Eine Landpartie

Die Sonne scheint, die Stadt schläft. Samstagmorgen um kurz vor neun. Dreieinhalb Stunden mit Mike. Überlandfahrt. Ich finde das sollte auf jeden Fall aufs-Land-Fahrt heißen, weil wir ja die Stadt verlassen. Rausfahren. Die Straßen sind leer. Mein Magen auch. Wir fahren los. „Wir machen auch eine Pause.“, hatte Mike gesagt. Ich sehe uns in einem gemütlichen Gasthof irgendwo in der Prignitz sitzen. Soll ich dann Mike einladen? Macht man das so?

Mike geht es gut. „Mir geht es in letzter Zeit so richtig gut.“, sagt er. Ich sage: „Na, das ist doch schön.“ Mike sitzt neben mir. Ich fahre. Im Gegensatz zu Harald sagt er mir nicht dauernd, was ich machen soll. Nur so Sachen wie: „Dann links auf die Autobahn.“ Und diesmal schalte ich sogar alleine in den fünften Gang.

Wir fahren raus aus der Stadt. Immer noch Autobahn. Nur jetzt darf man noch schneller fahren. Und plötzlich sind da LKWs. „Was machen die denn da auf meinem Fahrstreifen? Ich dachte die dürfen am Samstag nicht fahren.“
„Sonntags. Und jetzt überholen wir die mal!“
Überholen auf der Autobahn … macht eigentlich Spaß. Jedesmal werden ein paar Stresshormone ausgeschüttet. So wie beim Klauen.
Die Autobahn hört gar nicht mehr auf. Wo will Mike mit mir hin? Und wie soll ich eigentlich Autofahren ohne Mike neben mir? Ich kann mir das gar nicht vorstellen, dass der irgendwann nicht mehr da sitzt. Wenn er nicht da wäre, dann würde ich wahrscheinlich das Radio anmachen, aber das Radio würde mir nicht sagen, wenn ich etwas falsch mache. Vielleicht kann ja Mike immer mitfahren, wenn ich meinen Führerschein habe. Ich rufe ihn dann an: „Mike, ich will meine Eltern besuchen. In zehn Minuten vor meiner Haustür – okay?“ Ich würde mich auf jeden Fall sicherer fühlen.

„Hast du dir schon mal überlegt einen LKW Führerschein zu machen?“, fragt Mike plötzlich und ich fahre fast über eine rote Ampel vor Lachen. „Nee, wirklich, ich würde dir das durchaus zutrauen.“ Okay Mike, ich verstehe schon, dass du dich mit deinen Motivationsversuchen von Harald absetzen möchtest, aber du musst jetzt auch nicht übertreiben.
„Würde vielleicht auch ein Job bei rausspringen.“ Und schon sehe ich mich in einem riesigen LKW, mit Schweinen hinten drauf durch Europa düsen. Denkt Mike, ich hätte keinen Job? Wir haben noch gar nicht darüber geredet, was ich eigentlich so den ganzen Tag mache. Jedes Mal, wenn wir an einer Schule vorbeifahren und ich Schüler am Straßenrand sehe, versuche ich möglichst neutral geradeaus zu gucken. Schüler, alte Leute, Hunde, mit allem habe ich gar nicht zu tun.

Landstraße. Voll krass, dass man da 100 fahren darf. Warum eigentlich? Und kein Wunder, dass es dort soviel Unfälle gibt. Auch die Landstraße ist leer und wir fahren und fahren. Ortseingangsschild, runterschalten, 50 fahren, Vorfahrt achten, hochschalten, rausfahren, Gas geben, Landstraße, bis zum nächsten Ortseingang. Alles läuft super. Aber langsam fängt mein Knie an wehzutun. Oh Mann, wie soll ich denn dann durch Europa fahren, wenn mir schon kurz vor Dresden das Knie wehtut? Bin ich jetzt körperlich nicht mehr in der Lage Auto zu fahren? Ich gucke auf die Uhr. Halbzeit. Was ist mit unserer Pause?

„Fahr mal rechts ran.“, sagt Mike irgendwann und ich parke den Wagen. Weit und breit kein Gasthof. In einem Haus sehe ich hinter den Gardinen, dass eine Frau Aerobic macht. In einem rosa Trainingsanzug. Bodentiefe Fenster und der Garten sieht traurig aus. Ich strecke meine Beine aus. Mein Knie tut immer noch weh.

„Irgendwie tut mir mein Knie weh.“, sage ich zu Mike.
„Kennst du dieses Buch?“, fragt er und ich denke – was ist denn das für eine Frage – kennst du dieses Buch? Welches Buch? Aber dann freue ich mich doch, weil Mike mit mir über Bücher reden möchte.

„Häh, welches Buch?“, frage ich, steige aus dem Auto und fange sofort mit Dehnübungen an.
„Kamasutra.“
Kamasutra? Was will er denn jetzt?
„Nee? Kenn ich nicht.“
„Na, das sind so Stellungen.“
Oh Mann, er soll nicht weiterreden. Hier in der Einöde, die da drüben in dem rosa Trainingsanzug, die Sonne auf dem Kopfsteinpflaster….
„So Stellungen…“, sagt er nochmal und lacht dabei.
„Ach, du meinst, sowas sollte es auch fürs Autofahren geben, wegen meiner Knieschmerzen.“
Mike nickt. Ein kurzer Moment der Stille. Ich gehe an den Kofferraum und hole mir eine Zigarette. Mike putzt die Scheiben vom Auto. Ich fotografiere das Auto. Und Mike. Schicke das Foto Frau Dienstag. Mein Freund denkt Mike, ist so ein gutaussehender toller Hecht. Ist er nicht.
„Du beschreibst den immer so, als sei der voll der hübsche Typ.“, sagte mein Freund neulich in der Küche. Jetzt habe ich Fotos, die das Gegenteil beweisen. Nicht, dass man das hier falsch versteht – ich hätte gar nichts dagegen, wenn Mike der Adonis der Fahrschulen wäre. Ist er aber nicht.
Wir steigen wieder ins Auto. Das war die Pause. Kein Gasthaus, keine Gänsekeule mit Rotkohl, keine Rechnung, die ich bezahlen könnte. Eine schnelle Zigarette in der Sonne. Ein kurzer Kamasutra-Moment von Mike, dann geht es zurück nach Berlin. Wenigstens sind die Scheiben sauber, aber das Knie tut immer noch weh.

Vor der Fahrschule verabschieden wir uns. „Na Mike, dann wünsche ich dir schöne Weihnachten.“
Er lacht: „Ja, und wenn jetzt Ostern wäre, dann würde ich sagen: Ich wünsche dir dicke Eier.“
„Ihhh!“, sage ich.
Aber Mike setzt noch einen drauf: „Und wenn jemand unartig war, du weißt ja wo die Rute ist.“
„Hmmm. Okay dann, bis nächstes Jahr.“

Ich laufe nach Hause. Dieser Mike… was ist mit ihm? Ich verstehe ihn nicht. Warum redet er immer so? Möchte er, dass ich auch so mit ihm rede?
Vielleicht mach ich das mal in der nächsten Fahrstunde.

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