Schulfremde

Heute waren wieder Schulfremde in der Schule. Also Leute, die keine Lehrer sind, aber trotzdem irgendwie in der Schule arbeiten wollen. Gerne sind das nicht so ganz erfolgreiche Künstler, besonders engagierte Eltern, oder Schulflüchtige – Menschen, die mal Lehrer werden wollten und dann doch nicht Lehrer geworden sind. Jedenfalls tummeln diese Leute sich gerne in unseren Schulen und bringen mitunter unseren gewohnten Trott durcheinander. Man nennt sie auch die Dritten.

Die Schüler sind die Ersten – die Milchzähne – erst schön und weiß, dann Karies und Ausfall, dann kommen neue. Lehrer, sind die Zweiten. Fest, robust, meist langlebig, müssen viel aushalten, mal bricht ’ne Ecke ab, manche werden gelb, bekommen Löcher, müssen gefüllt oder operiert werden, andere fallen einfach aus. Und dann kommen die Dritten. Strahlend, perfekte Imitationen der Zweiten, aber eben doch keine echten Zweiten, sondern nur künstliche Staffage. Man benutzt sie zwar, aber abends nimmt man sie raus, säubert sie und steckt sie über Nacht in ein Wasserglas. Die Zweiten werden nie raus genommen und gepflegt, die bleiben immer drin und die müssen immer ran.

Diese Dritten erkennt man sofort. Sie sind irgendwie ganz anders als wir Lehrer. Der größte Unterschied: Sie sind immer voll positiv drauf. Sie habe immer viel zu erzählen, meistens haben sie wahnsinnige Projekte, die sie mit unseren Schülern machen wollen. „Und meinst du das wäre möglich, wegen Gender und so, diese Doku über lesbischen Sex zu sehen?“ Ich: “Klar, …vielleicht nicht mit der Siebten, aber mit der Achten…sicher…“ Sie sind sehr interessiert; geradezu neugierig und voll offen. „Ach, und du würdest dich also als Gangsta bezeichnen.“ „Ach und du rappst, spannend, kann ich das mal hören? Und dieses Gangbang…erzähl mal…“ Sie lieben es, einfach mal mit in den Unterricht zu kommen „ach, kann ich einfach mal mitkommen? Geht das?“ und dort kann man sie dann – je nach Lust und Laune – mit ein paar Sprüchen und ein wenig Unterricht voll begeistern oder extrem schockieren.

Eines haben sie allerdings nicht. Sie haben kein Timing. Sie bewegen sich sehr langsam. Das mit den Pausen kapieren sie nie und versuch’ mal einem Dritten die Anfangszeiten der Schulstunden bei zu bringen. Einen ganzen Schultag einen Dritten an der Backe zu haben schlaucht total. „Ach, hat es schon geklingelt? Geht es jetzt gleich weiter? Ich wollt’ noch mal aufs Klo…“ Sie schleichen dir hinterher und wollen alles sofort erklärt bekommen: „Und wie läuft das hier mit dem blah blah blah und der blah blah blah…“

Aber vor allem sind sie heiß auf Schülerkontakt: „Ihr könnt du sagen, so alt bin ich ja noch nicht…“ (By the way, wenn du über 19 bist, bist du für die Schüler schon mit einem Bein im Grab.) Und die Schüler…die lieben diese Dritten, denn endlich hört ihnen mal jemand zu. Plötzlich sind sie voll wichtig. Sie werden beobachtet, befragt und was sie sagen wird sogar notiert. Manche Schüler, spielen sich auf, als wären sie Superstars, wenn Schulfremde da sind. „Wir können das Interview ja auch in der nächsten Stunde weiterführen, da hab’ ich bloss Mathe, is’ nicht so wichtig.“

Aber wehe die Schulfremden wollen mit den Schülern arbeiten. Wenn die Dritten von ihnen auch nur das kleinste bisschen Einsatz verlangen, dann hört man schnell: „Kommt heute die Frau wieder? Is’ scheiße mit der Frau. Die Frau soll nicht mehr kommen.“ Und plötzlich ist der stinknormale Unterricht bei Frau Freitag doch nicht so schlimm.

Liebe Dritten, für diesen Stimmungswechsel, den ihr bei den Schülern auslöst, bin ich euch sehr dankbar. Aber um eines bitte ich euch trotzdem: Mir ist schon klar, dass ihr uns Lehrer zum größten Teil doof findet. Zu autoritär, unkreativ und ungerecht. Aber bitte, bitte, urteilt nicht so schnell! Denkt nicht immer beim Hintensitzen sofort: „Na, das könnte ich alles besser.“ Stellt euch erstmal vorne hin und macht was. Hinten sitzen ist leicht. Aber wir stehen jeden Tag, Stunde um Stunde, Jahr für Jahr da vorne und zwar nicht nur für ein schönes, tolles Superprojekt, für das wir zigtausend Euro in den Arsch geblasen bekommen und mit dem wir uns dann selbstverliebt in der Öffentlichkeit präsentieren, bevor man uns dann wieder ins Wasserglas legt.

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2 Gedanken zu “Schulfremde

  1. Huhu Fraufreitag- endlich machen sie mal ihrem namen alle ehre und haben frei! Und ich auch! Lalala….
    Lustig, dass sie gerade was über SCHULFREMDE geschrieben habe……dervergleich mit den zähnen is ja originell…..
    ich hatte nämlich gestern ein sehr unschönes erlebnis mit schulfremden, sie waren -um im vergleich zu bleiben- nun, ich will mal vorsichtig sagen, sehr kariös…
    Eine mutter eines schülers (der seit 14 tagen schwänzt) und ihre kusine stürmten auf den schulhof, auf dem ich gerade gut gelaunt und in friedlicher absicht aufsicht machte. Die kusine beschimpfte mich aufs unflätigste unter anderem als Dreckslehrerin… Der junge (verhätscheltes einzelkind seiner allein erziehenden mutter) würde von uns lehrern nicht hinreichend vor seinen rüden klassenkameraden geschützt. Er schwänze auch gar nicht, sondern habe sonnenbrand–(Bei dem Wetter? Darf man mit 13 ins solarium…*grübel)—Und als ich die kusine bat, den schulhof zu verlassen, da ich mit der mutter sprechen wolle, und sie nicht erziehungsberechtigt sei, bot sie mir schläge an:“ Ich klatsch dir gleich!“
    Um uns herum standen bestimmt so 30 Schüler und folgten der kleinen unterhaltung begierig….
    Nun ja, die schulleitung wurde eingeschaltet und die kusine ausgeschaltet und dann gings auf einmal…..
    Soviel zum thema schulfremde…hach, das leben ist eine baustelle, nicht nur beim zahnarzt.
    machs jut, meine liebe, bis bald!
    Ihr leicht zerrüttetes Frl. Krise

  2. Solche schrägen Gestalten gab es bei uns nicht. Möglicherweise waren wir zu langweilig, oder das war in den Achtzigern noch nicht modern

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