Teenager in der U-Bahn

Teenager in der U-Bahn nerven. Ich war selbst jahrelang ein nervender Teenager in der U-Bahn. Der Teenager an sich ist ein Rudelwesen und das Rudel braucht immer Action. Action ist, wenn alle aus der Gruppe zu laut sprechen und dauernd lachen.
Als ich Teenager war, konnte man sich ja nicht mit dem Smartphone ablenken. Wir hatten unsere analogen U-Bahnspiele. Zum Beispiel: „Wer schafft auf dem Bahnsteig der Pulitzer Straße am meisten Wagen?“ An der Station Pulitzerstraße (heute Westhafen) stieg nie jemand aus, deshalb konnte man sich beim „an der U-Bahn entlang nach hinten rennen“ voll in Szene setzen. Und natürlich war es peeeeeiiiiinlich. Alles was peinlich war, steigerte unser Gegacker. Pulitzerstraße den Wagen wechseln war unser Adrenalinkick. Ich verstehe gar nicht, weshalb dieses Megaspiel nicht überlebt hat.

Fast genausogut allerdings: Im Wagon nerven. Das war leicht. Man musste dazu nur die Füße auf die gegenüberliegende Sitzbank legen oder besser noch mit den Sohlen an das Polster. Schon gab es Mitspielerinnen en masse. Alte Frauen. In den Achziger Jahren war Berlin voll mit alten Frauen. Alte Männner gab es kaum. Kaum sahen sie unsere Füße auf den Bänken, ging es los: „Unverschämte Gören!“ „Das hätte es früher nicht gegeben!“ und unser Highlight: „Adolf hätte euch ins Arbeitslager gesteckt!“ Adolf! Ich erinnere mich an den wohligen Schauer, der einen überkam, wenn diese alten Naziwitwen nicht mehr an sich halten konnten. So vertraut mit ihrem Führer, dass sie ihn liebevoll Adolf nannten. Adolf, der Führer, Arbeitslager! Geschichte hautnah, einfach so gratis in der U-Bahn. Diese alten Schachteln meckerten und wir kicherten. So hatte jeder was davon. Action für alle.

Trotzdem fragte ich mich damals, warum diese Omas so vergrätzt waren. Nie hätte ich mir vorstellen können, dass ich auch so werde. Und jetzt? Ich kann es nicht anders sagen, aber ich sehe bei mir erste Tendenzen auch eine alte zeternde Nazioma zu werden.

Noch spielt sich meine Empörtheit lediglich in mir drinnen ab. Noch habe ich mich unter Kontrolle. Aber immer häufiger ertappe ich mich, wie ich: „Das gibt’s ja wohl nicht!“ denke. Oder leise „Na, war ja klar jewesen.“ flüstere.

Aquagymnastik. Im Wasser sind zwei Teenagerinnen. Sie haben noch gar nichts gemacht, sind einfach nur da und ich denke: Pfffff. Mist. Auch das noch.
Wenn sie dann anfangen rumzuplanschen und zu gackern, so wie es ein anständiger Teenager halt macht, dann brodelt es in mir: Wehe, die spritzen hier mit Wasser! Wehe meine Haare werden nass! Und natürlich nehmen sie sich jedes Wasserspielzeug mit ins Becken und weil sich so ein Teenager ja nicht lange konzentrieren kann landet alles nach kürzester Zeit wieder am Beckenrand. Und ab da kann ich nicht mehr. Ich kann mich auf nichts mehr konzentrieren. Frau Dienstag erzählt mir von ihrem Wochende, Frl. Krise stellt tiefschürfende philosophische Theorien auf, aber in meinem Kopf gibt es nur einen Satz: „Die werden die Sachen nicht wegräumen! Darauf wette ich! Die lassen einfach alles liegen!“ Ich kann es gar nicht erwarten, dass sie gehen, nur damit ich sehe, dass sie DIE SACHEN NATÜRLICH NICHT WEGRÄUMEN!

Jetzt frage ich mich: Was ist mit mir los? Warum bin ich so? Warum ist es mir nicht egal, ob sie die Nudeln und die Hanteln wieder ins Regal legen? Vielleicht, weil ich nicht will, dass die Frauen vom Fitnessclub denken, dass WIR das waren?

Der Freund sagt, dass sei berufsbedingt. Dass ich immer will, dass alles seine Ordnung hat. Aber ich fürchte, das ist es nicht. Ich glaube es ist der Lauf der Dinge. Das Alter. Ich werde langsam zu einer alten vergrätzten zeternden Schrulle. Es dauert bestimmt nicht mehr lange, bis ich meinen inneren Ärger verbalisiere. Aber was sag ich dann? „Arbeitslager? Adolf?“ Ich weiß ja nicht mal, ob Hitler einen für Badespielzeug-am Beckenrand-liegen-lassen irgendwohin geschickt hätte. „Unter Helmut Schmidt hätte es das nicht gegeben?“ „Jugend von heute?“ „Nach mir die Sintflut?“

Und das Schlimmste ist ja, wenn ich diese Mädchen wäre, dann würde ich mein Zeug auch nicht wegräumen, weil ich wahrscheinlich gar nicht darauf kommen würde, dass das irgendjemanden stört.

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Optisanierung

Wenn du auf die Fünfzig zugehst, dann heißt Selbstoptimierung was anderes, als wenn man gerade Dreißig geworden ist. Als junger Mensch optimiert man an sich rum, so wie man ein neues Haus baut: Alles nur vom Feinsten. Alles neu! Alles ist schon super und soll noch toller werden. Ich glaub ich nehme doch den teureren Boden fürs Bad. Ach was sollst, die Küchenplatte soll ja ein Leben lang halten. Kann also ruhig was kosten. Fenster? Natürlich die Besten!

In meinem Alter optimiert man anders. Da saniert und repariert man eher. Schnell zur Zahnprofilaxe, bevor das Zahnfleisch ganz weg ist. Aquagymnastik nicht um geiler auszusehen, sondern, weil die Rückenschmerzen sonst gar nicht zu ertragen sind. Und überhaupt. Bikinifigur? Ich ziehe seit Jahrzehnten nur noch Badeanzüge an und das eigentlich sogar sehr ungern. Bin kurz vor dem Burkini.
Schuhkauf – lieber flachere Absätze wegen der Knieprobleme. Winterjacke – warm! Hauptsache sehr warm! Und Brille? Natürlich Brille!

Ich trage eine Brille, seit mir der Augenarzt im Krankenhaus sagte: „Klar dürfen Sie Kontaktlinsen tragen, wenn sie auf ein Auge verzichten können.“ Kann ich nicht, deshalb für mich nur noch Brille. Aber irgendwann werden die Augen ja im Nahbereich besser. Eigentlich wird wohl nur der Augenmuskel schwächer, aber plötzlich kann man wieder ohne Brille lesen. Anfangs dachte ich: Super. Endlich mal was, was sich von selbst mit dem Alter optimiert. Da gibt es ja nicht so viel, außer vielleicht das Gehalt.

Aber ohne Brille lesen können, heißt eigentlich nichts anderes, als mit Brille nicht mehr lesen zu können. Und das kann man ganz klar wieder als Defizit auslegen. Die Altersweitsichtigkeit – da ham wir es ja wieder. Kling ja wohl nicht gut: Altersweitsichtigkeit – ist vor allem für Lehrerinnen schlecht.

Als Lehrerin eine Brille tragen ist gut. Ich würde jedem Berufsanfänger dazu raten. Gibt ja auch Fakebrillen mit Fensterglas. Brille macht einfach schlauer und gehört, genauso wie das Schlüsselbund, zu jedem erstzunehmenden Pädagogen. So eine Art Dienstaccessoire. Die Brille schafft Distanz und wenn die Schüler sich an die Lehrkraft mit Brille gewöhnt haben, gibt es sowieso kein zurück mehr, denn dann lachen sie, wenn du die Brille abnimmst:

„Ha, sie sehen aus wie ein Maulwurf.“
„Oha, Sie haben voll Augenringe“
„Bitte setzen Sie die Brille schnell wieder auf!“

Brille ist also ein Muss. Aber dann kommt die Altersweitsichtigkeit. Und die kommt ab Mitte Vierzig! Bei JEDEM! Und plötzlich kann man die Schülerlisten nicht mehr lesen? Was macht man? Mehrere Möglichkeiten:

1. Man schiebt die Brille lässig auf den Kopf. So wie man das als Zwanzigjährige mit der Sonnenbrille getan hat. Aber da war man halt auch noch Zwanzig. Jetzt ist man Mitte Vierzig, gestresst, unausgeschlafen und die angeschwollenen Augen schwellen, wenn überhaupt erst nach der Mittagspause ab. Oder:

2. Man schiebt die Brille auf der Nase etwas nach unten, senkt dazu den Kopf und guckt über die Brille auf die Schülerliste. Ich weiß nicht warum, aber dabei reißt man außerdem automatisch die Augen weit auf. Während man das macht, fühlt man sich wie seine eigene Oma, die versucht eine Geburtstagskarte zu lesen. Und man sieht auch so aus. Und schließlich gibt es noch die Variante:

3. Unter der Brille durchgucken und dabei den Kopf heben. Auch nicht optimal.

Es gäbe noch die Möglichkeit sich eine Lesebrille vor die normale Brille zu setzen. Das würde ich aber höchstens für zu Hause empfehlen und auch dann nur, wenn man schon Jahre mit dem gleichen Partner zugange ist. Vor der Klasse taugt die zwei Brillenvariante überhaupt nicht.

Und ihr eitlen Kontaktlinsenträger… macht euch mal keine Hoffnungen… auch ihr werdet in die Altersweitsichtigkeit kommen und da könnt ihr euch dann zwischen Lesebrille und gar nichts Schriftliches mehr lesen können entscheiden.

Oder ihr macht das so wie ich und geht gleich zum Optiker und verlagt: einmal Gleitsicht bitte! Gleitsicht fetzt und ist jeden Cent, den sie kostet – und sie kostet- wert.

Lange Rede – hier der Sinn: Ich nutze also diese Ferien zur Selbstoptisanierung und besorge mir eine neue Brille. Mir kommt es so vor, als ob ich mit meiner (Gleitsicht)brille nicht mehr so gut lesen kann. Der eigentliche Grund allerdings: Frau Dienstag hat auch eine neue Brille.
Zur Kaufberatung nehme ich natürlich den Freund mit. Der Freund braucht keine Brille aber er ist stilsicher und er muss die Brille – im Gegensatz zu mir- ja immerzu sehen.

„Ich brauche eine neue Brille!“ sage ich und gehe sofort zum ersten Regal. Ein Vorteil des Alters: Ich halte mich nicht mehr mit unwichtigem Blah Blah auf. Ich gehe in einen Laden rein, druckse nicht lange rum. Ich sage was ich will und fange an zu suchen. Keine Verkäuferin kann sich über mich stülpen und mir Produkte andrehen, die ich nicht will. Soweit kommt es noch. Ich hab doch den Freund mit. Der ist meine Fachberatung. Ich probiere also alle Brillen in dem Laden auf und die, bei denen der Freund nicht sofort den Kopf schüttelt, die werden zur Seite gelegt. Und der Laden ist groß. Ich brauche mir die Billen auf meiner Nase gar nicht anzugucken, weil der Freund schon wissen wird, was gut aussieht und was nicht. Würde auch zu lange dauern, wenn ich jedes Mal in den Spiegel gucken müßte. Am Ende kommen ungefähr 20 Brillen in den Recall. Das wird eine ziemliche Arbeit, die alle wieder zurückzulegen. Na, eins ist klar, ich werde das nicht machen. Wie denn auch? Ich weiß ja nicht, wo die hin sollen.

Die engere Auswahl treffen wir im Sitzen und jetzt ist auch eine Fachverkäuferin an unserer Seite. Sie trägt zum Glück auch Brille. Vielleicht ein Muss, um hier zu arbeiten. Und wenn sie in Wirklichkeit keine braucht, dann kann sie sich ja trotzdem einfach jeden Tag irgendeine aus dem Laden aufsetzen. Optiker Dienstaccessoire. Ich probiere nacheinander jede einzelne Brille.

„Nimm mal die andere … Jetzt nochmal die …. Die kann weg!“
Der Freund und die Verkäuferin sind ein gutes Team. Wieder muss ich kaum in den Spiegel gucken.

„Setzten Sie nochmal ihre alte Brille auf!“ sagt die Verkäuferin. Sie mustert mich eine Weile und stellt dann fest: „Die ist etwas streng!“ Und plötzlich erinnere ich mich, nach welchen Kriterien ich früher jede meiner Brillen ausgesucht habe: „Die muss streng wirken! Die muss den Schülern Angst machen! Die Brille soll meine Autorität optimieren.“ Aber jetzt… jetzt mit fast Fünfzig sage ich: „Ich brauche eine Brille mit der ich freundlich aussehe!“ Mein Gesicht sieht schon so streng aus. Alles hängt und schlafft so rum, wie bei einer nörgelnden alten Kriegswitwe, die Kinder in der U-Bahn zurechtweist.

„Ich muss lieb und nett aussehen mit der Brille.“ Genial! Plötzlich wird mir klar, dass ich jetzt die Chance habe mein Standing in meiner Klasse um 180 Grad zu drehen. Das Verhältnis zu denen optimal zu optimieren. Mit dem Kauf einer freundlichen Brille werde ich ab nächster Woche die liebe Frau Freitag sein und dann ist die Klasse auch nicht mehr so garstig zu mir, wenn sie mich sieht. Dann werden ihre kleinen Teenagergesichter strahlen, wenn die freundlich aussehende Klassenmutti den Raum betritt. Super.

„Die ist gut! Die gibt Ihrem Gesicht einen sehr freundlichen Ausdruck!“ sagt die Verkäuferin plötzlich und der Freund nickt. Ich gucke in den Spiegel und muss lächeln. Diese freundliche Brille zwingt mich zu lächeln. Ich setze eine andere auf. Nichts. Dann wieder das freundliche Gestell und zack: breites Grinsen. Der Freund grinst, die Verkäuferin auch. Die Brille wird gekauft.

Verrückt. Eine neue Brille. Ein neuer Mensch! So geht optimales Optimieren. Nur schade, dass ich nächste Woche in der Schule erstmal grätzig anfangen muss, weil die Gläser erst in zehn Tagen fertig sind.

Schlimmer geht immer

Ferienhalbzeit. Ich bin nicht überzeugt davon, dass ich mich angemessen erhole. Und heute Nacht auch noch eine Stunde mehr. Was soll ich damit? Wache ich nicht um vier auf, sondern um drei. Ich wache immer auf, weil ich trinken muss. Dann schlafe ich wieder ein und dann muss ich aufs Klo.

Warum musst du trinken? fragt Frau Dienstag.

– Weil meine Kehle so ausgetrocknet ist.
– Voll blöd, sagt Frau Dienstag.

Kurz fühle ich mich gut. Mitleid tut gut. Aber dann sagt sie, es käme vom Schnarchen und man könne lernen nicht zu schnarchen.

– Du musst Bier trinken! Schlägt sie dann vor.
– Nachts?
– Ja.

Ich kann doch nicht nachts Bier trinken. Wird man dann nicht im Schlaf besoffen? Ich kann auch nicht zum Arzt gehen. Aus diversen Gründen:

1. Ich glaube man braucht einen Hausarzt – hab ich nicht
2. Muss der Hausarzt einen nicht an einen HNO Arzt überweisen?
3. Die trockene Kehle könnte auch was mit dem Rauchen zu tun haben.
4. Für so einen Arzt ist es ja leicht zu sagen: Rauchen aufhören!
5. Was ist, wenn er was Schlimmes feststellt. Darauf habe ich keinen Bock, denn
6. Reicht mir, dass ich noch die Steuer machen soll

– Du brauchst einen Hund, sagt Frau Dienstag.

Einen Pudel bräuchte ich, mit dem könnte ich dann morgens rausgehen und draußen rauchen. Ich kann doch aber auch drinnen rauchen und ich will gar nicht morgens rausgehen, wenn ich nicht zur Schule muss. Angeblich hätten voll viele Frauen jetzt einen Hund. Schöne Hunde hätten die. Hund statt Kind, denke ich. Deshalb also den Pudel. Da wo ich wohne, sehe ich die Frauen mit den Hunden aber gar nicht. Sie sieht sie. Statussymbol, sagt sie. Brauch ich nicht, denke und sage ich. Sie sagt: Ich rede nicht mehr schlecht über Frauen mit Hunden, wenn du einen hast. Versprochen. Ich bin noch nicht überzeugt.

Ich habe Fruchtfliegen. Viele und überall. Sie fliegen mir in die Nase, wenn ich auf der Couch liege. Wir haben kein Obst. Ich frage mich was sie bei uns wollen und wo sie herkommen. Sie fliegen auf den Bildschirm und ich zerquetsche sie mit dem Finger. Es werden trotzdem nicht weniger. Ich kann sie auch an der Fensterscheibe mit den Füßen zerquetschen. Klappt nicht immer. Sie krabbeln die Fenster hoch und runter.

Hätte ich Alltag und Schule, dann hätte ich keine Zeit, mir über die Fruchtfliegen Gedanken zu machen. Oder über diesen trockenen Fleck in meinem Hals oder über Hunde. Dann wäre: Englischarbeit und Simple Past und Betriebspraktikumsplatz und unfertige Lebensläufe und Schulversäumnisanzeigen und sowas. Wichtiges halt.

Frau Dienstag schickt mir Fotos von gestreiften Keksen, die sie gebacken hat. Das macht sie immer. Backen, dann Fotos schicken. Ich sage: War klar gewesen, dass jetzt wieder Kekse kommen. Sobald es draußen kalt wird, rennt sie auf Weihnachten zu. Ich sage: Will ich nichts von wissen, wenn ich keine kriege.
Aber dann offenbart sie ihr wahres Problem. Sie weiß nicht, ob sie sich eine Küchenmaschine kaufen soll. Weil eigentlich macht sie den Teig so gerne mit der Hand, aber die Küchenmaschine sei gerade im Angebot und das nur für eine Woche. Sie hätte jetzt schon Verlustängste, den Teig nicht mehr selbst zu kneten.

Ich sage: Kauf sie nicht.

Sie sagt, dass man während die Maschine knetet schon das Backblech einfetten kann.

Ich sage: Kauf sie!

Sie sagt: menno ich weiß nicht, was ich machen soll.

Ich sterbe an Kehlkopfkrebs und soll mir einen Hund anschaffen aber ihre Probleme sind dann doch schwerwiegender. Vielleicht soll ich ihr doch von den Fruchtfliegen erzählen. Das würde sie schocken. Fruchtfliegen Ende Oktober. Gerade habe ich eine auf meiner To-Do-Liste zerquetscht. Genau zwischen: Steuer 2016 und Klassenfahrtsabrechnung.

Eins ist mal klar: Für mich hat man die Ferien nicht erfunden.

Sterbehilfe

Facebook schickt mir Werbung für Sterbebegleitung. Bin kurz davor die durchzulesen.
Scheißferien. Sind kein brauchbares Konzept für mich. Ferien funktionieren nicht. Wenn man nicht woanders als hier ist, was soll man denn dann machen? Putzen? Aufräumen? Unterricht vorbereiten? Und die, die nicht hier sind, die liegen am Strand oder haben sonstwo Spaß. Nö. Einen Scheiß werde ich vorbereiten.

Ist das Konzept in den Ferien, das zu machen, was man sonst nicht schafft? An Vorsorge glaube ich nicht. Ist teuer und macht keinen Spaß. Neue Brillengläser? Pffff. Keine Lust. Klamotten kann ich auch keine mehr kaufen, weil ich keinen Platz mehr habe. Platz ist so eine Sache. Was machen andere Leute in ihren Ferien? Was macht Nick Cave heute? Wahrscheinlich hat der noch ein Konzert und denkt: Oh wie geil wäre das jetzt, Ferien zu haben. Ha, aber wenn er dann Ferien hätte … wat macht er dann?

Frau Dienstag tut so, als hätte sie keinen Ferienstress. Sie macht einfach weiter mit Sachen, die nicht zur Schule gehören. Sie macht sich was vor. Fenster putzen, tzzzz. Zahnarzt… wahrscheinlich sortiert sie in ihrer Wohnung noch irgendwas von links nach rechts. So macht man sich was vor. Dafür sind Ferien nicht da! Man soll sich erholen. Aber mir kommt das zu plötzlich. Plötzlich will keiner was von einem. Erst musst du dauernd im Dunkeln aufstehen, in die kack U-Bahn und dich stundenlang durch die Schule schleppen und plötzlich heißt es: Ausschlafen! Hähhh? Wie soll das denn gehen? Schläft Frau Dienstag überhaupt aus oder arbeitet sie ihre TO Do Liste schon um halb sieben ab? Ist ja nicht so, dass ich mir keine Liste gemacht hätte. Die liegt hier auf dem Schreibtisch und starrt mich an. Fühlt sich auch nicht gut an. Nichts auf der Liste verspricht Spaß zu machen. Warum schreibt man sich überhaupt solche Listen, wenn man die dann doch nicht abarbeitet? Steuer 2016, Klassenfahrt vom Sommer abrechnen, Noten ausrechnen, Texte Klasse Sieben verbessern…. wie weit entfernt von Ferienspaß ist das denn?

Ich mache eine neue Liste. Da steht dann: viel rauchen, viel Kaffee, etwas ungesundes essen, ein schlechtes Buch lesen… unterhaltsam aber schlecht, irgendwas was „leicht zu lesen ist“ – das höre ich oft über meine Bücher: „liest sich leicht“ … ha, wisst ihr was? Schrieb sich auch leicht. So, was kommt noch auf die Liste? Drinnen bleiben. Auf jeden Fall drinnen bleiben, auch, wenn draußen die Sonne scheint und abends die Höhle der Löwen gucken. Die Höhle der Löwen entwickelt sich langsam zu meiner Lieblingssendung.

Ich will auch Unternehmer sein und irgendwas skalieren. Ist Unternehmersein am Ende ein besserer Beruf als Lehrerin? Die Schüler wollen immer Chef werden. Arbeiten wollen sie irgendwie nicht. Sie wollen irgendwas haben. Wenn ich sage: „Werd doch Koch!“, dann überlegen sie ein paar Sekunden und sehen sich sofort in ihrem eigenen Restaurant. Als meine Klasse zur Betriebsbesichtigung in einem Sportwagenautohaus war, haben sie erstmal gemeckert, dass sie sich nicht in den Porsche setzen durften und die einzige Frage, die sie hatten war: „Wie wird man hier Chef?“
Als Lehrerin ist man ja auch Chef. Würden die Schüler nicht so sehen. Aber was wissen die schon? Ich bestimme ja immer noch, was gemacht wird. Wenn sie fragen: „Können wir dabei Musik hören?“ Dann sag ich eiskalt: „Nein!“ Weil ich der Chef bin. Aber in den Ferien? Von was bin ich da Chef? Jetzt treffe ich gleich Frau Dienstag und dann gehen wir zum Sport. Vorher trinken wir einen Orangensaft. Für Kaffee ist es zu spät. Sogar in den Ferien. Frau Dienstag wird mir erzählen, was sie heute alles geschafft hat. Als ginge es ums schaffen. Was schaffen denn die Leute, die weggefahren sind? Nichts! Ich werde mir das alles anhören und sagen, dass ich mein Buch beendet habe. Und dann über das Buch sprechen. Das Buch, das mir eingetlich gar nicht so gut gefallen hat. Dauernd dachte ich: Na, hier hätte sie aber so und dort nicht so machen können. Und dann hat sie auch noch so einen hohen Vorschuß für das Buch bekommen. Das freut mich zwar, aber das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum das Buch ein Erfolg ist, auch, wenn es gar nicht so gut ist.

Heute

„Die Fenster sind schon geputzt!“, sagt Frau Dienstag. Natürlich sind die Fenster schon geputzt.
Wir haben seit gestern Ferien. Und was macht Frau Dienstag? „Ich hab mir gleich eine TO DO Liste gemacht.“
Mir machen die Ferien zu schaffen. Ich schaff nix. Morgens lese ich ein Buch und dann ärgere ich mich über das Buch. Aber ich muss es fertig lesen, damit ich dann die Kritiken zum Buch im Internet suchen kann. Haben die Kritiker die gleiche Kritik wie ich? Ja. Und schon ist mein Vormittag ein bisschen gerettet. Draußen ist auch schlechtes Wetter. Muss man sowieso drinnen bleiben. Fenster putzen geht auch nicht, weil es von außen zu kalt ist. Halb zwei das Buch beendet, um zwei sämtliche Kritiken gelesen, um drei die Zähne geputzt. Das war’s. Was jetzt? Noch fast zwei Wochen Ferien.