Pubertät von früh bis spät

Wenn ich nur einen Wunsch frei hätte, dann wäre es, dass man den vorgezogenen Schulanfang der Kinder wieder abschafft. Seit einigen Jahren werden die Kinder in Berlin bereits mit fünf eingeschult. Von Kolleginnen an den Grundschulen hört man dann Horrorgeschichten, von sich-ein-pullernden Erstklässlern, von Kindern, die nicht sprechen oder stillsitzen können.

Irgendwann kommen diese zu früh in die Bildungsanstalt geschleusten Halbwüchsigen, dann bei uns in der Siebten Klasse an. Früher waren sie ja in dem Alter erst Sechste, jetzt sind sie Siebte. Und so verschiebt sich alles. Und es verschiebt sich in keine gute Richtung. Okay, das mit dem Einpullern haben sie sich bis dahin abgewöhnt, dafür dürfen wir uns in den Oberschulen nun noch viel intensiver mit ihrer Pubertät auseinandersetzen als früher.

Früher – als alle noch schön mit sechs in die Schule kamen war das so: In der Siebten waren sie Babys. Leichte Vorpubertät, hibbeliges Rumgespacke und ein starker Bewegungsdrang kennzeichnete die damaligen Schüler der Siebten Klassen. In der Achten waren sie dann picklig und dicklich, kreischten rum, hatten mit Schule eigentlich so gar nichts am Hut und wenn man es sich aussuchen konnte, dann hat man damals über eine längere Abwesenheit oder eine nicht-Einplanung im Achten Jahrgang nicht gemeckert.
Kurz gesagt – in der Achten haben die Schüler eigentlich gar nichts gelernt. Sieht man mal vom Rauchen, Schminken, Knutschen und Lästern ab.

In der Neunten pubertierten dann die Jungs im ersten Halbjahr, da die Mädchen sich allerdings schon wieder von den hormonellen Verwirrungen verabschiedeten, hatten die Jungs eigentlich keine große Chance ihre Pubertät voll auszuleben. Die Mädchen dominieren eine Klassengemeinschaft und als pickliger Junge, mit zu langen Armen und fettigen Haaren läßt du dir von den Mädchen nur einmal sagen, dass du dich wie ein Baby benimmst. Da hälst du schön die Bälle flach und wichst zu Hause unter der Bettdecke.

Das zweite Halbjahr der Neunten Klasse war für uns Lehrer und Lehrerinnen dann immer die Belohnung für die Qualen in der Siebten und Achten. Die Schüler wurden von hormongesteuerten Monstern zu Menschen.
Da fiel es ihnen auch nicht schwer sich einen Praktikumsplatz zu suchen und dann drei Wochen in der Arbeitswelt zu glänzen, damit der Klassenlehrer sich in dem Lob der Betriebe sonnen konnte.
Die Zehnte war dann der reine Frühlingsspaziergang mit netten Jugendlichen, die höflich mit uns und den Mitschülern umgingen und deren einziges Interesse die Ausbildungsplatzsuche und der Schulabschluss waren. Die Zehnte Klasse verging früher komischerweise immer viel schneller als die Achte. Und am Ende der Zehnten warst du über ihren Weggang sehr, sehr traurig. Und das nicht nur, weil dir im nächsten jahr eine neue anstrengende Siebte blühte.

Und heute? Heute sind die Schüler 11 Jahre alt in der Siebten. Hibbelig und wuselig sind sie auch. Aber sie sind außerdem extrem vorpubertär. Das heißt, sie reden dauernd über Sex und haben keine Ahnung von nix. Wenn sie nicht gerade über irgendwelchen langweiligen PS3 Kram reden, und wenn sie denken ich sehe sie nicht, dann machen sie mit der Faust und dem halbgeöffnetem Mund eine Oralsexdemonstration, als täten sie in ihrer Freizeit nichts anderes. Dann kommen sie in die Achte und da geht es genauso weiter. Achte ist immer schlimm – anscheinend ist es egal, wann die Schüler eingeschult werden. Vielleicht hätte man statt der elften Klasse die Achte abschaffen sollen. Aber jetzt kommt die eigentliche Crux – in der früher so beliebten neunten Jahrgangsstufe sind die Schüler verhaltensmäßig drauf wie in der früheren Achten. Sie kichern, wenn die Berufsberater kommen und erzählen denen ernsthaft, dass sie Puffbesitzer werden wollen. Die Mädchen verstecken sich vielleicht noch hinter einem dahingeschleimten „Ich werde medizinische Fachangestellte“, dann wars das aber auch schon. Und die Jungs – mit denen ist in der Neunten gar nichts mehr los. Die wachsen einem bis zur Decke, die Arme baumeln auf dem Boden, die Haltung wird vom vielen Computerspielen und Internetpornos glotzen so schlecht, dass jeder Orthopäde laut aufschreien würde. Und im Hirn ist gar nicht mehr los. Das ganze Blut und jegliche Energie sitzt nun im Penis. Um den kreist in der Neunten alles. Nie einem Neuntklässler die Hand geben. Die waschen sie sich nicht und wo sie mit den Händen dauernd sind ist ja wohl klar. Nur mal so als kleiner Tipp.

Berufsvorbereitung kann man mit den Jungen in dieser Phase total vergessen. Unterricht sowieso. Und die Mädchen, die ja eigentlich noch in der Achten wären, sind einem da auch keine regulierende Hilfe, denn die haben genug mit ihrer eigenen hormonellen Übersteuerung zu tun. Und in der Zehnten sind dann eigentlich alle Messen gesungen. Niemand weiß, was er werden soll, denn niemand hat jemals in den Berufsorientierenden Unterrichtseinheiten aufgepasst. Die Schulleistungen sind schlecht und sich jetzt noch anzustrengen lohnt sich ja eigentlich auch gar nicht. Pragmatisch sind die lieben Kleinen ja immer. So gehen sie mit viel schlechteren Schulabschlüssen als früher von uns weg. Dafür sind sie ein Jahr jünger und haben also noch ein Jahr hintenraus Zeit in irgendwelchen Maßnahmen abzugammeln, bevor sie der Ernst des Lebens trifft.

Also liebe Verantwortliche bitte schult die Kinder später ein. Vier Jahre Pubertät – das haben wir echt nicht verdient! Das einzig Gute ist vielleicht, dass wir sie nicht mehr so doll vermissen, wenn sie weg sind.

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Allgemein

13 Gedanken zu “Pubertät von früh bis spät

  1. Höchststrafe ist, wenn du sie noch ein weiteres Jahr hast, weil sie nach ihren nicht vorhandenen Abschlüssen wiederholen – oft ganze Klassen voll.

  2. Mir taten die Lehrer meiner Kinder in der Pubertät auch leid 😉 Die mussten sie tagsüber aushalten, ich sah sie nur beim Frühstück und Abendessen und ansonsten verzogen sie sich ins Zimmer um…..;-)

    Haben die Kinder bei euch dann theoretisch den Hauptschulabschluss mit 15? Das ist ja auch im Besten Fall viel zu früh um sich für einen Beruf zu entscheiden!!

    • ja, theoretisch wenn sie den schaffen. meine schüler sind 1999 geboren…also manche sind dann auch schon 16 – oder? Oh Mann, Mathe – ich hasse ihn.

  3. Ich bin Bibliothekarin (in Berlin) und habe heute mal wieder eine 1./2. Klasse betreut. Liebe Frau Freitag, da kommt noch einiges auf sie zu… die Erstklässler wirken so oft noch wie Kita-Kinder. Tja und anderen Kindern hätte ein zusätzliches Jahr Kita in Bezug auf Sprache etc. auch nur gut getan.

  4. Die Pubertät hält oft noch viel länger an.

    Neulich, Berufsschule (Schüler so ab 18 aufwärts), Azubis in einem anspruchsvollen Beruf, Partnerarbeit geplant: Ich verteile meine „opposite cards“, damit die Schüler nicht wieder mal nur mit ihrem vertrauten Nachbarn arbeiten, sondern den Partner finden müssen, der die Karte mit dem passenden Gegenteil gezogen hat.

    Plötzlich lautes Gejohle in der ersten Reihe: Zwei junge Männer, die nebeneinander sitzen, zeigen allen, dass der eine „long“ und der andere „hard“ gezogen hat. Die Klasse kriegt sich gar nicht wieder ein. Ja, schon lustig, aber eben auch ganz schön pubertär …

  5. Ich weiß nicht, bei der Verleihung der Abi-Zeugnisse diesen Sommer war knapp die Hälfte auch noch 17 un die jungen Damen und Herren wirkten durchaus vernünftig.

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