Deine Klasse…

Meine Klasse wurde gelobt! Meine Klasse wurde gelobt! Meine Klasse wurde gelobt!

Ich sitze in meiner Freistunde im Lehrerzimmer, mit einer Schulfremden „kann ich mir auch den Deutschunterricht mal ansehen“ und einer anderen Kollegin. Beide kommen gerade aus einer Doppelstunde in meiner Klasse. Ich will lieber erst gar nicht fragen, wie es war und rede deshalb übers Wetter.

Aber dann die Schulfremde: „Das ist aber eine nette Gruppe, Ihre Klasse.“

Ich: „??????? Hääähhhh, meint die mich? Meint die meine Klasse? „Ja, die sind aber nett miteinander und die haben so schön gearbeitet.“ „Naja, die können auch anders und der Andreas…der…ist ja immer, und der blah blah und die soundso die macht ja nie…“ mischt sich die Kollegin ein. Ich: “Jetzt hör’ mal auf, die wurden doch gerade gelobt, nun lass doch mal!“ Ich will dieses Lob (fast das erste in diesem Jahr) noch genießen, bevor die Sportlehrerin gleich reinkommt und mir aufzählt wird, wer wieder nicht am Sport teilgenommen hat. Deshalb wiederhole ich: „Ja, die sind echt nett.“ Ich will noch mehr hören, ich will noch mehr Lob, aber da kommt nichts mehr. Das Thema wird gewechselt.

Ich lehne mich zurück und lasse den Satz durch mein Gehirn wabern „Das ist aber eine nette Gruppe.“ Schön klingt das. Selten, aber sehr schön. Ich finde auch, dass die eine nette Gruppe sind. Ich mag meine Klasse sehr gerne. Alle. Irgendwie sind die alle toll. Sie gehen mir zwar sehr auf die Nerven, aber sie sind trotzdem alle toll. Nur schade, dass nur ich das sehe.  Bei den Kollegen scheinen sie ihre Tollheit geschickt zu verbergen, denn ich höre sonst nur: „Deine wieder.“ „Oh Gott, du gehst in die Freitagklasse, na viel Spaß.“ „Ach die arme Neue, bei denen Ethik…na, das kann ja was werden.“

Deine. Wie ich das hasse. Ich habe die doch nicht geboren. Und trotzdem heißt das immer – deine. Die Kollegen kommen mit ihren Fehlzetteln auf mich zu gerannt und zur Begrüßung bekomme ich regelmäßig ein vorwurfsvolles „Wieder sechs Leute zu spät…“

Nie heißt  es 10 Leute waren pünktlich. Ich muss mich immer um die Nichtssoangepassten kümmern, die guten Allesrichtigmacher, über die werde ich nicht informiert. „Nicht gemeckert ist genug gelobt.“ Und im Vorbeigehen höre ich dann so Kommentare wie „Wie der Herr so das Gescherr“ (oder so ähnlich) was ja nichts anderes heißt, dass ich Schuld daran bin, dass Andreas, Peter und Sabine wieder zu spät gekommen sind. „Die haben nicht bei mir geschlafen!!!!! Wenn sie das gemacht hätten, dann hätte ich sie pünktlich geweckt und dann wären sie auch nicht zu spät gekommen!!!!“

Mir wird seit zwei Jahren suggeriert, dass meine gesamte Klasse nicht in die Pubertät gekommen wäre, wenn sie einen fähigeren Klassenleiter gehabt hätten. Nun ist es aber zu spät. Alle sind hormonell überdosiert (von mir!) und drehen frei. Sie benehmen sich total daneben, sie kommen zu spät, sie machen keine Hausaufgaben. Und wenn sie welche machen, dann schreiben sie sie nur von dem Deppen ab, der sie gemacht hat. Sie vergessen jeden Zettel, den man ihnen zur Unterschrift nach Hause mitgibt. Sie haben selten ihr Arbeitsmaterial dabei. Sie passen nicht gut auf im Unterricht. Sie arbeiten nicht besonders viel mit. Ihnen fehlt der Ehrgeiz und die Konzentration. Dafür werden sie frech, anmaßend und unverschämt, wenn man sie ermahnt.

Und trotzdem finde ich sie toll. Sie sind witzig und fröhlich. Sie kommen zu spät, weil sie sich so gut verstehen und soviel auf dem Hof zu tun haben. Sie müssen auch oft noch aufs Klo oder in die Cafeteria. Sie arbeiten nicht mit, weil sie sich momentan für andere Dinge interessieren. Sie bringen die Zettel mit den Unterschriften nicht mit, weil sie es einfach vergessen, wenn sie zu Hause sind.

Sie sind ganz normale Teenager in der schlimmsten Zeit der Pubertät. Sie haben Babyspeck und Pickel und ziehen sich komische Klamotten an. Sie haben alle Handys und wissen genau, wie man sie bedient. Sie schminken sich seltsam, oft sind sie orange. Die Jungen verkleistern ihre Haare mit Gel und die Mädchen finden das süß. Sie bequatschen dauernd ihre Probleme. Sie sind ständig verliebt und dann wieder doch nicht. „Schon laaange nicht mehr mit dem, Frau Freitag.“ Sie machen gute Witze und lachen, wenn ich über Kabel stolpere. Sie bringen mir die übelsten Ausdrücke in Arabisch oder Türkisch bei und versichern mir, das hieße ‚Guten Tag’ und ‚Auf Wiedersehen’. Sie sind ständig wie auf  Koks, völlig überdreht und zu laut.

Ich finde sie wirklich super.

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5 Gedanken zu “Deine Klasse…

  1. So viele Jahre lang in diesem Job hat mich immer dieses Gefühl getragen, dass ich sie alle mag, sehr sogar. Und dass ich sie mag obwohl sie verrückt sind, weil sie verrückt sind.
    Sie sind Menschen, unverstellt, offen, chaotisch, furchtbar und furchtbar liebenswert. Behalten Sie dieses Gefühl und sie werden ihren Beruf auch noch mit sechzig lieben.
    Nur gehen sie nicht so oft ins Lehrerzimmer, vor allem nicht vor den Ferien. Die Misanthropen ziehen einen runter.
    Sagen Sie dort mal laut „ich mag meine Klasse…“ und schauen sich dann die Gesichter an. Bin gespannt auf Ihre Anwort.

  2. Hi Fraufreitag…..
    schon wieder eine woche rum….ich wundere mich immer, dass die wochen so kurz sind, aber einzelne schulstunden gar nicht zu ende gehen wollen,besonders die 7 u. 8. std…..komisch, oder?
    Fraufreitag, deine klasse is wie meine, wir könnten ja mal tauschen und würden es wahrscheinlich gar nicht merken.
    Heute sagte Nilüfer zu mir:“ Hey Frl Krise, sie haben stapazierte haare, Alta.“ Reizend. Ich habe darauf hingewiesen, dass nicht nur meine haare strapaziert seien, sondern mein ganzer luxuskörper und sie solle mal raten wovon wohl. Aber Nilfüfer hatte sich schon längst über Hülya hergemacht und beide kreischte wie abgestochene Ferkel. Ich war ein bisschen beleidigt……mitleid kann man von diesen geschöpfen nicht erwarten….
    Hey kleinerfogel, alta, wo du warst? Du warst schreibtisch, stimmts? Oha! Ma nich immer abeiten, musst du auch rausgehen! Oder blog gehen und was schreiben! (Hast du dein zeugnis gelesen? Hab isch mir voll mühe gegeben….)
    Schönes WE, ihr strapazierten lehrkörper!
    wünscht das am freitag immer leicht zerrüttete
    Frl. Krise

    • das mit den strapazierten haaren ist mir auch schon bei dir aufgefallen. tun die schon weh?
      und was musste ich mir neulich anhören? Frau freitag, sie haben ja so eine rote nase. haben sie gekokst?
      dabei war ich nur bekifft, hält man ja manchmal nicht anders aus.
      Frl. krise, warum machst du 7. und 8. stunde, mach nicht so. is zu anstrengend. ich mach nur bis fünfte. is dann nicht so heavy. probier mal auch.

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