… auch ihr werdet in die Altersweitsichtigkeit kommen und da könnt ihr euch dann zwischen Lesebrille und gar nichts Schriftliches mehr lesen können entscheiden.

Oder ihr macht das so wie ich und geht gleich zum Optiker und verlagt: einmal Gleitsicht bitte! Gleitsicht fetzt und ist jeden Cent, den sie kostet – und sie kostet- wert.

Lange Rede – hier der Sinn: Ich nutze also diese Ferien zur Selbstoptisanierung und besorge mir eine neue Brille. Mir kommt es so vor, als ob ich mit meiner (Gleitsicht)brille nicht mehr so gut lesen kann. Der eigentliche Grund allerdings: Frau Dienstag hat auch eine neue Brille.
Zur Kaufberatung nehme ich natürlich den Freund mit. Der Freund braucht keine Brille aber er ist stilsicher und er muss die Brille – im Gegensatz zu mir- ja immerzu sehen.

„Ich brauche eine neue Brille!“ sage ich und gehe sofort zum ersten Regal. Ein Vorteil des Alters: Ich halte mich nicht mehr mit unwichtigem Blah Blah auf. Ich gehe in einen Laden rein, druckse nicht lange rum. Ich sage was ich will und fange an zu suchen. Keine Verkäuferin kann sich über mich stülpen und mir Produkte andrehen, die ich nicht will. Soweit kommt es noch. Ich hab doch den Freund mit. Der ist meine Fachberatung. Ich probiere also alle Brillen in dem Laden auf und die, bei denen der Freund nicht sofort den Kopf schüttelt, die werden zur Seite gelegt. Und der Laden ist groß. Ich brauche mir die Billen auf meiner Nase gar nicht anzugucken, weil der Freund schon wissen wird, was gut aussieht und was nicht. Würde auch zu lange dauern, wenn ich jedes Mal in den Spiegel gucken müßte. Am Ende kommen ungefähr 20 Brillen in den Recall. Das wird eine ziemliche Arbeit, die alle wieder zurückzulegen. Na, eins ist klar, ich werde das nicht machen. Wie denn auch? Ich weiß ja nicht, wo die hin sollen.

Die engere Auswahl treffen wir im Sitzen und jetzt ist auch eine Fachverkäuferin an unserer Seite. Sie trägt zum Glück auch Brille. Vielleicht ein Muss, um hier zu arbeiten. Und wenn sie in Wirklichkeit keine braucht, dann kann sie sich ja trotzdem einfach jeden Tag irgendeine aus dem Laden aufsetzen. Optiker Dienstaccessoire. Ich probiere nacheinander jede einzelne Brille.

„Nimm mal die andere … Jetzt nochmal die …. Die kann weg!“
Der Freund und die Verkäuferin sind ein gutes Team. Wieder muss ich kaum in den Spiegel gucken.

„Setzten Sie nochmal ihre alte Brille auf!“ sagt die Verkäuferin. Sie mustert mich eine Weile und stellt dann fest: „Die ist etwas streng!“ Und plötzlich erinnere ich mich, nach welchen Kriterien ich früher jede meiner Brillen ausgesucht habe: „Die muss streng wirken! Die muss den Schülern Angst machen! Die Brille soll meine Autorität optimieren.“ Aber jetzt… jetzt mit fast Fünfzig sage ich: „Ich brauche eine Brille mit der ich freundlich aussehe!“ Mein Gesicht sieht schon so streng aus. Alles hängt und schlafft so rum, wie bei einer nörgelnden alten Kriegswitwe, die Kinder in der U-Bahn zurechtweist.

„Ich muss lieb und nett aussehen mit der Brille.“ Genial! Plötzlich wird mir klar, dass ich jetzt die Chance habe mein Standing in meiner Klasse um 180 Grad zu drehen. Das Verhältnis zu denen optimal zu optimieren. Mit dem Kauf einer freundlichen Brille werde ich ab nächster Woche die liebe Frau Freitag sein und dann ist die Klasse auch nicht mehr so garstig zu mir, wenn sie mich sieht. Dann werden ihre kleinen Teenagergesichter strahlen, wenn die freundlich aussehende Klassenmutti den Raum betritt. Super.

„Die ist gut! Die gibt Ihrem Gesicht einen sehr freundlichen Ausdruck!“ sagt die Verkäuferin plötzlich und der Freund nickt. Ich gucke in den Spiegel und muss lächeln. Diese freundliche Brille zwingt mich zu lächeln. Ich setze eine andere auf. Nichts. Dann wieder das freundliche Gestell und zack: breites Grinsen. Der Freund grinst, die Verkäuferin auch. Die Brille wird gekauft.

Verrückt. Eine neue Brille. Ein neuer Mensch! So geht optimales Optimieren. Nur schade, dass ich nächste Woche in der Schule erstmal grätzig anfangen muss, weil die Gläser erst in zehn Tagen fertig sind.

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Allgemein

12 Gedanken zu “Optisanierung

  1. Ferien sind toll. Da schreibt Frau Freitag häufiger :).
    Ich wundere mich auch seit Jahren, warum die Schrift in Schulbüchern immer kleiner wird…

  2. Liebe Kollegin Freitag,
    Sie sprechen mir – wie so oft – aus der Seele. Es ist doch schön, dass man in den Ferien mal Zeit für die wirklich wichtigen Dinge im Leben hat. Hatte zuletzt die Blogeinträge etwas vermisst. Aber jetzt habe ich und wünsche ich Ihnen weiterhin
    Schöne Ferien

  3. Ich atme ein und denke dabei: Ich entspanne mich beim einatmen und beim ausatmen lächle ich. Im Kopf 30 mal aufsagen, zur Atmung, dann lächelt man auch. Denn ich habe noch keine Brille gefunden, welche mich lächeln lässt, dann muss ich es halt mit Atemtechnik machen 🙂

  4. Eine Brille auf die Nase und die andere auf den Kopf geschoben und dann wechseln. Mach ich wenn ich mit den Kids im Computerraum bin aber da gucken die zum Glück auf den Monitor.

  5. *klugschei*modusan* Es gibt Multifokal-Kontaktlinsen – das ist wie Gleitsichtbrille, aber eben als Kontaktlinse. Funktioniert prima, wenn man Kontaktlinsen verträgt (und ist auch mindestens genau so teuer wie eine neue Gleitsichtbrille). Der gewohnte freundliche Blick wird nicht durch eine Brille verfälscht 😉 und gegenüber gleichaltrigen Alterweitsichtigen kann man so tun, als ob es einen noch nicht erwischt hat ;-)) *klugschi*modusaus*

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