20 Jahre Mauerfall

November 9, 2009 von fraufreitag

„Wer hat denn die Mauer gebaut?“ Immer wieder die gleiche Antwort: „Hitler!“

Können sich denn so viele Schüler irren? In jeder Klasse bekomme ich heute die gleiche Antwort. „Hitler hat die Mauer gebaut.“ In der zweiten großen Pause bin ich entgültig verwirrt. Habe ich irgendwas falsch verstanden? Hat Hitler die Mauer gebaut? Ist Luxemburg ein Bundesland? Sind München und Stuttgart Bundesländer? Wie kommen die Schüler darauf? Warum müssen die die deutschen Bundesländer nicht auswendig lernen? Sollen die wirklich dumm sterben? Machen wir uns nicht strafbar, wenn wir sie so unwissend entlassen und ihnen auch noch bestätigen, dass sie 10 Jahre unsere Schule besucht haben?

„So Erdal, was weißt du denn über den Mauerfall?“ „Gar nix. Interessiert mich nicht.“ „Aber du wohnst doch in Deutschland. Das ist die Geschichte von Deutschland. Da musst du doch was drüber wissen. Stell dir mal vor, du bist irgendwo im Ausland und dann sagst du du kommst aus Deutschland und jemand fragt dich nach der Mauer und du hast keine Ahnung…wäre doch total peinlich.“ Erdal: „Frau Freitag. Da war ich noch gar nicht geboren!“

Ich versuche es noch mal mit den Bundesländern. „Miriam, komm sag’ mal noch ein paar Bundesländer.“ „Bayern:“ „Ja, super. Bayern, gut. Komm dir fallen doch bestimmt noch mehr ein.“ Nix. Dann „Mann Frau Freitag!“ „Ja was denn Miriam. Stell dir mal vor, du wirst das beim Einstellungsgespräch gefragt. Du kriegst doch gar keinen Job, wenn du sowas nicht weißt.“ „Kein Problem Frau Freitag, ich heirate einen reichen Mann.“ Langsam bin ich echt genervt: „Aber Miriam, welcher reiche Mann möchte denn eine dumme Frau heiraten.“ Miriam schmollt und ich bin mir gar nicht sicher, dass sich da der eine oder andere reiche Mann finden ließe.

Also der Mauerfall interessiert meine Schüler herzlich wenig. Aber ich bin mir sicher, wenn der Film 2012 in unseren Kinos anläuft, dass wir wieder stundenlang über den möglichen Weltuntergang diskutieren werden. „Abo, Frau Freitag, haben sie gehört? Am 21. Dezember 2012 geht die Welt unter. Ich schwöre das stimmt.“ Alle werden mich angstvoll angucken und die Mädchen werden wimmern. An Geschichte glauben sie nicht, aber wenn es um Zukunft geht, dann sind sie voll dabei.

Zum Glück sind dann am 21.12.2012 schon Weihnachtsferien und ich muss mir den Schwachsinn nur vorher anhören. Vor den Ferien werde ich sie standesgemäß verabschieden: „Denkt bitte daran, dass falls die Welt übermorgen nicht untergehen wird, ich nach den Ferien eure Hefter einsammeln werde. Und den vorhergesagten Weltuntergang werde ich als Entschuldigung nicht akzeptieren.“"

Aber Aberglaube gehört dazu!

November 8, 2009 von fraufreitag

Als Lehrer ist man ja auch ein stückweit (typisches Lehrervokabular) Bürokrat. Ich hefte alles in Leitzordner ab. Eine schöne Sammlung Klassenlisten habe ich auch schon. Jede Klasse, die ich in meinem Leben unterrichtet habe, befindet sich in einer Klarischtfolie in einem Ordner mit der Aufschrift: Amtliches. Man weiß ja nie…Vielleicht werde ich mal zu einem Klassentreffen eigeladen und dann wäre es peinlich, wenn ich die Namen der Schüler nicht mehr kenne.

Außerdem pflege ich seit Jahren die Hoffnung, irgendwann meine Schüler im Fernsehen wiederzusehen: „Yunus A. – die neue Hoffnung von Wolfsburg.“ „Samira, willkomen im Bandhaus.“ oder „Der bildungspolitische Sprecher der Grünen Hakan Ü. sagte gestern….“  aber hoffentlich nicht: „Der türkischstämmige Emre B. erschoss gegen 22 Uhr seine Schwester Aylin vor ihrem Elternhaus. Sie wollte mit ihren Freundinnen eine Diskothek besuchen.“

An eine Stunde in einer bestimmten 10ten Klasse kann ich mich besonders gut erinnern. Ich komme in den Raum und die Schüler sind ganz aufgeregt. Einige Mädchen, aber auch ein paar Jungen wirken leicht hysterisch. Alle reden durcheinander. Mit dem Unterricht zu beginnen ist nicht möglich. Pädagogisch geschult fällt mir sofort der Satz- Störung geht vor – ein.

„Sagt mal, was ist denn hier eigentlich los? Mehmet, jetzt erzähl’ mal ganz in Ruhe!“

„Also, da war ein Mädchen in Holland und die hat immer Musik gehört. Krass laut in ihr Zimmer. Die Mutter war im Wohnzimmer und hat gebetet. Sie hat gesagt: Mach’ Musik aus. Macht sie aber nicht. Und dann hat sie wieder gesagt: Mach Musik aus und komm beten. Und dann ist das Mädchen rübergegangen, hat Koran genommen und zerissen. Und dann hat Allah sie zu einer Ratte gemacht.“

Stille. Die Schüler starren mich an. Warten auf meine Reaktion. Was soll ich jetzt zu so einem Schwachsinn sagen? „Und das glaubt ihr? Das ist doch Unsinn.“ Jetzt ereifern sich wieder alle. „Das stimmt! Hier…“ schreit Mehmet aufgebracht und wedelt mit seinem Handy. „Wollen sie mal sehen?“ Ein Bild von einem verwandelten Rattenmädchen. Ob ich das sehen möchte? Mir wird etwas mulmig. So wie beim Horrorfilm, kurz bevor die Zombies angreifen. Klar will ich das sehen. „Ja, zeig mal.“

Auf dem Display erscheint ein Mädchen, das wie eine Mischung zwischen einer Ratte und einem Känguru aussieht. Lustig ist, dass sie noch ihre Haare hat. Schön hinter das Ohr geklemmt. Ich grinse. „Und das glaubt ihr? Das ist doch ein Fake. Überlegt doch mal. Wer könnte denn ein Interesse daran haben, dass ihr diese Geschichte glaubt? Was ist denn die Moral? Was sollt ihr denn daraus lernen? Ihr werdet bestraft, wenn ihr zu laut Musik hört und nicht betet. Das ist doch bestimmt von irgendeiner religiösen Gruppe verbreitet worden, damit ihr nicht zu westlich lebt.“ Die Schüler sind nicht überzeugt. „Aber sie hat Koran zerissen. Das ist Sünde.“ sagt Esma. „Ja. Das sollte man nicht tun. Aber davon wird man doch nicht zur Ratte verwandelt.“

Mehment macht mir einen Vorschlag: „Okay Frau Freitag, ich bringe morgen einen Koran mit und den zerreissen Sie dann. Dann werden wir ja sehen.“ Damit scheinen auch die anderen Schüler einverstanden zu sein. Ich soll den Koran zerstören….den darf ich doch als dreckige Ungläubige noch nicht mal anfassen…“Nein, nein, nein! Ich werde hier weder den Koran, noch die Bibel und auch nicht den Talmut zerreissen. Und jetzt habe ich auch genug, von der ganzen Sache. nehmt eure Bücher raus, wir machen jetzt Unterricht.“

Im Lehrerzimmer erfahre ich, dass in jeder Klasse die Handybilder rumgezeigt wurden. In allen Klassenstufen Hysterie und wilde Diskussionen. In einigen 8ten weinten sogar ein paar Mädchen. An Unterricht war nicht mehr zu denken.

Zu Hause stürzte ich mich sofort ins Internet und fand schnell was ich suchte. Spiegel-Online hatte einen schönen Artikel dazu verfasst. Am nächsten Tag kam ich in die Klasse und wedelt mit dem Ausdruck. Stolz las ich alles vor und zeigte ihnen sogar noch andere Bilder von ähnlichen Mensch-Tier Figuren, die alle von einer australischen Künstlerin stammten. Selbst mit diesen Bildern konnte ich die Schüler nicht überzeugen. „Frau Freitag, Sie verstehen das nicht, weil Sie Deutsche sind.“

Der Neue

November 7, 2009 von fraufreitag

Was läuft bei mir verkehrt, dass ich so ein Interesse an diesem neuen Lehrer habe, der bei uns unterrichtet. Der sieht nicht gut aus und wenn der mich direkt anspricht, dann ist es mir eher unangenehm. Trotzdem hoffe ich immer, ihn im Lehrerzimmer anzutreffen. Nach einem beiläufigem: Na, wie läuft’s so? erwarte ich dann die übelsten Abkackstorys. Und in seinem Leid will ich mich dann suhlen. Kling recht sadistisch.

Ah, da fällt mir ein, gestern fragte eine Schülerin: „Frau Freitag, was ist masochistisch? Ist das, wenn man so völlig selbstverliebt ist?“ Ich: „Das sind männliche Moslems….“ nein, nein, SCHPPAAAAAASS! Das habe ich natürlich nicht gesagt. Ich, voll die Pädagogin, hoch erfreut, dass eine meiner Schutzbefohlenen etwas wissen möchte: „Nein, das ist ein Narziß. Masochistisch, das ist…also wenn man Schmerzen mag und wenn andere gemein sind zu einem.“ Die Schüler gucken mich mit großem Unverständnis an. Ich präzisiere: „Na so wie ich. Ich bin ein Masochist, weil ich euch als Klasse habe.“ In dem Moment haben sie es kapiert.

Aber zurück zu meinem doch eher sadistischem Persönlichkeitsanteil. In den letzten Tagen habe ich den neuen Kollegen nicht gesehen. Aber gestern gehe ich freudig gut gelaunt nach meiner  letzten Stunde in Richtung Lehrerzimmer und singe leise vor mich hin: Wochenende, Wochenende, Wochenende… Da sehe ich ihn um die Ecke huschen. Wahrscheinlich kommt er gerade aus dem Lehrerzimmer und geht zum Unterricht. Ich hinterher. Vielleicht kann ich an der Tür lauschen. Ich schleiche ihm also ins Treppenhaus nach und plötzlich kommt er mir wieder entgegen. Verwirrt guckt er mich an. Die Stunde läuft bereits seit fünf Minuten. Bei uns legen zwar die Schüler keinen Wert auf Pünktlichkeit, aber das Kollegium nimmt es damit sehr genau. Er, etwas außer Atem: „Ich suche meinen Kurs. In meinem Raum ist jetzt jemand anderes.“ Ich souverän: „Blahblahblahblah…komm mal mit, wir gucken mal.“ Unterwegs treffen wir Schüler, die in seinem Kurs sein könnten, aber nicht sind. Ich schicke ihn zu einer Kollegin, die ihm weiterhelfen kann und gehe dann in Lehrerzimmer.

Zwanzig Minuten vorm Stundenende sehe ich ihn mit fünf Schülern über den Hof latschen. In Zeitlupe. Ich beobachte alles ganz genau. Von hinten sieht er aus wie ein Schüler. Wie abgeranzt der Rucksack ist. Der hält sich ähnlich krumm wie ich. Die Schuhe….tragen nicht gerade zur Autoritätsverstärkung bei. „Wenn ich so spät dran wäre, würde ich aber rennen.“ sage ich zu einer Kollegin, die mir nicht so richtig zuhört. Ich hole mir einen Kaffee und setzte mich mit irgendwelchen unwichtigen Formularen an einen Tisch. Na, der wird doch nach der Stunde wieder herkommen, die paar Minuten kann ich auch noch warten.

Und tatsächlich, beim Klingeln steht er leicht verwirrt im Lehrerzimmer. „Setz’ dich doch. Hast du deinen Kurs noch gefunden?“ Er nickt und erklärt mir wo die Schüler waren. Langweilig!

„Und wie läuft’s so?“ frage ich. Es soll sehr beiläufig klingen, deshalb sehe ich gar nicht von meinen Formularen auf. Er erzählt, dass es bei den 10ten ganz gut geht…glaube ich ihm nicht. Allerdings hätte er in der 9ten Klasse Problem. Glaube ich ihm sofort. Er vermutet, dass es daran liegt, dass die Klassenlehrerin fehlt. Ich weiß, dass es überhaupt nicht daran liegt. DAS LIEGT GANZ ALLEIN AN DIR!!!! Das bekommst du niiiiieee hin. Das ist nur der Anfang. Die werden dich fertig machen. Die lassen kein Stück ganz an dir.

„Hmmm, kann sein.“ nuschel ich. Er: „Da sind einfach welche drin, die immer wieder den Unterricht stören. Die scheinen gar kein Interesse an dem Unterricht zu haben…“ Jetzt folgen von mir endlose Tipps und Vorschläge, die ich selbst alle nicht anwende und die wahrscheinlich auch nichts nützen werden. Er hört sich alles ganz genau an. Fragt nach. Überlegt. Mittlerweile kommen Kollegen, mischen sich ein. Die Geschichtslehrerin meiner Klasse kommt auf mich zu. Ich referiere gerade wieder über Konsequenz, klare Regeln und ähnliches, da unterbricht sie mich: „Frau Freitag, deine Klasse….UNMÖGLICH! Unterricht ist mit denen nicht zu machen. Die spinnen. Ich halte das nicht mehr aus. Ich schreibe jetzt sofort Briefe an die Eltern.“ Ich: „Hmmm, mach das.“ Dann wende ich mich wieder meinen Formularen zu. der Neue sitzt mir gegenüber und denkt über irgendwas nach.

„Was machst du eigentlich am Montag, zum Wandertag?“ wechsel ich geschickt das Thema. Er: „Ach, ich weiß nicht.“ Es ist Freitag, 13 Uhr. Er weiß noch nicht, wo er am Monatg mitgehen soll! Tickt der noch ganz sauber? „Na, da musst du dich doch drum kümmern!“ sage ich mit leicht strengem Unterton und gehe mit ihm zu den Listen. „Guck mal, hier sind alle Klassen. Du suchst dir am Besten eine  aus, in der du auch unterrichtest…“ Er nickt. Bevor ich gehe stelle ich zufrienden fest, dass er mit einem Kollegen einen Treffpunkt für Montag verabredet.

Im Bus denke ich: Was ist mit mir los? Wäre das so schlimm für mich gewesen, wenn der Montag frei gehabt hätte? Warum freut sich ein Teil von mir, wenn es bei ihm nicht klappt. Vielleicht sollte ich mal  einen Therapie machen. Therapeut ist ja eigentlich auch ein geiler Job….da kommen dann jeden Tag Leute und du kannst dir immer die Probleme von denen anhören und bekommst auch noch Geld dafür….das könnte mir auch gefallen.

Kreativer Ausdruck

November 6, 2009 von fraufreitag

Was ist das mit meiner Klasse? Warum schreien die immer so durcheinander, wenn ich vorne stehe. Ich verstehe es nicht. Heute suche ich sie, weil ich noch irgend so einen Zettel austeilen musste. Ich finde sie im Chemieraum. Sie sitzen ruhig und gelassen an ihren Plätzen, und pinseln irgendwas aus dem Chemiebuch ab. Die Zeichnungen sehen auch gar nicht so schlecht aus. Ich stelle mich vorne hin, hole Luft und schon brüllen sie wieder alle durcheinander. Jeder muss mir unbedingt noch was gaaaaanz Wichtiges mitteilen und versucht, die anderen damit zu übertönen, indem er sich die Lunge aus dem Hals brüllt.  Ich sehe und höre mir dieses Schauspiel an. Wie kleine Vögel im Nest. Der Mutter-Vogel kommt mit Würmern im Schnabel angeflogen und die kleinen Vögels recken ihre Köpfe und versuchen lautstark auf sich aufmerksam zu machen.

Nur Abdul nicht, der sitzt ruhig vor einem DIN A3 Blatt und zeichnet mit einem schwarzen Filzer, der bald den Geist aufgibt. Komisch, denke ich, die anderen benutzen einen Bleistift. Was hat der denn da eigentlich auf sein Blatt gemalt? Und da sehe ich, dass in der Mitte so eine Art Tic Tac Toe Dings ist und außen rum fliegen Penise (beschnittene). Interessant denke ich und vergleiche sein Bild mit denen seiner Mitschüler. Die anderen haben keine Geschlechtsorgane auf ihren Arbeiten. Kann also nicht die Aufgabe gewesen sein. Ich nehme mir sein Blatt: „Soso Abdul….war das hier deine Aufgabe?“ Wortlosigkeit seinerseits. Ich falte das Blatt langsam, nehme einen Kugelschreiber und schreibe hinten Abdul, Chemie, 6.11.09 drauf. Hassan fragt: „Was machen Sie jetzt damit?“ Ich: „Ich glaube das interessiert seine Mutter, was er hier so zeichnet. Ich werde es ihr mal zeigen, damit sie auch was davon hat.“

Abdul sagt gar nichts. Ich verteile die Zettel, wünsche allen ein schönes Wochenende und gehe ins Lehrerzimmer. Dort zeige ich das Blatt einigen Kollegen und bepfeife mich nochmal über die Zeichnung. Mit was für einer Detailgenauigkeit Abdul diese Penisse gezeichnet hat und wie die so schön auf dem Blatt rumfliegen…herrlich. Aber ich bezweifle, dass seine Mutter ebensolche Freude daran entwickeln kann. Wahrscheinlich wird sie es auch nie zu Gesicht bekommen. Aber am letzten Tag der 10ten Klasse werde ich es Abdul feierlich zurückgeben. Darauf freue ich mich jetzt schon.

Der eine vom Hof

November 5, 2009 von fraufreitag

(Achtung: Das Video ist echt grenzwertig. Nichts für schwache Gemüter.)

Es gibt doch einen Gerechtigkeitsgott. Nachdem ich mich gestern nun so ausgiebig über die Gerüche mancher Schüler ereifert habe, merke ich heute schon in der zweiten Stunde, dass ich wohl das falsche T-Shirt angezogen habe und dann auch noch eine Wolljacke. Leider konnte ich dem Gestank nicht aus dem Weg gehen und müffelte so den ganzen Tag vor mich hin. Zu Hause sprang ich sofort in die Badewanne.

Und ich will an dieser Stelle noch betonen, dass die meisten meiner Schüler üüüüüberhaupt nicht schlecht riechen. Und ich rechne es ihnen hoch an, dass sie mir heute nicht gesagt haben, dass ich stinke. Sie können ja mitunter recht direkt sein, die lieben Kleinen. Da kannst du dir hygieni-, kosmeti- oder modische Fauxpas eigentlich nie leisten. „Was ist denn mit Ihren Haaren?“ oder ein nett ausgedrücktes: „Frau Freitag, warum schmicken Sie sich eigentlich nicht.“ Und zu dem Stinken kamen heute auch noch ein Bad-Hair-Day und ein fetter weißer Pickel auf der Stirn dazu. An dem habe ich morgens noch schön rumgedrückt, da sah der um 13.30 Uhr natürlich hervorragend aus.

So ganz verstehe ich das mit den Pickeln immer noch nicht. Manche kann man ausdrücken und dann sind sie weg. Andere verschaffen dir nach dem Ausdrücken eitrig suppende Abzesse, die sich sogar bläulich färben können. Ein tolles Altersphänomen: Pickel am Hals.

Wir weiblichen Mitmenschen mögen ja Pickel ganz gerne. Also nicht am eigenen Körper, aber ich kann schon zugeben, dass ich gerne Pickel an anderen ausdrücke. Ich bin mir fast sicher, dass ich diese abartige Leidenschaft mit anderen Frauen teile. Mein Favourit: Der gemeine Mitesser. Bevorzugt der, der einen gruseligen Krater bzw. ein sauberer ausgestanztes Loch in der Haut hinterläßt. Womit ich wieder bei der Schule angelagt wäre.

Man hat als Lehrerin ja nicht nur mit Schülern zu tun, die man selbst unterrichtet, sondern auch mit denen, die man täglich auf dem Hof beaufsichtigt. Das sind so die Hofbekanntschaften. Die kennen meinen Namen, ich ihren nicht. Aber man quatscht halt ab und zu so rum. Eine meiner Hofbekanntschaften war ein Schüler, der wahrscheinlich schon mehrfach sitzengeblieben ist und auch nicht viel vom regelmäßigem Unterrichtsbesuch hält. Er war eigentlich immer auf dem Hof, wenn ich in meinen Freistunden das Freigehege durchquerte.  Ich schmetterte ihm immer die gleiche Begrüßung entgegen: „Na, hast du wieder Hof?“ Du musst ja echt Klassenbester in Hof sein.“ Und wenn er mir dann so gegenüber stand, sah ich immer, dass er das ganze Gesicht voller Mitesser hatte. Keine anderen Pickel. Nur Mitesser. in allen Größen. Und die hatte der exakt das ganze Schuljahr. Oft juckte mich das schon sehr in den Finger: „Darf ich mal.“ Und dann einfach ran, die Zeigefinger anlegen und sehen, was sich da rausholen lässt.

Keine Angst…. ich ließ ihm seinen eigenartigen Gesichtsschmuck. Nur habe ich mich immer wieder gefragt, warum der die nicht selbst mal wegmacht. Guckt der denn gar nicht in den Spiegel? Denkt der denn, die darf man nicht ausdrücken? Oder hat er ein so enormes Selbstbewußtsein, dass er alles an sich sooooo geil findet, dass er auf nichts, nicht mal auf den Inhalt seiner Mitesser verzichten möchte. Wenn das der Fall wäre: Herzlichen Glückwunsch!

Ich rieche, also bin ich

November 4, 2009 von fraufreitag

Wenn man an einer Schule arbeitet hat man mit Menschen zu tun. Jede Stunde halten sich übermäßig viele Schüler in relativ kleinen zum Teil überhitzten/überheitzten Räumen auf. Wenn man die Schüler dann auch noch mit schwierigen Arbeitaufträgen oder sogar mit einer Klassenarbeit schockt, dann kommen sie ins Schwitzen. Und manche schwitzen echt doll und fangen dann an zu stinken.

Wachsam gehe ich dann durch die Klasse und kontrolliere stichpunktartik die Federtaschen. Einen anderen Platz für Spickzettel findent die heutige Generation wohl nicht mehr. Jedenfalls stinkt der eine oder die andere echt heftig nach Schweiß. Und das nicht nur manchmal. Ein Stinker stinkt eigentlich immer. Ganz schlimm ist der Unterricht, wenn die Schüler davor Sport hatten. Ich war noch nie dabei, aber ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass auch nur ein Schüler unserer Schule nach der Sportstunde duscht. Man wäre unter Unmständen nackt. Die meisten haben ja noch nicht mal Sportzeug, sondern machen in ihren normalen Sachen mit und kommen dann mit hochrotem Gesicht und völlig verschwitzt zu mir in den Raum. Da hilft auch kein Lüften mehr.

Schön ist auch, wenn sie dann anfangen dem beißenden Schweißgestank die Duftnote eines billigen Männerspühdeos beizumischen. Das benutzen von Deo und Parfum steht in meinem Unterricht unter Höchststrafe. Ich kann mit Kaugummis, Zuspätkommen, Renitenz und sogar mit leichter Gewalt leben, wenn aber irgendwas gesprüht wird, dann flippe ich aus. Ich schreie sofort was von Allergien und Kopfschmerzen, Körperverletzung und drohe mit Anzeigen.  Deshalb hält sich der Gebrauch von dieser Art Körperpflegeprodukt in meinem Unterricht in Grenzen.

Wer kann den jungen Herren mal erklären, dass der Ax-Effekt nur funktionieren kann, wenn man sich vorher wäscht? Waschen scheint sich bei einigen der Schüler sowieso auf ein mittelalterliches „Wir baden immer am Samstag“ Ritual zu beschränken. Vielleicht tragen die auch ihre Klamotten zu lange. In der Pubertät und auch in den Wechseljahren sollte man wahrscheinlich jeden Tag ein neues T-Shirt anziehen. Aber wo lernen die Schüler das? Riechen ihre Eltern nicht, dass ihre Kinder stinken? In den kleinen, völlig überfüllten Wohnungen muss das doch auffallen, oder finden die das gut. Die Ankunft des Sohnes wird zuerst olfaktorisch wahrgenommen, oder was? Sollte und kann ich denn die Schüler darauf ansprechen? „Herbert, hör’ mal, so unter uns…du riechst streng.“ Oder: „Herbert, du magst doch Mädchen, oder? Du willst doch, dass die dich gutfinden, oder? Denkst du im Ernst irgendeine steht auf deine herben Körperausdünstungen?“ Vielleicht auch mal so im Vorbeigehen: „Uhhhh, mein Lieber, du riechst heftig. Wann hast du dich das letze Mal gewaschen?“ Möglich wäre auch ein protokolliertes Elterngespräch: „Wie steht es zu Hause bei Ihnen und ihrer Familie mit der Körperpflege?“

Nur einmal wurde ich Zeuge eines, wahrscheinlich wirkungsvollen Statements: Ein Lehrer zum Schüler im Vorbeigehen: „Alter, wer sich dreimal am Tag einen kurbelt muss sich auch waschen.“

Was war das denn?

November 3, 2009 von fraufreitag

Heute war ja nun ganz seltsam. Keine Angst, jetzt kommt kein Bericht, in dem ich erzähle, wie überraschend schlau die Schüler waren. Oder dass mir ein Schüler gestand, dass er in seiner Freizeit am liebsten mit seinem Chemiebaukasten rum experimentiert. Ich habe auch niemanden in der Schule getroffen, der mir von einem spannenden Buch erzählte, das er in den Ferien gelesen hätte. Nein, nein, nein, mit Wundern kann ich heute nicht dienen. Aber gewundert habe ich mich heute schon.

Ich hatte eine Stunde mit älteren Schülern. Wir stehen zwei Unterrichtsstunden vor der großen Arbeit. Die Arbeit habe ich noch nicht konzipiert. Aber ich zermartere mir seit Wochen den Kopf darüber, wie ich das läppische bisschen Wissen, dass ich später abfragen möchte in ihre Hirne transportiere. Von den 10 Schülern (ja, eine sehr kleine Lerngruppe) fehlen vier. Begrüßt werde ich von Andre: „Frau Freitag, können wir heute mal…also…“ Ich: „Ja, was denn?“ Er: „Können wir heute mal einfach gar nichts machen?“ Ich: ???????? Denke: Spinnte der? Ich sarkastisch: „Klar. heute können wir mal einfach gar nichts machen.“ Böse Pause. Dann: „Und ihr schreibt dann am Dienstag die Arbeit und habt keine Ahnung…“

Schon leicht genervt bitte ich sie also ihre Arbeitsblätter, die wir schon ausgiebig durchgekaut haben rauszunehemn. Andre und sein Kollege haben die natürlich nicht dabei. Wortlos händige ich sie nochmal aus. Nicht aufregen, nicht aufregen. Dann stelle ich eine poplige Frage zum Thema. Alle gucken mich an. Niemand sagt was. Ich beantworte die Frage also selbst. Okay, die müssen erstmal warmlaufen. Also nächste Frage. Wieder nichts. Keiner Meldet sich. In keinem Gesicht auch nur ein Anzeichen von Gehirnaktivität. Niemand tut so, als läge ihm oder ihr die Antwort auf der Zunge. Ich bemerke auch, dass niemand mitschreibt. Habe ich auch nicht ausdrücklich angefordert, aber wenn man weiß, dass man in einer Woche eine Arbeit schreibt…. ich gehe dazu über,  nachdem ich die Frage in den Raum geworfen habe, wo sie an diesen scheintoten Schülern vorbeiflog, meine Antworten an der Tafel zu fixieren. Einige schreiben jetzt mit. Plötzlich meldet sich eine Schülerin. Ahhh, sie erwachen. „Sollen wir das Blatt hochkant oder quer nehmen?“ Ich stehe kurz vor dem Nervenzusammenbruch. Was ist mit denen los? Sind die sediert? Warum sind die so seltsam? Sie starren mich nur an und wenn ich was sage, nickt niemand, niemand fragt mal was nach, keiner meldet sich… ist das Wachkoma? Sind das Gymnasiasten?

Ich gucken auf die Uhr. Okay, dann eben weiter so. Frage stellen, warten, Antwort selber geben, umdrehen, Antwort an die Tafel schreiben. Aufgrund dieser zähen Art und Weise der Unterrichtsvermittlung schaffe ich nur die Hälfte von dem was ich mir vorgenommen habe. Egal. Am Ende der Woche haben wir noch eine Stunde, da kann ich dann genauso weitermachen. Ich hoffe nur, dass sie gut im Auswendiglernen sind.

Irgendwann klingelt es und sie schleichen aus dem Raum. ich stehe da und denke: Was war das denn? Wohlerzogene Leichen. Ich bin mir gar nicht sicher, ob ich da nicht die wuselige Chaos-Action in den siebten und achten Klassen besser finde. Wenigstens weiß ich bei denen, dass die noch leben.

„Ich hab’ Sie sooo vermisst. Sie mich auch?“

November 2, 2009 von fraufreitag

Komisch, heute war ich in der Schule. Kam mir ganz ungewohnt vor. Ungewohnt, aber irgendwie auch ganz nett. Gestern noch schlecht gelaunt und dann heute ganz beschwingt vergnügt nach Hause gekommen. Die Kundschaft war auch in Ordnung.

Begrüßt von Esra: „Ich hab’ sie sooo vermisst. Sie mich auch?“ Ich war froh, ihren Namen zu erinnern. Aber schon nach ein paar Minuten war alles wie immer. Ich zappel da vorne meine Performance runter und die Schüler holen wiederwillig und in extremer Zeitlupe ihr Paper raus, um dann noch eine Viertelstunde nach ‘nem Stift zu suchen, dann die Aufgaben nicht kapieren, Löcher in die Luft starren und am Ende auch nicht in der Lage sein, die Lösungen von der Tafel abzuschreiben. Aber beim Klingeln der erste auf’m Hof….business as usual.

Danach einer der seltenen Gücksmomente im Lehrerdasein: Die perfekte Stille. Alle Schüler – der Raum war voll – arbeiten konzentriert und absolut leise vor sich hin. Ich empfinde einen Anflug von Frieden. Früher hätte ich gedacht: Jetzt hab ich’s. Jetzt wird es immer so. Jetzt ist alles perfekt. Heute weiß ich, dass es nächste Woche wieder katastophal werden kann. Woran das liegt – keine Ahnung. Man steckt ja zum Glück nicht drin in den Schülern.

Dann irgendwann Lehrerzimmer: Kaffee und heute steht da Kuchen! Alle stürtzen sich drauf, einige nuscheln pflichtbewußt: „Wer hat den Geburtstag?“ Dann das allgemeine Geschnatter: Ach hallo, warst du wieder…ach war schön. ach is immer schön…ach zu kurz…ach wem sagste das?…muss ja muss ja, muss ja….es klingelt: Die Pflicht ruft. Auf in den Kampf. Dann woll’n wir mal. Noch eine, dann kann ich gehen.

Und wir haben einen neuen Kollegen. Einen jungen Mann. Der ist nicht gerade der Idealtyp von Lehrer, den ich mir für unsere Schülerschaft vorstelle. Ich gebe ihm drei Wochen, dann heult er im Lehrerzimmer. In zwei Wochen wird er wie wild Tadel verteilen und das Keinen-Unterricht-Machen-Können auf die Schüler schieben. Hoffentlich irre ich mich, aber eigentlich kenne ich die Schüler zu gut.

So. Nun gibt es also wieder Alltag. Ach herrlich. Ich liebe Alltag. Ich könnte glatt jeden Tag Alltag haben. Nur nicht in den Ferien.

I had a dream

November 1, 2009 von fraufreitag

Heute hatte ich einen schrecklichen Traum. Mir sind alle Zähne ausgefallen. Immer wieder habe ich mir in den Mund gefasst und hatte erst die Backenzähne in der Hand und später auch Eckzähne. An Schneidezähne kann ich mich nicht erinnern. Die Ausgefallenen habe ich dann auf den Tisch vor mich hin gelegt und immer wieder hin und her sortiert. Angenehm war das nicht. Nun sollen doch diese Träume irgendeine Bedeutung haben und wenn ich mich recht entsinne heissen ausfallende Zähne Veränderung. Sicher bin ich mir da nicht, aber das ist ja das schöne am Halbwissen, dass ich mir meine vage Vermutung zu einem festen Tatbestand manifestieren kann.

Beim Frühstück vorm Fernseher denke ich also nach, was das für eine Veränderung sein könnte. Kommt die einfach so? Muss ich dafür was machen? Geht die in eine gute oder schlechte Richtung? Ist die privat oder beruflich? Und vor allem: Wann und was?

Vielleicht sollte ich den Beruf wechseln. Ich könnte ein ganz neues Leben beginnen. Ein neuer Job, vielleicht nochmal bzw. überhaupt mal eine Ausbildung machen. So mit Ausbildungsleiter und Berufsschule. Schüler sein. Zuspätkommen ohne Hemmungen und blöde Ausreden erfinden bzw. meine Entschuldigungen selbst formulieren. Kann man eigentlich in jedem Alter noch eine Ausbildung machen? Muss ich dann noch die Arbeiten, die hier neben mir liegen korrigieren und zensieren? Lohnen tut sich das ja nicht mehr.

Komische Gedanken, nur weil mir ein paar Zähne ausfallen. Anstatt mich mit dem kommenden Alterungsprozess auseinander zusetzen schmiede ich hier Aufbruchspläne wie ein Schulabgänger. Naja, ich wäre ja auch so eine Art Schulabgänger. Und das alles nur, weil ich keinen Bock habe diese ganze Scheiße, die hier liegt zu bearbeiten. Bin ich allerdings selbst Schuld dran, dass ich wieder alles auf den Sonntag geschoben habe, anstatt jeden Tag ein bischen zu machen und mich am Tag des Herren schön auszuruhen. Ich bin so frustriert von dem Berg arbeit, dass mir nicht mal was Lustiges einfällt. Lustig, lustig, hahaha…. immmer nur arbeiten, arbeiten, arbeiten, muss ja, muss ja, muss ja…ich glaube ich melde mich krank. Verdacht auf Schweinegrippe oder starke Zahnschmerzen.

Wie sehen eigentlich alle aus?

Oktober 31, 2009 von fraufreitag

Gestern sagt Frau Dienstag: „Also wenn man deinen Blog liest, stellt man sich Frau Freitag total krumm und buklig, mit dem ganzen Gesicht voller eitriger Pickel vor.“ Und genau so sehe ich auch aus. Habe gerade wieder in den Spiegel geguckt und einen fetten Weißen auf der Nase ausgedrückt.

Dieses Internetzeitalter ist schon verrückt. Wenn dich früher jemand in einem Cafe oder auf einer Party angesprochen hat, dann hast du ja zuerst gesehen, wie der aussah und dann erst gehört, was der oder die zu sagen hat. Heute, in der schönen elektronischen Anonymität ist das ja ganz anders. Ich schreibe hier fröhlich vor mich hin, teile mich mit und niemand weiß, wie ich aussehe und ob ich wirklich Lehrerin bin. Vielleicht sitze ich jeden Tag bei Kaiser’s an der Kasse und stelle mir vor ich würde an einer Schule unterrichten. Vielleicht schreibe ich dass hier auf dem Knastcomputer, weil ich wegen Urkundenfälschung und schwerer Körperverletzung einsitze. Vielleicht bin ich vom Landesschulamt und will irgendwas raus finden. Alles möglich, aber ziemlich unwahrscheinlich.

Aber das mit dem Unsichtbarsein interessiert mich schon. Wie sehen denn eigentlich diese ganzen Kommentarschreiber aus, die sich hier ab und zu melden? Das wüsste ich gerne. Ich kenne ja nur frl. krise und Frau Dienstag und die sind schnell beschrieben. Ich sage nur: Bond-Girls! In sexy Bikinis entsteigen sie dem Meer an einem Traumstrand und gehen in Zeitlupe auf dich zu. Aber so habt ihr sie euch wahrscheinlich ohnehin schon vorgestellt. Und ich bin jeden Tag wieder froh, wenn sie sich mit mir pickligem schiefem Geschöpf abgeben. Danke!

Das Internet zeigt uns aber auch, dass es doch nicht nur auf das Äußere ankommt, denn sonst würde es nicht immer wieder Paare geben, die sich erstmal über den Computer kennen gelernt haben und sich erst später persönlich treffen. Einem Freak wie mir kommt diese Tatsache sehr entgegen, denn wer würde mir im richtigen Leben denn schon zuhören. Ich säße im Cafe und späche wildfremde Personen an: „Hallo, Sie können sich nicht vorstellen, was mir heute im Kunstunterricht passiert ist. Ich sage ihnen…die 8.c ist echt total neben der Spur gewesen…“ Nein, ich glaube, das würde, selbst mit meinem Sendungsdrang nicht jeden Tag funktionieren.