„Ich will Feuerwehrman werden, weil ich gerne Leute helfe.“

„Frau Freitag, kann man sein Praktikum auch als Stewardess machen?“ fragt mich Murat am Freitag. Stewardess…er sieht bestimmt süß aus, in einem kurzen Lufthansakleidchen…“Weiß ich nicht genau…“ antworte ich „…wahrscheinlich kannst du am Flughafen arbeiten, aber die werden dich im Praktikum nicht fliegen lassen. Kann ich mir jedenfalls nicht vorstellen.“ „Ja, stell dir mal vor…“ mischt sich Erol ein „…deine Mutter ruft dich auf Handy an und du sagst, du fliegst gerade nach Istanbul.“

Ständig fragen mich die Schüler meiner Klasse wo und wie man sein Berufspraktikum machen kann, sollte, darf. Die haben seit Schuljahresbeginn zwei Stunden in der Woche Berufsvorbereitung. Was machen die denn da eigentlich? Das unterrichten Schulfremde, von denen ich annahm, dass sie sich in der Berufs- und Praktikumswelt auskennen. „Was macht ihr denn eigentlich bei der Berufsvorbereitung? Fragt die doch mal, wieviel man in der Ausbildungszeit verdient. Die sollten doch sowas wissen.“ Samira: „Das ist voll langweilig, der Unterricht bei denen. Die wollen immer nur wissen, was wir so privat machen. Die wollen uns aushorchen.“ Sabine: „Ja, die sind voll neugierig. Und was hat das mit dem Praktikum zu tun?“ Wahrscheinlich versuchen die armen Kerle, die Interessen und Fähigkeiten meiner Schüler herauszubekommen. Langsam befürchte ich, dass niemand meiner Klasse sagt, welche Berufe es gibt und was man in den einzelnen Berufen so macht. Mal ganz abgesehen davon, dass sie jemals lernen werden, wie man sich bewirbt.

Ein Freund von mir macht mit Klassen, außerhalb der Schule, Bewerbungstraining und kann es oft gar nicht fassen, wie wenig Ahnung die Schüler von der Berufswelt haben. Neulich war da ein griechischer Junge (Realschüler), der sich in einem griechischen Restaurant als Koch bewerben wollte. Das Einstellungssimulationsgespräch lief so:

„Nennen Sie doch mal ein paar griechische Gerichte.“  „Oh. Schwer. Also auf jeden Fall Tzatziki. Und dann diese kleinen Würstchen. Die macht meine Mutter immer im Ofen.“  „Und wie heißen die?“  „Keine Ahnung. Aber lecker!“

„Stellen Sie mir mal ein typisches griechisches Drei-Gänge-Menü zusammen.“  „Oh. Schwierig.“ Pause. „Das ist aber eine schwere Frage….also als Vorspeise…Salat.“  „Was soll denn da drin sein in dem Salat?“  „Normaler Salat. Dann vielleicht Tomaten.“ Pause. „…und Gurken.“ „Sonst noch was?“   „Nein.  “ Käse?“  „Nein.“  „Dann als Hauptgericht…Fleischplatte mit Kartoffeln.“  „Und zum Nachtisch?.“  Lange Pause.   „Schwierig.“  Pause.  „Muss kein griechisches Gericht sein.“  Pause. „Kuchen.“

Hätte dieser junge Mann einen Ausbildungsplatz bekommen? Oder der, der sich bei der Polizei bewerben will?

„Woher weiß denn ein Polizist, was richtig und was falsch ist?“  „Das weiß der eben.“  „Und woher?“   „Keine Ahnung.“ „Steht das vielleicht irgendwo? Vielleicht in irgendeinem Buch?“   „Vielleicht. Auf jeden Fall wäre dieses Buch dick.“

Oder was ist mit dem Mädchen, dass unbedingt pharmazeutische Fachangestellte werden möchte und denkt, sie muss Mathe können, um das Haltbarkeitsdatum auf den Medikamenten auszurechnen. „Woher wissen Sie denn, welches Medikament ein Patient braucht?“  „Das weiß ich dann schon.“ „Schreibt das nicht ein Arzt auf?“  „Nein, das kann ich dann auch.“

Liebe Berufsvorbereitungsheinis, die ihr in meiner Klasse unterrichtet, hört mal auf, die nicht vorhandenen Hobbys meiner Schüler zu ergründen. Spielt mit denen lieber mal Einstellungsgespräche durch. Sagt denen, dass Anwalt kein Ausbildungsberuf ist und dass man als Anwalt auch nicht an Tatorte fährt, um sich die Leichen anzusehen. Ich möchte nicht, dass sich meine Klasse später mal bei Bewerbungsgesprächen bis auf’s Hemd blamiert.

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5 Gedanken zu “„Ich will Feuerwehrman werden, weil ich gerne Leute helfe.“

  1. Hast Du als Klassenlehrerin denn keinen Kontakt zu diesen externen Berufsberatern und keinen Einblick in das, was sie da tun in diesen Stunden? Und keine Möglichkeit, mal mit ihnen zu sprechen und Deine Wünsche an den Mann oder die Frau zu bringen?

    Ich hätte jetzt eigentlich als selbstverständlich vorausgesetzt, dass man als Klassenlehrer/in da gewisse Einblicke und Kontakte hat.

    So long,
    Corinna

  2. Was? Also ein griechischer Schüler (wie griechisch wird er wohl sein? Sonst heißt es immer, aber die haben doch die deutsche Staatsblaschaft, aber wenn sie denn im griechischen Restaurant arbeiten wollen, dann müssen es auf einmal wieder waschechte Griechen sein, wa?!), also ein gut integrierter Migrant mit griechischem Hintergrund, kann sich nicht als Koch bewerben, weil seine Mutter ihm nicht ständig Mussakaka und ScHarFKäSe vorgesetzt hat? Und was gibt es denn bittschön gegen Kuchen zum Nachtisch zu sagen?
    P.S:Super-Video!

    • Es ging wohl eher darum, das die Antworten umso erstaunlicher waren, da er ja Grieche war. Erwartet wurde im Bezug auf jeden Bewerber –ganz gleich welcher Herkunft– offenbar deutlich mehr. Zu Recht.

  3. Hmm, kann mich nicht erinnern, dass bei uns die Lehrer Hilfestellung bei der Berufswahl leisten mussten. In der Berufsberatung gab es die Möglichkeit einen Test zu machen, der einem dann ein paar Berufe die den Interessen / Können entsprachen ausspuckten. Bei mir lustigerweise Grafiker (neben Apotheker, Drogistin etc). dann konnte man sich anhand von Mäppchen genauer über die Berufe orientieren.
    Dass die Leute die Bewerbungen schicken / zu Gesprächen kommen zu wenig Ahnung haben was der Beruf beinhaltet habe ich auch schon festgestellt – von der Drogerieseite her haben wir jedes Jahr viele Bewerbungen für Schnupperlehren und Lehrstellen. Kleiner Tipp an die Schüler: Vorher Informieren und wirklich Interesse zeigen. Nicht nur die Standardsätze wie „ich habe gerne Kontakt mit Kunden“ … dann kann die Person ja auch in den Aldi verkaufen gehen …

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