Zensuren

Wann sind eigentlich Ferien? Ich blicke gar nicht mehr durch. Sollte jetzt nicht bald die Zeit der Filme und Hof beginnen? Eisessen, Schränke ausmisten, Hitzefrei, Kurzstunden, Tische schrubben und mit drei immer noch artig kommenden Zehntklässlerinnen Kunstarbeiten aufhängen…

Ach, aber vorher kommt ja noch die schöne Zeit der Zensurenmacherei und der Zeugniskonferenzen. „Bitte, ich brauch’ nur noch den einen Punkt. Sonst fehlt mir nichts mehr nur der eine Punkt bei Ihnen.“ „Wie jetzt ist es zu spät für ein Referat? Kann ich nicht noch einen Vortrag oder ein Plakat oder so…aber ich brauche doch unbedingt eine Vier…“

„Ach Frau Freitag kannste der Rebecca nicht noch zwei Punkte geben, die ist doch immer da gewesen und die braucht doch den Abschluss.“ „Kann ich dir die Noten nächsten Montag geben? Ich muss heute noch einen Arbeit schreiben…“ „Wie die Zensuren werden zusammen gerechnet? Das erste und das zweite Halbjahr? Echt? Seit wann denn das?“

Kurz vor den Ferien kommen komischerweise auch immer die Dauerschwänzer, Schüler, die man nur von der Kursliste kennt und noch nie gesehen hat. Scheint irgendwie, dass sie sich erst nach den Konferenzen in die Schule wagen, wenn der Druck weg ist. Wenigstens fragen die nicht nach besseren Noten.

Ich sehe mich schon stundenlang am Schreibtisch sitzen und rechnen. Ich habe die Angewohnheit, jede einzelne Zensur aus tausend Kleinstnoten, die ich für alles Mögliche gegeben habe zusammenzurechnen. Ganz am Anfang meiner Karriere  kam es vor, dass ich am Ende eines Schuljahres zu wenige Zensuren hatte und jetzt gibt es bei mir pro Stunde mindestens eine, meistens aber wesentlich mehr Noten zu ergattern. Die mache ich im Bus.

„War super, unglaublich, noch nie gesehen.“ = 1; „War auch super und toll, aber du hast Pech, dass der soundso in deinem Kurs ist und der ist besser.“ = 2; „Ach was soll sein, du bemühst dich, bist immer pünktlich und nett und manchmal sagst du auch was Richtiges“ = 3; „Tut mir leid, aber von dem Fach hast du ja so gar keine Peilung, aber wenn ich dir jetzt ne Fünf gebe, muss ich am Ende noch Förderpläne schreiben, oder noch schlimmer – du bleibst sitzen und kommst dann in meine Klasse, das muss verhindert werden.“ = 4; „Keine Ahnung haben und dann auch noch frech werden. Ständig zu spät, ohne Arbeitsmaterial und immer störende Bemerkungen, alles Schriftliche ein Griff ins Klo und auch noch eine total schlechte Handschrift und die Blätter grundsätzlich zerknittert.“ = 5; „Stand zwar auf meiner Kursliste, kam aber nie, oder kam ab und zu und hat es dann gewagt sich richtig doll mit mir anzulegen.“= 6.

Ich bin ja Schülerschleimer, ich gebe eigentlich keine Sechsen, nur den Karteileichen. Wer nett lächelt bekommt bei mir schon eine Vier. Wer dazu noch gut aussieht und mir Komplimente macht, der kann sich schon über eine Drei freuen. So einfach ist das.

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7 Gedanken zu “Zensuren

  1. Es funktioniert immer wieder: Franky Fuzz bekommt Gänsehaut bei „Dies ist tatsächlich meine Unterschrift“ und feuchte Augen bei „Komm mein Junge, lass uns geh´n“ Ein Meisterstück von Reinhard Mey. Hut ab.
    Seiner späteren Lehrerin auf dem Französischen Gymnasium, Charlotte Wendorff, hat er übrigens mit dem Titel „Charlotte“ ein phonetisches Denkmal gesetzt. Auch ein schönes Lied.

    Grüße von Frank

  2. Einen medizinischen Rat @Remington, den alten Rasierer:

    Stellen Sie doch das Lesen gleich ganz ein, davon wirds zwar nicht besser, aber Sie müssen sich bei niemandem mehr bedanken.

    Gute Besserung!

  3. Ach, wie tröstlich, wenn es gerade anderen auch so geht, die sich mit dem Ausrechnen von Noten, dem Eintrieben der Entschuldigungszettel, dem Hinweis auf einen Elternantrag für einen Kurswechsel – bitte bis vorgestern -, dem Planen eines Wandertages, dem Beitrag der eigenen Klasse zum Sommerfest und…und…und… beschäftigen.

    Montag und Dienstag sind Zeugniskonferenzen, dann ist das erst mal in Sack und Tüten.

    Mit kollegialen Grüßen
    Anna-Lena 🙂

  4. So wurden meine Noten zusammengesetzt? Warum habe ich dann überhaupt gelernt? Ich dachte stets, dass die Lehrer weise richten. Pff… zu naiv, zu spät.

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