Der Weihnachtsmann weiss Bescheid

„Entschuldigung, ich suche Palmin.“
„Da oben.“
Endlich gefunden. Glückshormone breiten sich in mir aus. Wir wollen heute Abend Fondue machen. Der Freund war gestern schon einkaufen. „Hast du alles bekommen?“
„Ja, nur kein Palmin.“ Wie soll man denn ohne Palmin ein Fondue machen? Palmin ist doch eigentlich das Wichtigste. Eigentlich kann man auf den ganzen anderen Krempel den er gekauft hat verzichten. Auf Palmin nicht!
Also ziehe ich eben noch mal los. Zu Kaiser’s. Ein Spaß, der sich dezent in Grenzen hält, denn anscheinend haben die anderen Leute auch alle was vergessen. Ich kaufe noch Senf (extra stark) und Fanta. Vielleicht will ich zur Feier des Tages ein Alster trinken. Dann stelle ich mich an. Dieses ewige Anstehen ist der Grund, warum ich nicht mehr einkaufen gehe. Ich kann das nicht ab – dieses Warten und Stehen. Früher – kein Problem – da stand ich dauernd irgendwo rum. An der Bushaltestelle, vor dem Chemieraum, vor der Disco, vor dem Haus von dem Jungen, den ich gut fand. Heute nervt mich das Rumstehen.
Aber muss ja, muss ja, ich will ja mein Palmin bezahlen. Ich lege alles ordentlich auf das Band und blockiere meine Sachen auch noch vorne und hinten mit so einem Blockierungsteil. Da ich, wie gesagt so selten einkaufen gehe, vergesse ich schon mal zu blockieren und habe schon mehrmals für totale Verwirrung und Stornierungen gesorgt. Heute nicht. Mein Palmin, mein Senf und die Fanta liegen gut getrennt von den anderen Einkäufen vor mir.

Plötzlich hinter mir eine Stimme: „Entschuldigung, ist das Ihr Palmin?“
Ich drehe mich um und denke mich trifft der Schlag. Da steht der Weihnachtsmann. Original der Weihnachtsmann. Mit langem weißen Bart und langen weißen Haaren. Aber nicht in rotem Mantel, sondern in einem grünen Schimanskiparker.
„Ja, das ist meins.“
„Darf ich fragen, warum Sie das kaufen?“
„Ich will Fondue machen.“
„Aber das sind gehärtete Fette, die sind sehr ungesund. Warum nehmen Sie nicht Biskin? Das ist auch viel billiger.“
Biskin-Palmin… ich bin verwirrt.
„Ich…äh… ich nehme immer Palmin.“ Ja, ich bin geradezu überzeugt davon, dass man Palmin nehmen muss. Dass man nichts anderes für sein Fondue verwenden DARF. Ich gucke mir den Weihnachtsmann genauer an. Der Weihnachtsmann kennt sich also aus mit gehärteten Fetten und er riecht komisch. Was soll ich denn jetzt machen? Was ist denn wenn er recht hat? Vielleicht ist Palmin wirklich schlecht. Vielleicht kommt Palmin geradewegs aus der Hölle. Aber die Schlange reicht mittlerweile bis zur Fleischtheke. Ich kann doch jetzt nicht losrennen und mein Palmin gegen Biskin umtauschen.

„Außerdem sind die alle einzeln verpackt.“ Auch da hat er recht. Ich denke nach und gucke zur Verkäuferin. Die rollt mit den Augen und schüttelt leicht den Kopf. Der Weihnachtsmann erinnert mich auch an Balthasar aus Ben Hur gestern. Balthasar hätte bestimmt Biskin mitgebracht als Geschenk. Einen fetten Brocken Biskin hätte er neben die Myrrhe gelegt und nicht dieses fiese einzeln verpackte Palmin…
Die Verkäuferin zieht die Fanta über den Scanner. Greift sich dann die erste Packung mit dem schädlichen Fett. Diese gemeine Schlange. Sie grinst mir aufmunternd zu. Gibt mir nonverbal zu verstehen, dass der Weihnachtsmann spinnt. Will sie etwa, dass ich sterbe? Ich möchte Absolution. Es ist Heilgabend und ich möchte nicht krank werden und meine Geschwister und der Freund, die will ich auch nicht mit dem Palmin töten. Aber keiner sagt was.

„Ich mach nur einmal im Jahr Fondue. Wird schon nicht so schlimm sein, oder?“ Wieder Stille. Ich bezahle. Die Verkäuferin hilft mir sogar mein Palmin in meine Tasche zu stopfen. Vielleicht will ich es aber doch noch umtauschen. Umtauschen gegen das gute Biskin. Zu spät.

Ich gehe zur Brottheke. Der Weihnachtsmann folgt mir. Oh Gott, ich wollte doch noch Baguette kaufen. Was er wohl von weißem Mehl hält?

Frohe Weihnachten euch allen!

Nicht einfach zugreifen!!!

„Du hättest die Toffifees doch auch ins Lehrerzimmer stellen können.“, sagt eine Freundin. Ja, hätte ich…aber mit dem ins-Lehrerzimmer-stellen ist das immer so eine Sache. Da werden die Sachen gar nicht ihrem Wert entsprechend gewürdigt. Da stürzen sich die Kollegen dann drauf und weg sind sie.

Was ist das eigentlich mit den Lehrern und dem Hunger? Warum haben wir im Lehrerzimmer eigentlich IMMER Kohldampf? Wenn ich mir manche Kollegen ansehe, dann könnte man meinen sie dürften NUR im Lehrerzimmer Nahrung zu sich nehmen. Äußerst ausgehungert sind wir dort. Ick ooch.

Hier mal ein Tipp für Berufseinsteiger:
Was machst du, wenn du im Lehrerzimmer Essen siehst. Nicht einfach zugreifen!!!!
Also erstmal kommt es auf den Standort der Nahrung an. Bei uns gibt es mehrere Gruppentische im Lehrerzimmer, an denen eigentlich alle Kollegen in den Pausen sitzen können sollten. Die Plätze reichen nicht für alle unterrichtenden Lehrer und sämtliches pädagogisches Personal. Trotzdem haben sich einige Kollegen an einzelnen Plätzen breit gemacht und belegen dort mit ihrem persönlichem Kram den kollektiven Platz. Warum weiß ich auch nicht.

Und auf diesen Tischen liegen gerne mal Süßigkeiten rum. Achtung! Die sind wahrscheinlich nicht für die Allgemeinheit bestimmt. Will man sich daran bedienen, muss man warten, bis niemand im Lehrerzimmer ist – also Finger weg in den Pausen!

Anders verhält es sich mit den Sachen am neutralen Ort – da, wo die Einstand- Ausstand Freßalien immer stehen. Bei uns ist das die Theke der Küchenzeile. Diese Sachen sind zum Verzehr gedacht. Aber liebe Junglehrer – jetzt auch nicht einfach hingehen und zugrabschen!

Ich verrate euch, wie man das macht:
Zunächst schleicht man um das Essen rum. Und murmelt so Sachen wie: „Ohhhh, Apfelkuchen!“, „Ach, Nudelsalat…“ oder „Hmmmmm, lecker belegte Brötchen.“
Dann guckt man sich im Lehrerzimmer um und versucht den Blick eines Kollegen zu erhaschen. Dann muss man fragen: „Hat jemand Geburtstag?“ Und hier ist es sehr wichtig die Antwort abzuwarten, denn oft sind die belegten Brötchen Teil einer Verkaufsaktion der Kochgruppe oder einer Klasse, die uns weismachen will, dass sie Geld für eine Klassenfahrt sammelt. Als zahle das Job Center nicht alle Reisen…

Mittlerweile haben sich ja bestimmt noch andere Kollegen zu dem Essen gesellt und murmeln: „Ohhh, Apfelkuchen…“.
Die älteren Kollegen, die schon Jahrzehnte an der Schule sind fragen evtl. auch gleich: „Wer hat Geburtstag?“ Oder sie wissen es sogar schon und sagen: „Schwalle ist 60 geworden.“ Dann antwortet der Junglehrer bitte: „EEEECHT, 60…sie sieht gar nicht wie 60 aus.“ (Als wüsste so ein ignoranter Junglehrer wie man mit 60 aussieht… tzzzz). Wenn Frau Schwalle im Raum ist, geht man natürlich erst gratulieren, bevor man sich auf das Essen stürzt.

Und auf keinen Fall vor dem Essen stehend über das Essen lästern. Bitte unterdrückt das: „Ihhh, da ist ja ein Haar drin.“ oder ein: „Boahhh voll versalzen.“ Jedenfalls nicht übers Essen meckern, bevor ihr wisst, wer es mitgebracht hat. Auch wenn die Tiefkühltorte innen noch gefroren oder der Kartoffelsalat schon abgelaufen ist.

Dann gibt es immer wieder Essen, dass in den Fächern steht. Ein Stück Apfeltorte auf einer kleinen Untertasse. Eine Portion Kartoffelsalat und ein angebissenes Würstchen. Was mit den Sachen ist, weiss ich auch nicht. Darf man sich die nehmen? Keine Ahnung. Ich glaube ja.

Die Toffi-Fee

„Willst du auch ein Toffifee?“, frage ich den Freund und halte ihm die noch ungeöffnete Packung unter die Nase. „Nee, will ich nicht. Macht nur fett.“ Umso besser, bleiben mehr für mich. Jetzt stopfe ich mir schon den fünften von den kleinen Teilen rein. Wenn man so viele hat, braucht man beim Verzehr auch nicht so ein Brimborium zu machen, wie sonst immer. Normalerweise darf man sich ja immer nur ein Toffifee nehmen – also wenn einem nicht die Packung gehört. Und dann wird die Vertilgung aber auch dementsprechend zelebriert – erst die Schokolade weglutschen, indem man den Toffifee (ich denke mal, das ist ein „der“) falschrum in den Mund nimmt usw.

Aber heute habe ich eine ganze Packung von diesen leckeren Halbkugeln für mich alleine und die esse ich jetzt statt Frühstück. Was man nicht alles macht in den Ferien.

Ich war so stolz auf mich gestern. Ich bin extra vor dem Unterricht noch zu Edeka und habe eine Packung Toffifees gekauft. Obwohl das eigentlich gar nicht meine Art ist. Ich bin nicht die große Mitbringerin. In der letzten Englischstunde dieses Jahres wollte ich mal nicht so sein und hatte meiner Klasse gesagt, dass wir es uns gemütlich machen und sie sollten alle was zu Essen und zu Trinken mitbringen. Und ich wollte halt auch nicht mit leeren Händen dastehen.

Wir stellten die Tische zusammen und nach 10 Sekunde standen da 8 Chipstüten, Kuchen, Börek und eine Flasche Eistee (Pfirsich) und eine RIESENPACKUNG Toffifees. Ich wollte gerade zu meiner Tasche gehen und meine Toffis rausholen. Aber da protzte nun diese 100er Schachtel. Wie hätte das denn ausgesehen, wenn ich meine läpischen 15 Teilchen dazugelegt hätte? Wäre doch voll peinlich gewesen. Also habe ich mich an den Chips bedient, auch an den Toffifees und natürlich am Eistee und meine Packung schön in der Schultasche gelassen.

Ich mochte die immer so gerne. Aber wenn man so viele von denen hintereinander isst, dann schmecken die gar nicht mehr so gut und im aus-der-Packung-drücken war ich auch schon mal besser. Tja.

Hausaufgabenstunde und nur eine arbeitet

Herr Müller stand morgens an einem Tisch im Lehrerzimmer – ein Berg Zettel und Papiere vor sich – sortierend und grinst mich an. Ich wollte mich vor lauter schlechtem Gewissen in den gammeligen Lehrerzimmerteppich einrollen und bis zum Stundenbeginn dort verstecken, aber er hatte mich ja schon gesehen. „Na, das kannst ja nur DU gewesen sein.“ sagt er. gar nicht so sauer, wie ich erwartet hätte. „Warte mal ab – das gibt noch Revenge. Die wird aber härter ausfallen.“

Hausaufgabenstunde in meiner Klasse. „Frau Freitag, warum müssen wir eigentlich diese blöde Hausaufgabenstunde haben?“ Die Fragen der Schüler bewegen sich immer mehr auf der Metaebene. Sie werden erwachsen. Stellen alles in Frage.
„Warum sprechen Sie Amerikanisches Englisch?“
„Weil ich in Amerika war.“
„Aber Sie müssen uns Englisches Englisch beibringen.“
„Beschwer dich bei der Schulleitung.“
„Das hier ist eine Ganztagsschule und da muss man Hausaufgabenstunden anbieten.“
„Aber eigentlich müsste es doch auf einer Ganztagsschule gar keine Hausaufgaben geben.“
„Und wie solltet ihr dann was lernen?“
„Unterricht. Reicht doch.“
„Reicht ja eben nicht. Sonst wärt ihr ja alle nicht so schlecht. Abgesehen davon machen doch die Meisten hier gar keine Hausaufgaben.“

Und wahrlich – wenn ich mich in diesen Hausaufgabenstunden umsehe – ein Bild des Schreckens. Diese Stunde müsste Hausaufgabenvermeidungsstunde heißen. Die Schüler tun wirklich ALLES, um NICHT ihre Hausaufgaben zu machen. Suchen auf Facebook nach Ablenkung, müssen aufs Klo, versuchen heimlich zu essen oder zu trinken, kritzeln auf ihren Arbeitsblättern rum oder starren einfach nur ins Lehrwerk. Das sind mir die Liebsten. Sitzen die ganze Stunde bewegungslos da und glotzen auf das offene Buch. „Volkan, was machst du?“
„Ich lerne.“
„Du starrst vor dich hin.“
„Nein, ich lerne.“
Volkan kann auch die gesamte Kunststunde vor seinem Blatt sitzen und keinen Finger rühren. Wenn man ihn anspricht – „Was denn? Ich muss nachdenken.“

Nur ich arbeite sehr fleißig in den Hausaufgabenstunden. Ich trage die fehlenden Schüler ein, verwalte Fehlzettel und nehme Entschuldigungen entgegen. Plötzlich höre ich Volkans Stimme.

„Frau Freitag?“
„Hmmm.“ Ich gucke nicht hoch, denn ich versuche gerade die Entschuldigung von Vanessa in die Fehlzeitenliste einzutragen. Aber wo steht Vanessa?

„Frau Freitag, haben Sie zu Hause einen Tampon?“
Ich: ???????? Jetzt gucke ich doch hoch. Hat Volkan mich das wirklich gerade gefragt?
Volkan wartet auf meine Antwort.
Ich kann es nicht fassen. Was fragt der mich denn für seltsame Dinge. Ist doch eigentlich gar nicht seine Art. Und warum will er das wissen? Natürlich habe ich zu hause einen Tampon. Sogar mehrere. Entgegen den Annahmen einiger jüngerer Kollegen bin ich noch nicht in den Wechseljahren. Ich habe sogar einen Tampon in meiner Schultasche. Ob Volkan den mal sehen will? Spinnt der jetzt völlig?

„Volkan, ob ich ich einen TAMPON zu Hause habe???? Was ist denn das für eine Frage????“
Die gesamte Mädchenriege schreckt hoch und fängt an zu lachen. Volkan guckt mich entsetzt an.
„Äh? Das habe ich doch gar nicht gefragt.“
„Hast du mich nicht eben gefragt ob ich einen TAMPON zu Hause habe?“
Jetzt kichern auch die Jungs und alle warten auf Volkans Antwort.
„Nein, Frau Freitag, so rede ich doch gar nicht. Ich habe gefragt, ob Sie einen Tannenbaum zu Hause haben.“
„Oh, sorry, ich hatte verstanden TAMPON.“ Bei dem T-Wort zuckt Volkan peinlich berührt zusammen.
„Nein Volkan. Hab‘ ich nicht. Du?“

Okay, Wechseljahre habe ich noch nicht. Aber mein Gehör scheint langsam nachzulassen. Wird Zeit, dass die Ferien kommen.

Tipps für die Ferien

„Sie machen das jetzt zum dritten Mal!“, schnauzt mich die blonde Frau vor mir an. Angeblich habe ich sie beim Warten auf die U-Bahn drei mal angerempelt. War mir gar nicht aufgefallen. Dann endlich kommt die Bahn und ich finde sogar einen Sitzplatz. Mache mich aber anscheinend zu breit, denn plötzlich zieht der Mann neben mir wütend seinen Mantel unter meinem Po weg. Oh Mann, alle sind so angespannt. Hoffentlich überträgt sich das nicht auf mich.

Als Entschuldigung kommt immer der Lichtmangel und das Wetter. Ich habe gar nichts gegen Lichtmangel und Wetter. Ich freue mich auf die Ferien und die Zeit drinnen. Lesen, gammeln, TV, essen vielleicht ein bisschen Sport und sonst nichts! Wenn ich mich langweile kann ich ein paar Kunstarbeiten zensieren oder Noten für das Halbjahreszeugnis machen. Das war’s dann aber auch schon.

Früher habe ich immer versucht vor den Ferien ein Thema – in Kunst oder in Englisch – zu beenden, damit ich nach den Ferien frisch mit was Neuem starten kann. Dieser Fehler passiert mir jetzt nicht mehr. Denn wenn man etwas beendet hat, dann muss man sich ja etwas Neues suchen und das sucht man dann in seinen wohlverdienten Ferien. Wenn man schlau ist, behält man noch eine oder zwei Stunden für die Bearbeitung des alten Themas für nach den Ferien über. Dann braucht man sich in der freien Zeit noch nicht so den Kopf zu machen. Sind wir mal ehrlich – ob man nun zwei Wochen zu hause überlegt, was man mit der Siebten in Kunst macht, oder am Wochenende nach der ersten Schulwoche, macht doch eigentlich keinen Unterschied. Also für die Schüler nicht – für dich schon, denn du vergurkst dir damit deine freien Tage. Und in denen solltest du dich erholen und nicht darüber nachgrübeln, ob man noch den Farbkreis nach Ibsen oder gleich Hundertwasser macht.

Ein guter Trick ist auch, den Schreibtisch an dem Wochenende VOR den Ferien aufzuräumen, dann kannst du dich die ganzen zwei Wochen daran erfreuen. Von der Couch aus. Vor dem Fernseher. Außerdem brauchen die meisten Lehrer ja die Ferien dazu, drüber nachzugrübeln, ob sie nicht ganz was anderes machen könnten. Etwas, was weit entfernt ist von der Arbeit mit pubertierenden Halbkriminellen, die zu gar nichts Lust haben. Ich habe eine Freundin, die sagt mir seit 13 Jahren, dass sie eigentlich gar nicht Lehrerin sein möchte und in den nächsten Ferien mal überlegen wird, womit man alternativ Geld verdienen könnte. Sie ist immer noch an der Schule.

Falls euch das auch so geht, dann sucht euch mal lieber ein schönes Hobby. Ich könnte exessives Stricken von bunten Strümpfen oder Marmelade einkochen empfehlen. Schreiben fetzt auch. Man braucht gar nicht so viele Worte für ein ganzes Buch, wie man immer denkt. Schön abtauchen in Parallelwelten. Warum sollte man die Parallelwelten immer nur den Migranten und den Schülern überlassen. Tagsüber unterrichtet man das simple past und keinen interessiert’s und abends schreibt man herzzerreißende Frauenromane. „Wird die schöne Brigitte den stattlichen Arzt jemals wieder sehen? Brigitte wird in drei Tagen ihr geliebtes Afrika für immer verlassen. Das Ticket war schon gekauft. Aber was würde aus ihr und Doktor Clark werden? Sollte sie nicht doch auf ihr Herz hören? Plötzlich öffnete sich die Tür. Doktor Clark!“ usw.

Man könnte auch Science Fiction Romane schreiben: „Oh nein! Ein Astralsturm!“ Das Raumschiff fing an zu trudeln. Gefährliche Schieflage! Der Captain zitierte die gesamte Besatzung auf die Brücke. „Sir,“, flüsterte Leutnant Steven mit einem beängstigendem Unterton in der Stimme „Ich glaube das ist kein Astralsturm. Das ist der Angriff der Förderation.“ „Oh Gott, eine Inklusion! Wir sind alle verloren.“ schrie der Captain. Alle erstarrten.“

Schreiben ist echt schön. Man dümpelt stundenlang in Afrika oder im Weltraum rum, schläft zufrieden ein, und dann macht es einem am nächsten Morgen auch gar nicht mehr so viel aus, dass niemand weiß, was unregelmäßige Verben sind.

Weihnachtsfeier halt

„Wir könnten alle Sachen in den Fächern vertauschen.“ schlage ich vor und Herr Müller kichert. Der Weihnachtsfeierglühwein breitet sich in meinem Körper aus. Ich wollte mir nur schnell meine Zigaretten aus dem Lehrerzimmer holen und dort traf ich auf Herrn Müller.

Nie ist das Lehrerzimmer so leer (lehr?). Nie ist es draußen so dunkel.
„Das gäbe aber ein ganz schönes Chaos.“ sagt Herr Müller.

Ich merke schon, er will kneifen. „Das wäre doch voll lustig. Stell dir mal vor, ich gehe morgen an mein Fach und da liegen die ganzen Sachen von Herrn Müller drin. Und auch der Stundenplan von Herrn Müller und dann müsste ich in deinen Unterricht gehen und deinen Unterricht unterrichten und abends müsste ich auch zu dir nach Hause gehen. Zu Frau Müller. Denn ich bin ja dann du.“

Herr Müller holt sich ein Taschentuch aus seiner Jacke. Er wollte nur ein Taschentuch holen und jetzt versuche ich ihn davon zu überzeugen, dass es doch ein riesen Gag wäre, wenn wir alle Sachen aus den Fächern der Kollegen….

Ich gucke mir die Fächer an. Es sind viele. Sehr viele. Und sie sind voll. Die meisten sind voll. Meins ist voll. Jeden Tag nehme ich mir vor es zu leeren. Nie leere ich. Bei manchen Kollegen ist das Fach so voll, dass man eigentlich gar nichts mehr reinlegen kann. Nur reinstopfen geht gerade noch – aber dann zerknittert meistens irgendwas. Egal wie lange oder wie kurz ein Lehrer bei uns an der Schule ist. Egal wie oft er kommt, egal wie sein oder ihr Unterricht ist – ein Fach haben sie alle.

Bei einigen sind die Fächer leer. Vielleicht bei acht Kollegen ist das so. Erster Gedanke, wenn man so ein Fach sieht: tot. Dann – der ist ja auch kein Klassenlehrer. Dann – diese Arroganz…

Herr Müller grinst: „Komm wir gehen wieder zu den anderen.“ Ich nehme meine Zigaretten aus meiner Jacke und gucke noch mal zu den Fächern. „Aber wäre doch voll lustig.“, prognostiziere ich und bin mir gar nicht mehr so sicher, ob die Kollegen das auch soooo lustig fänden.

Wir gehen zurück zur Weihnachtsfeier. Wir wollen ja das Dessert nicht verpassen. Herr Schmidt kommt hinter uns her. Er hatte seinen Mantel geholt. Auch ein Raucher. Er lacht, er hat alles mit gehört.

Wir essen, wir trinken, ich rauche, ich laber dummes Zeug, die anderen lachen, ich erzähle noch mehr Schwachsinn und irgendwann fragt Herr Schmidt: „Soll ich dich mit dem Auto mitnehmen?“ Und ich schreie begeistert: „Jaaaaa.“

Um zu seinem Auto zu kommen müssen wir durchs Lehrerzimmer. Vor den Fächern bleibt Herr Schmidt plötzlich stehen und guckt zu mir. „Wollen wir?“, fragt er.

Und ich bin sofort dabei. Ich stürze zum Fach von Herrn Müller. Es ist voll. Es quillt. Klassenlehrer! Ich rupfe mit beiden Händen an dem Zeug. Es will sein Fach nicht verlassen. Mehr Kraft. Dann fällt die Hälfte auf den Boden. Wohin jetzt damit? Neben dem Fach von Herrn Müller ist das Fach von Frau Schwalle. Leer. Tzzzzzz. Da stopfe ich den Müllerkram rein. Ich merke, dass einige Sachen zerknicken. Ich stopfe und stopfe. Hoffentlich waren das keine wichtigen Dokumente. Stopf, stopf. So. Fertig!

Dann aber: „Du Herr Schmidt… ich weiss nicht… meinst du nicht, dass das zu ..äh… vielleicht…“
„Ach Quatsch, jetzt hab dich mal nicht so!“
„Aber wenn Herr Müller jetzt böse wird. Sagst du dann, DU warst das?“
„Wir sagen WIR waren das. Und jetzt komm. Ich will nach Hause.“

Au Backe… hätte ich das bloß nicht gemacht. Jetzt traue ich mich gar nicht mehr in die Schule. Ich glaub, ich melde mich morgen krank.

PS: Heute ohne Video, weil der Computer sagt mein Flash-Irgendwas sei veraltet. Na und? Ich kenne nur Flash Gordon. Und ist alt gleich schlecht? Ich bin auch veraltet… und jetzt? Muss ich mich jetzt auch neu runterladen?

Pubertät von früh bis spät

Wenn ich nur einen Wunsch frei hätte, dann wäre es, dass man den vorgezogenen Schulanfang der Kinder wieder abschafft. Seit einigen Jahren werden die Kinder in Berlin bereits mit fünf eingeschult. Von Kolleginnen an den Grundschulen hört man dann Horrorgeschichten, von sich-ein-pullernden Erstklässlern, von Kindern, die nicht sprechen oder stillsitzen können.

Irgendwann kommen diese zu früh in die Bildungsanstalt geschleusten Halbwüchsigen, dann bei uns in der Siebten Klasse an. Früher waren sie ja in dem Alter erst Sechste, jetzt sind sie Siebte. Und so verschiebt sich alles. Und es verschiebt sich in keine gute Richtung. Okay, das mit dem Einpullern haben sie sich bis dahin abgewöhnt, dafür dürfen wir uns in den Oberschulen nun noch viel intensiver mit ihrer Pubertät auseinandersetzen als früher.

Früher – als alle noch schön mit sechs in die Schule kamen war das so: In der Siebten waren sie Babys. Leichte Vorpubertät, hibbeliges Rumgespacke und ein starker Bewegungsdrang kennzeichnete die damaligen Schüler der Siebten Klassen. In der Achten waren sie dann picklig und dicklich, kreischten rum, hatten mit Schule eigentlich so gar nichts am Hut und wenn man es sich aussuchen konnte, dann hat man damals über eine längere Abwesenheit oder eine nicht-Einplanung im Achten Jahrgang nicht gemeckert.
Kurz gesagt – in der Achten haben die Schüler eigentlich gar nichts gelernt. Sieht man mal vom Rauchen, Schminken, Knutschen und Lästern ab.

In der Neunten pubertierten dann die Jungs im ersten Halbjahr, da die Mädchen sich allerdings schon wieder von den hormonellen Verwirrungen verabschiedeten, hatten die Jungs eigentlich keine große Chance ihre Pubertät voll auszuleben. Die Mädchen dominieren eine Klassengemeinschaft und als pickliger Junge, mit zu langen Armen und fettigen Haaren läßt du dir von den Mädchen nur einmal sagen, dass du dich wie ein Baby benimmst. Da hälst du schön die Bälle flach und wichst zu Hause unter der Bettdecke.

Das zweite Halbjahr der Neunten Klasse war für uns Lehrer und Lehrerinnen dann immer die Belohnung für die Qualen in der Siebten und Achten. Die Schüler wurden von hormongesteuerten Monstern zu Menschen.
Da fiel es ihnen auch nicht schwer sich einen Praktikumsplatz zu suchen und dann drei Wochen in der Arbeitswelt zu glänzen, damit der Klassenlehrer sich in dem Lob der Betriebe sonnen konnte.
Die Zehnte war dann der reine Frühlingsspaziergang mit netten Jugendlichen, die höflich mit uns und den Mitschülern umgingen und deren einziges Interesse die Ausbildungsplatzsuche und der Schulabschluss waren. Die Zehnte Klasse verging früher komischerweise immer viel schneller als die Achte. Und am Ende der Zehnten warst du über ihren Weggang sehr, sehr traurig. Und das nicht nur, weil dir im nächsten jahr eine neue anstrengende Siebte blühte.

Und heute? Heute sind die Schüler 11 Jahre alt in der Siebten. Hibbelig und wuselig sind sie auch. Aber sie sind außerdem extrem vorpubertär. Das heißt, sie reden dauernd über Sex und haben keine Ahnung von nix. Wenn sie nicht gerade über irgendwelchen langweiligen PS3 Kram reden, und wenn sie denken ich sehe sie nicht, dann machen sie mit der Faust und dem halbgeöffnetem Mund eine Oralsexdemonstration, als täten sie in ihrer Freizeit nichts anderes. Dann kommen sie in die Achte und da geht es genauso weiter. Achte ist immer schlimm – anscheinend ist es egal, wann die Schüler eingeschult werden. Vielleicht hätte man statt der elften Klasse die Achte abschaffen sollen. Aber jetzt kommt die eigentliche Crux – in der früher so beliebten neunten Jahrgangsstufe sind die Schüler verhaltensmäßig drauf wie in der früheren Achten. Sie kichern, wenn die Berufsberater kommen und erzählen denen ernsthaft, dass sie Puffbesitzer werden wollen. Die Mädchen verstecken sich vielleicht noch hinter einem dahingeschleimten „Ich werde medizinische Fachangestellte“, dann wars das aber auch schon. Und die Jungs – mit denen ist in der Neunten gar nichts mehr los. Die wachsen einem bis zur Decke, die Arme baumeln auf dem Boden, die Haltung wird vom vielen Computerspielen und Internetpornos glotzen so schlecht, dass jeder Orthopäde laut aufschreien würde. Und im Hirn ist gar nicht mehr los. Das ganze Blut und jegliche Energie sitzt nun im Penis. Um den kreist in der Neunten alles. Nie einem Neuntklässler die Hand geben. Die waschen sie sich nicht und wo sie mit den Händen dauernd sind ist ja wohl klar. Nur mal so als kleiner Tipp.

Berufsvorbereitung kann man mit den Jungen in dieser Phase total vergessen. Unterricht sowieso. Und die Mädchen, die ja eigentlich noch in der Achten wären, sind einem da auch keine regulierende Hilfe, denn die haben genug mit ihrer eigenen hormonellen Übersteuerung zu tun. Und in der Zehnten sind dann eigentlich alle Messen gesungen. Niemand weiß, was er werden soll, denn niemand hat jemals in den Berufsorientierenden Unterrichtseinheiten aufgepasst. Die Schulleistungen sind schlecht und sich jetzt noch anzustrengen lohnt sich ja eigentlich auch gar nicht. Pragmatisch sind die lieben Kleinen ja immer. So gehen sie mit viel schlechteren Schulabschlüssen als früher von uns weg. Dafür sind sie ein Jahr jünger und haben also noch ein Jahr hintenraus Zeit in irgendwelchen Maßnahmen abzugammeln, bevor sie der Ernst des Lebens trifft.

Also liebe Verantwortliche bitte schult die Kinder später ein. Vier Jahre Pubertät – das haben wir echt nicht verdient! Das einzig Gute ist vielleicht, dass wir sie nicht mehr so doll vermissen, wenn sie weg sind.