Hausaufgabenstunde und nur eine arbeitet

Herr Müller stand morgens an einem Tisch im Lehrerzimmer – ein Berg Zettel und Papiere vor sich – sortierend und grinst mich an. Ich wollte mich vor lauter schlechtem Gewissen in den gammeligen Lehrerzimmerteppich einrollen und bis zum Stundenbeginn dort verstecken, aber er hatte mich ja schon gesehen. „Na, das kannst ja nur DU gewesen sein.“ sagt er. gar nicht so sauer, wie ich erwartet hätte. „Warte mal ab – das gibt noch Revenge. Die wird aber härter ausfallen.“

Hausaufgabenstunde in meiner Klasse. „Frau Freitag, warum müssen wir eigentlich diese blöde Hausaufgabenstunde haben?“ Die Fragen der Schüler bewegen sich immer mehr auf der Metaebene. Sie werden erwachsen. Stellen alles in Frage.
„Warum sprechen Sie Amerikanisches Englisch?“
„Weil ich in Amerika war.“
„Aber Sie müssen uns Englisches Englisch beibringen.“
„Beschwer dich bei der Schulleitung.“
„Das hier ist eine Ganztagsschule und da muss man Hausaufgabenstunden anbieten.“
„Aber eigentlich müsste es doch auf einer Ganztagsschule gar keine Hausaufgaben geben.“
„Und wie solltet ihr dann was lernen?“
„Unterricht. Reicht doch.“
„Reicht ja eben nicht. Sonst wärt ihr ja alle nicht so schlecht. Abgesehen davon machen doch die Meisten hier gar keine Hausaufgaben.“

Und wahrlich – wenn ich mich in diesen Hausaufgabenstunden umsehe – ein Bild des Schreckens. Diese Stunde müsste Hausaufgabenvermeidungsstunde heißen. Die Schüler tun wirklich ALLES, um NICHT ihre Hausaufgaben zu machen. Suchen auf Facebook nach Ablenkung, müssen aufs Klo, versuchen heimlich zu essen oder zu trinken, kritzeln auf ihren Arbeitsblättern rum oder starren einfach nur ins Lehrwerk. Das sind mir die Liebsten. Sitzen die ganze Stunde bewegungslos da und glotzen auf das offene Buch. „Volkan, was machst du?“
„Ich lerne.“
„Du starrst vor dich hin.“
„Nein, ich lerne.“
Volkan kann auch die gesamte Kunststunde vor seinem Blatt sitzen und keinen Finger rühren. Wenn man ihn anspricht – „Was denn? Ich muss nachdenken.“

Nur ich arbeite sehr fleißig in den Hausaufgabenstunden. Ich trage die fehlenden Schüler ein, verwalte Fehlzettel und nehme Entschuldigungen entgegen. Plötzlich höre ich Volkans Stimme.

„Frau Freitag?“
„Hmmm.“ Ich gucke nicht hoch, denn ich versuche gerade die Entschuldigung von Vanessa in die Fehlzeitenliste einzutragen. Aber wo steht Vanessa?

„Frau Freitag, haben Sie zu Hause einen Tampon?“
Ich: ???????? Jetzt gucke ich doch hoch. Hat Volkan mich das wirklich gerade gefragt?
Volkan wartet auf meine Antwort.
Ich kann es nicht fassen. Was fragt der mich denn für seltsame Dinge. Ist doch eigentlich gar nicht seine Art. Und warum will er das wissen? Natürlich habe ich zu hause einen Tampon. Sogar mehrere. Entgegen den Annahmen einiger jüngerer Kollegen bin ich noch nicht in den Wechseljahren. Ich habe sogar einen Tampon in meiner Schultasche. Ob Volkan den mal sehen will? Spinnt der jetzt völlig?

„Volkan, ob ich ich einen TAMPON zu Hause habe???? Was ist denn das für eine Frage????“
Die gesamte Mädchenriege schreckt hoch und fängt an zu lachen. Volkan guckt mich entsetzt an.
„Äh? Das habe ich doch gar nicht gefragt.“
„Hast du mich nicht eben gefragt ob ich einen TAMPON zu Hause habe?“
Jetzt kichern auch die Jungs und alle warten auf Volkans Antwort.
„Nein, Frau Freitag, so rede ich doch gar nicht. Ich habe gefragt, ob Sie einen Tannenbaum zu Hause haben.“
„Oh, sorry, ich hatte verstanden TAMPON.“ Bei dem T-Wort zuckt Volkan peinlich berührt zusammen.
„Nein Volkan. Hab‘ ich nicht. Du?“

Okay, Wechseljahre habe ich noch nicht. Aber mein Gehör scheint langsam nachzulassen. Wird Zeit, dass die Ferien kommen.

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Allgemein

12 Gedanken zu “Hausaufgabenstunde und nur eine arbeitet

  1. Ich arbeitete mal mit einem Kollegen, der sagte, er wolle das Hörgerät kombiniert mit seiner (sehr starken Brille) haben. Also an der Brille befestigt.
    Dann reiche ein Griff, und er höre und sehe seine Frau nicht mehr 😉

  2. hach schön, dass Sie wieder da sind! haben Ihre schüler noch keine ferien? Nettes neues Bildchen haben Sie da (das alte war aber auch ganz niedlich)! Möchten Sie nicht mal einen Comic zeichnen? Ich lese den dann auch ganz bestimmt 😉 und besser als die von dem typen, dessen name mir geade nicht einfällt…

    • diese jungen kollegen sind soooo gemein! aber wartet mal ab – nächstet halbjahr kommen gaaaanz viele richtig junge kollegen. dann seid ihr auch nur noch halbjung…

  3. Liebe Frau Freitag,

    ich höre auch ständig solche unanständigen Sachen von anderen Leuten, z.B. habe ich schon verstanden, dass eine Kollegin den BH ausziehen will (die Brille absetzen) oder dass jemand an den Schenkel hingelangt hat (der Schinken (von der Pizza) war verbrannt). Da ich stets Freud’sche Verhörer habe, gewöhnte ich mir an, nachzufragen, wenn jemand was zu mir nicht Jugendfreies sagt. Also, bei dem Schüler hätte ich garantiert nachgefragt…. nur so als Tipp….

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