Gibt doch auch nette Seminarleiter

Der Freund verbessert meinen Text mit den Tipps fürs Referendariat und sagt dann „Das ist aber ein bisschen gemein gegenüber den Seminarleitern. Es gibt doch bestimmt auch nette.“

Ja, klar gibt es nette. Seminarleiter sind ja auch nur Menschen – die Fachseminarleiter sind sogar alle auch Lehrer und gehören deshalb ja schon zu meinen Lieblingsmenschen.

Seminarleiter werden wahrscheinlich auch aus verschiedenen Gründen Seminarleiter. Denn erstmal sind sie ja stinknormale Lehrer. Der Wunsch Referendare auszubilden kann unterschiedliche Ursachen haben.

1. Man macht selbst so einen super-duper Unterricht, dass man gar nicht anders kann, als seine Fähigkeiten weiterzugeben.
2. Man wird gefragt, ob man das nicht machen möchte, weil es niemanden gibt, der das machen will und man opfert sich und macht es halt.
3. Man findet die Unterrichtsverpflichtung mit 26/28 Stunden zu hoch und verspricht sich von den 10 Stunden Ermäßigung eine Entlastung oder zumindest Abwechslung.
4. Man sucht die Herausforderung und möchte gerne mit jungen Erwachsenen oder wenigstens Nichtjugendlichen zusammenarbeiten.
5. Man liebt sein Fach und die Fachdidaktik so sehr, dass man nicht anders kann, als Seminarleiter zu werden.
6. Man denkt man wäre etwas besseres als Seminarleiter und spekuliert schon auf den Hauptseminarleiterjob – wo es dann wirklich auch mehr Geld und gar keine Schüler mehr gibt.
7. Man liebt die Macht und die Möglichkeit über das Leben der einem ausgelieferten Menschen zu urteilen. Anteile davon hat jeder Lehrer – das ist Teil unseres Jobs. In der Seminartätigkeit ist die Macht allerdings um ein vielfaches potenziert, denn im Referendariat entscheiden drei Leute und die Schule darüber, ob du Lehrer wirst oder nicht. Schüler haben meistens 13 unterschiedliche Lehrer, die über ihren Lebensweg urteilen. Da reduziert sich die Macht des Einzelnen erheblich.
8. Fremden Unterricht zu sehen inspiriert einen und deshalb wird man gerne Seminarleiter.

Ich habe bestimmt noch 1000 Gründe vergessen. Aber so vielfältig diese Beweggründe für diese Jobwahl sind, so unterschiedlich sind dann auch die Menschen, die diesen Job machen. Ich hatte ganz tolle Seminarleiter und ich hatte das Grauen. Aber ohne das Grauen wäre das Referendariat auch zu einfach. Und sind wir mal ehrlich – denken wir nicht alle gerne mal (kurz) mit diesem wohligen Schaudern an unser eigenes Referendariat zurück? Und wenn das Ref. ein Frühlingsspaziergang wäre, dann wäre die Abgrenzung zur Berufsanfangsphase auch zu undefiniert. Stellt euch mal vor, die zwei Jahre Ausbildung wären die Schönsten und dann wird alles schrecklich.

Nee, da habe ich lieber zwei Jahre (ist ja jetzt auch kürzer, wa?) Horror und dann wird alles besser. Und das wird es! Mehr Geld, Ferien, die ihren Namen verdienen, mehr Unterricht (okay, das ist vielleicht nicht so toll), niemand mekelt mehr an dir und deiner Unterrichtsplanung rum. Vergurkte Stunde – tja, egal, passiert halt, 20 Stunden für die Planung EINER Stunde? Ha!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
Nur eins nervt – so dünn wie im Referendariat wird man nie wieder.

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Allgemein

10 Gedanken zu “Gibt doch auch nette Seminarleiter

  1. „Nur eins nervt – so dünn wie im Referendariat wird man nie wieder.“
    *GRINS* – außer, man macht zwischen Studienabschluss und Referendariatsbeginn noch etwas anderes, dann sind die figürlichen Unterschiede nicht mehr so groß 🙂

  2. Ich lese diesen Blog immer gern – auch wenn (oder gerade weil?) ich als Gymnasiallehrerin in einem mittelständischen Stadtteil schon in einer anderen Welt lebe. Aber dazu gehört auch, dass „Ferien, die ihren Namen verdienen“ einfach nicht existieren, wenn man an dieser Schulform zwei Korrekturfächer hat. Auch ein freies Wochenende ist eine echte Rarität. Und da ich schon ein bisschen älter bin und mein Referendariat noch keinen „eigenverantwortlichen Unterricht“ enthielt, hatte ich auch im Schuldienst nie wieder soviel Zeit wie im Referendariat.
    Insofern Vorsicht mit dem Rat, werdet alle Lehrer! Meine Kinder wissen, warum sie andere Berufe ergriffen haben. 🙂

  3. Klapperdünn – das muss so!
    Sonst heißt es bei der Prüfung nachher:
    „Wir haben heute leider kein Foto für Sie!“ oder
    „Sie haben uns einfach nicht genug gezeigt, wie sehr Sie es wollen!“

    Das will doch auch keiner!

    Naja und später macht man ja mit den Schülern immer Frühstück.
    Da gibts dann Chips und sowas. Dann wird das wieder.

    Beste Grüße
    Ihre Frau M.

  4. Bei uns (eher Nordwesten) gibt es noch einen anderen wichtigen Grund: Ins Studienseminar gehen die Lehrkräfte, die in der Schule schief angesehen werden, sich unkollegial verhalten haben, alles besser wissen oder für etwas Besonderes halten. Wer im Kollegium scheitert, wird Fachleiter.

  5. Frau Freitag hat natürlich noch einen wichtigen Grund vergessen: Fachleiterin wird man auch, weil man so gerne hinterm Steuer sitzt, aber für das Taxi- oder LKW-Fahren überqualifiziert ist. Also macht man eine super anstrengende Revision, um anschließend- während die normalen Kollegen gemütlich im warmen Klassenzimmer sitzen – bei Regen, Schnee und Blitzeis von Schule zu Schule zu düsen und Besuche zu machen, zu denen man nicht freiwillig eingeladen worden ist. Die Zeiten zwischen zwei Besuchen sind oft so knapp, dass man sein Butterbrot noch während der Fahrt isst, da keine Zeit für eine richtige Pause bleibt. Und dann schimpft der Ehemann auch noch, weil das Auto wieder so vollgekrümelt ist! Fachleiterin zu sein ist eben auch kein leichtes Leben!

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