Hilfe

Erste Hilfe, zweite Hilfe, dritte Hilfe … Hiiiiilfe, ich weiß jetzt alles. Oh Gott, war das schrecklich. Wie habe ich gelitten, sechs Stunden in einem überhitztem Raum mit lauter jungen Menschen, die meine Kinder hätten sein können. Ach was sag ich, ich hätte die Oma von jedem sein können.
Ich war nicht nur mit Abstand die älteste Person im Raum, ich war auch noch die Uroma von denen, die mir die stabile Seitenlage beibringen sollten, die ich schon gelernt habe, als diese überdrehten Erste-Hilfe-Fuzzis noch gar nicht geboren waren. Ach was sag ich – als ihre Eltern noch nicht auf der Welt waren. Schrecklich.
Dabei war ich so motiviert aufgebrochen, ausgeruht mit einer extra Stunde Schlaf in den Knochen, den mir die Zeitumstellung geschenkt hatte und den ich gar nicht brauchte. In meinem Alter braucht man ganz andere Sachen als Schlaf. Wann hat das eigentlich aufgehört, dass ich immer die Jüngste bin. Wo sind denn die Älteren? Die müssten doch auch noch irgendwo sein. Die sind doch nicht alle tot. Um mein Selbstwertgefühl wieder aufzupeppen habe ich mich für eine Butterfahrt nach Rostock angemeldet. Wollen wir doch mal sehen, ob ich nicht die jüngste Käuferin einer Kamelhaardecke sein werde.
Frau Freitag, was hast du denn erwartet, von einem Erste-Hilfe-Kurs für einen Führerschein. Wer ist den so panne und macht in deinem Alter erst die Fahrerlaubnis?
Dieses Mädchen, dass an dem Whiteboard in jedem Wort einen Fehler macht (das versöhnte mich ein bisschen – ich bin also nicht die einzige mit einer Rechtschreibignoranz) – dieses Girl begrüßt uns freudestrahlend, als könne sie sich nichts Schöneres ausmalen als uns jetzt den Rettungsgriff und die Herz-Lungen-Wiederbelebenungsdingensda zu erklären.
„Wir können uns hier ja alle duzen, oder? Wir sind ja in der Freizeit hier.“ Nach Freizeit fühlt sich das ganz und gar nicht an. Der Stuhl ist unbequem und ich trage ein Namensschild. Diese jugendlichen Peoples lächeln die ganze Zeit und sprechen dich permanent mit deinem Vornamen an. Dafür die Namensschlider.
„Wir machen erstmal zur Auflockerung ein Kennlernspiel. Ich denke: Oha, was sage ich da? Ich sage auf keinen Fall Lehrerin und auch mein Alter werde ich verschweigen. Ich sage ich bin Fleischerin, Modedesignerin, Finanzbeamtin…
„…. Genau. Also sagt euren Namen und eure Hobbys und dann stellt ihr euch gegenseitig vor. Verstanden?“ Puhhh, okay, ohne Beruf und Alter. Glück gehabt.
Neben mir sitzt ein Junge mit Undercut. Er dreht sich schüchtern zu mir: „Dann machen wir also zusammen.“ Ich grinse ihn an und nicke. „Und Justin, hast du schon eine Fahrstunde gehabt?“
„Nee, erst morgen.“
Die gut gelaunte Kursleiterein stellt sich in die Mitte des Raumes: „Und? Fertig?“
„Ach so, was sind denn deine Hobbys, Justin?“
„Fußball und zeichnen. Und Ihre?“, fragt er. Und ‚IHRE’? Warum sietzt der mich jetzt? Ich dachte wir sind hier alle in der Freizeit und duzen uns so ganz locker. Na, egal, was sage ich denn jetzt? Oh Gott, Hobbys. The walking Dead? Ist das ein Hobby? Rauchen? Soll ich jetzt mit dem Rodeo kommen? Was, wenn die nachfragen?

„Äh, Lesen und verreisen.“
Hab ich das wirklich gesagt? Lesen und verreisen? Die lahmsten Hobbys, die man sich denken kann und sind wir doch mal ehrlich eigentlich rauche ich doch viel mehr als ich verreise und ich gucke auf jeden Fall viel mehr Serien als in irgendwelche Bücher. Aber jetzt ist zu spät. Da muss ich jetzt durch. Oma ist die, mit den langweiligen Hobbys. Ich bin sicher, dass die drei türkischen Brüder hinter mir nicht lesen sagen. Vielleicht müssen wir das gar nicht laut sagen, denke ich, aber da zeigt das Kursleitungsmädchen schon auf die beiden jungen Frauen, die ganz links sitzen.
„Ja, also, dass ist die Lena, sie ist 17 Jahre alt und ihre Hobbys sind Hip-Hop-Tanzen und Mangas.“
Was soll das mit dem Alter? Das stand gar nicht an der Tafel….
„Und das ist die Sina-Marie und sie ist auch 17 und ihre Hobbys sind Surfen und sich mit Freunden treffen.“
Mist, ich komme um das Alter nicht rum und beuge mich zu Justin, um ihm noch schnell mein Alter mitzuteilen.
Als sich alle vorgestellt haben ist klar, dass ich die alleraller älteste im Raum bin. Selbst der Typ hinten rechts mit der Glatze ist noch wesentlich jünger als ich. Während ich noch im Kopf ausrechne, ob ich nun dreimal oder viermal älter bin als Lena und Sina-Marie geht der Kurs auch schon los. Alles zum Helfen. Muss man helfen, wie hilft man, wer hilft, Strafgetzbuch, Studien, brennendes Haus, Verkehrsunfall und dann kommt irgendwann eine fünf Minuten Pause und ich denke: Das überlebe ich nicht. Nicht sechs Stunden. Ich kann jetzt schon nicht mehr zuhören. Ich brauche mehr Action. Mit dem Gedanken gehe ich nach zwei Zigaretten – wenigstens kann ich schneller rauchen, als diese Kinder hier – zurück in den Raum.
Und weil ich mich so langweile melde ich mich immer als erste, wenn ein Freiwilliger gesucht wird. Ich ziehe Karten, ich springe auf und zeichne Punke an das Whiteboard, wenn Fragen gestellt werden, schreie ich die Antworten, ohne mich zu melden, sofort in den Raum.
Ich bin das erste Opfer, an dem die stabile Seitenlage ausprobiert wird. Sobald die Matte ausgerollt wird und die Kursleiterin ansetzt: „jetzt bräuchten wir einen Freiwilligen….“ Schmeiße ich mich schon nach nach dem ‚jetzt’ auf den Boden und rolle mich in eine möglichst authentische Verletztenposition. Ich will hier nicht nur mitmachen – ich will auch alles besonders gut machen.

Ich presse der armen Little Anne mein ganzes Körpergwicht auf den Brustkorb, beatme sie, mit solch einer Hingabe, dass ich selbst etwas überrascht bin, dass sie nicht aufsteht und sich bei mir bedankt.
Ich bin voll dabei. Und jetzt mal ganz ehrlich – ich bin auch in allem voll gut. Mein Dreieckstuch ist definitiv besser, als das von Murat hinter mir. Und ich weiß auch immer die richtige Reihenfolge: ansehen, ansprechen, anfassen, nach Hilfe rufen…. Denis vergisst permanent die 112 zu wählen und Hassan und seine Brüdern sollen im Ernstfall auch nicht meine Ersthelfer sein.
Nach sechs Stunden bin ich nicht nur schlauer und total verschwitzt – Verkehrsopfer ohne Helm, Verunglückter mit Helm, Rettungsgriff an Murat und Sina-Marie demonstriert… nein, ich habe auch festgestellt, dass das überhaupt nicht stimmt, dass man mit über dreißig so Schwierigkeiten hat, etwas zu lernen. Ich war definitiv besser als die 17jährigen. Und ich schwöre, dass lag nicht daran, dass ich schon diverse einen Erste Hilfe Kurse besucht habe. Das hatte ich doch längst alles wieder vergessen. Das kann man sich doch gar nicht merken. Doch nicht in meinem Alter!

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Allgemein

2 Gedanken zu “Hilfe

  1. Liebe Frau Freitag,
    ich glaube ich bin mehr oder weniger so alt wie du.
    Ich arbeite an einer Hochschule und wir hatten kürzlich den „Tag des Lernens“, an dem so Workshops zu allen möglichen Themen rund ums Lernen-Studium-Konzentration… angeboten wurde. Ich war als erstes im Workshop „Kreativität“ mit ca. 50 Leuten, obwohl der Saal für höchstens 30 ausgerichtet war… Der Kursleiter war echt cool, Marke „Wir sagen alle du zueinander“ (scheint jetzt ein neuer Trend zu sein, wahrscheinlich von USA…).
    Für eine Übung mussten wir uns zu zweit zusammenfinden, also ich und eine Studentin. Ich hab noch das Glück, dass ich noch relativ jung aussehe, ABER wir haben uns gegenseitig mit dem Namen vorgestellt und sie sagte „Du heißt Sabine? Kann ich mir gut merken, so heißt auch meine Mutter!“ Die war echt lieb, aber da hätte ich sie erschlagen können!!!

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