Die erste Fahrstunde

15 Jahre Lehrerin und plötzlich bin ich Schülerin. „Wir nähern uns immer von vorne der Fahrertür. Warum? Damit man den vorbeifahrenden Verkehr im Auge hat.“ Fahrlehrer Harald fragt gerne Sachen, die er sich dann selbst beantwortet. Bis wir im Auto sitzen, grinse und nicke ich eigentlich nur immer wieder und sage: „Aha.“, und „Ach so.“
„Hast du schon mal darüber nachgedacht den Führerschein nur für Automatik zu machen?“ fragt er gleich, nachdem ich mich vorgestellt habe. „Nee, will ich nicht.“
„Naja, schalten ist nicht zu unterschätzen.“, sagt er, obwohl ich das Schalten gar nicht unterschätzt habe. Wie käme ich denn dazu? Aber ich will nicht nur Automatik. Hast du dir schonmal überlegt nur den Hauptschulabschluss zu machen? Haben Sie sich mal überlegt nur eine halbe Packung Zigaretten zu kaufen? Nee, ich will das ganz Normale. Ich will das, was alle haben. Ich will schalten.
Aber bevor ich auch nur irgendetwas im Auto anfassen darf, wird mir jeder eingebaute Pups in dem Fahrzeug erklärt. Ich darf die Spiegel einstellen. Ich soll nicht auf den Rückspiegel fassen. „Der Blinker.“ Erklär, erklär, ich darf den Blinker anmachen. Links blinken, rechts blinken, links blinken, rechts blinken. Ich warte auf ein mich austricksendes links, links, aber das kommt nicht. „Das ist das Radio. So geht das aus, und an und die Sender…“ Ich habe schonmal ein Radio gesehen. Sogar schonmal bedient. Soar schon ein Autoradion bedient. Harald nimmt es mit der Einführung sehr genau. Wir sitzen eine Stunde nebeneinandere und er erklärt mir wie Mercedes irgendwas gebaut hat und im Gegegensatz zu Opel sei es bei VW ja immer so oder so und hier ist die Heizung und da geht der Sitz nach vorne und nach hinten und nach unten und nach oben.
Okay, ich weiß, dass Harald das machen muss. Er muss mir alles erklären. Aber auch wenn ich keinen Führerschein habe – ein Auto habe ich schonmal gesehen. Auch schon in einem gesessen und als er mir erklären will, wie ich mich anschnallen soll, da kann ich nicht anders und sage, dass ich mich schonmal angeschnallt habe, auch wenn der Stecker da auf der anderen Seite war. Anschnallen kann ich.
Und dann geht es los. Ich soll nur lenken. Wir gurken im Schritttempo durch die Gegend und ich lenke. Geradeaus und nach links und nach rechts und es geht eigentlich ganz gut. Ich schrabbe an kein parkendes Auto und fahre auch nicht in den uns entgegenkommenden Verkehr. Nach 10 Minuten sind wir fertig. Harald parkt den Wagen. Wir steigen aus und rauchen. Ich finde ich war okay, für das erste Mal. Er sagt nichts. Dann sagt er: „Naja, war ja gar nicht so schlecht. Mal sehen, wie du dich beim Schalten anstellst. Autofahren ist ja auch schwerer als in einen Laden zu gehen und ein Buch zu kaufen.“
Ich denke: Ja, stimmt. Buch kaufen ist nicht so schwer. Er hat recht. Autofahren ist bestimmt schwerer. Denkt er, dass ich denke, ein Buch kaufen und Autofahren sind gleichschwer? Denkt er, ich kaufe nur Bücher und mache sonst nichts? Er hatte mich gar nicht gefragt, was ich mache und wenn er gefragt hätte, dann hätte ich bestimmt nicht gesagt, dass ich den ganzen Tag Bücher kaufe.
Ich sage: „Stimmt. Autofahren ist bestimmt schwerer. Und alleine um die Welt segeln ist auch schwerer als Wasser kochen.“
Er denkt nach und nickt und sagt: „Aber einen Griesbrei essen ist auch schwerer als ein Haus zu bauen.“
Ich stimme ihm zu, wir verabschieden uns und ich denke: Dieser Fahrlehrer ist irgendwie komisch.

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Allgemein

18 Gedanken zu “Die erste Fahrstunde

  1. liebe frau freitag,
    wir haben erschreckend viel gemeinsam. ich liebäugele mit paar´n 30 auch gerade mit dem führerschein. am sonntag geht es mit einer freundin auf den verkehrsübungsplatz. ich habe ein bisschen muffensausen…. ich bin gespannt, was es hier in zukunft zu lesen gibt. meine schüler waren schon ganz erstaunt, als ich vor einem jahr endlich sagen konnte, dass ich jetzt auch einen fernseher besitze. mal sehen, was sie sagen, wenn ich ihnen den führerschein unter die nase halte (falls ich das schaffe, bevor sich unsere wege trennen….).
    weitermachen!
    liebst,
    jule*

  2. Einfach immer daran denken, dass man zum Schluss jedem den schein unter die Nase halten kann voll nach dem Motto: „Bestanden! Von wegen über 30.. fühl mich wie 18! Hab ich doch mit links gemacht.“
    Am besten mit dem schleimer hinterm Schreibtisch anfangen. 😉

  3. Frau Freitag, Hut ab! Tolle Idee den Führerschein zu machen. Bin im letzten Sommer damit fertig und 33 geworden! Meine erste Fahrstunde war genauso. Ich wünschte, Sie hätten den Schein vor mir gemacht. Dann hätte ich gewusst, was auf mich zukommt und nicht denken müssen, wie bekloppt ich mich anstelle! Aber nun weiß ich, dass ich nicht die Einzige bin, die anfangs dachte, dass der Fahrlehrer echt komisch ist. So, fehlen jetzt nur noch die Blondinen- und Frauen-Autofahr-Witze. Ich hoffe, Sie sind nicht blond und müssen sich solchen Schwachsinn von Ihrem Fahrlehrer anhören 😉 Aber es gibt Hoffnung und Sie werden es wie ich mit Bravour und nur einem Versuch schaffen, die Prüfungen bestehen und dann jedem Deppen, der nen Spruch gemacht hat, den Führerschein unter die Nase halten! Viel Erfolg und weiter so!

  4. hmm ich bin auch gerade mitten drin beim fahrschule machen. ich hatte gestern meine dritte stunde. das lief gar nicht mal so gut 😉 ich bin ganz optimistisch das Sie schneller fertig sind als ich.

  5. Liebe Frau Freitag,
    nicht bange machen lassen. Das mit dem Schalten mussten wir alle lernen – wie Radfahren oder Lesen. JEDER Fahrlehrer tut, als wäre das das absolute Insider-Geheimnis – deshalb verdienen die auch so viel Geld. Es sind einfach Abläufe, die man lernt, aber nicht mehr verlernt. Ich hab meinen Führerschein bereits seit 26 Jahren, fahre gerade sehr selten, aber wenn ich fahre, fahre ich sicher und denk mir nichts beim Schalten – so wie ich mir nichts beim Lesen denken. Immer dran denken, was man kann, kann man – und lass dich nicht von ein paar überheblichen Kleinkindern bange machen, die denken, sie könnten was, bloß weil sie schalten können – in ein paar Monaten wirst du sie auslachen!!!! Ich schwör! 😉

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