Autokauf – schwerer als gedacht

„Ich wollte eigentlich dahin, wo so bunte Lammettafahnen sind.“
„Das sind Tankstellen“, sagt Frau Dienstag und geht zielstrebig auf den Hof mit den Gebrauchtwagen. Autokauf, eine ganz neue Welt. Ich hab gar keine Ahnung von Autos. Frau Dienstag kennt sich voll aus. „Ich dachte, wir gucken uns mal den Renault Clio an. Hier, wie findest du den?“
„Ihhh, braun“
Wie soll man sich denn hier ein Auto aussuchen? Hier sind doch so viele und die sind alle so groß.
„Kann ich Ihnen helfen?“ Ein Typ steht plötzlich vor uns. Gegeelte Haare, Jackett. Ein typischer Autoverkäufertyp. Dem traue ich nicht über den Weg, denke ich sofort. Der will mich doch bescheißen.
Er lächelt.“
„Ja, sie sucht ein Auto.“, sagt Frau Dienstag.
„Ah, da sind Sie ja hier genau richtig. An was dachten Sie denn?“
„Äh, ich, also ich habe erst seit einer Woche den Führerschein“, antworte ich, obwohl er mich das gar nicht gefragt hat. Na ja, jetzt ist es raus.

„Wie viel wollten Sie denn ausgeben?“
Mist, jetzt wird der schon so konkret. „Ich dachte so 6000 Euro.“ Was er jetzt wohl denkt. Denkt er ich hab nicht mehr? Dass ich keine Ahnung von Autos hab, muss ihm ja schon klar sein. Findet er das gut oder schlecht? Er lächelt immer noch sein Verkäuferlächeln.

„Dafür kriegen Sie ja nur einen Gebrauchten. Die gehen so mit 35000Km los und man sagt, dass man ab 40 000Km anfängt die Teile auszutauschen. Ich rate Ihnen da mehr zu einer Jungfrau.“

Jungfrau? Ich gucke zu Frau Dienstag. Hat der eben wirklich: Jungfrau gesagt? Zu uns? Jetzt ist der Typ noch tiefer in meiner Achtung gesunken und ich sehe an Frau Dienstags Gesicht, dass sie ihm nicht mal ein Brot abkaufen würde. Trotzdem trotten wir hinter ihm her zum Autohaus.
„Ich würde Ihnen einen Twingo empfehlen. Solides Auto und ich hab da ein besonders schönes Model direkt vor meinem Schreibtisch stehen.“ Dann fragt er mich Sachen zur Finanzierung. „Ich würde das in einem bezahlen“, sage ich schnell. Der soll bloss nicht denken ich wäre hier auf monatliche 29Euro Raten angewiesen. Aber Twingo? Das klingt nicht gut. Das klingt nach Stofftier, nicht nach Auto. „Guck mal, ich hab dir einen Twingo mitgebracht.“ „Oh, ist der süß und so flauschig.“ Oder wie etwas zu essen. Aus Schokolade. „Kann ich noch so ein Twingo?“ Ein Auto braucht doch auch einen Autonamen. Cherokee, oder Mars oder Hammer. Autos sind doch männlich. Da muss sich doch das Technische auch in dem Namen spiegeln. „Volt oder Atom oder Bizeps. Man nennt doch Damenbinden auch nicht Blade. Twingo, tzzzz.

Stolz zeigt der Typ uns dann seine Twingo Jungfrau. In hellblau. „Und die Farbe ist doch geil, oder?“ Was jetzt an diesem hellblau geil sein soll erschließt sich mir nicht. Das Auto ist hässlich. Ein hässlicher Kasten. Es sieht so aus, wie ich ein Auto zeichnen würde. Und dann noch diese auffällige Farbe. Damit auch alle sehen, guckt, was für ein hässliches Auto ich habe! So ein doofes Auto müsste durchsichtig sein oder wenigstens Silber. Damit darf man nicht protzen wollen mit einer unmöglichen Lackierung. Man versucht doch auch seine Pickel wegzuschminken.

„Setzen Sie sich doch mal rein!“
Das tue ich. Das hässliche Auto stinkt nach neuem Auto. Die Amateuren sind eingefasst wie ein Minigolfball. Wer hat sich denn sowas Beklopptes ausgedacht. Alles ist total simpel und einfach gehalten. Ich denke: Liko. Es will Addidas sein, ist aber nur Liko. Zwei Streifen, statt drei. So ein Auto will ich nicht. Frau Dienstag streicht missbilligend über die das weiße Minigolfplastik. „Doof“, sagt sie. „Lass mal den Clio angucken!“

Aber irgendwie will der Typ mir den Clio nicht verkaufen. „Der ist sehr hoch in der Versicherung, weil den soviel Jugendliche fahren“, sagt er. Aha, ich bin also zu alt für einen Clio. Abgesehen davon finde ich den Clio auch nur ein bisschen besser, als den Twingo. Die Heckscheibe ist viel zu klein und wenn man drin sitzt hat man auch gar nicht das Gefühl, dass man jetzt sofort losfahren möchte. Vielleicht brauche ich doch kein Auto. Vielleicht reicht die U-Bahn und der Bus. Ich bin jetzt so lange nicht gefahren, ich traue mich doch gar nicht mehr hinter irgendein Steuer.

„Können Sie uns zu dem Clio einen Prospekt mitgeben?“, fragt Frau Dienstag. Kann er nicht, weil er angeblich keinen hat. „Das müssten Sie sich im Internet ansehen.“ Wir sagen okay, und gehen zum Ausgang.

„Vielleicht brauche ich doch kein Auto“, sage ich zu Frau Dienstag.
„Doch brauchst du! Lass mal zu Opel fahren, die sind hier gleich um die Ecke und den Adam wollte ich mir sowieso mal angucken.“

Wat nun?

Ach ihr Lieben, vielen vielen Dank, für die Glückwünsche und das Mitfiebern. Den ersten Grundsatz: „Erzähle niemandem, dass du die Prüfung hast.“ Habe ich ja nicht gerade beherzigt, indem ich das hier geschrieben habe. Aber ich weiss, ihr hättet mich auch wieder nett bedauert, wenn ich noch ein paar Mal durch gefallen wäre.

Ich bin immer noch ganz high von dem Erfolg gestern. Was kommt jetzt? Vielleicht doch LKW-Führerschein? Jagdschein? Hochseeschiffahrts- Kapitänsschein? Ich will noch mehr Prüfungen machen. Nee, nee, ich will vielleicht noch mehr Prüfungen bestanden haben – definitiv will ich aber jetzt erstmal keine Prüfungen mehr machen.

Wie sich einige hier ja bestimmt schon gedacht haben bin ich zur Zeit gar nicht in der Schule, sondern im Sabbatjahr. Aufmerksame Leser werden das auch schon irgendwo in den Kommentaren gelesen haben. Seit September schlafe ich aus, vertrödle meine Zeit bei Netflix (bin ich aber schon wieder weg von) und döse abends auf der Couch weg, ohne mir über den nächsten Morgen Gedanken zu machen. Es ist wirklich herrlich. Nur – man gibt einfach mal mehr Geld aus, als reinkommt. Und man hat nie dieses schöne – jipppiehhh, morgen ist Wochenende Gefühl. Von der Vorfreude vor den Ferien mal ganz abgesehen.

Jetzt habe ich ja noch einige Monate Zeit. Der Ratgeber, den ich schon seit Jahren schreiben wollte, ist geschrieben, der Führerschein, den ich noch nie hatte, ist gemacht – was kommt jetzt? Keine Ahnung. In den Osterferien erstmal Autokauf mit Frau Dienstag. Das kann ja was werden. „BMW! Brauchst du! Neuwagen ist besser!“ Und dann natürlich rumdüsen mit dem neuen Flitzer. Aber damit ist meine Zeit ja auch noch nicht ausgefüllt. Die Kollegen in der Schule wundern sich, dass ich nicht immer zu verreisen möchte. Aber irgendwie habe ich dazu gar keine Lust. Ich war die gesamten 90er unterwegs. Ich weiss gar nicht wann ich da eigentlich studiert habe. Mir kommt das heute so vor, als wäre ich nur verreist gewesen.

Vielleicht fällt euch ja noch was Interessantes ein. Ich wäre durchaus auch noch bereit dazu etwas zu lernen. Bauchreden? Rappen? Beim Breakdance wäre ich doch bestimmt wieder die Älteste. Vielleicht ein bisschen Aquarellmalerei in der Toskana? Kann mir da jemand was empfehlen? In so ein Schweigekloster möchte ich nicht. Da sterbe ich.

Ich will ja auch weiter bloggen. Aber immer nur: Ausgeschlafen, ARD Mediathek, rauchen, zum Sport mit Frau Dienstag, auf die Couch, ist vielleicht ein bisschen langweilig. Also für euch – ich finde es herrlich.

The Prüfung Part II

„Streck mal die Zunge raus.“, sagt meine Schwester und träufelt mir vier Tropfen Bachblütenirgendwas in den Mund. „Die helfen immer! Wirst sehen. Da kriegst du so eine gelassene Haltung.“ Die habe ich noch nicht. Wir trinken Yogitee und rauchen. „Kaffee jetzt nicht mehr! Hast du einen Glücksbringer?“ Ich schüttle den Kopf. Meine Schwester gibt mir einen verstaubten Barbapapa und ein Bild von Han Solo „Der bringt dir Glück, weil der fliegt doch den Millenium Falken so schön.“ Ich stecke alles ein und schleiche zur Fahrschule. Ich soll mit Dieter vor der Prüfung noch ein Stunde fahren. Die Fahrschule ist voll. Murat und der neue Fahrlehrer sind da. Beide motivieren mich und sagen, dass ich die Prüfung bestimmt schaffen werde. Dann kommt Dieter. Ich sage: „Dieter, heute musst du mich ein bisschen motivieren. Bitte.“ „Ich, motivieren? Warum? Nee.“ Oh Mann, wenn ich heute durchfalle, dann wechsel ich. Soviel steht ja wohl schonmal fest.

Dieter hat keinen Bock aufs Fahren. Ich will eigentlich los. Nochmal alles üben. Aber Dieter quatscht sich fest. Ich stehe auf und gehe zur Tür. Irgendwann kommt er auch. „Nun sei doch nicht so hektisch.“ „Ich bin ein bisschen aufgeregt. Wegen der Prüfung.“ „Mensch Mädel, nun bleib doch mal locker!“

Im Auto stelle ich das Radio aus.
„Warum machst du das aus?“
„Ich will mich konzentrieren.“
„Na und?“
„Ich kann mich nicht mit dem Radio konzentrieren. Bitte. Nur heute mal.“
Dieter schmollt. Ich merke, wie seine Laune, die sowieso nicht die beste ist, immer schlechter wird. Ich stelle das Radio wieder an. Hoffentlich raucht er nicht vor der Prüfung. Ich brauche den Sauerstoff.

Wir kommen nach Tempelhof. Ein paar „Da wäre ich ja… da hätte ich ja…“ später, soll ich in den verkehrsberuhigten Bereich reinfahren. Dort wieder parken. „Mensch Mädel, warum fährst du nicht näher ran?“, sagt Dieter und schüttelt den Kopf, als sei ich die dümmste Person der Welt. Und als ich dann auf der großen Straße in den vierten Gang schalten will und (zum ersten Mal!) aus Versehen in den Zweiten schalte, sagt er: „Mensch Mädel, warum machst du nicht einfach so, wie ich es dir gezeigt habe.“
„War doch nicht mit Absicht.“
„Aber ich habe dir das doch schon sooo oft gezeigt und du machst das immer wieder so, wie du denkst.“
Ich fange an zu schwitzen. Gucke auf die Uhr. Noch zwanzig Minuten bis zur Prüfung.
„Bitte Dieter, nicht streiten. Bitte. Nicht vor der Prüfung.“
„Ich streite doch gar nicht. Ich verstehe nur nicht, warum du nicht machst, was ich dir sage.“
„Das weiß ich doch auch nicht. Aber du kannst davon ausgehen, dass ich das nicht mit Absicht mache. Ich will das doch lernen!“ Ich bin kurz vorm Heulen. Vielleicht einfach aussteigen und wegrennen.
Dieter sagt: „Na, dann mach doch einfach so…“
„JAAAA! ICH HABE ES VERSTANDEN. Deine eine Lehrmethode. Vielleicht reicht das bei mir nicht. Und heute ist sowieso das letzteM, dass wir zusammen fahren.“
„Das liegt doch nicht an mir, dass du das nicht kannst!“
„Doch, es wäre hilfreicher, wenn du mich kurz vor der Prüfung ein bisschen motivieren könntest und nicht auch noch mit mir streitest.“ Ich gebe es auf. Verpasse die Einfahrt zum TÜV Gelände und fahre um den Block. Vorm TÜV rauche ich eine Zigarette und Dieter geht rein zum Prüfer.

Okay, wie war das noch: Kühlwasser, Warnblinkanlage, Motoröl, Heckscheibenheizung… Der Prüfer stellt sich vor. Er sieht nett aus. Wir steigen ins Auto, ich habe kurz einen Black-Out Moment und fange mich dann wieder. Fragen tut er nichts. „Wir wollen nur ein bisschen gemütlich rumfahren.“, sagt der Prüfer. Gemütlich rumfahren, gemütlich rumfahren, sage ich mir immer wieder. Wir fahren links, rechts, beim Linksabbiegen fahre ich auf die volle Kreuzung und merke, dass ich mich nirgendwo mehr einordnen kann und bleibe zum Glück noch rechtzeitig stehen. Dann Autobahn. Die ist voll. Das Auto macht komische Geräusche. Dieter quatscht den Fahrlehrer voll. Der antwortet höflich. Leider kommt er kaum dazu, zu sagen, wo ich langfahren soll. Ich werde nervös. Dann wenden, dann Gefahrbremsung, dann zurück zum TÜV Gelände. Heißt das jetzt, dass ich bestanden habe, oder nicht?

„So, dann steigen Sie mal aus und erholen sich und ich rede noch kurz mit ihrem Fahrlehrer.“
Oh Mist, jetzt diskutieren die über meinen Führerschein. Klar, ich bin schonmal besser gefahren, aber wer fährt schon in der Prüfung so gut wie in den Fahrstunden. Was Dieter jetzt wohl sagt? Der hat doch auch keinen Bock mehr auf mich. Dieter bitte: Set me free!

Und dann kommen sie beide aus dem Auto und: BESTANDEN!!!! Ja Mann!!!!! Ab da weiß ich nichts mehr. Ich bin kurz auf und ab gesprungen, wie ein Kind vor dem Weihnachtsbaum und habe gestrahlt. Dann hab ich dem Prüfer alles mögliche versprochen: „Ich werde kein Raset! Ich werde nie Alkohol trinken und fahren. Ich schwöre, ich übe noch ganz viel und ich kann auch in zehn Jahren nochmal kommen und dann können sie gucken, wie ich Autofahren kann.“ Ich kriege so einen vorläufigen Schein, mit dem ich sechs Wochen durch Deutschland fahren kann: „Oh, ich wollte gleich eine große Europatour machen.“, sage ich. „Nee, nee, Spaaaß!!!“

Dann fährt Dieter mich nach Hause und wir verabschieden uns. Ich sage: „Danke. Und wir sehen uns dann auf der Straße.“ Dieter verdreht die Augen und sagt: „Bloß nicht!“ Aber er lächelt.

Schon wieder Generalprobe

Morgen ist die Prüfung. Aber heute ist mein neues Buch rausgekommen. Es sieht super aus und ist auch voll dick. Ein Ratgeber für Lehrer und alle die es werden wollen – aber auch lustig. Und das Beste – es gibt sogar ein Lied zum Buch. Vom legendären Franky Fuzz. Hört euch das mal an!

Buch schön und gut – Buch ist noch lange kein Führerschein. „Du hast die Schnauze und die Hose voll.“ sagt der Freund. Ich sage: „Ich komme mir vor wie eine hochschwangere Frau, die keinen Bock mehr auf den dicken Bauch hat und auch gar nicht mehr daran denkt, dass da noch ein Kind rauskommt.“ Und bei mir könnte ja ein Führerschein rauskommen. aber momentan denke ich nur: warum tue ich mir das denn an? „Möchten Sie gerne zur Wurzelbehandlung ohne Betäubung?“
„Ist denn an meinen Wurzeln was nicht in Ordnung?“
„Nö. Aber warum sich nicht trotzdem mal ’nen kleinen Eingriff gönnen.“
Und ich so: „Ja, super, machen Sie mal.“

Heute war letzte Fahrstunde und man sollte doch meinen, dass selbst Dieter sich heute – eine Stunde vor der Prüfung – der Prüfung des Prüflings, der schon einmal durchgefallen ist – mal zu ein wenig Motivation hinreißen lassen würde. Aber weit gefehlt. Dieter hat sich auch schon emotional abgemeldet. Er sitzt da und schnieft. „Keine Ahnung, wo ich diesen Rotz jetzt schon wieder herhabe.“ Ich kann es ihm auch nicht sagen. Die Sonne knallt durch die Fenster, aber die darf ich nicht aufmachen, weil Dieter ja erkältet ist. Er sagt mir immer nur, wo ich langfahren soll. „Links, rechts, an der zweiten Ampel wieder links.“ Eigentlich gut, ist so ein bisschen wie die Prüfung, außer, dass das Radio volle Pulle läuft und Dieter eine nach der anderen raucht. Ich biege tangential genial ab und versuche keine Kurven zu schneiden, weil ich das wohl IMMER mache und überhaupt ALLE das IMMER machen. Heute fahre ich die Kurven sowas von super, aber Dieter schweigt. Ich gucke wie bescheuert in alle Richtungen. Innenspiegel, Außenspiegel, Schulterblick. Und Dieter sagt nur: „Da musst du nicht gucken. Da hast du doch vorhin schon geguckt. Dit reicht.“ Ich parke quer ein und korrigiere so super, dass ich stehe wie im Lehrbuch und Dieter sagt nur: „Nicht so dicht aufschließen. Du musst ja gleich wieder rausfahren.“

Okay, wenn Dieter nicht mitmacht, dann lobe ich mich einfach selbst. Stumm. „Super Frau Freitag, jetzt ranrollen, bremsbereit, rechts gucken, ob jemand kommt, vorher links gucken, ob da der Tod lauert und weiter. Sehr gut.“

Plötzlich Dieter: „Ich hab gestern 1000 Euro für Klamotten ausgegeben.“
„Echt?“
„Ja. Eigentlich wollte ich nur zwei Batterien kaufen.“
„Und was hast du dir gekauft?“
„Einen Anzug, eine Lederjacke, ein Hemd und eine Krawatte.“
„Na, kann man alles gebrauchen. Vorne links oder rechts?“
„Rechts. Ja, ich wollte einen leichten hellen Anzug und der sieht auch schau aus. Ich hatte den gleich am Abend an.“
„Und?“
Dieter lacht. „Kam gut an. Ich war der bestangezogendste Mann im Laden. Eine Augenweide.“
„Eine Augenweide?“
„Ja, haben die Damen gesagt.“
Ich frage: „Hast du denn die Batterien auch noch gekauft?“
„Ja, hab ich. Und dann hab ich den Laden mit dem Anzug gesehen.“
„Vielleicht ziehst du den Anzug morgen an.“
„Morgen, wieso?“
„Na, zur Prüfung.“
„Pffff. Nee, nee, wat soll ick denn da mit ’nem Anzug.“

Ich weiß es auch nicht. Dieter, warum kannst du mich nicht mal loben? Ich fahre doch heute so schön. Ich mache auch gar keine Fehler, weil die sagst du mir ja immer postwendend. Was wäre denn jetzt so schlimm mal zu sagen: „Du machst das schon.“? Kannste nicht mal über deinen Schatten springen? Nee, wa? Kannste nicht. Na ja, dann eben nicht. Dieter sagt nur: „Okay, dann bis morgen. Ich geb dir mal nicht die Hand.“ Und weg ist er. Ich gehe nach Hause und denke: „Schaff ich! Kann ich! Wird schon! Tschakkka!“

Kein Bock mehr!

Ich dachte ein bisschen Musik beim Schreiben wäre schön. Aber Adeles Hello treibt mich ja gleich ans offene Fenster. Adele hat bestimmt den Führerschein sofort bestanden. Und sogar alles links. Die hat es gut. Ich wäre lieber Adele.

„Ich würde niemandem sagen, wann deine nächste Prüfung ist.“, sagt eine Freundin.
Die Prüfung ist am Dienstag und ich habe keinen Bock. Ich hab keine Angst – nur eine richtig große Bocklosigkeit. Regelrecht gelangweilt fühle ich mich. Dienstagabend bin ich schon verabredet. Besaufen, feiern, trauern… eigentlich egal.

Vielleicht einfach mit dem ganzen Führerscheingemache aufhören? Ich habe wirklich gut ohne den Scheißschein gelebt. Und der Ärger hört doch dann nicht auf… Dann kommt, sich beim Gebrauchtwagenkauf von windigen Gesellen übers Ohr hauen lassen – woran würde ich denn einen Unfallwagen erkennen, wenn der nicht eindeutig irgendwo eingedellt ist? Dann kommt, sich mit Versicherungen auseinandersetzen. Formulare, die ich nicht lesen will, lesen. Dann kommen Unfälle – Blechschäden. Ich werde immer Schuld sein. Und wenn nicht, dann werde ich denken, ich sei Schuld. Dann kommt Werkstatt und Fachsprache, die ich nicht verstehe. Dann fühle ich mich wieder dumm.

So ein Auto ist doch eigentlich dem Menschen voll überlegen. Ich kann doch so einem Auto gar nichts entgegenhalten. Ein sehr ungleicher Gegner. Ich verstehe so ein Auto nicht. Dass ich so ein großes Ding bediene, ist eigentlich nicht normal. Ich fahre doch auch nicht gut Fahrrad. Ich kann laufen. Ich laufe gut. Obwohl – von dem Autofahren habe ich mir so einen kleinen Knieschaden eingehandelt – und später kommt da noch ein fetter Arsch dazu.

Aber ich kann auch nicht mehr ohne Dieter. Dieter strukturiert meine Woche. Ich brauche diese regelmäßigen Fahrstunden. Ich bin doch ein Sklave der Gewohnheit und momentan im Sabbatjahr. Für meine Persönlichkeit eigentlich Gift. Die Arbeit mit Netflix zu ersetzen geht ein paar Wochen. Momentan habe ich mich mich von Netflix emanzipiert. Lebt sich auch gut ohne Netflix. Aber ohne Dieter? Als Frau hat man bei Dieter ja nur Chancen, wenn man ihn bezahlt. 50 Euro für ein bisschen mit ihm rumgurken. „Mensch Mädel“ – im Preis inbegriffen. Genauso wie: „Ich hätte ja runtergeschaltet.“ Und: „Nicht denken. Einfach machen, was ich sage.“

Die Stunden nach meinem grandiosen Durchfall fahre ich wie ein Zombie. Wieder durch Tempelhof. Lustlos und apathisch. Und ich mache auch immer wieder Fehler. Mit erfahrenen Autofahrern zu fahren bringt auch nichts, die blinken gar nicht und auf Schulterblicke kann man da auch ewig warten.

Keine Lust mehr!!!! Mist. Ich muss doch bei der Prüfung wenigstens so tun, als sei ich am Bestehen interessiert. Na ja, die Aufregung wird schon noch kommen. Durchfallen – Bestehen… im Moment habe ich dazu gar keine Meinung. Emotional habe ich ich mich schon längst davon entfernt. Vielleicht ist das normal. Vielleicht ist das ein Schutzmechanismus. Vielleicht ist das Evolution. Das Mammut ist ja schon um die Ecke gerannt, da brauch ich jetzt auch nicht mehr hinterher, krieg ich sowieso nicht mehr.

Aber ich will ja auch nicht alle, die immer sagen – das schaffst du nächstes Mal ganz sicher – die will ich ja nicht enttäuschen. In meinem Alter sollte man eigentlich keine Prüfungen mehr machen. Da sollte man alle Prüfungen schon hinter sich haben. Steuerprüfung, okay, aber sonst?

Können die Durchgefallenen mir mal sagen, ob diese Abgeklärtheit und vor allem diese extreme Bocklosigkeit normal ist? Und vor allem, ob die wieder weg geht? Ich kann doch nicht im Ernst wollen, dass ich mein Leben lang zwei Mal die Woche mit Dieter durch die langweiligen 30er Zone von Tempelhof schleiche. Das Leben muss doch noch mehr zu bieten haben.

Nächste rechts und dann wieder links

„Dieter, kannst du die Heizung runter drehen?“, frage ich. Meine erste Fahrstunde nach der nicht bestandenen Prüfung. Dieter hatte nach mir noch zwei andere Prüflinge. „Ja, die Steffi und die Lara, die haben es beide geschafft.“ „Na, die haben sich bestimmt gefreut.“, sage ich.
„Klar. Du hättest dich ja auch gefreut.“, sagt Dieter. Ja, ich hätte mich auch gefreut. Jetzt sitzen Dieter und ich wieder im Auto, als sei nichts gewesen. „Nächste dann links.“ Draußen scheint die Sonne und im Auto ist es heiß.
„Dieter, kannst du die Heizung ausstellen?“
„Hast du aufsteigende Hitze?“, fragt Dieter und lacht. „Kommst du in die Wechseljahre? Hahaha, du bist in den Wechseljahren.“ Da bin ich nicht nur durch die Prüfung gefallen, nein, hier komme ich jetzt wohl auch noch ganz plötzlich in die Wechseljahre. Dabei hat Dieter einfach nur die Heizung zu doll aufgedreht. „Nein! ich bin nicht in den Wechseljahren. Du hast einfach ein Durchblutungsproblem, wenn du immer noch kalte Hände hast. Kommt wahrscheinlich vom Rauchen.“ kontere ich. „Apropos Rauchen“, sagt Dieter „Ich werde mir mal eine genehmigen.“

Wir fahren die Prüfungsstrecke noch einmal ab. Nützt mir jetzt auch nichts mehr. Ich fahre diesen Kackweg seit Freitag dauernd in meinem Kopf und da mache ich auch alles richtig. Genau wie jetzt. „So, und hier hättest du einfach nur blinken und gucken müssen.“ Schrecklich. Alles ist wieder da. Autobahn im dritten Gang, Fahrspurwechsel ohne blinken, nur die Autobahnmeisterei fehlt.

„Guck, da sind schon wieder Blumen auf der Mittelinsel.“, sagt Dieter. „Heute ist ja kalendarischer Frühlingsanfang.“
„Der war gestern.“, sage ich. „Ach ja, stimmt. Aber von Frühling merke ich noch nichts.“
„Wieso, da sind doch überall Krokusse auf dem Boden und auch schon ein paar Knospen an den Bäumen.“
„Nee, ich sehr noch nichts vom Frühling.“

„Und die Liebe? Was macht die Liebe?“, frage ich.
„Die nervt.“, sagt Dieter.
„Warum das denn?“
„Die hat mir gestern drei SMS geschickt und abends angerufen. Und ihr ginge es so schlecht. Sie hätte Dünnpfiff und ob ich denn ihre SMS nicht gelesen hätte. Und ich so, nee, hab ich nicht. Dabei hatte ich die gelesen.“
„Na, bei Whatsapp wäre das nicht gegangen. Da sieht man, wenn der andere das gelesen hat.“
Dieter lacht: „Ja, sie jammert auch rum; warum hast du denn kein WhatsApp? Ich sag, wozu brauch ich WhatsApp? Brauch ich nicht.“
„Na, da kannst du dich jedenfalls nicht damit rausreden, dass du ihre Nachrichten nicht gelesen hast. Das wird da nämlich angezeigt.“
Dieter schüttelt den Kopf: „Nee, die Dame nervt. Die quatscht Romane ohne Sinn und Zweck. Nichts von wegen: fasse dich kurz, oder so. Sie erzählt mir da genauestens über ihren Durchfall. Das interessiert mich gar nicht. Fehlte nur noch, dass sie die Konsistenz beschreibt. Ob der dünnflüssig oder…“
„Ja, ja, schon gut Dieter. Ist sie wenigstens lustig?“
„Nee.“

Wir fahren durch Tempelhof und dann wieder auf die Autobahn Richtung Hamburg. „Nun gib mal Stoff! Los, gib Gummi.“ Ich versuche Stoff und Gummi zu geben, aber irgendwie erscheint mir heute Tempo achtzig schneller, als sonst. Vielleicht ist das mit dem Autofahren einfach nichts für mich. Wenn ich daran denke, dass ich in zwei Wochen schon wieder Prüfung habe – mir tut das Knie weh und so richtig Spaß macht es mir heute auch nicht. vielleicht ist das normal, wenn man durch die Prüfung geflogen ist. Die Steffi hat bestimmt abends schön gefeiert und ist dann das ganze Wochenende durch Berlin gedüst, während ich immer wieder das gleiche erzählen musste. „… mit Pauken und Trompeten… nein, der Prüfer war sehr nett… ja, ich muss mir das mit dem Spurwechsel nochmal angucken… ja, nächste Mal schaffe ich es.“ Was ist denn, wenn ich es nächstes Mal nicht schaffe? Wann kommt dieser Idiotentest? Und was ist das überhaupt? Vielleicht bin ich dazu verdammt den Rest meines Lebens neben Dieter durch Tempelhof zu fahren. Zweimal die Woche, bis an mein Lebensende. „Nächste rechts und dann an der Ampel links.“

The Prüfung!

„Nächste dann links.“, sagt der Prüfer. Ein dicker gemütlicher Kerl. Ich fahre links, dann rechts, mache alles was er sagt. Dieter summt neben mir leise. Läuft! Auf die Autobahn zu fahren war gar kein Problem. Wieder runter auch nicht. Jetzt sind wir auf dem Rückweg. Geparkt habe ich noch nicht. Aber das machen wir dann wohl auf dem TÜV-Gelände. Da ist es schon. Ach wie schön, die wehenden Fahnen. Und gleich ist es fertig. Ich bin gefahren wie ein junger Gott. Kurzer Blick zu Dieter. Er strahlt auch.

„Jetzt rechts.“, sagt der Prüfer. „Dann gleich wieder rechts.“ Jetzt kommt wahrscheinlich noch das Quereinparken. Türgriff zwischen die Autos, Rückwärtsgang, dann eindrehen und langsam rein. Langsam, langsam, gegenlenken, Räder gerade, Gang raus, Handbremse ziehen, Motor aus.
„Ich gucke nach hinten.“
Der Prüfer lächelt. „Frau Freitag, ich darf Ihnen zur bestandenen Prüfung gratulieren.“

Bestanden, Bestanden, bestanden! Ich schüttele dem Prüfer strahlend die Hand. Dieter gratuliert mir auch. Ab da ist alles wie ein Rausch. Ich bekomme einen Zettel, der Prüfer bleibt, wir fahren zurück. Radio läuft, Dieter raucht und ich bin glücklich. Von der Fahrschule laufe ich nach Hause. Yeahhh, bestanden! Dann bin ich zu Hause. Ich sitze auf der Couch. Warum habe ich noch niemanden angerufen und mich feiern lassen? Komisch.

Brrrrrr. Der Wecker. Wo bin ich? Scheiße, das war nur ein Traum. Oh nein, ich hab die Prüfung noch gar nicht gehabt. Es ist erst sechs und die ganze Sache liegt noch vor mir. Ich stehe auf. Mein Knie tut weh. Mist. Das Brems- und Gasgebeknie schmerzt. Hoffentlich beeinflusst das später nicht meine Fahrfähigkeiten. Ich frühstücke, rauche und gucke das Morgenmagazin. Die haben es gut. Wahrscheinlich haben die alle schon ihren Führerschein. Die Moderatoren und die Frau von den Nachrichten und der vom Wetter bestimmt auch. Nur ich nicht. Geduscht habe ich auch schon, die unbequeme gegen die bequeme Hose getauscht und es ist immer noch nicht Zeit loszugehen. Ich rauche noch eine. Ich muss schon wieder aufs Klo. Ich war doch gerade. Oh Mann, ist das krass. So eine Prüfung zu haben. Meine armen Schüler. Die haben das ja dauernd. Erst immerzu Klassenarbeiten und dann MSA-Prüfungen und später Abi. Ob die auch immer so aufgeregt sind?

Ich geh los. Auf dem Weg zur Fahrschule kann ich auch niemanden anrufen, um mich beruhigen zu lassen, weil es noch viel zu früh ist. Ich bin auch viel zu früh. Vor der Fahrschule gucke ich mir die Rechtsabbieger an. Okay, jetzt schalten sie runter, gucken, fahren. Dann kommt Dieter. Er gibt mir die Hand. Ich bin aufgeregt und Dieter fragt immer wieder: „Warum biste denn so aufgeregt, Mensch Mädel, entspann dich!“

Wir gehen zum Auto und fahren los. Die gewohnte Strecke nach Tempelhof. Quereinparken, dreißiger Zone, Gefahrbremsung, dann zum TÜV. Beide nochmal aufs Klo und eine rauchen. Drei Männer stehen neben mir am Aschenbecher. „Auch Prüfung?“, frage ich. „Nee, nee, nur Probefahren.“ Wir reden ein bisschen über das Wetter und den Verkehr und sie wünschen mir viel Glück.

Dann kommt der Prüfer. Er sieht nett aus, setzt sich hinten rein und fragt nach meinem Personalausweis. „Oh, der liegt hinten. Neben mir hält ein Fahrschulauto. Die haben auch einen Prüfer hinten drin. Und die Prüfung ist offensichtlich vorbei. Ich hole meinen Perso aus dem Kofferraum und gebe ihn dem Prüfer. Der fragt mich nach den Leuchten und wo man die Heckscheiben Heizung anmacht. Ich weiss alles und wir fahren los. „Rechts, dann links.“ Ich schleiche mich vom TÜV-Gelände in den Verkehr. „Dann geradeaus.“ Aber geradeaus stehen zwei riesige LKWs und rangieren sich einen ab. Ich muss sowieso an der Ampel halten. Diese LKWs verwirren mich total. Eigentlich hätte ich mich rechts einordnen müssen. Hab ich aber nicht. „Dann nach links!“

Ich biege links ab und fahre ein Stück geradeaus. „Dann vorne links auf die Autobahn Richtung Steglitz.“ Und ich denke: Wassss? Autobahn Richtung Steglitz? Was soll das denn jetzt? Hier waren wir noch nie. Ich werde etwas unsicher. Wo ist hier die Straße, die auf die Autobahn führt? Und fängt die Autobahn hier gleich an? Ich biege ab und bin plötzlich auf einer dreispurigen Straße. Aber das ist doch nicht die Autobahn, oder? Ich schalte in den dritten Gang und fahre 50. Mehr geht sowieso nicht, weil es zu voll ist. Dann werde ich doch noch auf die richtige Autobahn geleitet. Aber was ist das? Wo sind die anderen Autos? Ich bin ganz alleine. Und wo fahre ich überhaupt hin. Nach einer Weile denke ich: Scheiße, ich fahre hier mit 80 im dritten Gang. Besonders umweltschonend ist das nicht, deshalb schalte ich schnell in den fünften. „Die nächste wieder runter“ sagt der Prüfer. Aber runter ist in diesem Fall rauf. Noch immer ist nirgends ein anderes Auto zu sehen. Was ist hier los? Ist die Autobahn vielleicht gesperrt? Ist was Schlimmes passiert und alle sind tot? Ich blinke rechts, um von der Autobahn zu kommen. Aber auf meinem Fahrstreifen – der rechte ist ja immer meiner – steht so ein Megaauto von der Autobahnmeisterei und zwei Leute werkeln an dem Auto rum. Also kann ich ja nicht rechts fahren. Ich ordne mich links ein und versuche die Fahrbahn hochzufahren. Oben ist eine Ampel. Wie mache ich denn das jetzt? Hochfahren, da muss ich doch Gas geben. Runterfahren, das kann ich, rollen lassen, dann Kupplung treten, dann anhalten. Aber hoch? Und dann stehe ich an der Ampel und der Prüfer sagt: „Jetzt nach links!“ Ich stehe ja auch schon links und vor mir ist alles frei. Immer noch kein anderes Fahrzeug außer mir unterwegs. Ist das jetzt „The walking Dead“ und von links kommt gleich eine Horde Zombies angehumpelt? Als die Ampel grün wird fahre ich los. Mist, ich bin ja links, ich muss doch immer rechts fahren, also rüber. Geht doch.

Ich will gerade weiterfahren da sagt Dieter: „Fahren wir zurück, oder?“ Oh neeeeeiiiin! Ging wohl doch nicht, was ich da eben gemacht habe. Ich fahre die Straße runter und der Prüfer sagt: Halten Sie mal hinter dem roten Wagen. Ich halte. Das war’s dann wohl. Einparken will er wohl nicht mehr sehen.

„Wissen Sie, was Sie falsch gemacht haben?“, fragt er.
„Äh, ich war in der falschen Spur, oder?“

„Sie haben schon gleich am Anfang einen Spurwechsel ohne zu gucken gemacht. Das hätte ich Ihnen noch durchgehen lassen. Aber jetzt haben Sie drei Spurwechsel gemacht, ohne zu gucken und ohne zu blinken. Oben an der Ampel hatten sie auch zu spät gemerkt, dass sie noch nach rechts blinken. Sie wollten ja nach links.“ Und dann redet er weiter und ich höre gar nicht mehr was er sagt. Durchgefallen. Mist. Dieter ist bestimmt total enttäuscht von mir. Er kann jetzt nicht mal sagen, dass ich nicht gemacht habe, was er gesagt hat, ich habe da eben so einen megamäßigen Unsinn abgeliefert, damit hätte niemand gerechnet und warum? Nur weil ich so verwirrt war, dass wir nicht mehr in Tempelhof sind. Wahrscheinlich bin ich einfach nicht gemacht fürs Autofahren. Vielleicht war das der Weckruf. Dieter und ich wechseln die Plätze, ich sitze stumm neben ihm und starre vor mich hin. Durchgefallen. Mist.

Beim TÜV verabschiedet sich der Prüfer und Dieter fährt mich nach Hause. Ich rauche.
„Wat heißt, du warst verwirrt, weil du das nicht kanntest? Wenn du den Führerschein hast, musst du durch ganz Berlin fahren können.“, sagt Dieter. Aber er sagt auch: „Mach dir nichts draus. Ist doch nicht so schlimm. Ist doch besser als ein Puckel.“ Ich frage „was?“
„Na ein Puckel auf dem Rücken, den sieht man. Dass du durchgefallen bist sieht man nicht.“Puckel? Ach er meint einen Buckel. Ja, eigentlich hat er recht. Lieber durchfallen, als einen Buckel. Wenigstens bin ich nicht wegen so einer Lappalie durchgefallen, sondern mit Pauken und Trompeten.

Generalprobe

Au Backe, morgen ist die Prüfung. Ich mach mir in die Hose.
Dieter ist die Ruhe selbst. Ich fange immer wieder an, von meiner Angst zu sprechen, aber er geht da gar nicht drauf ein. Dieter hat morgen noch eine andere Prüfung am Nachmittag. „Die Steffi, au Mann und die ist so aufgeregt.“
„Noch aufgeregter als ich?“, frage ich und er guckt mich nur an. Wahrscheinlich merkt er gar nicht, dass ich Angst habe. Am Liebsten würde ich sagen: Dieter, ich falle ja dann morgen nicht nur durch, ich hab hier tausend Leser, denen ich dann meine Schmach mitteilen muss. Durchfallen ist ja das eine, aber öffentlich durchfallen? Na ja, öffentlich… wird ja jetzt nicht live im Fernsehen übertragen. Zum Glück. Das wäre doch mal ein Format. So eine Fahrschule-Führerschein-mach-Reality-Show. Ich würde mir das ansehen und wahrscheinlich würde ich mich immer voll freuen, wenn einer durchfällt.

Jetzt mal ganz ehrlich, ich falle morgen garantiert durch. Gestern nach der Fahrstunde meinte Dieter noch: „Na, wenn das heute die Prüfung gewesen wäre, dann wärst du durchgekommen.“ Und heute fahre ich so eine derartige Grütze zusammen. Alles was ich schon konnte habe ich wieder vergessen, ich schalte dauernd falsch, ich fahre über ein Stoppschild, gucke nicht bei rechts vor links, ich weiss auch nicht, was heute mit mir los war. Plötzlich denke ich: „Wie ging das alles noch mal? Hilfe, ich bin noch nicht so weit! Ich will noch mehr Stunden. Ich brauche noch mehr Fahrlehrer!“ Heute hatte ich auch plötzlich Angst auf der Straße. Was mach ich eigentlich hier? Wieso sitze ich denn in einem Auto? Warum bleibe ich nicht bei der Monatskarte und fahre U-Bahn? Da kann man wenigstens während der Fahrt lesen.

„Bieg mal links ab.“, sagt Dieter.
Ich fahre auf die Ampel zu und im Augenwinkel sehe ich, dass sie gelb wird und kriege plötzlich voll den Schock und bremse. „Was machst du denn?“
„Ich weiss auch nicht. Ich dachte…“
„Du sollst nicht denken. Seit wann bleiben wir bei einer gelb werdenden Ampel einfach stehen? War doch alles frei, hättest du fahren können.“ Dieter schüttelt den Kopf – ich denke – na super, das kann ja morgen was werden!

Bestimmt wird der Prüfer sauer, dass ich so schlecht fahre und es wage mit so wenigen Fähigkeiten in die Prüfung zu gehen. Wahrscheinlich hält der gar nichts von so älteren Fahrschülern. Und vielleicht hält der gar nichts von Frauen im Auto, wenn sie nicht mit langen blonden Haaren auf dem Beifahrersitz sitzen.

„Lass dir bloss nicht einfallen irgendwas neu zu lernen.“, sagt Dieter streng.
„Hä? Was jetzt?“
„Du sollst morgen nur alles so machen, wie wir das bisher gemacht haben.“ Ich hatte gar nicht vor irgendwas neu zu lernen oder mir was neues auszudenken. Ich wollte mir ein paar Videos im Internet ansehen, aber das mache ich vielleicht lieber nicht. Ich soll abbiegen und schneide die Kurve. Dieter sagt: „Mensch Mädel, warum hast du nicht mit zwanzig den Führerschein gemacht?“ Und das frage ich mich auch. Auweiaaaaaa!

Kann er mal halten?

An der ersten roten Ampel frage ich: „Dieter, wie war dein Date?“
Dieter kichert ein bisschen. „Na ja, Date…“
„Na, was denn?“
„Na, war nett. Wir waren tanzen und ich habe jetzt einen Regenschirm.“
„Regenschirm?“
„Es hat doch abends wie bescheuert geregnet und da meinte die Kleene, hier, nimm meinen Schirm und ich wollte erst nicht, na ja, und meinte dann, den kriegste aber wieder.“
„Und?“
„Sie meinte dann, nee, den kannst du behalten. Na und jetzt habe ich halt einen Regenschirm. Von Esprit.“
Ich stelle mir Dieter vor, mit einem blauen Schirm mit weißen Punkten und einem rosa Rand.

„Okay, du hast einen Schirm. Aber wie war nun dein Date?“
Dieter lässt sich alles aus der Nase ziehen.
„War nett. Aber wir waren ja auch nicht alleine. Die Trude war noch da und die Gitti auch und Mich und Horst. Also ich kenn da ja in dem Laden viele. Noch von ganz früher. Aber war nett gewesen. Die nächste links.
Ich gucke, blinke, fahre.
„Aber die große Liebe ist es nicht, oder was?“
„Was heißt große Liebe? Sie ist ’ne Nette. Aber ich glaube sie ist auch ziemlich vereinnahmend.“

Oh, das klingt nicht gut. Dieter ist bestimmt so einer, der sich in seinem Singleleben gut eingerichtet hat. So mit seinen drei Kartoffeln und dem Gulasch. Ich kann ihn mir genau vorstellen in seiner kleinen Einzimmer Bude „Ich brauch doch nicht viel. Also mir reicht dit.“ Und dann eine Frau…

„Wir haben uns dann aber Montag nochmal getroffen.“
Oha! Gleich noch ein Date.
„Ich hatte sie angerufen und wir haben uns zum Mittagessen bei Wertheim getroffen. Ich war dann noch eine rauchen und sie meinte, dann treffen wir uns in der Damenabteilung.“
„Hehe, shoppen beim zweiten Date.“
„Na, ich dachte nur – die Handtasche halte ich aber nicht.“
„Wieso Handtasche?“
„Frauen probieren doch immer was an und dann musst du die Handtasche halten und dann verschwinden sie in der Umkleide und du stehst da wie ein Depp mit einer Damenhandtasche. Nee, nee, ohne mich. Nächste Möglichkeiten nach rechts.“
Ich sehe es direkt vor mir, wie Dieter da mit so einem kleinem Handtäschchen steht.
„Und dann meinte sie wirklich – halt doch mal meine Tasche. Und da habe ich gesagt, das kannste vergessen. Ich halte keine Handtasche.“
„Echt? Das hast du ihr gesagt? Voll gemein.“
„Wieso? Ich mache sowas grundsätzlich nicht.“
Ich denke an meinen Freund und wie oft der schon mit meiner Tasche irgendwo rumstand und auf mich gewartet hat. Okay, meine Taschen sind auch keine Handtaschen. Meine Taschen hat alle Frau Dienstag genäht und die sind eher cool. Frau Dienstags Taschen kann man auch als Mann tragen. Ich hatte noch nie eine richtige Damenhandtasche. Ich sehe damit auch aus wie eine Transe.
„Aber Dieter, sie war bestimmt traurig. Und wenn du da stehst mit einer Handtasche – das macht dich doch noch cooler, weil jeder sieht, dass du eine Frau dabei hast. Ich würde sagen, das macht dich noch männlicher.“
Dieter sieht das anders. Er hat seine Prinzipien. Nicht Loben, keine Handtaschen halten und sogar niemanden von seinem Essen probieren lassen. Das Handtaschenhaltethema wurde abends wohl nochmal in seinem Freundeskreis ausführlich diskutiert, denn er erzählt mir auch, was Horst und Mich dazu gesagt haben. Schade, dass Dieter so verbohrt ist. Ich glaube er hat es sich mit der Dame bereits verscherzt.

„Du sollst nicht so gemein sein zu der Frau. So wird das doch nichts. Wie alt ist sie denn?“
„So alt wie ich, also vom Alter her passt das.“ Ich denke noch, schön, dass Dieter auf gleichaltrige Frauen steht und will ihn gerade dafür loben, da sagt er: „Jüngere Frauen hatte ich auch schon. Meine letzte, die war zwanzig Jahre jünger als ich.“
„Oh, nee!“
Dieter lacht: „Frei nach dem Glühbirnenbuch der Liebe. Lieber eine strahlende 20er als eine matte 40er.“ Lachen, husten, röcheln, Fenster auf, rauchen. „Mensch Mädel, hier ist 50. Nicht schneller fahren.“
Ich denke über Dieter und die Frauen nach.

„Wir treffen uns morgen nochmal.“, sagt Dieter.
Ich freue mich. „Super. Und dann sei mal ein bisschen nett. Jetzt kommt doch der Frühling.“
„Was hat der denn damit zu tun?“
„Na, verliebt sein im Frühling wäre doch schön.“ Und das wünsche ich Dieter wirklich von Herzen, dass er verliebt durch den Frühling geht. Man kann doch auch mal über seinen Schatten springen. Eine Handtasche halten… als wäre das nun so schlimm.
„Jetzt fahr mal rauf zum TÜV, wir werden noch mal Quereinparken.“, sagt Dieter und ich mache was er sagt.

Saturday night

Samstagvormittag. Die Sonne scheint. Dieter wartet.
„Bald ist die Prüfung. Au Backe.“, sage ich zur Begrüßung. „Ich habe neulich gelesen, dass dreißig Prozent durchfallen.“ Dieter lacht. „Na, die beiden Jungs haben letzte Woche die Prüfung bestanden. Dann fällst du durch.“ Oh nein! Er soll sowas nicht sagen. Wir gehen zum Auto. „Dieter, kennst du die Prüfer eigentlich alle?“
„Nee, nicht alle.“
„Sind die nett?“
„Nett, nett, was heißt schon nett?“ Dieter weigert sich, mir die Angst vor der Prüfung zu nehmen. Könnte er ruhig machen. Wir setzen uns ins Auto. Wie ein alter Hase stelle ich alles ein. Sitz, Spiegel, Licht.

„Ha, weisst du wer deine Toffifees gesessen hat?“, fragt er. Ach ja, die Toffees. „Murat?“
„Ja. der hat die gesehen und mit ins Büro genommen.“
„Hast du ihm nicht gesagt, dass das deine waren?“
„Doch. Aber dann hat er sie aufgemacht und zack, waren sie weg.“
„Na, du durftest die auch nicht essen, weil du mich gar nicht gelobt hast.“, sage ich.
„Wieso. Ich habe doch neulich gesagt, dass alles okay war.“ und dunkel erinnere ich mich, dass er sowas tatsächlich gesagt hat. „War doch okay.“ Besser wird es wohl nicht mehr. Neulich habe ich mir ein Video auf YouTube angeguckt, wo ein Fahrlehrer sich bei einer simulierten Prüfungsfahrt filmt. Also er hatte am Vortag mit einem Schüler eine Prüfung und fuhr nun mit einer Fahrschülerin die gleiche Strecken noch mal ab. Und da hat er die Frau immerzu gelobt. „jetzt in den ersten Gang schaten und wenn keiner kommt rum.“ Sie fährt rum. Er so: „Sehr schön. Genau so.“ Und das bei jedem bisschen. Immerzu: Lob, lob, lob sehr schön, super, ganz toll..“ Ich war richtig neidisch. Ich hab nur Dieter. „War doch okay.“ Als hätte ich das bezweifelt. Mittlerweile lobe ich mich immer selbst: „Sehr schön links abgebogen. Geil auf die Autobahn rauf. Innenspiegel, Außenspiegel, Schulterblick und rum, dann in den zweiten Gang. Jeppp. Genau so!“

Neulich sage ich ganz stolz zu Frau Dienstag: „Ich habe heute eine hervorragende Dreipunktwendung gemacht.“
Und sie so: „Dreipunktwendung, was ist denn das?“ Überhaupt fange ich langsam an daran zu zweifeln, ob Frau Dienstag wirklich am Straßenverkehr teilnehmen sollte. Sie hat so eine ganz eigene Interpretation der Straßenverkehrsordnung. „Hier regelt sich der Verkehr selber“ sagt sie, als wir durch die Bergmannstraße fahren. Ich denke: „Wieso das denn? Hier ist stinknormales rechts vor links.“ Sie fährt und von rechts kommt ein schwarzer Sportwagen aus der Seitenstraße. Frau Dienstag sagt: „Nee, nee, du wartest mal schön!“ und gibt Gas. der Fahrer flucht. Frau Dienstag: „Und jetzt meckert der auch noch rum!“ Ich sage: der hatte ja auch Vorfahrt.“ Sie: „Echt?“

Vorfahrt kann ich mittlerweile und Spiegelgucken auch. Dieter sagt: „Nächste rechts und dann gleich wieder links.“ das muss auch stressen, wenn man immer wieder das gleiche sagen muss. Bremsbereit, Fuß über die Bremse, jetzt hart das Lenkrad einschlagen usw. Aber ich habe bei meinem Job ja auch meine Mantren: „Taschen vom Tisch, Mütze ab, so Leute, hört mal kurz zu, nein jetzt nicht…“ Und wahrscheinlich hat jeder Job das. „Der Nächste bitte, mit Karte oder bar, und Action, Hände hoch oder möchten Sie noch Desert?“

Dieter sagt: „Jetzt links auf die Autobahn.“
Dann sagt er: „Ich hab ja heute Abend noch eine Verabredung.“
„Oh, ein Date. Mit wem?“
„Na ja, also ist ’ne Bekannte. Also wir kennen uns schon länger.“
„Und jetzt wollte sie ein Date?“
„Sie geht heute Abend in so ein Lokal und hat gefragt, ob ich auch komme.“
„Ach so. Du trifft sie also und da sind dann noch andere. Kommst du auch? Und du dann so: Mal sehen, weiß noch nicht.“ So habe ich das immer gemacht. Erstmal ganz neutral und eher uninteressiert tun. Vielleicht komme ich – weiss noch nicht, ich hab doch noch so viele andere Sachen, die ich machen könnte… und eigentlich denkt man: Na logo komme ich. 100 pro. zum Glück hat der mich endlich gefragt.

„Na, ich hab jetzt noch zwei Fahrstunden und dann werd ich nach Hause gehen und was essen, dann duschen und…“
„Ja, duschen – unbedingt. Duschen ist voll wichtig.“ Dieter lacht. Er freut sich voll auf seine Verabredung.
„Nächste Ausfahrt wieder runter.“, sagt er.
„Wird gemacht.“ sagte ich und wir düsen zur Fahrschule zurück.