The mighty Mike

„Neue Hose?“, fragt Mike, während er den Kofferraum schließt. Ich stehe vor der Fahrertür und will gerade einsteigen. Mike hat mich doch erst dreimal gesehen, woher will er denn alte Hosen von neuen Hosen unterscheiden? Wenn Frau Dienstag auch nur einen neuen Strumpf hat, dann sehe ich das sofort. Ihren Kleiderschrank kenne ich schließlich genauso gut wie meinen. Aber Mike?
„Nee, ist nicht neu.“ Ich steige ins Auto, stelle am Sitz rum. „Jetzt bist du aber ziemlich weit vorne. Du bist zwar eine Frau, aber du hast ja wirklich sehr lange Beine. Fahr den Sitz ruhig ein bisschen nach hinten.“
Ich parke aus und fahre auf die erste Ampel zu.
„Als ich Fahrlehrer gelernt habe, haben sie uns in einem Seminar beigebracht, dass man immer Kritik an der Sache, nicht an der Person üben soll. Wenn ich jetzt sage, deine Hose sieht gut aus, ist das dann Kritik an der Person?“
„Na, das wäre ein Lob, dass ich mir so eine schöne Hose gekauft habe.“
„Aber, wenn ich sage, du siehst gut aus in der Hose, dann ist das ja wieder Kritik an der Person.“
Ich muss den Fahrstreifen Wechseln und deshalb lassen wir das Hosenthema fallen.

Wir fahren durch Neukölln. Mike ist bester Laune.
„Ich hab heute richtig gut Laune.“
Ich: „Ich auch.“ sage ich und lächle ein bisschen gequält, weil ich schon den ganzen Tag Kopfschmerzen habe. Ich wette das Wetter.
Aber Mike geht es gut: „Ich bin so gut drauf, weil es mir so einen Spaß macht, euch das Fahren beizubringen. Also der Steffi eben und dir.“ Okay, okay, ich weiß, dass Mike hier den positiven Kumpel macht, um sich vom depressiven Harald abzusetzen. Aber er muss jetzt auch nicht übertreiben.
„Wo fahren wir eigentlich hin?“, frage ich.
„Ich möchte heute mir dir zu dieser kleinen türkischen Bäckerei fahren und Fladenbrot kaufen. Ich kaufe dir auch eins. Wirklich, die machen das leckerste Fladenbrot in ganz Berlin.“

Ich fahre uns vor eine winzige Bäckerei in einer winzigen Winzstraße im tiefsten Neukölln. Parke zweite Reihe und gucke, wie Mike nach draußen geht und Fladenbrote für uns kauft. Ich komme mir total cool vor. Ich sitzet im Auto und jemand anderes springt raus und muss erledigen, was zu erledigen ist. Sonst muss ich das ja immer machen. Und jetzt darf ich hier sitzen und Mike muss raus.
Dann gurken wir weiter durch die Stadt. Mal links lang, dann wieder rechts, dann geradeaus und plötzlich wieder auf die Autobahn. „Oh, schon wieder auf die Autobahn?“, frage ich und Mike sagt: „Na, sicher!“
So, und das sollte Harald mal sehen oder dieser arrogante Junge aus dem Büro, wie ich hier auf der Autobahn fahre. Von wegen, da fährt der Fahrlehrer… Mike spielt an seinem Handy rum: „Ist doch nur Autobahn.“

Frau Dienstag fragt mich immer: „Wo bist du denn Autobahn gefahren.“ Berlin reicht ihr als Antwort nicht aus.
„Sag mal Mike, wo sind wir eben rauf gefahren?“
„Britzer Damm, wieso?“
„Meine Freundin fragt immer, wo ich gefahren bin und dann weiß ich das immer nicht.“
„Na, nimm sie doch mal mit, deine Freundin.“, schlägt Mike sofort vor. Der Gedanke, Frau Dienstag hinter mir sitzen zu haben und sie labert sich da mit Mike einen ab, oh no!
„Neeee, bloß nicht, die würde mich total verwirren.“
„Also ich wäre dafür.“, sagt Mike.

Wir fahren weiter, Richtung Flughafen. Durch mir unbekannte Tunnel und mir fremde Gegenden. Läuft. Macht Spaß. Die Zeit verfliegt.
Als ich das Auto sicher geparkt habe gehen wir an den Kofferraum und Mike gibt mir mein Fladenbrot und schenkt mir noch einen Wandkalender. In der Fahrschule sagt er, dass wir doch jetzt mal mit den Sonderfahrten anfangen könnten. SONDERFAHRTEN!!! HARALD, hast du das gehört??? Und wir verabreden eine dreieinhalbstündige Überlandfahrt für Samstag. Zum Abschied umarmt mich Mike. Dreieinhalb Stunden nur ich und Mike. Ich bin gespannt.

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Allgemein

6 Gedanken zu “The mighty Mike

  1. Tauscht man seinen Fahrlehrer aus, liegen da oft Welten dazwischen! Es freut mich, das Sie so einen positiven Lehrer gefunden haben. Das Glück hatte ich damals nicht, obwohl ich alle 3 zur Verfügung stehende „ausprobiert“ habe. Vielleicht macht mir Autofahren deshalb auch heute noch keinen Spaß, wo ich den Schein grad mal 8 Jahre habe.

    Viel Erfolg und Spaß auf der nächsten Fahrt, Frau Freitag! 🙂

  2. „Sonderfahrten“ …wow
    Seit wann gibt´s die denn ?
    Gibt´s die auch bei Männern ?

    Apropos Sonderfahrten : mein Fahrlehrer, der auch nicht so
    ganz einfach war, ist tot.
    Eigene Frau, mittels Haushaltsgegenstandes (*buff*).
    Naja, sie hatte ihre Gründe.

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