Achtung, jetzt wird’s unpädagogisch

Was an der Schule echt nervt, ist, dass man da immer so pädagogisch sein muss. Immer, immer, immer. Die Schüler benehmen sich wie sie wollen, meistens total daneben und unsereins…immer schön pädagogisch. Das heißt, immer das Richtige sagen. „Nicht mit dem Stock spielen, das kann ins Auge gehen, bitte die Stühle anheben, schlag die Tür nicht so doll zu, die geht sonst kaputt und die war ganz schön teuer, nimm bitte den Kaugummi raus, sonst verstehe ich dich nicht und wenn du so laut und mit offenem Mund kaust sieht das auch nicht schön aus, du sollst das von der Tafel abschreiben, weil sich das dann besser einprägt, wenn du es einmal selbst geschrieben hast., wenn ich dich jetzt aufs Klo gehen lasse, dann muss ich ja alle gehen lassen, sonst wäre das ja ungerecht,  erinnerst du bitte deinen Vater daran, dass ich ihn sprechen möchte…, ich darf euch aus versicherungstechnischen Gründen nicht vor dem Klingeln gehen lassen. Wenn ihr hier eure Böreks esst, dann werden die Tische fettig und du willst doch wohl auch nicht deinen Hefter in einen Fettfleck legen, lass ihn bitte los, du möchtest das doch auch nicht, jaja Spaß, für ihn sieht das aber gar nicht nach Spaß aus, bitte sag nicht so was, du kennst seine Mutter doch gar nicht usw.“

Manchmal komme ich mir vor wie eine Schallplatte – für die Jüngeren: manchmal komme ich mir vor wie eine CD – ständig muss ich Vorbild sein und diesen pädagogisch wertvollen Salmon von mir geben. Das richtige Lehrerblahblah gibt es für jede erdenkliche Situation. Und meistens sind es Verbote, mit erklärendem Zusatz, den niemand hören will. Es interessiert sowieso keinen Schüler, was ich da ständig sage. Anderenfalls würden sie ja nicht immer wieder die gleiche Scheiße machen. Sie wissen, dass ich nicht möchte, dass sie sich Nackenklatscher geben und sie machen es trotzdem.

Träumen wir nicht alle davon mal anders als normal zu reagieren? Einfach mal spontan raus mit dem was wir wirklich gerade denken. Dem pädagogisch wertlosestem Impuls folgen gemeinen Eingebungen nachgeben…wäre das nicht toll? Die Lehrerpersönlichkeit wäre plötzlich eine ganz andere:

„Schade, dass du nur zu spät kommst, schöner wäre, wenn du gleich ganz zu Hause bleiben würdest. Nein, ich glaube nicht, dass du dich in Englisch noch verbessern kannst, du bist doch viel zu bescheuert, um in der nächsten Arbeit noch eine Vier zu schreiben. Ist das Solarium oder Make-up – na, ist ja auch egal, sieht jedenfalls total scheiße aus, billig und gibt dir das Image als hättest du gar nichts im Kopf. Warum läufst du so bekloppt, denkst du irgendein Mädchen steht auf dich, nur weil du hier in Zeitlupe über den Hof stolzierst, breitbeinig, als hättest du eingepullert. Warum schlägst du ihn nur in den Nacken? Hau doch mal richtig auf seine Nase, das tut ihm doch viel mehr weh und vielleicht blutet er dann sogar. Kleiner Tipp, er hat nicht nur eine Mutter, der hat auch noch drei Schwestern, das sind bestimmt auch alles Schlampen.“

Mein Traum von einem perfekten Hausbesuch sieht folgendermaßen aus: Ich latsche erstmal bei strömendem Regen durch den  Park – schön auf der Wiese und durch den Matsch, dann rein in die gute Stube, Schuhe natürlich anlassend. Zur Begrüßung rotze ich erstmal ordentlich auf den Wohnzimmerteppich, setze mich dann auf die Couch, zieh den anderen Sessel näher ran, um meine Füße abzulegen. Dann esse ich Kürbiskerne und versuche die Hülsen über den Tisch auf den Flachbildschirm zu  spucken. „Herr und Frau X. ich bin hier, um ihnen zu sagen, dass mir ihr Sohn Y. gehörig auf die Ketten geht. Ich kann ihn nicht leiden und ich bin mir sicher, sie auch nicht. Zum Glück haben sie ja noch weitere Kinder, weil aus dem wird bestimmt nichts. Und ich habe auch keinen Bock mehr, den jeden Tag zu sehen. Bitte lassen Sie ihn ab jetzt zu Hause.“

So lustig könnte der Lehreralltag sein. Wäre bestimmt auch sehr abwechslungsreich. „Spuck da ruhig noch mal hin. Was raus muss, muss raus. Ich freue mich über den Müll, den ihr hier im Klassenraum auf den Boden schmeißt. Habt ihr nicht noch mehr davon in den Taschen?“  Und ich bin sicher dann würden die Schüler zum ersten Mal auf mich hören und machen was ich sage. „Klar, geht doch ruhig alle jetzt aufs Klo.“ Und wenn ich sie soweit habe, dann streue ich wieder die pädagogische Mantren ein „Vergesst die Hausaufgaben nicht, lernt für den Vokabeltest, vertragt euch…“

Ja, ich glaube das könnte klappen.

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6 Gedanken zu “Achtung, jetzt wird’s unpädagogisch

  1. Mal schnell was für den kleinenFogel:

    Dein Zeugnis liegt unter „ab zur Analyse“…Bitte abholen und von papa unterschreiben lassen!

    das gestrenge
    Frl. Krise

  2. *LOL*

    Frau Freitag, ich glaub ich probiere am Montag mal die alternative Lehrerpersönlichkeit aus….was mir mit Abstand am meisten am Unterrichten auf die Nerven geht, ist diese unbedingte Mittelstandstauglichkeit in jeder Hinsicht.

    Vielen Dank für ihr Bloggen, ich sitze oft tränenlachend vor dem PC!

  3. Als ich noch in der Schule war, hatten wir so eine Lehrerin, die du gerade beschreibst. Nicht in extremo, aber sie hat immer gesagt, was ihr auf dem Herzen gelegen hat. Irgendwie war da was dran. Du könntest es mal probieren, ich stehe hinter dir.

  4. Tür auf, reingucken:
    Haut euch nur weiter so, ich komm in zehn Minuten wieder. Wer dann noch nicht blutet, wird unterrichtet.
    Tpr zu.

    Wenn man das alles mit einem Lächeln sagt, hat man den Ironiefaktor eingeführt und keiner kann einem was.

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