Wenn es Kampf gibt

November 20, 2009 von fraufreitag

Wenn es Kampf gibt, dann liegt was in der Luft. Wenn es Kampf gibt, dann wird getuschelt. Wenn es Kampf gibt, sind alle tot ernst, niemand lacht. Wenn es Kampf gibt ist was los.

Wenn Mädchen kämpfen schwehlen Konflikte. Wenn Mädchen kämpfen werden alte Sachen aufgekocht. Wenn es Kampf unter Mädchen gibt, dann weil die eine Scheiße labert, weil sie hinterm Rücken redet, weil sie Mütter beleidigt, weil sie uns sagt, wir seien die größten Bitches auf der Schule, weil sie mir Missgeburt und Hurentochter sagt.

Wenn Mädchen streiten müssen sich alle einmischen, weil sie meine beste Freundin ist, weil ich sie zurückhalten wollte, weil sie mich auch beleidigt hat. Ich wollte nur mit ihr reden, warum sie so macht. Sie kennt mich doch gar nicht. Ich kenne diese Mädchen gar nicht. Warum erzählt sie so Scheiße über mich? Ich wollte nur reden, sie hat mir eine geklatscht. Sie hat mir Schelle gegeben. Ich habe ihr nur drei Box verpasst. Ich wollte keinen Streit. Ich wollte nur reden. Warum hat die sich eingemischt. Die hatte gar nichts mit der ganzen Sache zu tun.

Wenn es Kampf gibt, dann in der Pause. Kampf ohne Zuschauer gibt es nicht. Kampf mach magnetisch, alle stehen außen rum und schreien: „Kampf, Kampf, Kampf!“

Die eine stand da und hat auch zugetreten, die hatte gar nichts damit zu tun. Wir wollten nur reden, dann hat sie meine Haare gezogen. Ich wollte nur meine Freundin helfen.

Wenn es Kampf gibt sitze ich stundenlang mit der Schulleitung zusammen. Je mehr man hört, umso verwirrender wird alles. Wenn es Kampf gibt, dann wollten alle nur schlichten und ein Mädchen liegt im weinend im Krankenhaus.

Laber, laber, laber

November 19, 2009 von fraufreitag
Ich will nichts mehr erleben. Nie habe ich um soviele Erlebnisse am Vormittag gebeten. Wo steht in meiner Arbeitsplatzbeschreibung: Der Lehrer muss ständig ansprechbar sein. Er muss jede Frage, die einem Schüler gerade durch den Kopf geht sofort beantworten. Der Lehrer muss immer Ruhe bewaren, wenn die Erde bebt und die Luft brennt?
Was ist mit BUBE? Beurteilen, Unterrichten, Beaufsichtigen und Erziehen? Sind wohl sehr dehhhhnbar Begriffe. Heute habe ich über viele Dinge gesprochen, die nur peripher mit dem Unterrichtsthema zu tun hatten, die Schüler aber maßlos interessierten.
Zum Einen habe ich meine Klasse aufgeklärt, wie fernmündliche Kommunikation vor der Erfindung des Handys funktionierte. Gab es eine Flatrate? Wann wurden eigentlich die Ortsgespräche so unheimlich teuer? Ich habe ihnen von der total aus dem Ruder gelaufenen Party erzählt, die ich zu meinem 16ten Geburtstag geben durfe. Wie ein Typ den ich nicht kannte seinen Furz anzündete und dabei unser Wohnzimmersofa verbannte. Diese Geschichte scheint mich immer noch sehr zu faszinieren, denn ich erzählte sie schon des öfteren. Immer mit der Warnung, dass bloß nicht nach zu machen, da man sich die Gedärme verbrennen könne.
Und dann habe ich in allen Klassen von den Ergebnissen der Ethikarbeit in Frl. Krises Klasse erzählt. Die Schüler waren ganz heiß darauf zu erfahren, wie bescheuert sich die anderen Schüler angestellt haben. Allerdings war ihr Wissen auch recht lückenhaft, aber ich wollte ihnen in diesem Moment das Gefühl der Überlegenheit gönnen.
Und weil mich seit dem 9.11. wurmt, dass Miriam die Bundesländer nicht kennt, habe ich mit der gesamten Klasse alle Bundesländer geübt. „Miriam, ich schwör’ dir, du verläßt die Schule nicht, ohne die Bundesländer zu kennen!!!“ „Mann, Frau Freitag…okay, Bayern, Niedersachsen, Bremen….“
In der anderen Klasse ging es wieder um den Weltuntergang 2012. Ich konterte mit Tschernobyl, ein Schüler kam mir mit Orson Wells und seiner Radiosendung. Schweinegrippe ist immer Thema. „Frau Freitag, glauben sie an Lebenwesen, die nicht Menschen sind?“ „Ja. Tiere.“ Sie meinte aber Außerirdische. Dann waren wir bei den Pyramiden und damit auch schon bald wieder beim Mayakalender und dem Weltuntergang.
„Warum sollen denn Außerirdische die Pyramiden gebaut haben und dann wieder abgehauen sein?“ Ja, eine gute Frage von Esma. Und ich frage mich, warum kommen denn keine Außerirdischen und bereiten meinen Unterricht für morgen vor?
Man fragt sich, ob denn bei Frau Freitag überhaupt noch Unterricht nach Rahmenplan stattfindet. Ist das denn nicht das Spiralcurriculum, wenn wir immer wieder beim Weltuntergang landen? Und was ist mit „die Schüler dort abholen“ usw. Vielleicht merkt sich Abdul wenigstens, dass es mal eine Festnetzflatrate gab, bevor Handys und das Wort Flatrate überhaupt erfunden wurden. Als ich das erzählte sagte Murat: „Frau Freitag saß da so telegrafenmäßig pieppieppiep…“ Und tippt dabei mit dem Zeigefinger auf den Tisch.
„Danke Murat, so alt bin ich nun auch wieder nicht. Das Telefon war schon erfunden.“ Aber so ganz jung fühle ich mich nicht mehr und dass das Telefon noch ein Kabel hatte habe ich ihnen auch verschwiegen.

Eine Klasse ohne graue Masse

November 18, 2009 von fraufreitag

Wenn ich die Mitglieder meiner Klasse nicht so gerne haben würde, wäre mein Beruf unerträglich. Das wird mir immer wieder klar und nach einem längerem Gespräch mit Frl. Krise bin ich wieder mal froh, dass ich meine und nicht ihre Klasse habe. Ihren Erzählungen nach hat sie da ein Konglomerat an Schrott zu unterrichten, das man getrost und unrecyclet entsorgen könnte. Klingt hart, aber wie die mit meinem hochgeschätzem Frl. Krise umgehen geht gaaaar nicht. Ich möchte jedem einzelnen von den kleinen Deppen in den A… treten. Die wissen es gar nicht zu schätzen, was für ein pädagogisches Juwel sie da vor sich haben.

Meine Klasse nervt ja auch total. Ununterbrochen labern sie, schreien, kommen zu spät, rebellieren gegen die Kollegen…ich berichtete schon des öfteren. Aber was bin ich eigentlich für ein Freak, dass ich sie trotzdem alle mag? Und wahrscheinlich wissen die das auch noch.

Mein Freund sagte neulich: „Du hast da aber auch eine Persönlichkeitsdichte in deiner Klasse…“ Und das stimmt, da gibt es eigentlich nur zwei von denen du evt. den Namen vergessen könntest. Die anderen gehen dir täglich so auf die Ketten, dass du ihren Namen im Tiefschlaf buchstabieren kannst und ihre Gesichter dir in der Mitte der Sommerferien vor den Augen tanzen. Jetzt frage ich mich: Woran liegt das? Ist das Zufall? Warum haben ander Klassen diese grauen Massen? Diesen Haufen von Mädchen, die alle gleich aussehen und bei denen nur eine oder zwei den Ton angeben und die anderen folgen. Oft denke ich, dass ich jedem einzelnen zu viel Raum gegeben habe, um ihre schrägen, lauten, ausufernden Persönlickeiten zu entfalten. Ich hätte die viel mehr deckeln müssen. Jetzt habe ich eine Klasse voller Selbstdarsteller, die die meiste Zeit vergessen, dass ich doch eigentlich der Chef bin. Auf meinem Schreibtisch steht ein Bild von der Klasse und da stehen und sitzen die so harmlos rum, wie der Fotograf es wollte. Aber wenn man näher rangeht, dann sieht man in jedem einzelnen Geseicht, dass sie zwar für eine Minute ruhig stehen können, aber schon in der nächsten Stunde den Unterricht, den Lehrer und den Raum auseinander nehmen werden. Wann verändern die sich zum Idealzustand: Liebe Klasse? Ich habe nicht mehr viel Zeit. Die sind schon in der Neunten. Wann kann ich endlich die Früchte meiner Arbeit ernten? Oder bleiben die giftige Beeren, die zwar gut aussehen, aber zum Tode führen? Oder habe ich einfach total falsch gearbeitet? Habe ich die falschen Prioritäten gesetzt? Sind eine gute Humorauffassung und eine nette Gemeinschaft nicht die obersten Lernziele einer Klassenlehrerin?

Gestern berichtet die Physiklehrerin, die zwei Stunden in meiner Klasse unterrichtet von ihrem Unterricht. In der ersten Stunde hätten sie sehr gut mitgemacht (höre ich zum ersten Mal seit Schuljahresbeginn), während sie das sagt gibt sie mir eine Liste mit den Schülerinnen und Schülern, die gefehlt haben. Ich denke: Klar waren die gut. Die drei Queens haben ja auch gefehlt. Allerdings will ich das Lob nicht gleich relativieren und sage deshalb nichts. In der fünften Stunde hatte sie wieder mit meiner Klasse und da waren sie laut und wie immer. Dann sagte aber Abdul: „Samira, heute morgen warst du nicht da und da waren alle leise und haben gut mitgemacht.“ Samira, ist sofort eingeschnappt und sagt, dann könne sie ja jetzt rausgehen. Sie verläßt den Raum und kommt nach fünf Minuten wieder. Die Klasse sitzt da und ist mucksmäuschen still. Daraufhin sei Samira wütend rausgerannt und gar nicht mehr zurückgekommen.

Ich kann mir diese Szene gut vorstellen und grinse innerlich. Das ist genau die Art von Humor und Zusammenhalt, die ich liebe. Schade, dass ich nicht dabei war und schade, dass ich nicht der ganzen Klasse für diese Aktion eine gute Note auf ihren Zeugnissen geben darf. Und schade, dass ich mir meine Klasse nicht einfach nur im Fernsehen ansehen kann.

Ü-Ü-Ü-Überraschung!!!!

November 17, 2009 von fraufreitag

Letzte Woche trifft mich der Schlag in der zweiten Stunde. Meine Klasse trödelt in den Raum und plötzlich sehe ich Funda und traue meine Augen nicht. Funda ist groß, hübsch und viel. Eine Erscheinung. Mit Stolz und Selbstbewußtsein repräsentiert sie einen wichtigen Teil, der Powermädchengang meiner Klasse. Das Schönste an ihr sind ihre Haare. Für diese dunkle Lockenpracht würde ich mit meinen immer dünner werdenden Spaghettihaaren glatt töten.

Aber letzte Woche kommt Funda rein und trägt ein rosa KOPFTUCH. Ich bin ja einiges an Verwandlungen gewöhnt, aber in diesem Moment bin ich geschockt wie selten. Ich möchte auf sie zu springen, an dem blöden Tuch reißen und schreien: „Was soll der Scheiß jetzt?“ Sofort ist sie umringt von den drei anderen Kopftüchlerinnen. An dem Tuch wird anerkennend rumgezupft und Funda genießt die Aufmerksamkeit. Die Jungen beobachten das Geschehen aus sicherem Abstand. Was sie von der Sache halten erschließt sich mir nicht. Vielleicht denken sie: „Mama!“.

Meine gute Laune ist weg. Schlechte gelaunt frage ich Funda, nach der Tanz-AG, die sie seit einigen Monaten leitet. Sie sagt, dass sie nicht mehr tanzen würde. Ich frage entsetzt warum. Sie: „Wegen Kopftuch.“

Ich unterrichte eine langweilige dröge Stunde und eile in der Pause sofort ins Lehrerzimmer. Die Kollegen verstehen meine Aufregung wahrscheinlich nicht, denn ich meckere nur rum. Islamisierung, unglaublich, was soll das? eine Scheiße ist das…Frustriert falle ich irgendwann in meinen Stuhl, esse mein Brot, starre an die Wand und denke: Ich habe ja gar nichts gegen meine Kopftuchmädchen. Ich liebe die, aber das geht jetzt zu weit. In der neunten Klasse das „Kopftuch nehmen“ was soll das? Nicht mehr tanzen…dabei war das ihr Leben…was kommt jetzt? Heiraten, Kinder kriegen…? Ich will nicht mehr…vielleicht bekommt die Familie Geld dafür, dass sie ein Kopftuch trägt…habe ich irgendwo mal gehört. Wie viel wird das sein?

Nach der Schule sehe ich Funda am Tor. Ich gehe auf sie zu, um noch mal mit ihr zu reden. Die Eltern schienen immer so liberal…ob die sie dazu gezwungen haben? Funda: „Meine Mutter holt mich heute ab.“ Ich: „Sag’ mal Funda, was soll das eigentlich, mit dem Kopftuch?“ Funda: „Ich hab’ sowas an der Kopfhaut. “ Ich: „???“ Sie: „Also keine Angst Frau Freitag, ist nicht Krebs. Aber sie mussten das lasern und die haben alle Haare abgeschnitten. Und jetzt trage ich das Kopftuch, bis die wieder nach gewachsen sind.“ Und plötzlich sehe ich die abrasierten Haare am Rand. Jetzt kommt auch Fundas Mutter. Ich begrüße sie und merke, wie mir ein riesiger Stein von meiner Laune fällt: „Mensch, Frau ÖYÜÜÜ, ich war echt überrascht, als ich Funda heute sah….“ Fundas Mutter: „Ja, es gab sehr viele Tränen gestern wegen der Haare…“ Ich, sichtlich erleichtert: „Und ich dachte schon…na Sie wissen schon….“ Fundas Mutter zeigt auf das Kopftuch und lacht: „Frau Freitag, das ist nicht unser Plan. Unser Plan ist das Abitur…“ Funda steht da und grinst. Ich könnte sie umarmen. „Mensch Funda, da hast du aber Glück, dass du Moslem bist. Was würde ich denn machen, wenn alle meine Haare abrasiert werden würden…? Funda, wie kurz ist das denn? Kann ich mal sehen?“ Funda schämt sich, grinst verlegen und flüstert ihr typisches „Mann, Frau Freitag…“ Ich gehe zufrieden wie selten nach Hause. Die Welt ist wieder in Ordnung.

Wissen ist Macht

November 16, 2009 von fraufreitag

…und Macht macht echt Spaß. Heute habe ich ein herrliches Elterngespräch geführt. Also nicht direkt Eltern- eher Mutter-mit Übersetzerfreundingespräch. Es ging um Abdul im Allgemeinen und seine Nichtleistungen im Besonderen. Die Mutter versteht zwar einigermaßen deutsch, spricht aber nur arabisch. Die Übersetzerfreundin-Tante – sie war auch schon mal die Cousine, die ist jedenfalls immer dabei. Mutter mit Kopftuch, Freundin sehr modern und sehr temperamentvoll. I love it! Immer wenn ich von Abdul erzähle, was er alles macht – von den schlechten Sachen berichte und wie er die guten Sachen gar nicht macht, dann liefern die mir eine arabische Show, die sich gewaschen hat. Ich sage was, dann fragt die TantenFreundin nach, schüttelt entsetzt den Kopf und berichtet dann wild gestikulierend der Mutter. Die fuchtelt genauso aufgebracht mit den Armen rum und stimmt eine Art arabisches Klagelied an. Es wurde auch schon oft geweint.

Heut frage ich so zum Einstieg: „Und, hat Abdul was von unserem Ausflug erzählt? Dass wir bei dieser Soundso Organisation waren?“

Tante: „Jaja, das hatte doch 4 Euro Eintritt gekostet…“

Ich: „Nein. Das war umsonst.“

Tante: „Waaas? Kein Eintritt?“ Arabisch Arabisch Arabisch. Mutter guckt mich mit weit aufgerissenen Augen an und wird auf arabisch ganz wild.

Ich: „Hat denn Adul gesagt, dass das Geld gekostet hat?“

„Ja, der hat gesagt 4 Euro Eintritt. Und letzte Woche, der Ausflug, 3,50Euro?“

Ich: „Neee, da waren wir Wandern, das war auch ohne Geld.“ Jetzt verengen sich ihre Augen und sie grinst während sie alles der entsetzten Mutter übersetzt. Die weiß gar nicht mehr was sie sagen soll und schnappt nach Luft. Na, Abdul kann sich freuen, wenn die beiden heute nach Hause kommen. Ich: „Na Taschengeld braucht er ja jetzt erstmal nicht. Das kann ja jetzt verrechnet werden. Dann geht es ihm weiter an den Kragen. Seine schlechten Zensuren. In mehreren Fächern Ausfälle.

Ich: „Haben sie denn den Brief nicht bekommen, den ich ihnen geschickt habe?“ „Brief?“ „La. La.“ Ich glaube das heißt nein. Und es wird auch ohne Übersetzung klar, dass der Brief nicht bei seinem Adressaten angekommen ist. Dann reden wir eine Weile über Abduls mangelhafte Leistungen und seine enorme Faulheit. Minuten lang wird lamentiert und arabisch gejammert. Irgendwann schlage ich vor: „Sperren Sie das Internet! Bis Weihnachten und es wird erst wieder angemacht, wenn er von jedem Lehrer drei positive Rückmeldungen hat. Schriftlich.“ Das finden die beiden gut. Im Geiste sehe ich Abdul, wie ihm diese Hiobsbotschaft übermittelt wird. Hihi, draußen Dauerregen und kein Internet… Wir sind alle zufrieden und beim Verabschieden erinnere ich sie noch mal an die nicht erhobenen Eintrittsgelder. Und ich bekomme noch mal diesen herrlich fiesen enge- Augen-der-kann-was -erleben-Blick von der Tante. Als sie weg sind fällt mir ein, dass ich ihnen gar nicht das schöne Penisbild von Abdul gezeigt habe. Das hätte ihnen bestimmt gut gefallen. Aber so gemein bin ich wohl doch noch nicht.

 

Sogar Sonne stresst

November 15, 2009 von fraufreitag

Scheiße, scheiße, die Sonne scheint…aber wie lange noch? Ich muss raus, aber vielleicht ist draußen kalt und sieht nur warm aus. Und ich muss doch hier noch arbeiten…aber der Mensch braucht doch auch Sonne. Wegen Vitamin D und so. Aber die U-Vorbereitung und die Arbeiten…ich hatte versprochen, die morgen zurück zu geben. Aber morgen scheint die Sonne vielleicht nicht mehr und vielleicht regnet es dann die ganze Woche. Warum kann es denn nicht jetzt regnen? Dann müßte ich nicht raus. Scheiße, scheiße, immer im Stress, sogar am Wochende. Religiös wär’ besser, dann hätte man heute frei.

Es könnte alles so einfach sein

November 14, 2009 von fraufreitag

Ist denn der Busfahrer dafür verantwortlich, wenn Herr Meier nicht in den Bus steigt, deshalb zu spät zur Arbeit kommt und dann seinen Job verliert? Die Schule ist doch keine Castingshow, oder doch? Wer trägt denn eigentlich die Verantwortung für das Gelingen und das Scheitern in diesem ganzen Wirrwarr? Ich kann doch nur Angebote machen. Ich kann doch nur den Tisch schön decken und lecker kochen…essen müssen doch die Schüler selbst, oder etwa nicht?

Wäre ich Frau DeeSoost wäre alles leichter: „Das ist dein Traum…du willst hier gewinnen. Du willst ein Teil von Popstars Du und Ich sein. Fang jetzt verdammt nochmal an zu arbeiten.“ Ich möchte auch nach jeder Stunde einen Schüler aus dem Kurs rausschmeißen dürfen: „Tja, Samira, die anderen waren einfach besser als du. Dein Leben geht weiter, aber nicht mehr hier…“ Und dann könnten sie sich heulend in den Armen liegen und sich theatralisch verabschieden. Ich hätte auch feuchte Augen, bei einigen, bei manchen hätte ich ein innerlich hämisches Grinsen.

So könnte mir das gefallen. Es gäbe auch nur zwei Gewinner am Ende. Nach einem Schuljahr zwei Schüler zum Realschulabschluss zu führen, das würde ich vielleicht noch hinkriegen. Und dann könnte ich am Ende mit Stolz geschwellter Brust den Siegern in den Armen liegen und mich feiern lassen.

Aber nochmal zum Busfahrer: Ich wäre schon Schuld daran, wenn Herr Meier einsteigen will, um pünktlich zur Arbeit zu kommen und ich hätte mit meinem Bus Verspätung. Oder ich würde eine ganz andere nicht angegebene Strecke fahren. Aber ich wäre nicht für die Schwarzfahrer verantwortlich. Ich dürfte auch Leute die sich im Bus nicht benehmen von der Beförderung ausschließen. Ich müsste niemanden zum Ziel bringen, der den Bus beschädigt oder mir die Scheiben mit dem Totschlägerhammer zertrümmert.

Ich würde jeden Tag stur meine Strecke abfahren, die Türen öffnen und schließen, ab und zu die Rampe rausholen und wer schön artig einsteigt, sich hinsetzt und sich benimmt, der wird von mir auch pünktlich ans Ziel gebracht. Und die anderen eben nicht. Wer gar nicht einsteigen will, der verrottet halt an der Haltestelle. Es könnte doch alles so einfach sein…

Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen…

November 13, 2009 von fraufreitag

…jemand, der was zu entscheiden hat, wird auf mich zu kommen und mir folgende erlösende Sätze sagen:

„Liebe Frau Freitag, kümmern Sie sich jetzt mal nicht so sehr um die Schulleistungen der Schüler. Auch ihre Fehlzeiten sind nicht so wichtig…dann kommen die eben zu spät…was soll’s? Wir hatten neulich den Bildenungsgipfel  und dort haben wir mit großer Mehrheit beschlossen, dass Leistung nicht mehr zählt. Nehmen wir doch mal Sie, liebe Frau Freitag. Wir beobachten sie nun schon seit einiger Zeit…“

Ich: „Echt?“

Er: „Ja. Und wir sehen ja, wie sich täglich abmühen den Schülern was beizubringen. Und auch wir haben bemerkt, wie wenig da hängen bleibt. Nun sind wir mal ehrlich, was ist das für eine Verschwendung Ihrer Lebenszeit? Sie rackern sich ab für nichts und wieder nichts. Deshalb bin ich froh, Ihnen ganz offiziel mitteilen zu dürfen, dass sich jetzt alles ändern wird. Rahmenpläne laufen aus. Benotung wird abgeschafft. Es wird keine Zeugnisse mehr geben. Sie können den Tag mit den Jugendlichen gestalten wie sie wollen. Tun Sie sich da keinen Zwang an. Gehen Sie jeden Tag Schlittschuhlaufen, ins Kino, kochen Sie, tanzen Sie mit den Schülern, machen sie eine Radiosendung. Wenn die Schüler keine Lust haben in die Schule zu kommen, Dann sagen Sie denen, dass sie ruhig zu hause bleiben dürfen. Wer keine Lust mehr hat, kann gehen wann er will. Und keine Sorge, wir arbeiten auch gerade an den schriftlichen Ausführungen. Demnächst geht eine AV an alle Schulen. Unter uns gesagt, wir haben ja mit Ihrem Schülerklientel sowieso noch nie irgendwelche hochtrabenden Ziele verfolgt. Aber wir sehen jetzt, dass wir Sie und Ihre Kollegen nicht länger dafür verantwortlich machen dürfen. Ich persönlich kann mir gar nicht vorstellen, wie das sein muss, wenn man jeden Tag diese Schüler unterrichtet – unter dem Druck, sie zu einem Schulabschluss zu bringen – und dann kommt hinten so wenig bei raus. Das muss doch sehr frustrierend sein, oder?“

„Hmmm.“

„Ja, liebe Frau Freitag, sehen Sie, wir lassen Sie nicht im Regen stehen. Die Reformen werden die Schullandschaft verändern. Wir brauchen doch gar nicht so viele Menschen mit guten Ausbildungen…es gibt doch gar nicht genügend Jobs. Da müssen wir uns doch nicht vormachen, dass Ihr Klientel mit diesen halbgaren Realschulabschlüssen irgendwas zu unserer Gesellschaft beitragen kann. Müssen sie ja auch gar nicht. Funktioniert doch auch so.  Nur, dass nicht mehr alle so frustriert sind. Die Schüler nicht, weil sie sich nun mit den Dingen beschäftigen können, die Ihnen wirklich Spaß machen. Und die Lehrer werden zufriedener sein, weil sie nach einem Vormittag zwischen Pokern und Schalstricken mit interessierten Schülern glücklich nach Hause gehen können. Na, was halten Sie davon?“

„Klingt gut. Aber ich kann das gar nicht so recht glauben…ab wann sollen denn diese Veränderungen kommen?“

„Meines Wissens nach gilt das ab sofort…. äh, unverzüglich. Und nun gucken Sie nicht so entsetzt Frau Freitag, gehen Sie erstmal schön nach Hause, nehmen Sie ein Bad, trinken Sie einen schönen Tee und dann können Sie schon mal anfangen, ihre Unterrichtsmaterialien zu schreddern. Die brauchen Sie nicht mehr. Mit dieser Unterrichtsfarce ist jetzt Schluss. Ach und habe ich erwähnt, dass die Ferien verlängert werden? Alle Termine um jeweils eine Woche. Das haben Sie sich echt verdient.“

„Wahnsinn!“

Fachausdrücke fetzen

November 12, 2009 von fraufreitag

Jede Berufsgruppe hat Fachbegriffe. Wenn man in einen Spezialladen geht, kann man sich dort teilweise sogar ganz und gar in einer Fachsprache seinem Spezialistentum widmen. Willst du dir einen Computer kaufen, dann ist es hilfreich, vorher ein IT-Studium zu absolvieren. Mega- Gigabites, Arbeitsspeicher und Pixel-Blah blah. Willst du einen Schal stricken solltest du über Lauflängen, Wollanteile und Nadelstärken Bescheid wissen.

Und wir Lehrer haben auch unsere Fachsprache, die Außenstehenden wahrscheinlich genauso spanisch vorkommt, wie mir ein Besuch in einem Motorradladen oder einem Golferausrüstungsshop. Wir Lehrer haben tolle Fachbegriffe. Ich möchte hier mal die Schönsten würdigen:

Da wäre zum Beispiel die berühmte und allseitsbeliebte und von mir noch nie genossene Doppelsteckung. Oder die schöne Spring- oder Freistunde. Ich hörte auch schon den Ausdruck Hohlstunde. Dann gibt es das Fachraum- bzw. Klassenlehrerprinzip. Wie wäre es mit der Jahrgangsausschusssitzung oder der inneren und der äußeren Differenzierung? Wenn man auf einer Party mal besonders schlau rüber kommen möchte, dann erzählt doch mal von Binnendiferenzierung oder der Durchlässigkeit in der Dreigliedrigkeit. Vergesst auch nicht die AZK-Tage, die AV’s, den einfachen oder den erweiterten oder den gar kein Abschluss. VBO oder AL, FB oder LZK. Eine KA zählt allerdings mehr als eine LZK, oder?

Jetzt fallen mir gar keine weiteren Fachausdrücke mehr ein. Dabei haben wir doch so viele. Helft mir mal, ich nehme die hier dann noch auf…die müssen aber so bekloppt berufsspezifisch sein, dass man sie nicht nur nicht versteht, sonderen so, dass die Schüler die zwar benutzen, aber auch gar nicht wissen was die bedeuten. So wie ABGANG. „Ich hab’ nur Abgang…“ Ach ich weiß noch einen: Beihilfe (!). Ich bin sicher euch fallen noch mehr ein. Schonmal vielen Dank.

Sagt denn keiner mehr „dicke fette Arschbulette“?

November 11, 2009 von fraufreitag

Die Schüler haben ein neues Wort. Das Wort heißt: Knecht. Wer früher ein Opfer, ein Hund, eine Missgeburt oder ein Spast war ist heute ein Knecht. Gebraucht wird dieser Ausdruck einfach nur als eine Art Feststellung. Erol zu Mohamad: „Hakan glaubt, dass es World of Warkraft auf türkisch gibt.“ Mohamad: „Knecht.“ Oder Kevin zu Sabine: „Stefan geht zu Mathe.“ Sabine: „Knecht.“

Nun könnte man denken, schön, dass die Schüler so alte deutsche Begrifflichkeiten wieder benutzen. Nach Knecht kommt vielleicht noch Magt, Abt oder Amme. Sind sie also endlich in Deuschland angekommen. Benutzen mittelalterliche Worte und merken es wahrscheinlich noch nicht mal. Ich vermute allerdings, dass sie gar nicht wissen, was ein Knecht ist. Leider habe ich sie noch gar nicht gefragt, aber ich bin schon sehr gespannt, was ich morgen als Definition angeboten bekomme.

Unsere Schüler haben nämlich leider die Angewohnheit Wörter zu sagen, deren Bedeutung sie nicht kennen, oder noch besser, deren Bedeutung sie völlig falsch deuten.

Eine der Liebelingsbeschimpfungen aller Schüler war ja die längste Zeit „Spast“. Jedesmal, wenn ich das Wort hörte fragte ich die Schüler: „Weißt du denn was ein Spast ist?“ und ich bekam immer die gleiche Antwort: „Ja, klar weiß ich das.“  „Na was denn?“  „Ein Spast ist ein kleiner Vogel.“ Als ich das das erste mal hörte habe ich mich innerlich totgelacht. Da steht ein riesiger arabischer Schüler vor mir, wahrscheinlich mit Totschläger und Messer in der Tasche und einer kiloschweren Schüler- und Polizeiakte und denkt im Ernst ein Spast ist ein kleiner Vogel. Und das komische daran ist doch, dass er „kleiner Vogel“ auch noch allen ernstes als Schimpfwort benutzt.

„Soso, du denkst also Spast heißt kleiner Vogel….und meinst du wirklich, dass das so ein schlimmes Schimpfwort ist, dass sich darüber jemand ärgern würde?“ Meistens fiel ihnen darauf dann nichts mehr ein und sie fragten dann nur etwas verunsichert: „Na, was heißt es denn?“ „Na kleiner Vogel heißt es nicht. Und ich werde dir nicht sagen, was es heißt, aber benutze ruhig weiter Wörter, deren Bedeutung du nicht kennst…zeugt von unheimlicher Intelligenz.“ Damit lies ich sie dann stehen und wahrscheinlich flüsternen sie mir dann ein „Ist die häßlich.“ oder „Hurentochter!“ hinterher. Was eine Hurentochter ist wissen sie alle.

Aber jetzt die große Preisfrage: Was denken die Schüler ist ein Knecht? Ein etwas größerer Vogel?