Die Arbeit des Lehrers ist die Menschheit von morgen!

Lehrersein ist kein Beruf, sondern eine Berufung. Fragt sich dann nur, ob Berufene Beamte sein sollten und eine Bezahlung brauchen. Berufung hört sich für mich eher nach religiöser Motivation inklusive göttlicher Offenbarung an. Und ganz recht, auch mir widerfuhr der Ruf.

Das war noch an der Uni. Ich sitze in einem langweiligen Didaktikseminar und warte auf die Anwesenheitsliste. Ohne sich eingetragen zu haben, kann man sich nicht aus dem Raum schleichen. Sonst bekommt man den Schein nicht. Ich starre also seit 30 Minuten an die Wand hinter der Dozentin. Und plötzlich sehe ich über ihrem Kopf ein helles Licht. Es wirkt wie ein Scheinwerfer, der angeht. Verwirrt gucke ich meine Kommilitonen an. Sie scheinen nichts zu sehen, denn sie hängen noch genauso apathisch über ihren Tischen wie zuvor. Und dann erscheint in dem Licht ein alter Mann mit Bart und sieht mich direkt an. Meint der mich? Und dann fängt er an zu sprechen:

„Ja, Frau Freitag, ganz recht. Ich meine Sie. Wachen sie auf! Ich möchte Ihnen etwas zeigen.“ Er macht eine einladende Handbewegung und plötzlich ist da ein ziemlich kitschiges Wohnzimmer. Festlich geschmückt und viele Leute, die sich sehr schick angezogen haben. Auf dem fetten Ledersofa sitzt ein kleiner Junge in einer Art Karnevalsuniform. Wie so ein Spielmannszugführer. Mit einem Hut. An dem Hut sind Glitzersteine und eine Feder angebracht. Vor ihm liegen Geschenke auf dem gekachelten Sofatisch. Alle sehen ihn an. Der Junge weint. Jetzt kommt wieder die Stimme:

„Frau Freitag, schauen Sie, das ist Familie El-Habibi und dieser Junge (jetzt Großaufnahme des Kleinen) das ist der kleine Abdul. Das ist heute ein ganz besonderer Tag für ihn. Das ist seine Bar Mitz…äh nein, Moment, das hier ist sein Beschneidungsfest.“

Ich denke: „Beschneidung? Fimose wird gefeiert?“ Was soll das alles?!

„Und was hat das mit mir zu tun?“ frage ich laut und sehe mich sofort erschrocken um. Aber niemand scheint etwas gehört zu haben. Wahrscheinlich befinde ich mich zeitweise in einer Art Paralleluniversum. „Ich kenne doch diese Falilie El-Habib gar nicht.“

„El- Habibi. Nein Frau Freitag, Sie kennen Sie nicht. NOCH nicht! Aber glauben Sie mir. Sie werden im Leben von diesem kleinen Jungen eine große Rolle spielen. Eine sehr große.“ „Wie das denn?“ frage ich und denke: Hör mal auf zu fantan – damals ein beliebter Slangausdruck. „Sie werden den kleinen Abdul auf der dem steinigen Weg vom Kind zum Mann begleiten. Ihn begleiten und führen durch die paradoxen Wirren der Jugend. Ihm Normen und Werte und nicht zuletzt das Grundgesetz vermitteln. Es wird nicht leicht, aber sie werden es schaffen. Sie werden ein winziges Korn pflanzen und an der Hege und Pflege beteiligt sein, damit in diesem Jungen etwas wächst, etwas Gutes. Sie werden ihm sein wie eine zweite Mutter….“

„Moment“ unterbreche ich. „Jetzt mal nicht so schnell. Was soll ich denn machen? Soll ich den etwa heiraten? Ich will das nicht, der ist doch viel zu jung, und ich will auch nicht in diese Familie reingeraten. Das Wohnzimmer sieht ja schrecklich aus. Dieser Kitsch überall, diese Gardinen und was ist das da an der Wand, ein Wasserfall, das ist doch nur ein Bild, aber da bewegt sich doch was….“

„Meine liebe Frau Freitag, Sie sollen diesen Jungen doch nicht heiraten…Sie werdem ihn eine Lehrerin sein! Seine Lehrerin!“ Lehrerin, Lehrerin….ach ja, ich bin ja für Lehramt eingeschrieben. Aber ich will doch nicht Lehrerin werden. Das habe ich doch nur gemacht, weil man bei Freie Kunst sowieso nicht reinkommt. Ich werde doch eine berühmte Müllkünstlerin. Mein Motto wird ‚Recycle von München bis Wanne-Eikel‘

Ich lehne mich entspannt zurück: „Tja, sorry, da wird wohl nichts draus, denn Ich werde KÜNSTLERIN!“

„Künstlerin, Künstlerin…pah!“ die Stimme wird jetzt etwas ungehaltener „Brotloser Quatsch! Frau Freitag, ich sage Ihnen das nur einmal: Sie werden Lehrerin! DAS ist hiermit Ihre Berufung und jetzt passen Sie gefälligst besser auf in Ihrem Seminar, denn sonst müssen Sie diesen Schein nochmal machen.“ Und plötzlich war das Licht wieder aus und ich verwirrt. Lehrerin. Ich? Darüber hatte ich noch gar nicht nachgedacht. Und wie dieser kleine Junge geweint hat. Süß war der. Vielleicht wäre ich ja eine gute Lehrerin. Vielleicht ist ja Lehrerin voll leicht. Wenn solche Kinder meine Schüler wären, solche süßen kleinen Griechen, Italiener oder Jugoslaven, das wird doch ein Kinderspiel und als Lehrerin verdient man doch auch einen Haufen Geld…

Von da an war mein Werdegang zementiert. Als die Dozentin Referatsthemen verteilte war ich die erste, die sich meldete.

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8 Gedanken zu “Die Arbeit des Lehrers ist die Menschheit von morgen!

  1. Wir hier im Vatikann werden sofort ihre Heiligsprechung in die wege leiten, wir müssten nur noch wissen, ob die Stimme damals mit einem ausländischen Akzent sprach und wenn ja ob es eher ein italienischer oder arabischer gewesen.
    Benedicat webpagensionem
    salve

    ben

  2. Und ich beneide Sie ja um die Stimme mit aramäischem Akzent. Die, die ich gerade hörte, hatte leider einen typischen Behördenklang als sie sagte: „Referendariat? Vielleicht… Aber jetzt noch nicht!“

  3. Frau Freitag, ich hatte immer schon so einen verdacht, dass sie heimlich Erscheinungen haben…. gestern auf dem Flohmark bemerkte ich auch so ein blassgoldenes leuchten um ihr haupt … war es womöglich ein nimbus oder nur der schein der untergehenden sonne?
    Aber ihr letztes Gelübde als beamtin haben sie noch nicht abgelegt, oder?

    (Und überhaupt, Benny, vor der heiligsprechung kommt erstmal die seligsprechung! )

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