Warum man seine Telefonnummer nicht rausrücken sollte

…weil dann die Gefahr besteht, dass jemand die Nummer wählt und einen zuhause anruft. Frau Dienstag war von ihrer Beförderung zur Klassenlehrerin so begeistert, dass ihre erste Amtshandlung darin bestand, allen Eltern ihrer Klasse ihre Privatnummer zu geben. Schon nach einer Woche war sie genervt: „Da ruft die Meierschmidt mich morgens um 6Uhr(!!!!) an und sagt mir, dass der Justin krank ist. Er hätte Halsschmerzen und Fieber. Um 6Uhr (!!!!)“

Ich schüttelte nur mitleidend den Kopf und dachte mir: na, ich werde nicht so doof sein und meine Nummer rausgeben. Allerdings tat ich es dann doch. Zwar nur einmal, aber bereuen tue ich das immer noch.

Ich weiß gar nicht mehr wie es dazu kam, wahrscheinlich hatte ich von zuhause eine Mutter angerufen und die war nicht da und deshalb hinterließ ich meine Nummer und  dann kam prompt der Rückruf.

Ich sitze am Schreibtisch und düse durchs Internet, der Freund bereitet ein herrliches Abendmahl vor und ich genieße meinen wohlverdienten Feierabend in meiner schönen Wohnung. Plötzlich klingelt das Telefon: „Hallo, hier ist dem Peter seine Mutter. Ich sollte zurückrufen.“

„Ah, schön, Frau Müller, gut, dass Sie sich melden. Es geht um Peter und seine Zukunft. Sie wissen ja, dass er nun schon in der zehnten Klasse ist und bald wird er von der Schule abgehen und ich frage ihn jeden Tag, ob er sich schon irgendwo beworben hat und er sagt immer, dass er schon einen Ausbildungsplatz hat und jetzt wollte ich mal fragen, ob das stimmt.“

Frau Müller: „Na ja, das ist so, er dachte, er könnte da Ausbildung machen, da wo er sein Praktikum gemacht hat. Der Chef hatte gesagt, komm mal wieder, wenn du deine Schule fertig hast und neulich war er da, aber niemand konnte sich an ihn erinnern.“

Ich: „Ach, na das ist ja doof. Und was will er jetzt machen?“
“Ach Frau Freitag, ich weiß ja auch nicht. Ich bin ja nun auch schon seit 15 Jahren ohne Arbeit und ich bin ja auch schwer herzkrank.“

„Oh, das tut mir Leid, aber noch mal zu Peter…“

„Na, also mein Verlobter, also na ja, also mein Ex-Verlobter, der sagt ja auch, dass sich der Peter kümmern soll. Aber macht er ja nicht.“

„Frau Müller, da müssen Sie ihm vielleicht mal helfen.“

„Ich, ja, aber ich, ach wissen sie, ich bin ja damals von meinem Vater missbraucht worden und dann hatte ich ja jahrelang Magersucht, das hat der Peter alles mitbekommen.“

Der Freund kommt mit dem Abendessen und gibt mir zu verstehen, dass ich mit dem Telefonieren aufhören soll.

Frau Müller aber denkt gar nicht daran. Jetzt ist sie so richtig in Fahrt und erzählt mir ihre wahrlich traurige Lebensgeschichte. Über Peter reden wir gar nicht mehr. Nach einer Stunde  (der Freund hat seinen Teil des Essens bereits vertilgt) Kann ich das Telefonat beenden.

Aber Frau Müllers Elend schwebt in meinem Zimmer umher: Missbrauch, Arbeitslosigkeit, Magersucht, Herzkrankheit, ein blöder Ex-Verlobter und mittendrin Peter, der bald ohne Zukunftsaussichten die Schule verlassen wird.

Ich lüfte stundenlang, versuche mich durchs Fernsehprogramm abzulenken und schwöre mir, nie wieder bekommt ein Elternteil meiner Schüler meine Privatnummer!

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9 Gedanken zu “Warum man seine Telefonnummer nicht rausrücken sollte

  1. Göttlich! – Die Geschichte passt original zu den Erzählungen der verzweifelten Lehrer, die sich nun als Dozenten an der PH Freiburg rumtummeln. – Sie empfehlen einen zweiten Anschluss, am besten mit Anrufbeantworter – wenn man seine Ruhe haben will (-und abends/nachts darf man die auch als Lehrer mal haben), geht man einfach an diesen Anschluss nicht mehr ran. Die Eltern quatschen dann die wirklich wichtigen Fakten auf den AB. Das ganze Gelaber bleibt einem erspart und wenns wirklich wichtig ist, kann man ja immernoch zurückrufen.
    -Somit sollte jetzt auch klar sein, inwiefern sich das Studium an der Uni von dem an der PH unterscheidet 😉

  2. Solche Leute habe ich auch als Mandanten. Da hilft nur rigorores Unterbrechen und zum Thema zurückkommen. Oder Abrechnung nach Stundensatz, dann darf man mir gern alles erzählen.

  3. Wenn der Freund mitspielt und einmal quer durch die Wohnung und laut genug ruft „Schaaaatz, Essen ist fertig!“, so dass der Anrufer das mitbekommen muss, geht die restliche Abwicklung des Telefongesprächs plötzlich viel schneller… 😉

  4. Man kann leider nicht an alles denken. Bei mir war es ein Handyanruf auf der unerwartet verlängerten Rückfahrt von der Klassenfahrt. Dieses Verräterteil hat natürlich meine Nummer mitgesendet.

  5. Na, Frau Freitag, warum denn so unbeholfen??
    Da geht man mit dem mobilen telefon zur haustür und klingelt laut und lange(oder man dirigiert den freund dorthin) . Dann sagt man: „Oh, bei mir klingelts, tut mir leid, ich muss an die tür, auf wiederhören……!“ und so wird man den lästigsten anrufer elegant los……

  6. Freiwillig bei einem Lehrer anrufen? Da hätte meiner Mutter schon was fehlen müssen. Dann doch lieber Unterhosen aus Schleifpapier…

  7. Ja, ja, ja, da sage ich doch: JA!

    Vie lustiger als Elternanrufe sind sowieso Schüleranrufen.
    Denen ist es wenigstens peinlich und die Gespräche sind erfrischend kurz.

  8. Wieso so umständlich? Einfach ne 0900er Nummer schalten und 1,99€ die Minute verlangen. 😉 Bei dem Tarif rechnen sich dann auch ausführlichste Diskussionen zu jeder Tages- und Nachtzeit

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