Eine Landpartie

Die Sonne scheint, die Stadt schläft. Samstagmorgen um kurz vor neun. Dreieinhalb Stunden mit Mike. Überlandfahrt. Ich finde das sollte auf jeden Fall aufs-Land-Fahrt heißen, weil wir ja die Stadt verlassen. Rausfahren. Die Straßen sind leer. Mein Magen auch. Wir fahren los. „Wir machen auch eine Pause.“, hatte Mike gesagt. Ich sehe uns in einem gemütlichen Gasthof irgendwo in der Prignitz sitzen. Soll ich dann Mike einladen? Macht man das so?

Mike geht es gut. „Mir geht es in letzter Zeit so richtig gut.“, sagt er. Ich sage: „Na, das ist doch schön.“ Mike sitzt neben mir. Ich fahre. Im Gegensatz zu Harald sagt er mir nicht dauernd, was ich machen soll. Nur so Sachen wie: „Dann links auf die Autobahn.“ Und diesmal schalte ich sogar alleine in den fünften Gang.

Wir fahren raus aus der Stadt. Immer noch Autobahn. Nur jetzt darf man noch schneller fahren. Und plötzlich sind da LKWs. „Was machen die denn da auf meinem Fahrstreifen? Ich dachte die dürfen am Samstag nicht fahren.“
„Sonntags. Und jetzt überholen wir die mal!“
Überholen auf der Autobahn … macht eigentlich Spaß. Jedesmal werden ein paar Stresshormone ausgeschüttet. So wie beim Klauen.
Die Autobahn hört gar nicht mehr auf. Wo will Mike mit mir hin? Und wie soll ich eigentlich Autofahren ohne Mike neben mir? Ich kann mir das gar nicht vorstellen, dass der irgendwann nicht mehr da sitzt. Wenn er nicht da wäre, dann würde ich wahrscheinlich das Radio anmachen, aber das Radio würde mir nicht sagen, wenn ich etwas falsch mache. Vielleicht kann ja Mike immer mitfahren, wenn ich meinen Führerschein habe. Ich rufe ihn dann an: „Mike, ich will meine Eltern besuchen. In zehn Minuten vor meiner Haustür – okay?“ Ich würde mich auf jeden Fall sicherer fühlen.

„Hast du dir schon mal überlegt einen LKW Führerschein zu machen?“, fragt Mike plötzlich und ich fahre fast über eine rote Ampel vor Lachen. „Nee, wirklich, ich würde dir das durchaus zutrauen.“ Okay Mike, ich verstehe schon, dass du dich mit deinen Motivationsversuchen von Harald absetzen möchtest, aber du musst jetzt auch nicht übertreiben.
„Würde vielleicht auch ein Job bei rausspringen.“ Und schon sehe ich mich in einem riesigen LKW, mit Schweinen hinten drauf durch Europa düsen. Denkt Mike, ich hätte keinen Job? Wir haben noch gar nicht darüber geredet, was ich eigentlich so den ganzen Tag mache. Jedes Mal, wenn wir an einer Schule vorbeifahren und ich Schüler am Straßenrand sehe, versuche ich möglichst neutral geradeaus zu gucken. Schüler, alte Leute, Hunde, mit allem habe ich gar nicht zu tun.

Landstraße. Voll krass, dass man da 100 fahren darf. Warum eigentlich? Und kein Wunder, dass es dort soviel Unfälle gibt. Auch die Landstraße ist leer und wir fahren und fahren. Ortseingangsschild, runterschalten, 50 fahren, Vorfahrt achten, hochschalten, rausfahren, Gas geben, Landstraße, bis zum nächsten Ortseingang. Alles läuft super. Aber langsam fängt mein Knie an wehzutun. Oh Mann, wie soll ich denn dann durch Europa fahren, wenn mir schon kurz vor Dresden das Knie wehtut? Bin ich jetzt körperlich nicht mehr in der Lage Auto zu fahren? Ich gucke auf die Uhr. Halbzeit. Was ist mit unserer Pause?

„Fahr mal rechts ran.“, sagt Mike irgendwann und ich parke den Wagen. Weit und breit kein Gasthof. In einem Haus sehe ich hinter den Gardinen, dass eine Frau Aerobic macht. In einem rosa Trainingsanzug. Bodentiefe Fenster und der Garten sieht traurig aus. Ich strecke meine Beine aus. Mein Knie tut immer noch weh.

„Irgendwie tut mir mein Knie weh.“, sage ich zu Mike.
„Kennst du dieses Buch?“, fragt er und ich denke – was ist denn das für eine Frage – kennst du dieses Buch? Welches Buch? Aber dann freue ich mich doch, weil Mike mit mir über Bücher reden möchte.

„Häh, welches Buch?“, frage ich, steige aus dem Auto und fange sofort mit Dehnübungen an.
„Kamasutra.“
Kamasutra? Was will er denn jetzt?
„Nee? Kenn ich nicht.“
„Na, das sind so Stellungen.“
Oh Mann, er soll nicht weiterreden. Hier in der Einöde, die da drüben in dem rosa Trainingsanzug, die Sonne auf dem Kopfsteinpflaster….
„So Stellungen…“, sagt er nochmal und lacht dabei.
„Ach, du meinst, sowas sollte es auch fürs Autofahren geben, wegen meiner Knieschmerzen.“
Mike nickt. Ein kurzer Moment der Stille. Ich gehe an den Kofferraum und hole mir eine Zigarette. Mike putzt die Scheiben vom Auto. Ich fotografiere das Auto. Und Mike. Schicke das Foto Frau Dienstag. Mein Freund denkt Mike, ist so ein gutaussehender toller Hecht. Ist er nicht.
„Du beschreibst den immer so, als sei der voll der hübsche Typ.“, sagte mein Freund neulich in der Küche. Jetzt habe ich Fotos, die das Gegenteil beweisen. Nicht, dass man das hier falsch versteht – ich hätte gar nichts dagegen, wenn Mike der Adonis der Fahrschulen wäre. Ist er aber nicht.
Wir steigen wieder ins Auto. Das war die Pause. Kein Gasthaus, keine Gänsekeule mit Rotkohl, keine Rechnung, die ich bezahlen könnte. Eine schnelle Zigarette in der Sonne. Ein kurzer Kamasutra-Moment von Mike, dann geht es zurück nach Berlin. Wenigstens sind die Scheiben sauber, aber das Knie tut immer noch weh.

Vor der Fahrschule verabschieden wir uns. „Na Mike, dann wünsche ich dir schöne Weihnachten.“
Er lacht: „Ja, und wenn jetzt Ostern wäre, dann würde ich sagen: Ich wünsche dir dicke Eier.“
„Ihhh!“, sage ich.
Aber Mike setzt noch einen drauf: „Und wenn jemand unartig war, du weißt ja wo die Rute ist.“
„Hmmm. Okay dann, bis nächstes Jahr.“

Ich laufe nach Hause. Dieser Mike… was ist mit ihm? Ich verstehe ihn nicht. Warum redet er immer so? Möchte er, dass ich auch so mit ihm rede?
Vielleicht mach ich das mal in der nächsten Fahrstunde.

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The mighty Mike

„Neue Hose?“, fragt Mike, während er den Kofferraum schließt. Ich stehe vor der Fahrertür und will gerade einsteigen. Mike hat mich doch erst dreimal gesehen, woher will er denn alte Hosen von neuen Hosen unterscheiden? Wenn Frau Dienstag auch nur einen neuen Strumpf hat, dann sehe ich das sofort. Ihren Kleiderschrank kenne ich schließlich genauso gut wie meinen. Aber Mike?
„Nee, ist nicht neu.“ Ich steige ins Auto, stelle am Sitz rum. „Jetzt bist du aber ziemlich weit vorne. Du bist zwar eine Frau, aber du hast ja wirklich sehr lange Beine. Fahr den Sitz ruhig ein bisschen nach hinten.“
Ich parke aus und fahre auf die erste Ampel zu.
„Als ich Fahrlehrer gelernt habe, haben sie uns in einem Seminar beigebracht, dass man immer Kritik an der Sache, nicht an der Person üben soll. Wenn ich jetzt sage, deine Hose sieht gut aus, ist das dann Kritik an der Person?“
„Na, das wäre ein Lob, dass ich mir so eine schöne Hose gekauft habe.“
„Aber, wenn ich sage, du siehst gut aus in der Hose, dann ist das ja wieder Kritik an der Person.“
Ich muss den Fahrstreifen Wechseln und deshalb lassen wir das Hosenthema fallen.

Wir fahren durch Neukölln. Mike ist bester Laune.
„Ich hab heute richtig gut Laune.“
Ich: „Ich auch.“ sage ich und lächle ein bisschen gequält, weil ich schon den ganzen Tag Kopfschmerzen habe. Ich wette das Wetter.
Aber Mike geht es gut: „Ich bin so gut drauf, weil es mir so einen Spaß macht, euch das Fahren beizubringen. Also der Steffi eben und dir.“ Okay, okay, ich weiß, dass Mike hier den positiven Kumpel macht, um sich vom depressiven Harald abzusetzen. Aber er muss jetzt auch nicht übertreiben.
„Wo fahren wir eigentlich hin?“, frage ich.
„Ich möchte heute mir dir zu dieser kleinen türkischen Bäckerei fahren und Fladenbrot kaufen. Ich kaufe dir auch eins. Wirklich, die machen das leckerste Fladenbrot in ganz Berlin.“

Ich fahre uns vor eine winzige Bäckerei in einer winzigen Winzstraße im tiefsten Neukölln. Parke zweite Reihe und gucke, wie Mike nach draußen geht und Fladenbrote für uns kauft. Ich komme mir total cool vor. Ich sitzet im Auto und jemand anderes springt raus und muss erledigen, was zu erledigen ist. Sonst muss ich das ja immer machen. Und jetzt darf ich hier sitzen und Mike muss raus.
Dann gurken wir weiter durch die Stadt. Mal links lang, dann wieder rechts, dann geradeaus und plötzlich wieder auf die Autobahn. „Oh, schon wieder auf die Autobahn?“, frage ich und Mike sagt: „Na, sicher!“
So, und das sollte Harald mal sehen oder dieser arrogante Junge aus dem Büro, wie ich hier auf der Autobahn fahre. Von wegen, da fährt der Fahrlehrer… Mike spielt an seinem Handy rum: „Ist doch nur Autobahn.“

Frau Dienstag fragt mich immer: „Wo bist du denn Autobahn gefahren.“ Berlin reicht ihr als Antwort nicht aus.
„Sag mal Mike, wo sind wir eben rauf gefahren?“
„Britzer Damm, wieso?“
„Meine Freundin fragt immer, wo ich gefahren bin und dann weiß ich das immer nicht.“
„Na, nimm sie doch mal mit, deine Freundin.“, schlägt Mike sofort vor. Der Gedanke, Frau Dienstag hinter mir sitzen zu haben und sie labert sich da mit Mike einen ab, oh no!
„Neeee, bloß nicht, die würde mich total verwirren.“
„Also ich wäre dafür.“, sagt Mike.

Wir fahren weiter, Richtung Flughafen. Durch mir unbekannte Tunnel und mir fremde Gegenden. Läuft. Macht Spaß. Die Zeit verfliegt.
Als ich das Auto sicher geparkt habe gehen wir an den Kofferraum und Mike gibt mir mein Fladenbrot und schenkt mir noch einen Wandkalender. In der Fahrschule sagt er, dass wir doch jetzt mal mit den Sonderfahrten anfangen könnten. SONDERFAHRTEN!!! HARALD, hast du das gehört??? Und wir verabreden eine dreieinhalbstündige Überlandfahrt für Samstag. Zum Abschied umarmt mich Mike. Dreieinhalb Stunden nur ich und Mike. Ich bin gespannt.

Abgemeldet!

Showdown. Ich öffne die Tür. Am Schreibtisch sitzt der selbe Jungspund, der schon meinen Vertrag bei der Anmeldung ausgefüllt hat. Auch so ein Alterdiskriminierer. Aber der wird sich noch wundern, wenn er selber alt wird. Ihm gehen jetzt schon die Haare aus. Und da sitzt auch Harald. Mit einem jungen Typen, den ich aus den Theoriestunden kenne.
Ich setze mich erstmal auf einen Stuhl an der Wand und warte. Harald dreht sich zu mir: „Und Frau Freitag, willst du Termine für Fahrstunden machen?“
„Nein.“

„Was willst du denn dann?“, fragt Harald, als könne er sich das nicht denken. Was ich wirklich will, ist dir deine bescheuerte Fresse polieren. Aber das kann ich natürlich nicht so sagen.
„Ich will mich abmelden. Ich habe die Fahrschule gewechselt.“
Harald: „Sowas habe ich mir schon gedacht. Darf ich fragen warum?“
„Weil ich keine Lust mehr habe, mir dauernd anzuhören, dass ich es nie schaffe einen Führerschein zu machen.“
Harald: „Das habe ich ja nicht gesagt, aber es wird bei dir sehr lange dauern. deshalb habe ich dir ja gesagt, das Automatik…“ Jetzt reicht es mir aber.

„Hast du dem jungen Mann hier auch Automatik empfohlen?“ Der junge Mann dreht sich zu mir und grinst. Ich grinse auch: „Lernst du Automatik?“ Er schüttelt den Kopf: „Nee, ich schalte.“
„Harald, sorry, aber bei dir habe ich das Gefühl, dass ich der allergrößte Idiot sei, der jemals versucht hat einen Führerschein zu machen. Du sagt immer nur, dass das alles ewig dauern wird.“
„Na, es wird bei dir auch lange dauern. Du wirst mindestens ein halbes Jahr brauchen.“ Ha, jetzt hat er doch eine Zahl gesagt. Ein halbes Jahr. 25 Wochen. Zwei Fahrstunden die Woche. Ein Führerschein der über 5000 DM kostet. Pfff.

Dann geht Harald mit seinem Fahrschüler nach draußen und ich bin sicher er wird schlecht über mich reden. Ich setze mich an den Schreibtisch zu dem Jungspund.
Der kriegt jetzt auch nochmal sein Fett weg: „Weißt du, ich habe das Gefühl, dass man mich hier sofort in eine Kategorie gesteckt hat, nur weil ich älter bin.“
„Erfahrungsgemäß lernt man ja auch schlechter, wenn man älter als 23 ist…“ er kann es nicht lassen.
„Okay, das heißt doch dann aber auch, dass alle jungen Leute alles sehr schnell und gut lernen. Das glaube ich aber nicht, sonst hätten doch auch alle Achtzehnjährigen Abitur.“ Darauf fällt ihm nichts ein. Er fummelt am Computer rum. Aber ich habe noch nicht fertig: „Mir ist es doch egal wie lange das dauert. Ich habe genug Geld. Aber ich will das nicht ständig hören. Das motiviert mich überhaupt nicht. Und es soll mir doch auch Spaß machen.“
„Spaaaß“, fragt er.
„Ja, natürlich, ich zahlen doch nicht 50 Euro und habe dann keinen Spaß.“
„Also für mich hat Autofahrenlernen nichts mit Spaß zu tun.“ Das ist ja lustig. Ich finde nämlich, das hat sehr wohl mit Spaß zu tun. Dann erzählt er mir, dass das so anstrengend sei und lacht dann auch noch darüber, dass ich Spaß beim Autofahrenlernen haben möchte. Irgendwie bin ich hier in der spaßbefreiten Fahrschule gelandet. Ich bin sicher ihm macht sein Job dort hinter dem Schreibtisch auch keinen Spaß. Und dann wird er bestimmt noch schlecht bezahlt.
„Ich finde überhaupt nicht, dass man das so pauschal sagen kann, dass man, wenn man älter ist nichts mehr lernen kann. Was ist denn das für eine Einstellung? Da könnte ich mich ja gleich begraben, wenn ich so denken würde.“

„Weißt du, wenn man immer nur zu hören bekommt alles sei so schwer, dann baut sich da ja auch irgendwie so Angst vor allem auf. Der andere Fahrlehrer ist mit mir z.B. gleich auf die Autobahn gefahren.“
Er lacht. „Ja, aber da bist du dann nicht gefahren, da ist er gefahren.“
Häh? War er dabei, oder was? War ich nicht auf der Autobahn, oder was?
„Wir lassen unsere Fahrschüler erst auf die Autobahn, wenn wir meinen sie sind gut genug dafür. Aber es gibt so Fahrlehrer, die fahren gleich in der ersten Stunde auf die Autobahn. Wir wollen, dass unsere Fahrschüler sicher Autofahren lernen.“
„Ach, und ihr meint, das könnt nur ihr einem beibringen, oder wie?“
Jetzt macht er mir auch noch meinen fröhlichen Mike schlecht. Dann fragt er wohin ich gewechselt habe. Ich sage es ihm nicht. Wenn er meint, man könne nur ohne Spaß und nur bei ihnen den Führerschein schaffen – bitte.

„Außerdem finde ich das nicht gut, dass ich immer 10 Minuten von meiner Fahrstunde auf Harald warten musste.“, sage ich.
„Na fünf bis sieben Minuten ist okay. Man muss ja den Sitz einstellen und so.“
Ich finde das nicht okay, dass ich Haralds Raucherpausen immer mitgezählt habe. Mike kommt ja schließlich auch gleich mit zum Auto. Er sagt, dass es schade wäre, dass ich damit nicht früher gekommen bin und ich sage, dass ich Harald schon mehrfach angesprochen hätte.

Und zum Abschied sage ich noch: „Ich glaube zwar nicht, dass das ein halbes Jahr bei mir dauern wird, aber wenn ja, dann verdient eben die andere Fahrschule ihr Geld mit mir.“

Vom Regen in das andere?

„Hast du dich denn schon von der alten Fahrschule abgemeldet?“, fragt Mike.
„Mache ich morgen.“
„Soll ich mitkommen, als Bodyguard?“
„Nee, das schaff ich schon alleine.“
„Ja, klar“, sagt Mike. „Das ist ja der Vorteil, wenn man etwas älter ist. Man muss sich nicht mehr alles gefallen lassen.“ Und ja, denke ich ich, älter-sein hat wohl auch Vorteile.

„Wenn man den Führerschein selbst bezahlt, dann kann man auch Forderungen stellen.“, sage ich und Mike nickt. Dann lenkt er mich wieder zur Autobahn. Autobahnfahren, als wäre das gar nichts.
„Ich habe da wohl einen ganz anderen Ansatz als dein alter Fahrlehrer.“, stellt er fest. „Ich versuche immer, dass die Fahrschüler keine Angst, sondern Spaß am Autofahren haben.“

Und Spaß habe ich. Auf der Autobahn, auf den großen Straßen, auf den kleinen Straßen, beim Quereinparken.
Mike: „Quereinparken. Ist voll einfach. Da gibt es einen simplen Trick…“
Bei Mike scheint alles einfach. Bei Harald war alles schwer und wenn zu schaffen – dann nur nach sehr, sehr viel Bemühungen.

Ach Harald… was hat dir eigentlich im Leben so hart mitgespielt, dass du alles so schwer nimmst? Na ja, ich werde dir morgen Abend noch übel mitspielen, wenn ich mich abmelde. Wenn ich deinem Chef sagen muss, dass ich das keinesfalls normal finde, wenn man immer 10 Minuten auf den Fahrlehrer warten muss. Mike z.B. weicht überhaupt nicht von meiner Seite. Er sitzt neben mir, wenn ich den Sitz einstelle und den Gurt anlege. Er will mich nach der Stunde nach Hause fahren. Er umarmt mich zum Abschied!

Bei Mike fühle ich mich überhaupt nicht alt und unfähig. Mike sagt so Sachen wie: „Als Frau hast du bei den Prüfern erhebliche Vorteile. Also von den zwei offensichtlichen Vorteilen will ich ja gar nicht sprechen, hehe.“ Mike hat einen Aufnähet an der Jacke dadrauf steht groß: Frauen fahren besser. Und ich freue mich. Endlich mal einer, der Frauen am Steuer nicht für… und dann gucke ich genauer hin und unter dem: Frauen fahren besser steht etwas kleiner: U-Bahn, Bus und Taxi.

Harald

„Jetzt links und in Schrittgeschwindigkeit über den Parkplatz. Ich will mit dir heute Quereinparken üben.“, sagt Harald und ich mache, was er will. Seine Ruhe täuscht. Seine Aggressionen lässt er an vorbeifahrenden Müttern mit Kind auf Fahrrädern aus. Er schimpft und meckert. Eigentlich will er mit mir meckern, glaube ich. Aber er darf nicht. Ich bin ja Kunde und ich habe ja nichts gemacht. Ich sitze stumm neben ihm und tue, was er mir sagt. An jeder roten Ampel öffne ich in Gedanken die Tür und verlasse dramatisch das Auto. „Das war’s! Mir reicht’s! Ich gehe!“ Ich habe extra keine Tasche dabei, damit ich meinen theatralischen Abgang nicht durch das Öffnen der hinteren Tür verderben muss. Oder soll ich einfach rechts ranfahren und aussteigen? Ich habe auch keine Monatskarte dabei. Ich müsste schwarz nach Hause fahren. Würde ich machen. Wenn er mir nur einmal schräg kommt. Los Harald, vergiss dich! Nur eine Sekunde. Ein falsches Wort und ich bin raus. Komm, sag etwas Gemeines und ich versau dir deinen Tag so richtig. Aber er sagt nichts. Nur: „Quereinparken. Das ist nicht so leicht.“

Natürlich ist das nicht so leicht. Und vor allem für mich. In seinen Augen ist ja alles eine unüberwindbare Herausforderung für mich. Ich fahre vor und dann zurück und dann in die Lücke. Stehe perfekt. Wo ist das Problem? Wir sitzen im Auto. Er sagt, das sei ein Teil der Prüfung. Ich nicke. „Wann fahren wir eigentlich auf die Autobahn.“ Ein tiefes Ein- und Ausatmen. „Erst ganz am Schluss.“

„Wie viele Fahrstunden werde ich denn noch brauchen.“ Ich weiss, dass ich jetzt keine Zahl hören werde. Ich wäre schon zufrieden mit einem: zwischen 30 und 100. Aber er sagt nichts. „Es wird noch sehr lange dauern.“ Und plötzlich verstehe ich: Harald ist in mich verliebt und kann den Gedanken, mich nicht mehr zwei mal in der Woche zu sehen nicht ertragen. Deshalb sagt er immer, dass es noch so lange dauern wird. Damit wir uns nie trennen müssen.

Ach Harald. „Soll ich nochmal einparken?“ frage ich. Es hat Spaß gemacht und ich würde gerne… „Nein, das üben wir später.“ Oh Harald, sorry, aber mit dir werde ich das wohl nie wieder üben. Wir fahren zurück zur Fahrschule. Ich parke den Wagen in einer Querstraße. Wir steigen aus. Das war’s mit uns. Unspektakulär. Ich hatte mir das dramatischer vorgestellt. Ich gucke zuviel Netflix. Im richtigen Leben sind die dramatischen Momente nicht mit Musik unterlegt. Harald geht zur Fahrschule, ich nach Hause. Ich drehe mich nochmal um. Irgendwie wird er mir fehlen, dieser traurige Harald.

Ist doch nur Autofahren

„Warst du schon auf der Autobahn?“, fragt Mike. Mike sitzt neben mir und ich fahre. Der Kunde ist König, dachte ich. Wenn Harald immer so doof ist, dann tausche ich den einfach um. Fahrschulen gibt es ja wie Sand am Meer. Und diesmal werde ich auch mich besser verkaufen.

„Guten Tag, ich möchte einen Führerschein machen.“
„Wie alt sind Sie denn?“
„25. Ich weiss, ich sehe sehr viel älter aus. Schlechte Gene, kann man nichts machen.“

Mike will wissen, bei welcher Fahrschule ich war. Ich sag es ihm nicht. Ich will Harald nicht schlecht machen. Spreche von falscher Chemie und gutem Willen. Mike verkauft sich hervorragend. Fahrlehrer sei sein Traumjob. Bei ihm sei noch niemand durchgefallen und eigentlich sei es eher hinderlich, wenn man zu viele Fahrstunden nehmen würde. „Ist doch nur Autofahren.“, sagt er immer wieder, während wir fahren. Für Harald ist jedes Linksabbiegen eine Operation am offnem Herzen. Für Harald ist Schalten eine Wissenschaft für sich, die nur Auserwählte erlernen können. Auserwählte wie er. Harald ist zwar stolz, dass er so gut Autofahren kann, aber er ist auch traurig. Ich weiss nicht, warum er traurig ist, aber seit ich neben dem fröhlichen Mike sitze, sehe ich, dass Harald irgendwas hat. Vielleicht wurde er von einer älteren Frau verlassen und ich erinnere ihn an diese ältere Herzensbrecherin. Wenn Harald zu mir ins Auto steigt, dann nimmt er diese Traurigkeit mit. Dann wabert die im Auto rum und ich werde sofort auch depressiv. „Das wird noch sooo lange dauern, bis du richtig fahren kannst.“ und ich denke dann: „Oh Gott, krass, wenn ich das überhaupt jemals schaffen werde.“
Mike, die Spaßkanone dagegen, bringt die Party mit ins Auto: „Ist doch nur Autofahren“. Und ich denke: Lass mal morgen zur Prüfung anmelden. Ich pack das schon.

Zwei Fahrlehrer – zwei Welten und ich immer links daneben.

„Autobahn, nee, bin ich noch nie gefahren.“
„Na, dann fahren wir jetzt Autobahn.“, sagt Mike und eine Minute später düse ich mit 80 Sachen über den Highway. Harald, guck dir das mal an!!!

Morgen gehe ich wieder zu Harald. Vielleicht ein letztes Mal. Zwischen Harald und Mike – Frau Freitag, du musst dich entscheiden. Wer wird dein Herzblatt sein? Auf jeden Fall frage ich Harald morgen: „Sag mal, wann fahren wir eigentlich mal auf die Autobahn?“