Muttertränen

Heute kam Abduls Mutter zum Gespräch. Die Tanten-Cousine-Übersetzerin war auch wieder dabei. Als ich die beiden sah freute ich mich richtig, als würde ich alte Freundinnen treffen. Abduls Noten sind sehr schlecht. Alle waren sehr überrascht. Vor allem Abdul: „Ähhh, in Bio eine fünf und in Musik auch?“

Zur Unterstützung nehme ich gleich die Deutschlehrerin mit – ein harter Hund, diese Deutschlehrerin. Sie legt gleich los: „Ich glaube mit dem Jungen stimmt was nicht…den müssen Sie mal testen lassen…“

Ich zische ihr zu, dass sie ein wenig runterfahren soll, denn die beiden Frauen sind sichtlich geschockt. Abdul ist meiner Meinung nach völlig intakt, nur leider stinkend faul. Nun bekommt er die Quittung für sein Nichtstun. Dachte er, er kommt damit durch? Dachte er, wir versetzen ihn einfach so, ohne, dass er sich auch nur ein Mü (ist doch so eine Minimaßeinheit) anstrengen muss?

Bisher hat Abdul noch immer alles wieder hingebogen. Kurz vor der Zensurenabgabe hat er sich in diversen Fächern um eine, manchmal sogar um zwei Noten verbessert. Und ich bin mir sicher, er wird es auch diesmal schaffen. Aber ganz sicher ohne Computer. Der wird jetzt mal wieder eingezogen.

Mitten im Gespräch – die Deutschlehrerin verschießt ihr stärkstes Pulver sehe ich plötzlich Tränen über Abduls Mutters Gesicht laufen. Mir wird ganz anders. Jetzt weint sie wieder. Sie soll nicht weinen. Ich will, dass die Kollegin aufhört. Ich will Abduls Mama sagen: „Der geht schon in Ordnung. Der ist so nett und so lustig und bei allen so beliebt, ich lasse den nicht sitzen. Ich will den auch nächstes Jahr in meiner Klasse haben. Ich brauche den doch auf der Abschlussparty, für die Stimmung und zum Tanzen. Machen sie sich keine Sorgen, wir kriegen das schon hin. Bitte hören sie auf zu weinen, sonst fange ich auch noch an.“

Aber ich sage nichts und versuche sie anzulächeln und streichle ihr unauffällig den Arm. Irgendwann ziehen sie ab. Ein sehr verwirrter Abdul trottet hinter seiner verheulten Mutter und der sauren Tanten-Cousine her.

Manchmal ist dieses Lehrersein echt nicht leicht, heute wäre ich lieber der Überbringer guter Nachrichten gewesen: „Sie haben die sechs Richtigen getippt! Du bist im Bandhaus! Hier Griechenland, hier sind die versprochenen Milliarden!“

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3 Gedanken zu “Muttertränen

  1. Frau Freitag , sie haben ein gutes Herz.
    Aber mal ehrlich, mir ist es lieber die mütter weinen eine runde, als dass sie mich beschuldigen, ICH wäre an dem ELEND SCHULD, weil ich
    a) nicht streng genug bin
    b) türken nicht mag
    c) ihren goldjungen nicht genug muttiviere (sie meinen wahrscheinlich motiviere…..)

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