Vertretungseintrag Marq: Sitzordnung

Nach ein paar Tagen Klassenfahrt folgt nun die unumgängliche Rückreise. Als meinen letzten Vertretungsbericht in diesem Blog beschreibe ich, Marq, wie sich mit gut zwei Dutzend Schülern in einem 50 Plätze fassenden Reisebus ideale Feldstudien über sozio-hierarchische Strukturen eines Klassenverbandes ermitteln lassen.

Vorne neben dem Busfahrer sitzt das etwas altkluge und hypochondrische Mädchen, dass schon Stunden vor Erscheinen des Busses mir mitgeteilt hat, dass sie dort sitzen muss, weil ihr auf Reisen immer schlecht wird. Sie nimmt brav ihre Reisetabletten, isst nichts, trinkt Tee aus einer Thermoskanne und liest auch nicht, da sie stur auf die Straße schaut. Dabei hört sie ein Hörbuch von einem altmodischen Discman.

Parallel zu uns Lehrern sitzen die Streber, die Apfelschorle trinken, uns von ihrem Reiseproviant etwas anbietet und permanent das Gespräch suchen. Dagegen hilft: sich mit der Klassenlehrerin über den letzten Urlaub unterhalten oder schlafen.

Im vorderen Drittel sitzen die braven Schülerinnen, die sich unterhalten, Obstsäfte trinken, selbtgemachte Brote essen und sich gegenseitig Zöpfe flechten oder sich Test aus diversen brave-Mädchen-Magazinen vorlesen (bist du ein Herbst- oder Sommer-Typ…)

Ihnen gegenüber haben die intellektuellen Sonderlinge Platz genommen. Sie sondern sich von allen und jedem ab, sind in ihr Science-Fiction-Buch vertieft, essen und trinken nichts.

Dann folgen ein paar leere Reihen…

Gegenüber der Toilette ist traditionell der Platz der Opfer. Meist sind sie dick („Hannes, du stinkst!“) oder modisch nicht auf dem aktuellen Stand gekleidet, wollen aber unbedingt zu den Beliebten dazugehören. Sie erfüllen eine wesentliche Sozial-Funktion, da sie Cola und Chips bei sich haben und diese aber auch gerne ihre elektronischen Gadgets in die Reihen hinter sich verleihen, was ihnen das Gefühl gibt, von den Coolen beachtet zu werden und dabei nicht bemerken, dass sie von diesen nur benutzt werden. Das Ziel hämischer Sprüche, derber Streiche und verschiedener Wurfobjekte zu werden, verwechseln sie mit Anerkennung.

Das hintere Dirttel ab der zweiten Türe ist das Territorium der Alphatiere, die natürlich in der letzten Reihe sitzen und von dort ihren Hofstaat kontrollieren. Hier ist ein Ghettoblaster mit angesagter Musik dabei, alkoholische Mischgetränke und natürlich der obligate an der Raststätte erworbene Whopper. Es wird nicht gelesen, stattdessen die an der Tankstelle erworbenen Heftchen konsumiert. 80% der im Bus vernommenen nervigen Lautstärke stammt aus den letzten 20% der Reihen, was man vielleicht mal im Mathematikunterricht als Beispiel für das Paretoprinzip durchnehmen sollte…

So viel von meiner Seite. Eine angenehme Heimfahrt wünscht sich Marq

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Allgemein

15 Gedanken zu “Vertretungseintrag Marq: Sitzordnung

  1. >>Mathematikunterricht als Beispiel für das Paretoprinzip durchnehmen sollte…<<

    Ugh.. ich hab ganz plötzlich voll schlimmes "MirsSchelecht".. darf ich heim?

    Mathe in der Vertretungsstunde.. Frau Freitag, der is gemein, der hat Mathe gemacht.. 😀

  2. Schön dass sich manche Sachen nie ändern, kann den Bericht aus meiner eigenen (noch nicht so lange vergangenen) Schulzeit nur 1:1 bestätigen, ich saß meistens zwischen braven Schülern und Sonderlingen 😛

  3. Ach ja… die gute 80/20 Regel.
    Erinnert mich doch glatt an meine Abschlussfahrt in der Realschule. Nur bei uns waren immer die Burger vom großen M beliebter als vom King 😉

  4. Amüsant geschrieben, und viel Wahres dran. Wie gern würde ich jetzt vom Leder ziehen und meine eigenen Schülerreiseerfahrungen zum Besten geben – aber das geht dann doch nur mit blickdichtem Pseudonym. Zum Beispiel, wie wir kurz nach der Abfahrt im Zug gemerkt haben, dass… *seufz*

  5. Nett, diese Vertretungsstunde 🙂

    Was ich schon immer mal wissen wollte, aber immer vergessen habe zu fragen:

    Warum nehmen sich Lehrer nicht die „Opfer“ zur Brust und erzählen ihnen mal ein bißchen vom Leben? Sie nehmen die Opfer ja wahr und wissen doch auch ziemlich genau, was sie im sozialen Gefüge der Klasse falsch machen. Würde das nicht schon helfen?

    Ich denke da an einen Jungen aus meiner Parallelklasse, der sich nie aus seiner Opferrolle hat befreien können und sich mit 18 das Leben genommen hat.

  6. @Marzipankartoffel
    So ein dummsülziges Gewäsch. Opfer machen sich also selber? Ist es nicht eher so, dass diese dumme Intoleranz der ach so beliebten tollen Typen die Ursache dafür ist?

    @Seifenfrau
    Eine gute Mutter weiß, wo ihr Kind sitzt.

    • Liebes Lieschen Müller,

      findest Du? Ich sehe das anders. Und bin da sicherlich nicht die einzige Kartoffel auf dem Acker. Schon einmal die Begriffe „Rücken stärken“ oder „erniedrigen“ gehört? Was meinst Du, wo die wohl herkommen? Denk mal darüber nach.

      Falls das nicht klappt:

      Hier mal ein kleiner Tellerrandgucker. Aber ok, ist ja 1. Wikipedia und 2. aus dem Bereich der Kriminologie, daher wahrscheinlich ebenso dummsülziges Geschwätz, nicht wahr? 🙂

      http://de.wikipedia.org/wiki/Viktimologie

  7. Ich muss ehrlich sagen, dass ich die Beiträge von Marq zwar nett geschrieben, jedoch nur mittelmäßig unterhaltsam fand. Von dem Beschriebenen hat mich nichts überrascht. Im Prinzip hätte ich es als „Schulfremder“ fiktiv genauso aufschreiben können. DIe üblichen Verhaltensmuster und Klischees (auch wenn sie so zutreffen), wie gesagt nichts neues und das recht belanglos verpackt. Erinnert ein wenig an einen schlechten Comedian mit abgedroschenen Witzen/Sketchen 😉
    Ich vermisse Frau Freitag!

  8. ich glaube ich bin einer der wenigen ausnahmefällen der es tatsächlich von neben der zweiten tür nach ganz hinten geschafft hat und zwar in dem ich mir von den coolen kids nix vorschreiben lies und mein eigenes ding durchgezogen habe

  9. Haha, ja, ich war einer von den ganz Coolen, die hinten saßen. Hab grad nochmal sicherheitshalber die Fotos meiner Klassenfahrten durchgesehen, sehr weit hinten und wenn möglich immer auf der letzten Bank auf Klassenfahrten, auf dem Weg zur Schule und von der Schule durchweg letzte Bank. Man musste sich aber auch irgendwie von diesen Weicheiern und Lehrerschleimern absondern, das ist einfach ein Urinstinkt.

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