Die Schule ist kein Jobcenter

Mal angenommen ich gehe zum Friseur. Lasse meine Haare schneiden und färben. Es dauert Stunden und ist teuer. Das Resultat ist furchtbar. Ich fange an zu heulen, weil ich so schrecklich aussehe: „Was haben Sie denn gemacht? Das sieht ja furchtbar aus. Ich möchte mit ihrem Chef oder Ihrer Chefin sprechen!“

Chefin kommt: „Ja, tut mir leid. Aber wir haben solche Schwierigkeiten ausgebildete Friseure oder Friseurinnen zu finden, da mussten wir auch unausgebildete Vertretungskräfte einstellen.“ Ich schluchzend zu der Dame, die mir meinen Kopf total verhunzt hat: „Was sind Sie denn von Beruf, wenn Sie nicht Friseurin sind?“ „Ich bin ausgebildete Erzieherin.“ Ich kann es nicht glauben und gehe.

Kann sich jemand vorstellen, dass Jurastudenten im Krankenhaus arbeiten? Denkmalschützer in Restaurants kochen? Mathematiker Flugzeuge fliegen? Weshalb darf jeder Kreti und Pleti Vertretungsunterricht in unseren Schulen machen? Da tummeln sich Studenten, Architekten und alle möglichen Leute zwischen den Lehrern. „Ach, Sie waren schon mal verreist, dann könnten Sie doch sicher den Erdkundeunterricht der achten Klassen übernehmen. Sie haben einen Hund? Machen sie doch bitte auch Bio.“

Warum darf jeder unterrichten? Ist die Kunst des Unterrichtens so easy zu erlernen, dass man sie sich übers Wochenende aneignen kann? Und dann zensieren die die Schüler meiner Klasse und die bekommen dann schlechte Zensuren und bleiben sitzen. Oder sie bekommen schlechten Unterricht und lernen nichts. Vielleicht bekommen sie ja auch guten Unterricht, aber die Chancen, dass jemand, der nie ein Didaktikseminar besucht hat ein Naturtalent in der Unterrichtsgestaltung ist, sind doch eher gering. Ich finde, die Schüler und auch wir Lehrer haben das nicht verdient. In den Schulen sollten nur ausgebildete Lehrkräfte arbeiten. Die Schule sollte kein Nebenjobort für Studenten und Lebenskünstler werden, die woanders nichts finden.

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17 Gedanken zu “Die Schule ist kein Jobcenter

  1. ich habe einen freund, der hat vier semester mathe auf lehramt und dann ab dem 5. auf diplom studiert und ist jetzt fertig. an einer schule hier in der nähe ist eine lehrerin ausgefallen und deren klassen hatten keinen matheunterricht mehr, weil es [angeblich] nicht möglich war, irgendeinen feuerwehr-ersatz aufzutreiben. so, und jetzt macht der freund von mir dort unterricht – eigenverantwortlich. erst dachte ich, daß ich das blöd finde, aber in anbetracht der tatsache, daß die kinder sonst eben einfach gar keinen mathematikunterricht hätten, ist das doch zu billigen, oder? 🙂

  2. ach, gegen die (LEHRAMTS!-) studenten hab ich gar nichts, dieses berufsgehopse finde ich ganz grauslich, zumal es ja häufig auch so zu sein scheint, dass die das dann 2 monate machen, merken, wie schleife dieser beruf (ohne entsprechende ausbildung *muhahhaa*) sein kann und dann lassen sie die schüler hängen und der nächste darf sich an denen probieren.
    mit viel glück ist das dann vielleicht sogar ein lehramtsstudi, der die zeit zum ref überbrückt oder weißdergeier, der weiß aber gar nicht, was die „vertretung“ vor ihm/ ihr so verbockt hat und…na…am ende ists ein verkorkstes semester für die kids. ich kenne zehntklässler, die wollen demnächst nen führerschein machen, halten sich also für erwachsen, schreiben im aufsatz dinge wie “ die ist voll auf seine warze ficksiert“ und wissen nicht, wer mephisto ist. muss man? ja…doch, ich denke schon.

  3. Ich habe schon mal eine Kerze angezündet, ich glaube, ich werde Feuerwehrfrau. Ist ja auch sowas mit Flammen, oder nicht?

    Ich für meinen Teil leihe Ihnen für diese Leute gern eine meiner Klassen aus, Frau Freitag, mal sehen, ob man deren Meinung nicht doch noch ändern kann.

    Es grüßt ganz lieb,
    Shannon

  4. Allerliebste frau freitag, warum so streng heute?
    Sind es nicht diese vertretungsmenschen, die ein bisschen farbe in den grauen schulalltag bringen?
    Künstler, die mit ihren farbtöpfen den ganzen kunstbereich versauen (kein schüler braucht bei ihnen aufzuräumen….), Studis, die nach ihrem unterricht ihr lehrerstudium aufgeben, Schriftstellerinnen, die in förderklassen den handschuh von schiller durchnehmen, hahaha) usw.
    Ich liebe sie – weil ich mir dann wie eine richtig gute lehrerin vorkomme….(was ich ja auch bin!)

  5. Finde ich auch. Ich würde selbst kein Lehrer sein können. Ich denke man braucht da auch ein gewisses Talent und natürlich die Ausbildung. Viele stellen sich das wahrscheinlich viel zu einfach vor. Ich hab auch eine Freundin die Lehrerin ist und sehe an ihr, welches Arbeitspensum dahinter steckt.

    Ich bin also auch gegen den Metzger im Bio-Unterricht 🙂

  6. Und ich dachte immer sowas gibt es nur bei den PC „Fachleuten“ wer einmal einen PC eingeschaltet hat ist gleich Fachmann. Naja und wer einen Rechen zuhause hat macht nen Hausmeisterservice auf… aber was hat man da schon zu verlieren.
    Bei aushilfs „Lehrern“ sieht das shcon anders aus. Da findet doch nicht wirklihc unterricht statt, oder? Das ist doch beaufsichtigung…. so war das zumindest in meiner Schulzeit ber vertretungsstunden (die damals zumindest richtige Lehrer gehalten habn….)
    LG Nanany
    (die vor kurzem auf diese Seite gestoßen und nun ganz begeistert ist *g*)

  7. Also vorausgesetzt es ist kein Lehrer verfügbar (also tatsächlich nirgends im Umkreis vorhanden und nicht nur preislich unattraktiver als n billiger HiWi) find ichs gar nich so verwerflich jemand ohne didaktische Ausbildung aber mit einem gewissen Talent und einem fürs Fach maßgeblichen Fachwissen einzusetzen. Nach einem solchen Szenario klingts aber irgendwie nicht und da bin ich dann auch eher kritisch.
    Nichtlehrer an Schulen einsetzen find ich generell ganz nett abernicht als Ersatz für den Lehrer sondern eher so als externer Referent in den einzelnen Fächern um da Praxisbezug und Farbe reinzubringen.
    Als Schüler immer mal wieder zu sehen wozu der meist trockene Kram mal gut sein kann hilft bei der Motivation ungemein. Damals ™ wars für mich viel einfacher Dinge zu lernen wo ich mir zumindest irgendwie vorstellen konnte was man damit ausserhalb der Zeugnispflege noch so anfangen kann.
    Dass all sowas natürlich eher teurer und aufwändiger ist als der klassische Unterricht und diese Hilfsunterrichter ja eher Kosten sparen sollen is halt leider der graben zwischen Theorie und Praxis.

  8. Auch wenn der Artikel schon etwas älter ist, möchte ich kurz meinen Senf dazu geben: Ich gebe Ihnen absolut Recht – Unterricht sollte die Sache der „Profis“ sein; wie professionell die dann in Wirklichkeit sind, sei mal dahingestellt.
    Fakt ist aber auch, dass LEHRAMTSstudenten nicht einfach als Vetretung von Schulleitungen eingesetzt werden sollten, ohne jedwede Rückendeckung und Unterstützung von eben diesen Profis zu haben – das schadet nämlich nicht nur den Schülern sondern auch – man will es kaum glauben – den Studenten!
    Und wer wirklich glaubt, dass Unterrichten damit gelernt werden kann, Hilbert Meyer im Bücherregal stehen zu haben, der irrt – ganz schlicht und ergreifend!

    Vielen Dank für diesen äußerst informativen und amüsanten Blog!

  9. Bitte nicht SO den Stab über den Aushilfen brechen! Ich selber habe an einer Berufsschule angehenden Mediengestaltern kurz vor der Prüfung innerhalb von vier Wochen den Stoff einbimsen müssen, den sie in den 2,5 Jahren vorher hätten lernen sollen. Und warum haben sie ihn nicht vorher gelernt? Ganz einfach: Die didaktisch ausgebildeten Lehrer haben es weder auf die Kette bekommen, sich weiter zu bilden und sich auf die „neuen“ (zu diesem Zeitpunkt bereits 12 Jahre alten) Unterrichtsinhalte vorzubreiten, noch waren sie in der Lage das wenig Halbwissen auch noch korrekt zu vermitteln.
    Ich habe nichts dagegen, wenn es gegen Aushilfs-„Lehrer“ an allgemeinbildenden Schulen geht. Aber bitte nicht zu sehr verallgemeinern!

  10. Naja, wenn ich mir meine Lehrerausbildung so anschaue… gelernt hab ich da auch nix. Weder in fachlicher noch in pädagogischer Hinscht. Insofern durfte ich nach 6 Jahren Studium in jeder Hinsicht genauso bei Null anfangen wie jeder Vertretungsheini auch. Was nicht heißen soll, daß ich das gut heiße, aber das Problem sehe ich weniger in unausgebildeten Vertretern, sondern in unausgebildeten „Pädagogen“ (betrifft auch nicht jede Ausbildung, aber meine für die gymnasiale Oberstufe schon). Oder eben auch nicht mal das – Menschlichkeit kann man eh nicht lernen, und „Fachwissen“ (in dem Umfang, wie an den meisten Schulen gefordert) kann ich mir auch selbst aus nem Buch aneignen. An unserer Nachbarschule vertritt manchmal der Hausmeister… Ach keine Ahnung, da liegt der Hund ganz woanders begraben fürchte ich…

  11. Auch die „Profis“ kochen nur mit Wasser. Ich hab mal ’ne 10 von zwei solchen „Profis“ übernommen: Kein SuS konnte ’ne MindMap anlegen, sich eine Definition merken, eine Tabelle memorieren oder ein Stundenprotokoll schreiben. GA ging gar nicht. Es war echt zum kotzen. Ich hatte das Gefühl, im Kindergarten zu sitzen. Nach 1/2 Jahr konnten sie’s halbwegs, und wir haben trotzdem/deshalb Stoff geschafft. Was haben meine „professionellen“ Vorgänger damals wohl in all der Zeit angestellt, frage ich mich?

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