Die Superlehrer bitte zur Nachhilfe!

Na, das war ja wieder was, gestern bei den Superlehrern. Ich habe zwar den freundlichen Deutschlehrer vermisst, aber auch so war’s höchst interessant. Die Superlehrer bitte zur Analyse: Also, ihr habt da ein paar gravierende Anfängerfehler gemacht.

Die Sache mit Harun. Was war das denn? Harun geht an die Tafel. Während er sich an einer Aufgabe der Sechsten Klasse abrechnet, beschimpft und beleidigt er seinen Opfer-Freund Sebastian, weil er ja nun mal der King ist. Der fühlt sich beschimpft und beleidigt und pöbelt zurück, als Harun wieder an seinem Platz ist (ist jemandem die getrennte Sitzordnung nach nationaler Herkunft aufgefallen?). Das geht natürlich nicht, dass diese Kartoffel den tollen Klassenchef Harun anmacht. Harun muss hier selstverständlich kontern „Was willst du, du Opfer? Ich schneid’ dir die Kehle durch und schick deiner Mutter die Leiche.“ Sebastian murmelt dazu irgendwas und handelt sich dafür die gelbe Karte ein. Harun kriegt keine. Er hat sich doch nur verteidigt…er ist doch der Chef, an den trauen sich wohl nicht mal die Superlehrer ran. „Ich schneid dir die Kehle durch…ach, das ist doch nicht so schlimm, wie so ein unverständliches Sebastiangemurmel. „Sebastian, du bleibst nachher noch mal hier.“ Während Harun ausflippt und seine „Ich kann nicht mehr an mich halten, wie kann so ein niederes Opfer es wagen mich unangenehm anzusprechen“ – Show abzieht, geht die Sozialpädagogin auf ihn zu, um ihn zu beruhigen und macht doch glatt den Kardinalfehler: Sie fasst Harun  am Ärmel! Der flippt wahrscheinlich an dieser Stelle total aus – können wir leider nicht sehen, da diese Stelle von SAT1 raus geschnitten wird. Aber ich weiß genau, wie das abgelaufen ist: Also entweder er schreit sie nur an „Fass mich nicht an du Hurentocher“, oder vielleicht klatscht er ihr gleich eine. Jedenfalls durften wir das nicht sehen. Stattdessen bekommen wir eine schöne sozialpädagogische Szene vor der Schule präsentiert. Harun: „Was erlauben Sebastian…? Opfer…Ich kann da nicht mehr an mich halten, ich flipp bei so was aus, Is mir egal ob ich Knast komme, isch schwöre. Ich hab schon Antigewalttraining gemacht, aber nützt nix ich kann nichts dafür. Ich bin einfach so.“

Und jetzt der Knaller der „Man muss mit den Ressourcen und nicht mit den Defiziten der Schüler arbeiten“ – Gangart: „Du hast nicht zugeschlagen. Fand ich super.“ Ich dachte ich höre nicht richtig. Der Typ hat da eben vor laufender Kamera eine 1A – Morddrohung abgeliefert und die Sozialtante sagt „Super, dass du nicht zugeschlagen hast…“ Was kommt denn dann nächste Woche? „Du hast sie nicht umgebracht, sondern nur zusammengeschlagen. Fand ich super.“ Sanktionen bei Morddrohungen stehen ja auch nicht auf dem Regelplakat an der Wand. Zuspätkommen ist ganz schlimm, für Nicoles ‚nicht an die Tafel gehen’ gibt es gleich eine Gesamtkonferenz, aber eine Morddrohung, ach, Firlefanz.

Ihr Superlehrer seid  Feiglinge. Ich garantiere, dass der arme Sebastian mehr Ärger bekommen hätte, hätte er das gesagt und nicht Killer-Harun. Aber ihr seid ja auch selbst Schuld an der ganzen Eskalation. Man klärt so eine Situation nicht vor der gesamten Klasse, sondern alleine mit den Schülern. Schon mal gehört, dass das wichtigste in Haruns Kreisen das berühmte „Gesicht wahren“ ist? Nö, wa? Schleimt euch ruhig weiter bei dem ein. Machen ja auch die anderen Schüler. Lasst euch mal von seinem Charme, den er gut gelaunt versprüht einlullen und kuscht ruhig weiter, wenn er mal ausflippt.

Schön auch eure neue Rolle als Kuppler. Hat der Englischlehrer das Kondom vor die beiden Turteltauben gelegt? „Gib ihm doch Nachhilfe…“ Und spricht in dem Englischunterricht eigentlich, außer dem Lehrer, noch jemand Englisch?

Ansonsten gab es wieder herrliche Lebensweisheiten. Ich zitiere:

Jeremy: „Weil is auch für mich schlecht, wenn ich jeden Tag scheiße baue.“ Diese Einsicht – nach mehr als 28 Strafdelikten – find’ ich super.

Mathelehrer: „Als Erfolg würde ich mal sehen, dass sie versucht hat zu rechnen.“

Aber mein Lieblingssatz kam beim Jugendcoach: „Seit sie nach der Neunten Klasse die Hauptschule abgebrochen hat, träumt sie von einer eigenen Tanzschule.“

Weiter so SAT1 – dein Bildungsfernsehen kommt an! Ich bin gespannt auf die Tränen der Sozialpädagogin, wenn sie nächste Woche Mega-Harun aus dem Klassenzimmer abführen.

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Mach‘ hinne SAT1!

Seit Stunden sitze ich über dieser Englischarbeit…ich habe keinen Bock mehr! Zur Entspannung habe ich erstmal Muffins gebacken.

Aber Lust auf Zensierung habe ich immer noch nicht. Leider brauche ich diese Zensuren unbedingt für die Zeugnisnoten. Manchmal ist es doch eine bodenlose Frechheit, was für einen Mist mir die Schüler da aufs Papier klieren und dann unüberarbeitet abgeben. Frau Dienstag sagt sie kommt sich beim Zensieren von Arbeiten vor, wo ein Kanalarbeiter, der sich durch die Scheiße wühlt. Wo sie Recht hat, hat sie Recht.

Das Einzige was mich heute noch am Leben hält, ist die Aussicht auf die zweite Folge von „Die Superlehrer“. Ich will unbedingt wissen, warum der alte Lehrer weint. Im „Lehrerzimmer“ – süß. Und auch putzig: „Wir haben nachher Gesamtkonferenz“ – bei vier „Lehrern“ – von denen ja eigentlich nur zwei (ehemalige) Lehrer sind. Und in dem Trailer zeigt ja SAT1, wie der eine Schüler den schönen Satz sagt: „Was willst du, du Opfer? Ich schneid’ dir die Kehle durch.“ Auf diese kleine Meinungsverschiedenheit freue ich mich auch schon. „Opfer“ – heute hören wir bestimmt auch noch Missgeburt und Hure. Letzte Woche haben ich ja schon was Neues gelernt: Votzensohn. Ach Dilara, I love you. Schade, dass ich dich nicht unterrichten darf. Ich kann wirklich nur jedem raten, heute Abend um 20.15 Uhr dabei zu sein. Vielleicht wird die Sendung ja besser, wenn wir sie alle gucken.

Und vielleicht erleben wir ja heute wie der Jugendcoach mal scheitert. Vielleicht bekommt er ja den Fall Nicole, trotz seiner eigenen schweren Jugend „Ich hab’ selbst viel Scheiße gebaut“ heute mal nicht gerade gebogen. Wir werden sehen.

So, jetzt müssten die Muffins fertig sein.

So klappt’s auch in der Schule!

Okay, was soll sein, ich verrate jetzt den Trick, wie man alle Problem in der Schule lösen kann. Alle? Ja, alle! Und zwar nicht nur Schwierigkeiten mit Schülern, sondern auch jegliche Dispute mit Kollegen und Vorgesetzten. Frührente, werden einige jetzt sicher denken. Berufsunfähigkeit…Versetzung ins Schulamt…Beförderung …Tod.

Nein, nein, nein. Alles falsch. Die Zauberwaffe zur allgemeinen Glückseligkeit im Hort des Lernens heißt: Paradoxe Intervention.

„Weiß jemand, was das ist? Hat jemand davon schon mal etwas gehört? Was könnte das denn sein…?“ Ich erspare uns an dieser Stelle die entwickelnde Frage-Antwort-Tortur und komme gleich zur Sache.

Paradoxe Intervention heißt, du verhältst dich ganz anders als erwartet. Das ist toll, das macht Spaß und nebenbei lösen sich alle Probleme in Luft auf. Mit ein bisschen Übung kann das jeder. Man muss lediglich sein Pädagogenhirn auf Normalermenschenverstand umprogrammieren und alles vergessen, was man in der Uni gelernt und in der Fachliteratur gelesen hat. Die Meisterin, ach was sage ich, die Königin der Paradoxen Intervention ist Frl. Krise. Sie kann so paradox intervenieren, dass sie beim Fleischer Brot bestellt.

„Kann ich bitte die Fahrzeugpapiere sehen, gnädige Frau?“ „Ach wissen Sie ich brauche erstmal die Speisekarte, aber bringen Sie mir doch schon mal einen Cappuccino und ein Mineralwasser, bitte.“ Das wäre jetzt eine zu weit geführte P-Intervention. Lustig, aber wenig alltagstauglich, da man nach einiger Zeit eher in der Klapse, als in der Zufriedenheit landen würde. Die Reaktionen müssen schon in die Situation passen.

Ein schönes Beispiel vom letzten Freitag. Ich habe Pausenaufsicht auf dem großen Hof. Zehn Meter entfernt von mir zwei Siebtklässler, einer lacht, der anderen im Schwitzkasten. Ich: „Lass ihn mal los.“ Der Aggressor:“ Is’ nur Spaß.“ Die normale Pädagogenreaktion: „Ja, für dich vielleicht, aber nicht für ihn. Ihr wisst, dass wir hier keine Gewalt dulden und blah blah blah.“ Der Junge würde den anderen loslassen und wenn ich weg wäre weitermachen. Jetzt die P-Intervention. “Lass ihn mal los. Es ist doch langweilig, immer nur zu testen, wer von euch stärker ist. Wer ist denn schlauer? Wie viel ist 3+7?“ Sofort sagt einer 10. Garantiert! Und jetzt sofort weitermachen: „Welche Sprache spricht man in Australien? Welches Land ist größer – Dänemark oder China?“ Die Fragen dürfen nicht zu schwer sein. Es wird sich eine Traube von Schülern  bilden, die alle mitmachen wollen. Irgendwann sagt man dann zu einem Zuschauer: „So, du übernimmst jetzt die Fragen.“ Das funktionierte garantiert.

Die Klasse arbeitet nicht mit, seit Wochen schon. Du regst dich auf. Hast alles versucht. Nichts hat geholfen. Du bist am Ende. Kannst nicht mehr, schreist die Klasse an, brichst den Unterricht ab, sitzt am Pult und starrst sie an bis es klingelt. So erging es Frl. Krise mit einer Zehnten Klasse. Zu Hause hatte sie dann eine grandiose Idee. Ein Meisterstreich der P-Intervention – sie ist und bleibt halt die Beste auf diesem Gebiet. In der nächsten Stunde geht sie in die Klasse. Freundlich und nett. Wartet, bis es einigermaßen ruhig ist und sagt dann – ich hoffe ich gebe es jetzt richtig wieder: „Ich möchte mich bei euch entschuldigen.“ Kurze Pause. Die Schüler werden aufmerksam. „Ich möchte mich bei jedem einzelnen von euch entschuldigen. Ich verlange hier, dass ihr euch am Unterricht beteiligt, dabei befindet ihr euch in einer sehr krisenhaften Situation. Ihr habt bald die Zehnte Klasse beendet und wisst noch gar nicht, was ihr dann machen werdet. Rainer, du z.B. wiederholst ja jetzt das Schuljahr, weil du den Realschulabschluss wolltest, und nun hast du das wieder nicht geschafft, ich versteh, dass du da frustriert bist. Christine, du wolltest in die gymnasiale Oberstufe, das klappt jetzt nicht, und ich meckere noch ständig an dir rum….“ Das hat sie die ganze Stunde lang gemacht. Aber nicht ironisch oder gemein. Man darf das jetzt nicht mit dem berühmten“ Ich bekomme mein Geld auch, wenn ihr nicht mitmacht“-Zynismus verwechseln. Die Ironie-Leier kennen die Schüler genauso gut wie das Pädagogen-Geseier. Frl. Krise hatte jedenfalls den vollen Erfolg. Am Ende der Stunde sagte sogar einer: „Aber Frl. Krise, Sie entschuldigen sich bei uns, dabei  müssten wir uns doch eigentlich bei Ihnen entschuldigen.“

Nicht einfach den Toilettengang in der Stunde verbieten, sondern auf „Ich mach mir aber sonst in die Hose.“ antworten: „Das wollte ich schon immer mal erleben, ich spendiere dir in der Pause eine Cola, wenn du das wirklich  machst.“

Oder zu den breitbeinig dasitzenden Machokipplern in der letzten Reihe ein freundliches: „Wenn die Herren mit der Hodenentzündung auch mitmachen könnten…“

Zu den Kollegen, die sich über deine Schüler beklagen: „Der Soundso hat sich wieder total daneben benommen. Der hat in der letzten Stunde…“ Ein “Ja, das ist ja wirklich unglaublich. Ich finde den auch unmöglich. Schreib’ einen Tadel und vergiss nicht, den im Schülerbogen abzuheften.“

Wenn man einmal sein gesamtes inneres Lehrersystem auf Paradoxe Intervention umgestellt hat, unterricht es sich gleich viel einfacher. Man ist nicht so vorhersehbar für die Schüler, der Unterricht wird interessanter, lustiger, Konflikte entschärfen sich schnell und alles macht mehr Spaß.

Also, liebe Kollegen, wenn ihr das nicht sowieso schon praktiziert, dann probiert das gleich mal morgen aus. Frl. Krise wird in einigen Jahren ein Ratgeber-Buch dazu schreiben, in dem sie für jede nur erdenkliche Situation in Schule die passenden paradoxen Interventionsmöglichkeiten aufzeigen wird. Ein garantierter Bestseller.

Berichtet doch mal, wenn ihr erfolgreich paradox  interveniert habt, der Lehrer lernt doch nie aus und wir sind doch immer für gute Ideen zu haben.

Wir sind halt Ausländer

„Und was bekommt Peter auf sein Bild?“ Peter: „Bestimmt doch wenigstens eine Vier, oder?“

Ich: “Nee, ist sogar eine Drei.“ Raifat: „Klar, weil er Deutscher ist…“

„Raifat, willst du damit sagen, dass ich rassistisch bin?“ Ich spiele die Entrüstete – kann ich auf Knopfdruck-, dazu muss man nur etwas lauter und deutlicher als sonst sprechen und man darf auf keinen Fall lachen, sondern muss nach dem Satz eine kurze Kunstpause machen. Das gibt der Aussage noch mehr Kraft und der Vorwurf der Voreingenommenheit und ungerechten Bewertung erscheint noch unverschämter.

„Ihr wollt doch nicht im Ernst sagen, dass ich rassistisch bin, oder?!? Ich gebe doch dem Peter nicht eine Drei, nur weil er Deutscher ist! Hauptsache ein Schüler sieht gut aus, da ist mir doch die Nationalität egal!“

Immer wieder dieses Ausländerding. Wer ist denn eigentlich Ausländer? Die wohnen doch alle hier und die sind doch auch alle hier geboren. Am ersten Tag mit meiner Klasse habe ich – Lions Quest- fortgebildet wie ich war- erstmal ein Kennlernspiel gemacht. Alle sitzen im Stuhlkreis, ich sage etwas und auf wen das zutrifft, der soll aufstehen: „Alle die gerne spät ins Bett gehen, sollen aufstehen! Alle die Ferien mögen, sollen aufstehen! Alle die die Simpsons gucken, sollen aufstehen!“ Dann übergebe ich die Fragerrolle an einen Schüler: “Alle die MSN sind, sollen aufstehen usw.“ Irgendwann:“ Alle die Ausländer sind, sollen aufstehen.“ Fast alle springen auf. Ich übernehme wieder und sage: „Alle die hier geboren sind, sollen aufstehen.“ Die gleichen Schüler springen auf und als ich frage, wessen Eltern hier geboren sind, setzt sich auch niemand wieder hin.

Also was denn nun? Hier zur Welt kommen und trotzdem Ausländer sein wollen? Zweidrittel der selbsternannten Ausländer besitzen einen deutschen Pass und kennen ihr „Heimatland“ nur aus dem Fernsehen oder von Kitschpostkarten im Wohnzimmer. „Warst du denn schon mal im Irak oder in Syrien oder in Palästina (hihi)?“  Nö! War natürlich kaum einer.

Aber im Kunstunterricht finde ich noch bei jeder Aufgabe die kurdische Flagge oder den weißen Halbmond mit Stern. In jedem dritten Namensschild prangt diese libanesische Tanne und Koransuren lassen sich auch in jedes Thema einarbeiten.

Nicht, dass ich hier falsch verstanden werde – ich gönne ihnen ihre seltsame Sehnsucht, nach der perfekten Heimat, aber sich hier als Ausländer zu bezeichnen und vor allem jeden Grammatikfehler damit zu entschuldigen, dass man halt Ausländer sei, das kann ich nicht tolerieren. Sagte doch neulich der Referendar, der meine Klasse unterrichtet: „Na ja, die Südländer, die hinten sitzen, haben sehr gestört.“  „Südländer? Die wohnen alle in … und das ist eher im Norden.“

„Frau Freitag, Bleistift?“ Ich: „Bleistift?“ Aygül: “Frau Freitag, kann ich Bleistift?“ Ich: “Klar, wenn du den Satz korrekt sagst, mit Artikel und allem drum und dran.“ „Aber wir sind Ausländer, wie sprechen halt so.“  „Also erstens hast du ja wohl einen deutsch Pass und bist deshalb Deutsche, vielleicht türkische Deutsche oder deutsche Türkin, und zweitens ist das doch wohl keine Entschuldigung, so bekloppt zu sprechen. Wenn du so in der Öffentlichkeit redest, denken die Leute nämlich die ist ein bisschen dumm. Und wenn du dann in einer Arztpraxis arbeitest denken die Patienten, na, wenn die Arzthelferin dumm ist, dann ist der Arzt bestimmt auch schlecht und gehen wieder. Und alles nur, weil du keine Artikel benutzt. Wenn du mit einem französischen Akzent die falschen Artikel säuseln würdest, wie die eine bei Harald Schmidt, dann fänden das alle Leute süß und charmant, aber mit deinem türkischem Aussehen falsch zu sprechen, das mögen die Leute irgendwie nicht.“ Aygül: „Ach…so habe ich das noch nie gesehen. Könnten Sie mir  jetzt bitte trotzdem einen Bleistift ausleihen, ich habe meinen nämlich leider vergessen.“

„Klar. Hier. Bitte.“

Deine Klasse…

Meine Klasse wurde gelobt! Meine Klasse wurde gelobt! Meine Klasse wurde gelobt!

Ich sitze in meiner Freistunde im Lehrerzimmer, mit einer Schulfremden „kann ich mir auch den Deutschunterricht mal ansehen“ und einer anderen Kollegin. Beide kommen gerade aus einer Doppelstunde in meiner Klasse. Ich will lieber erst gar nicht fragen, wie es war und rede deshalb übers Wetter.

Aber dann die Schulfremde: „Das ist aber eine nette Gruppe, Ihre Klasse.“

Ich: „??????? Hääähhhh, meint die mich? Meint die meine Klasse? „Ja, die sind aber nett miteinander und die haben so schön gearbeitet.“ „Naja, die können auch anders und der Andreas…der…ist ja immer, und der blah blah und die soundso die macht ja nie…“ mischt sich die Kollegin ein. Ich: “Jetzt hör’ mal auf, die wurden doch gerade gelobt, nun lass doch mal!“ Ich will dieses Lob (fast das erste in diesem Jahr) noch genießen, bevor die Sportlehrerin gleich reinkommt und mir aufzählt wird, wer wieder nicht am Sport teilgenommen hat. Deshalb wiederhole ich: „Ja, die sind echt nett.“ Ich will noch mehr hören, ich will noch mehr Lob, aber da kommt nichts mehr. Das Thema wird gewechselt.

Ich lehne mich zurück und lasse den Satz durch mein Gehirn wabern „Das ist aber eine nette Gruppe.“ Schön klingt das. Selten, aber sehr schön. Ich finde auch, dass die eine nette Gruppe sind. Ich mag meine Klasse sehr gerne. Alle. Irgendwie sind die alle toll. Sie gehen mir zwar sehr auf die Nerven, aber sie sind trotzdem alle toll. Nur schade, dass nur ich das sehe.  Bei den Kollegen scheinen sie ihre Tollheit geschickt zu verbergen, denn ich höre sonst nur: „Deine wieder.“ „Oh Gott, du gehst in die Freitagklasse, na viel Spaß.“ „Ach die arme Neue, bei denen Ethik…na, das kann ja was werden.“

Deine. Wie ich das hasse. Ich habe die doch nicht geboren. Und trotzdem heißt das immer – deine. Die Kollegen kommen mit ihren Fehlzetteln auf mich zu gerannt und zur Begrüßung bekomme ich regelmäßig ein vorwurfsvolles „Wieder sechs Leute zu spät…“

Nie heißt  es 10 Leute waren pünktlich. Ich muss mich immer um die Nichtssoangepassten kümmern, die guten Allesrichtigmacher, über die werde ich nicht informiert. „Nicht gemeckert ist genug gelobt.“ Und im Vorbeigehen höre ich dann so Kommentare wie „Wie der Herr so das Gescherr“ (oder so ähnlich) was ja nichts anderes heißt, dass ich Schuld daran bin, dass Andreas, Peter und Sabine wieder zu spät gekommen sind. „Die haben nicht bei mir geschlafen!!!!! Wenn sie das gemacht hätten, dann hätte ich sie pünktlich geweckt und dann wären sie auch nicht zu spät gekommen!!!!“

Mir wird seit zwei Jahren suggeriert, dass meine gesamte Klasse nicht in die Pubertät gekommen wäre, wenn sie einen fähigeren Klassenleiter gehabt hätten. Nun ist es aber zu spät. Alle sind hormonell überdosiert (von mir!) und drehen frei. Sie benehmen sich total daneben, sie kommen zu spät, sie machen keine Hausaufgaben. Und wenn sie welche machen, dann schreiben sie sie nur von dem Deppen ab, der sie gemacht hat. Sie vergessen jeden Zettel, den man ihnen zur Unterschrift nach Hause mitgibt. Sie haben selten ihr Arbeitsmaterial dabei. Sie passen nicht gut auf im Unterricht. Sie arbeiten nicht besonders viel mit. Ihnen fehlt der Ehrgeiz und die Konzentration. Dafür werden sie frech, anmaßend und unverschämt, wenn man sie ermahnt.

Und trotzdem finde ich sie toll. Sie sind witzig und fröhlich. Sie kommen zu spät, weil sie sich so gut verstehen und soviel auf dem Hof zu tun haben. Sie müssen auch oft noch aufs Klo oder in die Cafeteria. Sie arbeiten nicht mit, weil sie sich momentan für andere Dinge interessieren. Sie bringen die Zettel mit den Unterschriften nicht mit, weil sie es einfach vergessen, wenn sie zu Hause sind.

Sie sind ganz normale Teenager in der schlimmsten Zeit der Pubertät. Sie haben Babyspeck und Pickel und ziehen sich komische Klamotten an. Sie haben alle Handys und wissen genau, wie man sie bedient. Sie schminken sich seltsam, oft sind sie orange. Die Jungen verkleistern ihre Haare mit Gel und die Mädchen finden das süß. Sie bequatschen dauernd ihre Probleme. Sie sind ständig verliebt und dann wieder doch nicht. „Schon laaange nicht mehr mit dem, Frau Freitag.“ Sie machen gute Witze und lachen, wenn ich über Kabel stolpere. Sie bringen mir die übelsten Ausdrücke in Arabisch oder Türkisch bei und versichern mir, das hieße ‚Guten Tag’ und ‚Auf Wiedersehen’. Sie sind ständig wie auf  Koks, völlig überdreht und zu laut.

Ich finde sie wirklich super.

Wenn man nicht schlafen kann

Das ist schrecklich, morgens um vier Uhr aufwachen und sich im Bett wälzen. Was hat das mit der Schule zu tun? Wahrscheinlich sind das mal wieder Vorboten des Burnouts, die mich in diesen viel zu frühen Morgenstunden wachrütteln. Warum wäre sonst mein erster Gedanke: „Habe ich die Buchbefreiungszettel alle bekommen (Nachweise, dass die Familien meiner Schüler Geld vom Job-Center erhalten)? Wird sich Manuela wieder mit Katrin vertragen, oder startet da jetzt der erste richtige Zickenkrieg in meiner Klasse. Warum kommt Justin immer zu spät? Sollte ich die Eltern anrufen? Wo habe ich die Zeichnungen der Zehnten Klasse, die muss ich noch zensieren.“

Mit solchen Gedanken aufzuwachen nervt. Und je länger ich über jedes einzelne Problem nachgrüble, umso unlösbarer scheinen sie. Werde ich langsam irre? Habe ich eine Kontrollzwang oder bin ich einfach zu früh ins Bett gegangen? Geht es anderen auch so und kann  ich diese Stunden als Mehrarbeit irgendwo geltend machen?

Das Verrückte ist, dass mich diese Gedanken direkt in eine schöne depressive Verstimmung steuern. Ich habe noch nie auch nur ein Problem dadurch gelöst, dass ich von vier bis sechs darüber nachgedacht habe. Frl. Krise sagt, dass sich mein Gehirn, in diesen frühen Stunden, in dem gleichen Stadium befindet, wie in einer echten Depression. Das sei allerdings ganz normal und ich habe auch schon gemerkt, dass alles wieder gut ist, sobald ich mich in die Küche schleppe, um Kaffee zu machen. Aber Kaffee um vier? Kaffee darf man erst um sechs machen!

Das einzige wirksame Mittel um vier ist Ablenkung. Deshalb: Aus dem Bett auf die Couch umziehen und den Fernseher anmachen. Sich von Serienschwachsinn in den Schlaf labern lassen und um sechs wieder aufwachen.

Aber heute…was läuft da? Die Wiederholung von „Hart aber fair“ – Thema: Frühförderung im Kindergarten. „Sollten Dreijährige Englisch lernen? Wie teuer darf ein Kitaplatz sein und mal wieder das dreigliedrige Schulsystem…“ So richtig ablenken lassen kann mich davon nun auch nicht.

Liebe Programmmacher vom Fernsehen, bitte sendet so früh am Morgen bitte mehr leichte Kost, denkt bitte daran, wer sich da vor dem Bildschirm befindet. Lehrerinnen, die nicht mehr loslassen können oder Mütter, die über die richtige Kitawahl nachdenken. Nehmt doch mal mehr Rücksicht, oder bringt mal einen Beitrag über Schlaflosigkeit oder eine Sendung, die mir hilft, die Kunstarbeiten zu finden.

Zensuren

Wann sind eigentlich Ferien? Ich blicke gar nicht mehr durch. Sollte jetzt nicht bald die Zeit der Filme und Hof beginnen? Eisessen, Schränke ausmisten, Hitzefrei, Kurzstunden, Tische schrubben und mit drei immer noch artig kommenden Zehntklässlerinnen Kunstarbeiten aufhängen…

Ach, aber vorher kommt ja noch die schöne Zeit der Zensurenmacherei und der Zeugniskonferenzen. „Bitte, ich brauch’ nur noch den einen Punkt. Sonst fehlt mir nichts mehr nur der eine Punkt bei Ihnen.“ „Wie jetzt ist es zu spät für ein Referat? Kann ich nicht noch einen Vortrag oder ein Plakat oder so…aber ich brauche doch unbedingt eine Vier…“

„Ach Frau Freitag kannste der Rebecca nicht noch zwei Punkte geben, die ist doch immer da gewesen und die braucht doch den Abschluss.“ „Kann ich dir die Noten nächsten Montag geben? Ich muss heute noch einen Arbeit schreiben…“ „Wie die Zensuren werden zusammen gerechnet? Das erste und das zweite Halbjahr? Echt? Seit wann denn das?“

Kurz vor den Ferien kommen komischerweise auch immer die Dauerschwänzer, Schüler, die man nur von der Kursliste kennt und noch nie gesehen hat. Scheint irgendwie, dass sie sich erst nach den Konferenzen in die Schule wagen, wenn der Druck weg ist. Wenigstens fragen die nicht nach besseren Noten.

Ich sehe mich schon stundenlang am Schreibtisch sitzen und rechnen. Ich habe die Angewohnheit, jede einzelne Zensur aus tausend Kleinstnoten, die ich für alles Mögliche gegeben habe zusammenzurechnen. Ganz am Anfang meiner Karriere  kam es vor, dass ich am Ende eines Schuljahres zu wenige Zensuren hatte und jetzt gibt es bei mir pro Stunde mindestens eine, meistens aber wesentlich mehr Noten zu ergattern. Die mache ich im Bus.

„War super, unglaublich, noch nie gesehen.“ = 1; „War auch super und toll, aber du hast Pech, dass der soundso in deinem Kurs ist und der ist besser.“ = 2; „Ach was soll sein, du bemühst dich, bist immer pünktlich und nett und manchmal sagst du auch was Richtiges“ = 3; „Tut mir leid, aber von dem Fach hast du ja so gar keine Peilung, aber wenn ich dir jetzt ne Fünf gebe, muss ich am Ende noch Förderpläne schreiben, oder noch schlimmer – du bleibst sitzen und kommst dann in meine Klasse, das muss verhindert werden.“ = 4; „Keine Ahnung haben und dann auch noch frech werden. Ständig zu spät, ohne Arbeitsmaterial und immer störende Bemerkungen, alles Schriftliche ein Griff ins Klo und auch noch eine total schlechte Handschrift und die Blätter grundsätzlich zerknittert.“ = 5; „Stand zwar auf meiner Kursliste, kam aber nie, oder kam ab und zu und hat es dann gewagt sich richtig doll mit mir anzulegen.“= 6.

Ich bin ja Schülerschleimer, ich gebe eigentlich keine Sechsen, nur den Karteileichen. Wer nett lächelt bekommt bei mir schon eine Vier. Wer dazu noch gut aussieht und mir Komplimente macht, der kann sich schon über eine Drei freuen. So einfach ist das.