Dieter, zieh dich wärmer an!

Bestanden, bestanden, bestanden! Und nicht nur bestanden – auch noch mit 0 Fehlern! Lalalalala!
Mit stolz geschwellter Brust latsche ich zur Fahrschule. Dieter wird Augen machen, wenn ich ihm mein Einser-Abi vorlege. Ha! Das hätte der mir nie zugetraut. Der dachte doch, dass ich mich erst in ein paar Wochen zum TÜV traue.

Dieter sitzt hinterm Tresen, ich davor. Ich schiebe meine 50 Euro rüber und dann den schriftlichen Nachweis für meine bestandene Prüfung.
Er nimmt ihn, liest und ich warte. Na los, sag was! Los Dieter, sag was!
Er legt den Zettel auf den Kopierer und sagt: “Streber, Streber. Hast du den Prüfer bestochen?”

Wie bitte? Streber? Das ist alles was der zu mir sagt? Ich glaub’s ja nicht. Der spinnt wohl. Was ist er denn für ein Lehrer. Das sollte ich mal wagen, meinen Schülern nach einer bestanden Prüfung nicht aus vollen Herzen zu gratulieren und sie über den grünen Klee zu loben, sondern nur ein abfälliges Streber, Streber rauszuhauen. Wo hat er denn seinen Fahrlehrerausbildungsschein gemacht? Haben die ihm da nicht beigebracht, dass man seine Schüler auch loben muss?

Ich frage wieder nach den Sonderfahrten: “Dieter, was ist jetzt mit den Sonderfahrten?” Er meinte ja, dass wir die dann angehen, sobald ich die schriftliche Prüfung bestanden habe und besser als mit 0 Fehlern geht ja gar nicht. Aber Dieter weicht aus und während der Fahrstunde behandelt er mich so, als könnte ich gar nichts. “Mensch Mädel… mach doch doch einfach was Dieter sagt, so wird das nichts, so können wir keine Sonderfahrten machen usw.” Ich gehe völlig demotiviert nach Hause.

Aber was du nicht weisst, lieber Dieter: Morgen bist du fällig! Morgen gibt es erstmal eine kleine Ansprache an dich. Ich hab doch nicht die Fahrschule gewechselt, um jetzt wieder neben so einem Harald zu sitzen, der meint, ich könnte gar nichts. Langsam reicht mir das. Ich werde ihm sagen, dass ich von ihm erwarte, dass er mich lobt und motiviert und mir nach der Stunde genau sagt, was ich noch lernen muss. Nein, das soll er mir vor der Stunde sagen und wenn ich während der Stunde wieder Fehler mache, dann möchte ich eine genaue Fehleranalyse nach dem Unterricht. Und ich will hören, wieviele Stunden ich noch brauche und wann wir in der kommenden Woche die Sonderfahrten machen und dann soll er sich auch das “Mensch Mädel” abgewöhnen! Und wenn er das alles nicht macht, dann gehe ich zu seinem Kollegen und sage, dass ich wechseln will und wenn der das nicht will, dann gehe ich sofort in die nächste Fahrschule und melde mich da an. Berlin hat ja nicht nur zwei Fahrschulen.

Mittlerweile glaube ich, dass die Fahrlehrer mit den älteren Fahrschülern immer Probleme haben, weil die sich nicht dieses ganze typische Fahrlehrergeschwätz und diese jovial-sexistische Idiotenart bieten lassen, wie die 18jährigen. Die jungen Peoples sind ja solche Idioten und die harten Ansprachen gewöhnt, aber jemand mit fast 50 läßt sich doch nicht eine Stunde lang anmeckern und Mensch Mädel nennen und zahlt dann auch noch 50 Euro dafür. Wir sind doch nicht in Shades of Grey!

Morgen, morgen bist du fällig Dieter. Ha, darauf freue ich mich. Schließlich ist der Kunde immer noch König!

Au Backe!

Das muss doch hinzukriegen sein. Ich versuche mehrere Simulationstest auf meinem iPad hintereinander zu bestehen. Immer wieder gibt es ein – Leider versagt, du musst mehr üben! – zwischen schon bestandenen Tests. Die ganz schlimm verkackten sind rot, die ein bisschen falschen orange, die ein bisschen richtigen hellgrün und die richtig gut gemachten – die über 95% richtige Antworten enthalten, sind dunkelgrün. Ich bin heiß auf diese dunkelgrünen. Nochmal, nochmal, nochmal, Mist, wieder nur hellgrün, ahh dunkelgrün, nochmal dunkelgrün, scheiße orange, oh nein, rot! So geht es seit gestern Abend. Ich bin abhängig. Abhängig von Führerscheinprüfung 2016.

Wie soll ich mir die ganze Grütze nur in meinen Kopf prügeln? Wenn ich zu lange auf eine Frage starre, dann mache ich Fehler bei Sachen, die ich eigentlich vorher immer richtig gemacht habe. Vielleicht gibt es aber doch Kinder, die sich immer verkehrsgerecht verhalten. Wer sagt mir denn, dass da auf dem Bild nicht genau so ein verkehrsgerechtes Kind abgebildet ist? Und wie ist das nun mit dem Überholen der Straßenbahn? Darf man? Darf man nicht? Nur rechts, nur links, wie ist es in den Einbahnstraßen?

Ich übe und übe. Nochmal, neuer Test, noch ein Test, noch einer. Ich will unbedingt mehr bestandene, als nichtbestandene Tests auf meiner Statistik. “Hier, willst du auch mal versuchen?”, frage ich den führerscheinlosen Freund. Der geht ganz unbedarft an die Sache ran und zack 30 fehlerpunkte. Dunkelrot. “Hä, hä, voll schlecht! Gib mir mal!”, sage ich und will mit meinem Wissen glänzen und vor allem damit, dass ich die Fragen gar nicht mehr lesen muss. Ah, da kommt ein Kind, hinter dem Auto vor. Hier soll ich weiterfahren. Hier ist ein Reh auf der Straße, muss ich mir gar nicht erst angucken das Video. Ich flitze durch die Aufgaben und dann: 33 Fehlerpunkte! Oh no. Wie sieht denn meine schöne Statistik aus?

Vielleicht muss ich irgendwie anders lernen. Ich setzte mich nochmal an meinen Schreibtisch und überarbeite meine Mitschriften, die aus den Theoriestunden und das, was ich aus dem Buch abgeschrieben habe. Ein ganzes Schreibheft voll. Ach, jetzt verstehe ich auch, was die meinten, als die das mit dem Parken und Halten erzählt haben. Plötzlich machen meine Mitschriften voll Sinn. Plötzlich verstehe ich alles, weil ich die Fragen zu den Antworten kenne. Ach so funktioniert das! Okay, jetzt nochmal einen Test und dann schreibe ich mir alle Sachen, die ich falsch habe auf Karteikarten. Dann ruft Frau Dienstag an und wir verabreden uns zum Schwimmen.

Frau Dienstag ist vorher beim Friseur bei mir um die Ecke. Deshalb mache ich noch ein paar Tests. Plötzlich: ein Test dunkelgrün, der nächste auch und der dritte AUCH! Und da ist es: Auf dem Bildschirm steht: Ab zur Prüfung!!!

Das lass ich mir nicht zweimal sagen. Ich raffe meine ganzen Führerscheinunterlagen, meine Mitschriften und meine Karteikarten zusammen und renne nach unten zum Friseur.

“Frau Dienstag, sorry, ich kann nicht Schwimmen gehen. Mein iPad hat gesagt: Ab zur Prüfung und da muss ich jetzt hin. Ich ruf dich später an. Tschüüüßßßi!” Bloß nicht zuviel reden, sonst geht mein ganzes angestautes Wissen verloren. Im Bus zum TÜV denke ich: Mist, ich kann das mit dem Anhalteweg und dem Reaktionsweg noch gar nicht. Ich lese meine Karteikarten genau durch, lerne alles zu diesen blöden Wegen auswendig und stehe kurz darauf vorm TÜV.

Au Backe, eigentlich wollte ich doch erst nächste Woche die Prüfung machen und Dieter meinte doch auch, dass ich das nicht so auf die leichte Schulter nehmen soll. Aber der Computer meinte doch… Wenn ich jetzt durchfalle, dann muss ich zwei Wochen warten, bis ich die Prüfung nochmal machen kann und ganz am Anfang hat Dieter gesagt, dass wir erst über die Sonderfahrten reden, wenn ich die theoretische Prüfung bestanden habe. Aber er sagte auch, dass die Prüfer sich das merken, wer mit sehr vielen Fehlerpunkten durchgefallen ist. Vielleicht falle ich jetzt richtig schlimm durch? Wer weiss, ob die nicht doch ganz andere Fragen hier haben, als bei der App?

Ich gehe rein. Melde mich an. Zahle Geld, gebe meinen Person ab und warte. Ich mach mir fast in die Hosen. Vielleicht nochmal schnell aufs Klo? Nee, zu spät. Ein Mann kommt und bringt mich in einen Raum mit ganz vielen Computern. “Setzten Sie sich da hinten an die Nummer acht!” Au Backe!

Sag mal ’ne Zahl, Dieter!

Dieter, Dieter… also ich weiss nicht… Da scheint heute so schön die Sonne und ich bin gut drauf, als ich zur Fahrstunde laufe und nach der Stunde will ich immer nur noch weg. Irgendwie taugst du nicht zum Motivator.

“Okay Dieter, wir müssen noch Termine machen für nächste Woche. Wie sieht es denn aus mit den restlichen Sonderfahrten?”, frage ich. Mir fehlen ja noch zwei von denen. Eine habe ich ja unerlaubter Weise mit Mike gemacht: “Das hätte ich mit dir noch gar nicht gemacht. Überlandfahrt… tzzzz. Der wollte nur seine Stunden voll kriegen.”, erzählt mir Dieter in jeder Fahrstunde. Am Liebsten würde er mich die Überlandfahrt nochmal machen lassen. Er kann sich auch gar nicht vorstellen, dass ich damals ordnungsgemäß über Land gefahren bin, weil ich ja seiner Meinung nach noch gaaar nicht so weit war. Aber sorry Dieter. Die Überlandfahrt gebe ich nicht mehr her.

“Sonderfahrten? Mensch Mädel, ihr seid immer sooo ungeduldig. Nun entspann dich doch mal.” Ich finde mich eigentlich sehr entspannt und will eigentlich nur wissen, wie lange ich für diesen ganzen Führerschein noch einplanen muss. “Ich meine ja nur, weil du gesagt hast, dass wir das dann bald machen.”
“Aber du bist noch nicht so weit.”, sagt Dieter.
“Okay, wie viele Stunden brauche ich denn noch so ungefähr, bis ich soweit bin?”
“Das kann ich nicht sagen. Ich stecke ja nicht in dir drin.”
Oh Gott, das ist ja eine ganz furchtbare Vorstellung. Der Dieter in mir drin. Nein, danke. Und jetzt geht das mit dem “Ich bin Fahrlehrer und kein Hellseher wieder von vorne los.”
“Aber Dieter, du bist doch nun schon sooo lange Fahrlehrer und hast sooo viel Erfahrung. Da müsstest du doch eigentlich sagen können, wie viele Fahrstunden ich noch brauche. So von meinem derzeitigem Leistungsstand gesehen.” Jetzt hab ich ihn. Geschlagen mit seinen eigenen Waffen. Und ich hau noch einen drauf: “So Erfahrungswerte, weisste.” Erfahrungswerte sind das doch auch immer, wenn er mir erzählt, dass wir Älteren mehr Stunden brauchen, als die Jungen. Was ist denn jetzt mit den tollen Erfahrungswerten, Kollege Schnürschuh (so nennt Dieter alle anderen Autofahrer, die uns begegnen)?”

Nichts zu machen. Ich kriege von Dieter keine Antwort. “Mensch Mädel, es dauert eben. Entspann dich!”
Wie ich das hasse, wenn mir dauernd jemand sagt, ich soll mich entspannen, wenn ich ganz entspannt bin. Der soll mich mal angespannt sehen. “Aber Dieter, weisste, dieses Führerscheinmachen ist ja auch nicht das Einzige, was ich in meinem Leben tue. Ich muss auch ein bisschen planen. Ich wollte im Februar noch verreisen. Und das hängt davon ab, wann ich die Prüfung mache. Wenn ich die aber in diesem Monat sowieso nicht machen kann, dann buche ich eben gleich was und warte hier nicht ewig rum. Das versteht er irgendwie auch nicht. Also setze ich ihm ein Ultimatum: “Pass auf Dieter, ich nehme nächste Woche Montag, Dienstag und Mittwoch eine Fahrstunde und du sagst mir am Mittwoch, wann ich die Sonderfahrten und die Prüfung machen kann.” Damit gibt er sich irgendwie zufrieden.

Zu Hause denke ich: Eigentlich will ich gar nicht mehr bei Dieter sein. Die Vorstellung mit dem stundenlang durch die Nacht zu Fahren, gruselt mich und vor allem habe ich keinen Bock, dass er irgendwann neben mir in der Prüfung sitzt und danach sagt: Siehste Mädel, weil du das jetzt genauso gemacht hast, wie der Dieter gesagt hat.”
Nein, das will ich auf keinen Fall. Ich glaube ich muss nochmal wechseln.

Lernen, irgendwie gar nicht so einfach

“Geh doch mal raus!”, sagt der Freund.
“Nee, ich muss lernen.”

Ich will doch die theoretische Prüfung machen. Ich muss lernen. Ich muss das Buch durcharbeiten. Es gibt über 1000 Fragen und ich kenne gerade mal die Hälfte. Ich habe mir drei verschiedene Übungsapps runtergeladen. Schon im November. Und habe ich damit geübt? Zum Beispiel während der Weihnachtsfeiertage? Nö. Statt Üben – Netflix. Dieter sagt: “Unterschätz mal die Prüfung nicht!” Fängt der auch an wie Harald … immer denken alle ich unterschätze irgendetwas und dann immer in so einem Ton von oben herab: “Unterschätz dit ma nich’, Määäädel!” Nee, nee, keine Angst mach ich nicht!

Welche Vorteile bietet ein Antiblockiersystem? Ah, das ist dieses ABS. Das Durchdrehen der Räder beim Anfahren wird verhindert? Durchdrehende Räder… wenn die nicht durchdrehen, dann sind sie nicht blockiert. Aber sind denn Räder beim Anfahren blockiert? Was gibt es denn noch für Möglichkeiten? Hier: Starkes Bremsen und gleichzeitiges Ausweichen ist möglich? Das klingt doch gut. Nehme ich. Und dann noch: Beim Bremsen in Kurven wird die Kippgefahr vermindert. Bremsen in Kurven darf man doch nicht. Und Kippgefahr klingt krass gefährlich. Aber die Gefahr wird nur vermindert und nicht ganz weggemacht. Aber klingt wichtig. Wer will schon aus der Kurve kippen? Nehm ich also auch. Was ist jetzt mit dem ersten, die durchdrehenden Räder? Ja, das Antiblockiersystem verhindert auch das. Ist bestimmt auch voll teuer so ein ABS. In der Werbung heißt das immer: ABS – serienmäßig. Serien, höhö… Netflix? Okay, drei Antworten angeklickt. Auflösung antippen… und FALSCH. Mist. Nur das mit dem Ausweichen ist richtig. Warum steht dann oben welche Vorteile (Mehrzahl) hat ABS? Ist doch nur ein Vorteil. Dieter würde jetzt sagen – “Nicht denken, einfach nur machen.” Stelle ich vielleicht wirklich zuviel in Frage?

Und ich frage mich ernsthaft, wie man so viel lernen soll. Und das ist alles so kompliziert. Jetzt mal unter uns: Niiiiiiemals können meine Schüler so eine Prüfung schaffen. Niemals. Die wissen doch gar nicht was Vorrang und Gefälle und Fahrbahnbeschaffenheit ist. Die müssten sich da wirklich hinsetzen und lernen. Das haben die ja noch nie gemacht und ich habe denen auch nicht LERNEN beibringen können. Also, wie die Schüler sagen würden: Ich habe sie nicht lernen gelernt.

Egal, die sollen das ja auch gar nicht schaffen, ich will das ja schaffen, also weiter!
Rot-weiße Warntafel… tja, für was? Fahrzeuge mit Überbreite, Gefahrengutfahrzeug oder dieses lange, irgendwas mit einem abgestellten Anhänger. Also, das lange ist schon mal richtig. Brauche ich mir nicht mehr durchzulesen, nur das zweite kann ich mir nicht merken. Ich weiss aber, dass da zwei richtig waren. Ich glaube Überbreite. Und? RICHTIG, Yeahhh! Ah, jetzt eins mit Bild. Easy. Ich stehe vorm Berg. Womit muss ich hinter der Straßenkuppe rechnen. “Höhö, Straßenkuppe, Hamsa, weisst du was das ist?” Aber jetzt mal ohne Spaß, das ist einfach, da muss man immer mit dem Schlimmsten rechnen. Spielende Kinder und wechselndes Wild, das ist immer das Schlimmste, ach und die Blinden und die Alten, weil die wohl immer gerne bis zur Mitte laufen und dann umdrehen. Okay, und hier langsames Fahrzeug und kaputtes Fahrzeug – warum sagen die nie Auto? – und dann natürlich irgendwo ein Hirni, der meinen Fahrstreifen benutzt. Und – Yeahhh, RICHTIG!

Ah, die Haschisch-Zigarette. Die mag ich und die Alkoholfragen auch. Kann ich alle. Immer null Fehler. Nie ist Haschisch-Zigarette gut oder unterstützt die Fahrtüchtigkeit. Und der Alkohol irgendwie auch nicht. RICHTIG. Tunnel. Ah, da habe ich schon gelernt: Schlüssel stecken lassen, wenn es brennt. Aber bei Stau nicht aussteigen und weggehen. Das darf man auf keinen Fall verwechseln – Stau und Brand im Tunnel. Da wollen die einen immer austricksen. Okay, was ist bei dieser Tunnel-Frage… nicht wenden, Tunnelpersonal Folge leisten, na logo und Abblendlicht. RICHTIG! Ich lese da immer Abendlicht. Sie müssen das Abendlich anschalten.

Oh Mist, die hinausragende Ladung und die rote Leuchte. Wie hoch… oh Mann, keine Ahnung. Ich finde lieber etwas höher. Nehmen wir mal 2,0 m Oh, FALSCH. Egal weiter. Ich muss üben: zulässige Gesamtmasse, geschlossene Ortschaft, Reaktionszeit, Anhalteweg, Fahreignungsregister, Lastzug, hinter mir wieder dieser ungeduldige Fahrer, Lichthupe, Fahrstreifenwechsel, wer hat Vorfahrt?, Überholvorgänge, Wer darf zuerst fahren, was machen Sie mit den Kindern auf der Straße? Wer darf hier fahren? Wer darf hier nicht fahren, Was heißt dieses Schild? Wer hat jetzt Vorfahrt?

Das ewige Andreaskreuz, die abgeknickte Vorfahrt – blinken, nicht blinken, Einfädelungsstreifen und Schienenfahrzeuge, Entlüftungsanlage und Stoßdämpfer, zulässige Dachlast, die tatsächliche Achsenlast – die kann mich mal, genauso wie die zulässige Gesamtmasse und der verbogene Achslenker, ich habe auch ganz gut ohne lose Lenkungsdämpfer und die Gefahr einer falschen Radeinstellung an der Vorderachse gelebt. Spur und Sturz sind mir Schnurz. Bremskraftverstärker, wat willst du denn?

Fliehkraft und Anhalteweg. Ich klicke mich durch die Simualtionstests. Und am Ende: 25 Fehlerpunkte. Mist. Und der Computer motiviert mich auch nicht. In knallrot steht da: Voll versagt, streng dich an!
Na toll.

Der Ton und die Musik

Okay, ich habe ein bisschen Kopfschmerzen und ich glaube ich werde krank. Der Hals kratzt. Heute darf Dieter nicht im Auto rauchen. Soviel steht schonmal fest. Ich sage einfach: “Kannst du heute mal bitte nicht rauchen?” Oder soll ich das gar nicht als bittende Frage formulieren, sondern sagen, dass ich nicht möchte, dass er im Auto raucht? Vielleicht denkt er dann ich bin zickig. Ich glaube das denkt er sowieso. Und soll ich das vorher sagen, also, wenn er noch gar nicht raucht, oder so eher beiläufig, wenn er die Packung rausholt? Wie formuliert man das am besten? Und soll ich dann auch gleich sagen, dass er mich nicht immer Mensch Mädel nennen soll?

“Ich hab vorhin festgestellt, dass du ein halbes Jahr älter bist, als mein Sohn.”, sagt Dieter zur Begrüßung.
“aha.”
“Aber nicht, dass du mich jetzt Papa nennst.”
“Nee, nee, keine Angst.”
“Hehe, das wäre ja was. Papa. Weil ich könnte ja dein Vater sein.”
Bist du aber nicht, denke ich. Und ich habe gar nicht das Bedürfnis, jeden Mann, der älter als ich ist, Papa zu nennen. Das wäre ja auch seltsam. “Herr Schulleiter, Papa, äh, sorry…”
Da braucht der Dieter also keine Angst zu haben.

Wir gehen zum Auto und er raucht. Ich rauche nicht, weil ich ja sonst meine’ ich bin ein bisschen krank’- Story später nicht so gut rüberbringen kann. Dieser Weg zum Auto ist immer etwas unangenehm. Worüber redet man. Ich versuche mir immer neue Fragen zur theoretischen oder zur praktischen Prüfung auszudenken und Dieter labert immer irgendwas vom Wetter.

Wir fahren so rum. Ich versuche alles richtig zu machen. Entspannt mit dem Rücken am Sitz zu kleben und nicht wie ich mir das bei Frau Dienstag abgeguckt habe mit der Nase an der Windschutzscheibe zu hängen. Ich bemühe mich sehr die Kupplung ganz weich kommen zu lassen und dabei noch sanft Gas zu geben. In meinem Kopf höre ich dauernd: “Rückspiegel, Seitenspiegel, Schulterblick, Rückspiegel, Seitenspiegel, Schulterblick…”. Ich möchte wirklich alles richtig machen. Nur eine Sache vergesse ich immer: Bevor ich blinke, wenn ich zum Beispiel auf eine rote Ampel zufahre, da vergesse ich immer wieder in die Spiegel zu gucken. Irgendwie geht das nicht in meinen Kopf rein, dass ich in die Spiegel gucken soll, wenn ich nur auf die rote Ampel zurolle und noch gar nicht abbiege. Ich muss ja später sowieso nochmal…. aber ich soll ja nicht denken. Ich soll ja nur machen, was Dieter sagt. Und Dieter sagt: “Einparken.” Heute parken wir, was das Zeug hält. “Spiegel auf Spiegel, rollen lassen, anhalten, nochmal gucken, dann hart nach rechts eindrehen, bis 45 Grad entstehen, und dann nach links lenken.” Und irgendwie will das nicht klappen. Ich lande entweder auf dem Bordstein oder zu stumpf oder zu spitz irgendwo, wo ich dann nicht mehr einparken kann. “Mensch Mädel, ich hab doch gesagt 45 Grad. Warum machst du das denn nicht.” Ich versuche es immer wieder. “Mensch Mädel, mach doch einfach, wie Dieter sagt. Jetzt hast du zu langsam gelenkt. Jetzt zu schnell. Toll, das war der Bordstein.” Was mache ich nur falsch? Ich will das wirklich lernen. “Sag mal Dieter, 45 Grad von was denn eigentlich?”
Er erklärt mir von was. “Weißt du nicht was 45 Grad sind?” Naja, denke ich 5 Grad wärmer als beim Bikram-Yoga. “Du hattest doch Geometrie, oder nicht?”
“Ja, ja schon. Aber ist schon etwas länger her.” Hier ein schönes Beispiel, wo Mathe dann doch mal im Alltag vorkommt. hätte ich damals mal besser aufgepasst. Ich probiere weiter und irgendwann klappt es. Ich erwarte Lob. Lob kommt nicht. Statt Lob heißt es nur: “Nächste Möglichkeit nach rechts.” Wir sind wieder auf einer großen Straße. Ich fahre 50. Schalte weich, bremse vorbildlich, biege tangential ab. Ich finde ich mache alles gut.

Dann fahren wir auf eine rote Ampel zu.
“An der Ampel links abbiegen.”, sagt Dieter und ich betätige den Blinker.
Plötzlich haut Dieter mit der Hand gegen das Plastik vor ihm. “Du hast wieder nicht in die Spiegel geguckt. RÜCKSPIEGEL, SEITENSPIEGEL, SCHULTERBLICK! WIE OFT SOLL ICH DAS DENN NOCH SAGEN?” Oh Scheiße, das hatte ich wirklich vergessen. Aber die Ampel war ja sowieso noch rot und…
“Ich sage das immer wieder und du machst das nicht.”
“ich mach das doch nicht mit Absicht nicht.”
“Mehr als dir das immer wieder zu sagen, kann ich aber nicht. Dann sage ich dir das einfach nicht mehr.”
Häh? Wie ist er denn jetzt drauf?
“Häh? Was meinst du?”
“Na, dann sage ich dir das einfach nicht mehr. Und dann wirst du ja sehen, in der Prüfung…”
“Moment mal! So geht das ja wohl nicht. Du MUSST mir das doch sagen! Du bist doch der Fahrlehrer!”
“Wieso? Wenn du nicht machst was ich sage, dann bringt das doch nichts. Dann kann ich das auch sein lassen.”
Jetzt werde ich auch lauter: “Häh? Soll ich dann einfach auch mal keine 50 Euro mehr mitbringen? Deine Aufgabe ist doch mir das beizubringen. Und ich LERNE das noch und wenn ich das nicht mache mit dem Blinken, dann, weil ich es vergesse. Wenn du denkst, dass ich so ein hoffnungsloser Fall bin und du mir das nicht beibringen kannst, dann gib mich doch an Murat ab.”
Der spinnt ja wohl… “dann sagt er mir nichts mehr”… das ist sein verdammter Job!

Wir fahren schweigend weiter. Ich mache das Fenster auf. “Mensch ist das voll hier. Was ist denn heute los?” Dieter wechselt das Thema, plaudert den Rest der Stunde über irgendwas. Ich parke nochmal ein. Er lobt mich sogar. “Ja, war okay jetzt.”
Rauchen will er auch nicht.

An der Fahrschule steht Murat. Dieter gibt mir die Hand. “Und geh in dich!”, sagt er. Jetzt reicht es aber. Ich sage: “Du aber auch!” Er guckt mich verwundert an. “Dieter, der Ton macht die Musik! Ich möchte nicht die ganze Zeit angemeckert werden!” Das wird ihm zu denken geben. Vielleicht hört nach dem Rauchen im Auto auch das Mensch Mädel und das Gezeter auf… Vielleicht friert aber auch morgen die Hölle zu.

Die Erika

“Kannst du das Fenster aufmachen?”, frage ich. Dieter raucht mittlerweile Kette, während er mich mit genervtem Ton durch Tempelhof manövriert.
“Fenster is doch auf.”
“Aber ein bisschen weiter, die Luft ist so schlecht und es ist so warm hier drin.”
Wir diskutieren hin und her und dann mache ich mein Fenster auf, aber dann zieht es ihm und irgendwann sage ich, dass es ja auch nicht normal sei, dass der Fahrlehrer während der Stunde raucht. Er wundert sich, weil ich ja auch rauchen würde. Ja, aber eben nicht während der Fahrstunde und das sei ja auch nochmal was anderes – draußen oder im Auto rauchen.

Heute versuche ich nur zu machen, was Dieter sagt. Wenn er nichts sagt – zum Beispiel wohin ich lenken soll beim Einparken, dann bleibe ich einfach stehen und warte. Nicht denken. Das hat er mir jetzt so oft gesagt, dass ich wirklich aufhöre zu denken und warte, bis ich seine Anweisungen höre. Ich antworte sogar einmal: “Mit yes, Sir.” Ich bin aber auch kurz davor einfach das Auto zu verlassen und zur U-Bahn zu gehen. Dieter neben mir – das ist absurdes Theater. Er ist so eine Karikatur eines Fahrlehrers. Eines Berliner Fahrlehrers. Berliner sind ja schon an sich wie Fahrlehrer. Ich bin ja selbst Berliner, weiss also wovon ich spreche. Und dann ist Dieter auch noch alt.

“Weisst du was ich gerne wüßte?”, fragt Dieter.
“Nee.”
“Ich wüßte gerne, was die Erika macht.”
Ja, das wüsste ich auch gerne. Das nervige an so Dieter-Typen ist, dass sie immer erwarten, dass man nachfragt. Ich glaube sie denken, dass ist dann gelungene Konversation. Sie fragen was und dann müsste man ja eigentlich antworten. Aber was antwortest du denn auf “Weisst du was ich gerne wüsste?”? Also musst du wieder nachfragen. “Was wüsstest du denn gerne?” Na ja, jedenfalls die Erika.
“Die hatte ich kurz nach meiner Scheidung kennen gelernt. Eine süße Maus war das. Aber die Kleene hat leider so geklammert.”
“Oh.”
“Tja, ja. Die Erika… dit wurde dann ooch nüscht mit uns beeden.”
“Bist du denn jetzt verheiratet, Dieter?”
“Nee.”
“Na, dann melde dich doch mal bei der Erika.” Ich erwarte ein: “Gute Idee, das werd ich mal machen.” Stattdessen: “Die hat wahrscheinlich vier Gören und so einen Arsch.” Die rechte Hand hat Dieter an der rechten Scheibe und die linke vor meinem Gesicht. Sooo dick ist Erikas Arsch wohl jetzt.
“Ist doch gut.”, sage ich. Außerdem könnte Dieter froh sein, wenn ihn Erika noch nehmen würde. So mit dem Raucherhusten, dem klapperndem Gebiss und dieser ewigen Sprücheklopferei. Aber was weiss ich denn schon. Ich soll ja nicht denken. ich soll ja nur machen, was Dieter sagt.

Ich denk Dieter

Dieter stresst. Das Wetter stresst auch. Es ist zwar voll warm aber depressiv grau draußen. Und man schwitzt sofort. Draußen und auch im Auto, weil Dieter immer die Heizung so aufdreht.
“Mensch Mädel, warum machst du nicht einfach, was ich dir sage?”, fragt Dieter, nachdem die Fahrstunde vorbei ist und wir in dem überhitzten Auto sitzen. Ich starre geradeaus. “Einfach nur machen, was ich sage.”
“Ja, ja, ich weiss. Nicht denken.” Du sollst nicht denken, sagt er immer. Was ist das für ein komischer Satz? Nicht denken… das kann ich gar nicht. Ich denke: Dieter, du rauchst zuviel. Dieter, rauch doch bitte nicht während der Fahrstunde. Dieter, sag doch nicht immer “Mensch Mädel”. Dieter, erzähl mir bitte nicht dauernd so einen Scheiß mit Küche und Multitasking und Frauen und Männern und Autofahren. Dieter, sag doch einfach, dass du denkst, dass Frauen es nicht drauf haben. Ach Dieter, denke ich, wenn du wüsstest…

“Ich sag doch ganz genau, was du machen sollst.” Irgendwie ist Dieter der Meinung, dass ich mit Absicht die Kupplung in den falschen Momenten trete. Ich bin mir gar keiner Schuld bewusst. Ich mache alles so wie immer. Nur heute ist das wohl falsch.
“Hast du denn den Eindruck, dass ich nicht mache, was du sagst?”, frage ich. Ruhig mal was fragen – kommt immer gut.
“Ja, den Eindruck habe ich.” Natürlich mache ich immer noch viele Fehler, auch wenn ich heute voll gut rückwärts eingeparkt habe, aber die mache ich doch nicht mit Absicht. Denkt Dieter, dass ich die Fehler mit Ansicht mache? Was hätte ich denn davon? Ich versuche die ganze Stunde nur das zu machen, was er mir sagt und er meckert die ganze Zeit rum. Es muss schwer sein, Fahrlehrer zu sein. Die, denen man das beibringen soll, die können ja nicht Autofahren.

Sorry Dieter, ich will dir das Leben nicht so schwer machen. Ich werde mir mehr Mühe geben. Versprochen. Vielleicht ist Dieter auch nur schlecht drauf. Dabei habe ich ihn sogar versucht mit einem Witz aufzuheitern.

“Weisst du was ich gestern gemacht habe?”, fragt er, als wir durch die Dreißigerzone schleichen.
“Nee?”
“Ich hab unter meinem Bett gesaugt und das Bett gewischt und das Spannbettlaken abgezogen und ein neues auf die Matratze gemacht…”
“War schon wieder ein Jahr rum, ja?”, frage ich, weil ich glaube, dass so was Dieters Humor ist. Mike hätte das Bettthema ganz anders aufgezogen.
“Was?”, fragt Dieter.
“War schon wieder ein Jahr rum, oder wie?”
“Nee, zwei.”
Oh Mann Dieter mein Witz war ja schon lahm aber deiner ist ja nun unterirdisch. Zwei Jahre das Spannbettlaken nicht wechseln ist ja nun nicht doppelt so komisch wie ein Jahr. Ein Jahr ist doch schon eklig. Oder wechselst du das wirklich nur einmal im…
Und überhaupt – ist das beziehen des eigenen Bettes eine Wochenendebeschäftigung, die so toll ist, dass man die weitererzählt? Na, wenn man das selten macht, dann ja. Und Dieter, weisst du, was ich gestern gemacht habe? Ich hab mir die Zähne geputzt. 2016 ist ja wieder ein Schaltjahr.