Vom Schwänzen

„Taifun, wo warst du gestern?“
„Kopfschmerzen.“
„Entschuldigung?“
„Morgen.“

„Frau Freitag, denken Sie eigentlich, das Mifune krank ist?“ fragt mich Orkan mit großen Augen.
Mifune schwänzt. Mifune schwänzt schon seit Beginn des Schuljahres. Sie hatte schon in der Grundschule eine Schulversäumnisanzeige und nun läuft schon die zweite.

„Frau Freitag, sie ist nicht krank! Ich sehe sie immer in Center.“ Orkan will unbedingt, dass ich ihm das glaube. “
„Orkan, ich weiss. Sie schwänzt. Wir sind da schon dran. Keine Sorge.“

Mifune schwänzt. Letztes Jahr hat Marcella geschwänzt und Fatma und Asmaa und Emre…ach. Schwänzen. schwänzen, schwänzen. Schüler schwänzen. Bei dem einen oder anderen hilft es, wenn man gleich bei der ersten geschwänzten Stunde ein riesen Bohei macht: die Eltern informiert, moralische Standpauken hält und lückenlose Überwachung ansetzt. Andere lassen sich davon nur bedingt beeindrucken, geloben halbherzig Besserung und hängen dann wieder die nächste Stunde, die anstrengend werden könnte ab. Einige gewöhnen sich so sehr an den variablen Stundenplan, dass sie sich ihren Schulabschluss abschminken können.

Aber sind wir Lehrer so viel besser? Was ist mit der Kollegin meiner alten Schule, die nach jeden Ferien grundsätzlich zwei weitere Wochen krankgeschrieben war? Was ist mit den selbstgewählten Auszeiten der Schonlehrer, die regelmäßig stattfinden, wenn die Arbeiten geschrieben und die Zensuren eingetragen sind? Und was ist mit mir? Heute: Sport mit Frau Dienstag. Fester Termin. Unverrückbar und unentschuldbar den zu versäumen. Fest, wie der Montag, der immer nach dem Sonntag kommt.

„Frau Dienstag, was ist los? Sport heute?“
„Ich kann nicht. Wir bekommen Besuch. Meine Tante aus Amerika kommt. Die sehe ich nur alle zehn Jahre. Ich war ja dafür gestern. Weil ich ja schon wußte, dass ich heute nicht kann.“

BESUCH?????? HÄÄHHHHHH??? Kein Sport?

„Wie???? Du kommst heute nicht?“ Frau Dienstag ist die personifinizierte (hier stimmt was nicht mit Rechtschreibung) Pflichterfüllung. Ich kann es gar nicht glauben, was sie mir da durch das Telefon säuselt.

Okay, Frau Dienstag hat vorgearbeit. Und ich – ich habe mir den ganzen Tag vorgenommen heute zum Sport zu gehen. Alleine. Und was mache ich? Ich liege frisch gebadet auf der Couch und esse Suppe. So frisch aus der Badewanne kann ich doch nicht mehr zum Sport… aber warum hast du denn gebadet, wenn du doch zum Sport wolltest? Mir war kalt.

Hilft alles nichts. Die Fakten sprechen doch eine ganz eindeutige Sprache: Ich schwänze!!!
Und ich leide. Ich leide immer, wenn ich mir was vorgenommen habe und das dann nicht mache. Das ist einfach schwänzen und das kommt in meinem Leben eigentlich nicht vor. Das darf nicht vorkommen. Ich bin zu protestantisch.

Die Königin des Schwänzens allerdings ist Frau Gymnasiumschule-guck-mal-wie-viel-ich-korrigieren-muss.
Beim kleinsten Halskratzen wird sich mit US-Serien auf die Couch zurückgezogen. Fortbildungen – die teuer bezahlt wurden – werden geschwänzt, wenn es draußen nicht 20 Grad oder schon dunkel ist. Und das Schärfste dabei – sie hat nicht den Anflug eines schlecht Gewissens. Ich hätte mich bei dem ganzen Geschwänze schon vor lauter Schuld verstümmelt.
Aber sie: „Ist so kalt und dunkel draußen. Ich habe schon angerufen, dass ich nicht komme. Jetzt lege ich mich schön auf die Couch und gucke Tatort…“

Unglaublich! Ich hingegen werde morgen schön meine geschwänzte Sportstunde nachholen!

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Allgemein

58 Gedanken zu “Vom Schwänzen

      • Die Kunst besteht ja darin, es trotzdem auf die Reihe zu bekommen… Ich habe vorallem im Studium durch Abwesenheit geglänzt, dass lässt sich aber wohl heute mit den neuen Studiengängen auch nicht mehr realisieren. Von wegen keine fachfremden Vorlesungen besuchen und so. Da war ich ja auch nie, sondern im Bett, im Cafe oder arbeiten… 😉

  1. Was macht man als Schüler eigentlich den ganzen Tag während man schwänzt? Ich hab damals zu Oberstufenzeiten ja immer strategisch die Eckstunden gewählt… Aber den ganzen Tag? Interessiert das die Eltern nicht oder sind die da auch machtlos?

  2. Bei uns gab’s kein Center, die Stadt war zu klein dafür… wenn wir geschwänzt haben, sind wir ins Café gegangen und haben ein Schülerfrühstück bestellt. Das war sehr günstig und bestand aus einem Schokocroissant und einem heißen Getränk (Kaffee, Tee, Kakao). Lecker und viel besser als Center. 😉

    • schülerfrühstück ist ja auch geil. voll illegal – weil die doch morgens in schule sein müssen. gab es auch schüler zigaretten und schüler – alk?

      • Klar gab’s Schüler-Alk. Nannte sich „Karlsquell Edel-Pils“ (bei uns) bzw. „Hansa Pils“ (im Nachbardorf) 😉

  3. Also Frau Freitagchen:
    Schwänzen ist, wenn man sich Verpflichtungen entzieht wie Arbeit, Schule, Fortbildung etc.
    Sport in der Freizeit schwänzen, wat is dat denn?
    Ist doch eine komplett andere Ebene. Oder hab ich was nicht kapiert?

    • Also meine Frau Mama hat mich früher immer genötigt, überall regelmäßig und diszipliniert zu erscheinen, das hatte sich dann bei mir im Kopf fest- und durchgesetzt.
      Obwohl ich immer genöhlt hab, dass „die anderen“ auch nicht immer da sind, wenn die einfach keine Lust haben… (Also speziell meine ich jetzt beim Sportverein; nicht gerade den sündhimmelteuren Musikunterricht, da hatte sie sicherlich andere Motive auf meiner Teilnahme zu bestehen).
      Es hat später, in der schönsten Teeniezeit, eine ganze Weile gedauert, bis ich mich getraut habe, mal „einfach so“ nicht hinzugehen, wegen der Disziplin, Sie wissen schon – aber wenn man das einmal gemacht hat, wird es immer einfacher, und schwupps irgendwann wird es erstaunlich schwierig, „nicht nicht hinzugehen“. Phasenweise hat das allerdings auch auf den Lateinunterricht abgefärbt. Was ich damit sagen will: Ich finde den Ansatz, das „nicht zum Sport gehen“ mit dem Schwänzen zu vergleichen, gar nicht so verkehrt.

  4. Die Rechtschreibung ist richtig, dürfen Sie so machen. Aber schön, dass ich es sagen konnte, habe ich auch mal meine Pflicht erfüllt.
    Das mit dem Schwänzen ist echt so eine Sache, ich mache drei Kreuze, dass es bei meiner Gymnasiumsschule kein Problem ist. Da rutscht höchstens nachher im Abi jemand damit durch oder in der Elften.
    Und für das gute Gewissen: Sport und Schule sind nicht zu vergleichen. Weder von den Konsequenzen noch vom Muskelkater danach…

    • Sind sie im wirklichen Leben die Deutschlehrerin meines Nachwuchses?
      Die hat zur Rechtschreibung nämlich auch ein wesentlich entspannteres Verhältnis als ich es je haben werde…oder sie korrigiert schlampig.
      Zum Glück, denn das Kind kommt da nicht nach mir – hat ja auch Migrationshintergrund ;-).

  5. Pingback: Vom Schwänzen – Raw Video: Obama Sings Al Green | wetterhampelmann

  6. Ich hab mich schon immer gefragt wieso es eigentlich „schwänzen“ heißt. Habe neugierig nachgesehen, bin jedoch auf halber Strecke erschrocken zurückgezuckt und schwänze nun einfach den Rest.

    Herkunft: von mittelhochdeutsch swenzen („schwenken“, „putzen“, „zieren“) an Schwanz angelehnt. Im 16. Jahrhundert …

    Es hat vermutlich wieder irgendwas mit Frauen oder Männern zu tun … 😉

  7. Na, Das Dumme ist ja, Frau Freitag hat einen Beruf, der sie ernährt, während die schwänzenden Schüler erst von den Eltern und später vom Staat ernährt werden müssen. Ohne Gegenleistung. Versteht sich.

  8. Ich frage mich als künftige Gymnasiall2korrekturfächerlehrerin gerade ob Frau Freitag einfach nur was gegen die hat oder ob das wirklich so anstrengend ist oder ob das eben alles Leute sind, die in ihrem Leben noch nie richtig gearbeitet haben?

  9. Sehr gelungener Beitrag.
    Wenn ich damals dem Schulunterricht fernblieb, dann im Kollektiv. Alleine rumgehen ist ja noch langweiliger als die Schule.
    Später hat das allerdings aufgehört, da wir freiwillig Gebärdensprache gelernt haben um uns lautlos im Klassenraum zu unterhalten.
    PS: 1 Satz ist geflunkert 😉

  10. personifinizierte (hier stimmt was nicht mit Rechtschreibung)

    Hab ich tatsächlich auch erst auf den zweiten Blick gesehen.

    personifizierte
    personifinizierte

    ein ‚in‘ zu viel.

    Wollt ich mir ja eigentlich verkneifen, unter der Annahme, Fräulein hätte den Fehler eh schon selbst bemerkt. Allerdings fand ich den Kommentar von fraufalke dann so komisch: „Die Rechtschreibung ist richtig, dürfen Sie so machen.“

  11. die zielführende antwort auf das problem fängt mit k an und hört mit onsequenzen auf.

    und keine antwort _ist_ eine antwort. nämlich die, dass die behauptete grenze in wirklichkeit gar keine ist.

    .~.

  12. Liebe Frau Freitag, grosses Kompliment für Ihren Blog! Bin erst vor drei Tagen auf ihn aufmerksam geworden, zum Glück 🙂 Ein sehr gelungener Blog, war doch mein Kindertraum immer, Lehrerin zu werden. Wurde dann leider doch nichts daraus. Deswegen umso schöner, ihre Zeilen zu lesen 🙂

  13. Ich war mal bei so ner Burnout-Prophylaxe. Da war eine Gymnasiumsschullehrerin die glaubhaft erzählt hat, dass sie die ganzen Ferien über und die Wochenenden und die Abende korrigieren muss. Ich dachte immer nur: Warum schwänzt die nicht mal?

  14. Ich finde ihren Blog einfach nur herrlich und teilweise sehr amüsant. Das Buch dazu war auch sehr lustig, ich werde definitiv die Fortsetzung kaufen! 🙂

    Ich schwänze nie – und dank Hector gestern ist mir eingefallen, dass ich Freitag Altgriechischklausur schreibe.. :s

  15. Was ich mich beim Lesen dieses Blogs dauernd frage: Warum nennt ihr das „Gymnasiumschule“? Das Ding heißt doch Gymnasium! Gymnasiumschule ist doch genauso doppelt gemoppelt, wie wenn man Hauptschuleschule sagen würde.

    • mir sagte mal ein vater in einem elterngespräch: wir wollten ja nicht hier schule, aber bei uns gab’s nur gymnasiumschule.
      das fand ich so schön, dass sich das bei mir voll eingebürgert hat.

  16. „Schwänzen“??????
    Warum sagst du so, Frau Freitag? Der Begriff „Schwänzen“ ist voll diskriminierend!
    Das nennt man heute Schuldistanz….und die Schwänzet sind verhaltensoriginell….

  17. Das moderne Schulsystem welches rot-grün 1999 schon hätten einführen können, ist nicht wie ein Schulbus (Frontalunterricht) sondern wie jeder mit seinen eigenen Auto kann so schnell lernen was er will. Per Email und Internet-Kühlschrank und Firefox-Plugins und Facebook-Apps kann man sehen wo seine Kinder im Lernzustand im Vergleich aller weltweit stehen.
    Wers nötig hat, geht weiter in den Frontal-Unterricht statt in die projektbasierten dynamisch organisierten Lerngruppen.

    Da oft genug die (Ex-)Ehefrauen von Politikern die Schulministerien haben, wird sich daran leider wenig ändern. Wer nicht will, braucht ja nicht und kann weiter Frontal lernen… .

    Die coolen Schüler lernen kollaborativ per Internet von zu Hause oder wo es angenehm aufzuhalten ist. Ständige Leistungstests zeigen auf, wie gut man in welchen Skills ist. Wenn ich eine Zielfunktion kriege, versuche ich sie zu erfüllen. Das kennt man aber von vielen IT-Projekten nicht und ist daher „automatisch“ reflexartig dagegen.
    Budgets und Steuergelder braucht man nicht einmal. Nur Schutz vor Abmahnungen und natürlich Verklagungen wie bei Spickmich oder Meinbus. Man kann Bewerber oder Handwerker oder Berufsbildung oder Nachhilfe oder Tutoria organisieren und sich dann auf die normale Schule oder Uni ausbreiten. Wer nicht will, braucht ja nicht. Technisch ist es trivial. Die Gesetze und tausende von Verordnungen sind das einzige echte Problem. Also übernimmt Apple demnächst den Schulbuchmarkt… . Schade um ganze Generationen… . Denn Apples Ziel ist eher nicht die Verschnellerung aller Lernkurven und feedbackschleifen-optimierte öffentliche Festlegung sinnvoller Lernziele für alle Berufsgruppen.

    Die durch Fortschrittsverweigerung bewirkten Fehlqualifikation und Leistungs-Erosion merken die Handwerker und viele andere Berufsgruppen langsam vermutlich inzwischen deutlich.

    • Ich habe ja momentan eher mit jungen Erwachsenen zu tun, aber die Schlussfolgerung bleibt die gleiche: Wenn jeder lernt was er will wird es immer auch welche geben die eben nichts lernen.
      P.S.: Mein vater hat die letzten zwei Jahre übrigens deshalb keinen Lehrling gefunden weil selbst grundlegende Deutsch- und Mathematikkenntnisse nicht ausreichend vorhanden sind. Daran ändert auch selbstständiges Lernen nichts.
      Ständige Leistungstests mögen ja auch so manchen anspornen, für andere ist der Dauerdruck aber kontraproduktiv.
      Ich sehe jetzt auf Anhieb nichts was für dieses Konzept spricht.

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