Wenn der Lehrer zum Schüler wird

Ich sag nichts. Ich setze mich einfach nur hin und höre zu. Vielleicht schreibe ich ein bisschen mit, aber sagen werde ich nichts. Gar nichts. Es gibt immer Leute die gar nichts sagen. Die kommen rein, setzen sich hin, sind dabei und am Ende gehen sie wieder und haben gar nichts gesagt. Nicht ein Wort. Ich will auch so sein.

Mit dem festen Vorsatz mich diesemal absolut zurückzuhalten begebe ich mich in meine erste Theoriestunde. Ich nicke den Anwesenden Peoples zur Begrüßung zu. Ich werde nicht mal ’Guten Abend’ oder ‚Hallo’, sagen. Von mir hören sie nichts!            Ich werde einer von diesen Stummen undurchschaubaren Leuten sein. Mit neutralem Gesichtsausdruck. Wo man nicht weiß – findet der das jetzt gut oder schlecht. Undurchschaubar, weil stumm und emotionslos. Emotionslos… manchmal wären weniger Emotionen ganz gut. Ich finde diese Emotionen oft ganz schön anstrengend. Wie gut, dass ich mich jetzt gleich in undurchschaubarer Emotionslosigkeit üben kann.

Es fängt an. Wir sehen einen Film. Ein Film über Autos. Der Film ist länger als nötig. Ich beginne mich zu langweilen. Ist kein Actionfilm und lustig ist er auch nicht. Ich gucke mich in dem Fahrschulraum um. Der Raum ist anregungsarm und auch die Hinterköpfe der anderen Fahrschüler können meine Langeweile nicht vertreiben.

Dann kommt der Fahrlehrer. Er sitzt vor uns und erzählt uns etwas über Alkohol, Drogen, Handys, Vollkasko, Teilkasko, Insassenversicherungen, Schutzbriefe und dann fragt er, was man tut, wenn man zu müde wird beim Fahren.

Ich sag nichts! Ich werde nichts sagen. Er fragt noch mal. Niemand meldet sich. Ich werde mich weder melden, noch was sagen. Und dann höre ich plötzlich: „Na auf keinen Fall Kaffee trinken.“ Es ist einfach so aus mir herausgeplatzt. Ich wollte das gar nicht sagen. Ich wollte doch unauffällig meine Zeit absitzen.

Der Fahrlehrer grinst. Ich meine – Kaffee, ist doch klar. Jeder trinkt Kaffee, wenn er müde ist, aber hier wird Kaffee nicht akzeptiert. Und dann nickt der Fahrlehrer und wir erhalten einen kurzen Vortrag, darüber, dass Kaffee eben nicht wach macht. So ein Quatsch. Kaffee macht wach. Aber Kaffee ist böse. Tee auch und Energy Drinks ebenfalls. Von Zigaretten wollen wir gar nicht erst anfangen.

Und ab da konnte ich mich nicht mehr zurückhalten. Jeden Satz mußte ich kommentieren. Überall meine schlechten Witze beisteuern. Ich kann nicht anders. Wenn ich was höre, dann sucht mein Hirn einen passenden Witz zu dem Satz und auch wenn ich das nicht will, sage ich den dann. Das ist wie kotzen. Man denkt noch so: Nein, nein und schon ist es passiert.

Die erste Theoriestunde und Oma ist schon jetzt der Klassenclown. Na toll. Um meinen Witzemachdrang ein bisschen zu kontrollieren habe ich angefangen mitzuschreiben. Das ging dann. Aber nur kurz. Die Pausen waren ganz schlimm. Ich werde mich nächstes Mal einfach nicht zu den anderen stellen. Die können sich bestimmt auch ohne mich unterhalten.

Ich war total der Schüler. Mit all seinen negativen Eigenschaften. Unkonzentriert, habe ständig auf mein Handy geguckt, mich nicht gemeldet, wenn ich was sagen wollte, mit meinem Nachbarn geflüstert und ich bin sicher, das nächste Mal bekritzele ich die Tische. Oh Gott.

Advertisements
Allgemein

12 Gedanken zu “Wenn der Lehrer zum Schüler wird

  1. Das kenn ich: Beim Pendeln von der Schule ins Uniseminar verandert sich was. Will ich vormittags Aufmerksamkeit und predige gegen heimliches surfen unter dem Tisch für mehr Bildung, schlag ich die Zeit im Seminar gerne mit Bloglesen auf dem Handy tot. Bildung kommt da auch so. Aber immerhin kann ich das Handy da auf den Tisch legen… 🙂

  2. Gott! Ich kann mich mit meinen Kommentaren und meinen schlechten Witzen ebenfalls nicht zurückhalten.. Das verlangt der innerliche Drang, oder sehe nur ich das so?

  3. Wenn diese Anmerkungen und Witze und Kommentare nicht raus können erstickt man daran…. Ganz sicher….
    Deswegen muss der Körper reflexartig reagieren, Schutzinstinkt vor drohendem Erstickungstod sozusagen und einfach raus damit….

    In einem Moment denke ich noch: Ohoh OSHchen… Halt den Mund und schon höre ich mich reden.

    Schlimm…
    Mich beruhigt gerade zutiefst, dass es Frau Freitag auch so geht.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s