Die Erika

“Kannst du das Fenster aufmachen?”, frage ich. Dieter raucht mittlerweile Kette, während er mich mit genervtem Ton durch Tempelhof manövriert.
“Fenster is doch auf.”
“Aber ein bisschen weiter, die Luft ist so schlecht und es ist so warm hier drin.”
Wir diskutieren hin und her und dann mache ich mein Fenster auf, aber dann zieht es ihm und irgendwann sage ich, dass es ja auch nicht normal sei, dass der Fahrlehrer während der Stunde raucht. Er wundert sich, weil ich ja auch rauchen würde. Ja, aber eben nicht während der Fahrstunde und das sei ja auch nochmal was anderes – draußen oder im Auto rauchen.

Heute versuche ich nur zu machen, was Dieter sagt. Wenn er nichts sagt – zum Beispiel wohin ich lenken soll beim Einparken, dann bleibe ich einfach stehen und warte. Nicht denken. Das hat er mir jetzt so oft gesagt, dass ich wirklich aufhöre zu denken und warte, bis ich seine Anweisungen höre. Ich antworte sogar einmal: “Mit yes, Sir.” Ich bin aber auch kurz davor einfach das Auto zu verlassen und zur U-Bahn zu gehen. Dieter neben mir – das ist absurdes Theater. Er ist so eine Karikatur eines Fahrlehrers. Eines Berliner Fahrlehrers. Berliner sind ja schon an sich wie Fahrlehrer. Ich bin ja selbst Berliner, weiss also wovon ich spreche. Und dann ist Dieter auch noch alt.

“Weisst du was ich gerne wüßte?”, fragt Dieter.
“Nee.”
“Ich wüßte gerne, was die Erika macht.”
Ja, das wüsste ich auch gerne. Das nervige an so Dieter-Typen ist, dass sie immer erwarten, dass man nachfragt. Ich glaube sie denken, dass ist dann gelungene Konversation. Sie fragen was und dann müsste man ja eigentlich antworten. Aber was antwortest du denn auf “Weisst du was ich gerne wüsste?”? Also musst du wieder nachfragen. “Was wüsstest du denn gerne?” Na ja, jedenfalls die Erika.
“Die hatte ich kurz nach meiner Scheidung kennen gelernt. Eine süße Maus war das. Aber die Kleene hat leider so geklammert.”
“Oh.”
“Tja, ja. Die Erika… dit wurde dann ooch nüscht mit uns beeden.”
“Bist du denn jetzt verheiratet, Dieter?”
“Nee.”
“Na, dann melde dich doch mal bei der Erika.” Ich erwarte ein: “Gute Idee, das werd ich mal machen.” Stattdessen: “Die hat wahrscheinlich vier Gören und so einen Arsch.” Die rechte Hand hat Dieter an der rechten Scheibe und die linke vor meinem Gesicht. Sooo dick ist Erikas Arsch wohl jetzt.
“Ist doch gut.”, sage ich. Außerdem könnte Dieter froh sein, wenn ihn Erika noch nehmen würde. So mit dem Raucherhusten, dem klapperndem Gebiss und dieser ewigen Sprücheklopferei. Aber was weiss ich denn schon. Ich soll ja nicht denken. ich soll ja nur machen, was Dieter sagt.

Ich denk Dieter

Dieter stresst. Das Wetter stresst auch. Es ist zwar voll warm aber depressiv grau draußen. Und man schwitzt sofort. Draußen und auch im Auto, weil Dieter immer die Heizung so aufdreht.
“Mensch Mädel, warum machst du nicht einfach, was ich dir sage?”, fragt Dieter, nachdem die Fahrstunde vorbei ist und wir in dem überhitzten Auto sitzen. Ich starre geradeaus. “Einfach nur machen, was ich sage.”
“Ja, ja, ich weiss. Nicht denken.” Du sollst nicht denken, sagt er immer. Was ist das für ein komischer Satz? Nicht denken… das kann ich gar nicht. Ich denke: Dieter, du rauchst zuviel. Dieter, rauch doch bitte nicht während der Fahrstunde. Dieter, sag doch nicht immer “Mensch Mädel”. Dieter, erzähl mir bitte nicht dauernd so einen Scheiß mit Küche und Multitasking und Frauen und Männern und Autofahren. Dieter, sag doch einfach, dass du denkst, dass Frauen es nicht drauf haben. Ach Dieter, denke ich, wenn du wüsstest…

“Ich sag doch ganz genau, was du machen sollst.” Irgendwie ist Dieter der Meinung, dass ich mit Absicht die Kupplung in den falschen Momenten trete. Ich bin mir gar keiner Schuld bewusst. Ich mache alles so wie immer. Nur heute ist das wohl falsch.
“Hast du denn den Eindruck, dass ich nicht mache, was du sagst?”, frage ich. Ruhig mal was fragen – kommt immer gut.
“Ja, den Eindruck habe ich.” Natürlich mache ich immer noch viele Fehler, auch wenn ich heute voll gut rückwärts eingeparkt habe, aber die mache ich doch nicht mit Absicht. Denkt Dieter, dass ich die Fehler mit Ansicht mache? Was hätte ich denn davon? Ich versuche die ganze Stunde nur das zu machen, was er mir sagt und er meckert die ganze Zeit rum. Es muss schwer sein, Fahrlehrer zu sein. Die, denen man das beibringen soll, die können ja nicht Autofahren.

Sorry Dieter, ich will dir das Leben nicht so schwer machen. Ich werde mir mehr Mühe geben. Versprochen. Vielleicht ist Dieter auch nur schlecht drauf. Dabei habe ich ihn sogar versucht mit einem Witz aufzuheitern.

“Weisst du was ich gestern gemacht habe?”, fragt er, als wir durch die Dreißigerzone schleichen.
“Nee?”
“Ich hab unter meinem Bett gesaugt und das Bett gewischt und das Spannbettlaken abgezogen und ein neues auf die Matratze gemacht…”
“War schon wieder ein Jahr rum, ja?”, frage ich, weil ich glaube, dass so was Dieters Humor ist. Mike hätte das Bettthema ganz anders aufgezogen.
“Was?”, fragt Dieter.
“War schon wieder ein Jahr rum, oder wie?”
“Nee, zwei.”
Oh Mann Dieter mein Witz war ja schon lahm aber deiner ist ja nun unterirdisch. Zwei Jahre das Spannbettlaken nicht wechseln ist ja nun nicht doppelt so komisch wie ein Jahr. Ein Jahr ist doch schon eklig. Oder wechselst du das wirklich nur einmal im…
Und überhaupt – ist das beziehen des eigenen Bettes eine Wochenendebeschäftigung, die so toll ist, dass man die weitererzählt? Na, wenn man das selten macht, dann ja. Und Dieter, weisst du, was ich gestern gemacht habe? Ich hab mir die Zähne geputzt. 2016 ist ja wieder ein Schaltjahr.


Ich bin dann wohl Hans

Ein Brief. Ein offizieller Brief mit einem Adressenfester. Finanzamt? Nee, die haben doch immer so Umweltschutzbriefumschläge. Was steht denn da oben, über meiner Adresse in einer 4er Schrift?
Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten. Hähhh? Was ist das denn? Was habe ich falsch gemacht? Welche Ordnungswidrigkeit habe ich denn begangen. Ich zeige dem Freund den Brief. Er hat gar kein Mitleid, sondern verarscht mich nur: “Oh, hat der perfekte Bürger was falsch gemacht? Auwei auweia, kommt die Polizei gleich?” Der Doofe.
Ich öffne den Brief. Und es ist die Zulassung zur Prüfung zur Ersterteilung der Fahrerlaubnis der Klasse B.
Au Backe, jetzt schon. Ich könnte jetzt morgen die theoretische Prüfung machen. Und dann auch bald die praktische. Ich hatte mit dem Brief so Anfang Februar gerechnet. Jetzt ist mir das noch alles viel zu früh. Ich übe zwar immer ein bisschen mit meiner Führerschein-App. Aber ich hatte noch nie null Fehler und das mit der Brems- und Anhaltewegberechnung, das schiebe ich nun schon Wochen vor mir her. “Das gucke ich mir dann noch mal genauer an.”

Ich gehe zur Fahrschule. Dieter steht schon im Schnee und raucht. “Rate mal, was ich heute bekommen habe!”, sage ich.
“Deinen Zulassungsbrief für die Prüfungen.”
Ich nicke. “Ich weiss aber gar nicht, ob ich schon genug kann.”
“Weisst du was mein Grundschullehrer immer gesagt hat?”
“Nee.”
“Der hat immer gesagt: Was Hänschen nicht lernt lernt Hans nimmer mehr.”
Dann bin ich wohl Hans. Aber was will Dieter mir damit sagen?
“Häh? Was meinst du denn damit? Meinst du ich kann das nicht mehr lernen, oder wie?”
Dieter legt mir großväterlich den Arm um die Schulter: “Mädel. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass man in deinem Alter…”
“Jetzt komm mir nicht schon wieder damit. Das habe ich zur Genüge in der alten Fahrschule gehört. Ich weiss, ich weiss. Ich bin alt und kann nichts mehr dazu lernen. Was heißt dass denn jetzt? Dass ich die theoretische Prüfung nicht machen kann, oder was?” Langsam nervt mich diese komische Einstellung wirklich.
“Und Dieter, hast du mir nicht neulich erzählt, dass die beiden Jungs die bei dir Fahrstunden nehmen, mit über 25 Fehlerpunkten durch die Theorie geflogen sind? Und das waren ja wohl Hänschens.”
“Die waren faul.”
“Ach, aber die waren doch so toll jung. Ist ja komisch, dass das nicht immer hinhaut, dass die Jugend alles so toll und schnell lernt.”

Später im Auto geht es dann weiter.
Wir sprechen über die Prüfungen. Es stellt sich raus, dass auch junge Leute durchfallen können. Und dann sagt Dieter: Intelligenz hat nichts mit Autofahren zu tun.” Ich denke: Häh?
“Du meinst Autofahren hat nichts mit Intelligenz zu tun:”
“Nee, nee, Intelligenz hat nichts mit Autofahren zu tun. Es gibt Airbuspiloten, die sehr sehr schlechte Autofahrer sind.”
Jetzt kann ich gar nicht mehr folgen. Es gibt bestimmt auch sehr intelligente Leute, die nicht Airbusse fliegen. Vielleicht nicht mal Auto fahren und ist jetzt der Airbuspilot der Inbegriff von Intelligenz? Und gibt es da erwiesene wissenschaftliche Untersuchungen?”
Ich rolle an die Ampel. Wie sagt Dieter immer: “Erst halten, dann schalten.” Und: “Mensch Mädel, du sollst nicht denken. Du sollst einfach machen was Dieter dir sagt.” Na gut.

Was arbeitest du eigentlich?

“ERST FAHREN, DANN LENKEN!!! Mensch Mädel, warum machst du denn nicht, was ich sage?” Irgendwie klappt das heute mit dem Einparken nicht so gut und Dieter zetert und zetert. “Mach das doch einfach so, wie Dieter dir das sagt!” Ich nehme einen neuen Anlauf. Wieder alles falsch. “Mensch Mädel, warum fährst du nicht langsam, wenn ich sage langsam?”
“Vielleicht, weil du mich mehr anmeckern musst.”, sage ich.
“Ich meckere doch gar nicht. Ich sage dir nur, was du machen sollst.”
“Aber wahrscheinlich musst du mir das einfach noch aggressiver sagen.” Ha, paradoxe Intervention. Dieter wird ein bisschen ruhiger. Ich fahre aus der Parklücke raus.
“Ich bin doch nicht aggressiv. Ich bin die Ruhe selbst.” Ich muss lachen. “Was? Du? Die Ruhe selbst? Du bist doch total aggressiv und ich lass mich nicht gerne anmeckern.” Und wenn ich eins bei diesen ganzen Fahrstunden gelernt habe, dann ist dass, wie wichtig mir Lob für jeden kleinen Scheiß ist und wie krass sich das anfühlt, wenn man angemeckert wird. Eine wichtige Erkenntnis für eine Lehrerin, die sich nun schon seit 15 Jahren durch irgendwelche Lerngruppen meckert.
“Du bist wahrscheinlich zu ungeduldig. Ihr jungen Leute seit heute alle so ungeduldig.”, sagt Dieter, jetzt in einem sehr viel netterem Tonfall. Schön, dass ich für ihn Teil von junge Leute bin. Das war ich ja bei Harald nie. Aber im Vergleich zu Dieter bin ich ja auch ein Spring Chicken.
“Ihr seid alle sooo ungeduldig. Das hängt meistens mit eurem Beruf zusammen. Was machst du denn?”, fragt er.
Oh Gott. Beruf. Was sage ich denn jetzt. Lehrerin auf keinen Fall. Soll ich es jetzt mal mit dem Rodeoreiten probieren? Ich könnte ihm was von saisonbedingter Pause erzählen. Aber wenn er dann nachfragt? Am Ende kennt er sich noch mit Rodeos aus. “Nun sagt doch mal, was du arbeitest.”
Ich schüttel den Kopf und mache eine wegwerfende Handbewegung. Die sowas wie: Ach frag nicht weiter nach, das willst du gar nicht wissen, ausdrücken soll. Auf der Bank habe ich mal den Bankpeoples die mir irgendwelchen kurz- mittel und langfristigen Anlageschmonz verkaufen wollten auf die frage, womit ich mein Geld verdiene gesagt: Prostitution. Das war der Brüllet. Aber wenn ich das jetzt sage, dann fragt Dieter garantiert nach und die Chancen sind groß, dass er sich da besser auskennt als ich.

Dieter lässt nicht locker: “Wie, also machst du gar nichts? Dann bist du Hausfrau.” Wir stehen an der Ampel und warten auf grün. Ich gucke zu Dieter und sage: “Hausfrau? Nicht mal dis!” Anlügen will ich ihn ja auch nicht und wenn man so dermaßen gar nichts im Haushalt tut wie ich, dann kann man sich nun wirklich nicht Hausfrau nennen. Außerdem wohne ich in einer Wohnung. Soll ich einfach sagen, dass ich im Lotto gewonnen habe und jetzt nie mehr arbeiten muss? Nee, lieber nicht, dann brummt der mir doch bestimmt endlos viele Fahrstunden auf.

Ich Wechsel einfach das Thema: “Sag mal Dieter, bei der Prüfung, muss man da auch wenden können?” Und schon ist es egal, was ich arbeite und ich erhalte einen schönen Mensch-Mädel-Vortrag über was alles in der Prüfung drankommt. Ich konzentriere mich auf die Straße und lasse Dieter neben mir reden. Ist wie Radio. Läuft einfach so und man muss sich das auch nicht die ganze Zeit anhören.

Als wir uns verabschieden erzählt mir Dieter von seinen Nachmittagsplänen. “Jetzt habe ich noch eine Fahrstunde und dann muss ich nach Hause. Die Putzfrau kommt.” Er macht eine kurze Pause. “Ich leiste mir jetzt eine Putzfrau.” Ich gucke ihm direkt in die Augen und sage: “Na hoffentlich ist die auch angemeldet!” Dieter schluckt. Ha, jetzt hab ich es! Wenn er nochmal fragt, dann sage ich, ich bin beim Finanzamt!

Mike wird gedisst

“Mensch Mädel, warum fährst du denn im zweiten Gang an?”, fragt Dieter und ich antworte mal gar nicht. Warum wohl, Dieter? Wahrscheinlich, weil ich vergessen habe nach dem Halten in den ersten Gang zu schalten. Die Welt dreht sich trotzdem weiter.

“Was ist jetzt eigentlich mit Mike?”, frage ich.
Dieter atmet schwer aus und dann seufzend ein. Ein guter Fahrlehrer würde mir jetzt nichts sagen und an der Sache mit der Krankschreibung festhalten. Er darf mir nicht sagen, was mit Mike wirklich los ist. Er darf mir auch nicht sagen, was Mike hat, falls er wirklich krank ist.

“Der ist weg.”, sagt Dieter. Weg. Was soll das denn heißen? Die Erde hat sich aufgetan und ihn verschluckt? Er hat seine Sachen gepackt und ist über die Türkei nach Syrien abgehauen. Er ist durchgebrannt mit der Steffi und sie stehen jetzt, in diesem Moment in Las Vegas vor einem falschen Elvis und geben sich das Ja-Wort.

“Der hat einfach gekündigt.” Ach, der war also gar nicht krank…
“Erst schrieb er, dass er krank ist und dann kam eine SMS, dass er aufhört.” Dieter schüttelt den Kopf. Das mit der SMS, das missbilligt er bestimmt.

“Mit SMS, tzzzz. Aber wir waren sowieso nicht so zufrieden mit ihm.” Ach, nicht zufrieden mit Mike… Interessant. Und eigentlich dürfte Dieter jetzt gar nicht weiterreden. Das macht man doch nicht! Das DARF er nicht!

“… wir haben ja jetzt seine Fahrschüler. Also die haben wir aufgeteilt. Der Chef hat die eine Hälfte und ich habe die anderen.” Ah, bin ich also ein Teil von den Anderen. “Und wir sehen ja jetzt, dass er denen fast nichts beigebracht hat.” Au Backe, jetzt geht es aber ans Eingemachte. “Der ist einfach nur spazieren gefahren. Das ist der. Spazierengefahren.” Soso. Spazierenfahren heißt wohl so in Fahrschullehrerkreisen, dass man den Fahrschülern nicht genug beibringt. “Die eine, die Steffi, die meinte er ist gleich in der zweiten Stunde mit ihr auf die Autobahn gefahren.” Dieter schüttelt wieder den Kopf. Wahrscheinlich ist das unter Fahrlehrern verpönt oder verboten oder schlecht, wie Frontalunterricht und Lehrerecho. Jedenfalls macht man das wohl nicht. Mit mir war Mike ja auch gleich auf der Autobahn.

“Nee, nee, zweite Stunde und gleich Autobahn. Da ist er dann gefahren.” Das scheint auch so ein Fahrlehrerspruch zu sein: “Er ist gefahren.” So vom Beifahrersitz aus. Oder telepathisch oder durch bloße Willenskraft. Ich sag mal lieber nicht, dass ich mit Mike auch auf der Autobahn war. Ich fand das eigentlich ganz gut, auch wenn ich anscheinend nicht selbst gefahren bin – aber wenigstens hatte ich dann später nicht so einen Schiss vor der Autobahn. Jetzt bin ich ganz gechillt, wenn Dieter sagt, rechts einordnen und dann ruff uff die Autobahn.

Ich bin irgendwie verwirrt. Im Gegensatz zu Harald fand ich Mike doch gut. Und war er jetzt gar nicht gut? Mike hatte doch gesagt, dass bei ihm noch nie ein Fahrschüler durchgefallen ist. Das heißt doch eigentlich, dass er ein guter Fahrlehrer sein muss.

“Sind denn bei Mike viele durchgefallen?”, frage ich Dieter und es soll ganz beiläufig klingen. So wie eine kleine Frage, die mir gerade eingefallen ist und nicht wie die Frage, die ich Dieter schon stellen möchte, seit ich die Seitenspiegel ausgeklappt habe.

“Durchgefallen? Der hat doch fast keine Prüfungen gehabt.” Ach so. Verstehe. Vielleicht hatte er drei Prüfungen und die haben es geschafft und dann sind seine drei Peoples eben auch alle. Und ich erzähle dem Dieter mal lieber nicht, dass ich mit Mike auch mal ins tiefste Britz gefahren bin, damit er irgendeiner Karina eine DVD in den Briefkasten schmeißen kann.

Aber es gibt noch schlimmere Fahrlehrer als Mike. Meine Schwester sagt auf die Frage: “Wann muss man die Warnblinkanlage anschalten?”
“Stau, Panne, Unfall, beim Abschleppen und beim zurückgeben der Teresa Orlowski Videos, wenn man vor der Videothek in der zweiten Reihe steht.”



Dieter

Mike ist weg!
Ich komme in die Fahrschule. Da steht Dieter hinterm Tresen. Dieter kenne ich schon aus einer Theoriestunde, die ich hier gemacht habe. Als ich damals zur Theorie kam, saß Dieter auf einer Bank vor der Fahrschule und rauchte. Ich sagte ihm, dass ich die Fahrschule gewechselt hätte und mir noch zwei Theoriestunden fehlten. Dieter dachte, ich hätte noch keinen Fahrlehrer und ging mit mir rein, nahm ein großes Heft und fragte, wann ich denn Zeit hätte. Ich war aber schon bei Mike und heilfroh, nicht bei Dieter gelandet zu sein. Dieter hat einen ganz üblen Raucherhusten mit dem immer sein Lachen aufhört. Also erst lacht er und dann geht das Lachen in so ein röchelndes Husten über. Außerdem klappert sein Gebiß und man kann ihn nur schwer verstehen. Und er macht immer so Sprüche: “Naja, und wenn einer hupt, dann sage ich: Hast du noch was anderes, als eine Hupe zu Weihnachten bekommen?”

“Hallo.”
“Hallo, du bist Frau Freitag.”, sagt Dieter und ich nicke.
“Wo ist Mike?”
“Mike kommt nicht mehr.”, sagt Dieter.
Ich: “Wie? Also ist er krank.”
“Ja.”
“Und wann kommt er wieder?”
“Gar nicht.”, sagt Dieter.
“Wie gar nicht?”
“Also ich übernehme jetzt seine Fahrstunden. Ich heiße Dieter. Wir haben uns auch schon mal gesehen.”
“Ja, bei der Theorie.”, sage ich und bin verwirrt. Mike ist krank. Okay, das kann ja mal passieren. Aber warum kommt er dann nie mehr wieder? Ist er tot? Haben sie ihn rausgeschmissen? Arbeitet er woanders?

Auf dem Weg zum Auto, frage ich Dieter nach Mike. Aber er sagt nichts. Er sagt nur, dass er krank ist und nicht mehr kommt und sie würden sich schon nach einem neuen Fahrlehrer umsehen. Das sei gar nicht so einfach.

Beim Auto angekommen gehe ich an den Kofferraum und lege meine Tasche und meine Jacke ab.
Dieter guckt mich komisch an: “Warum legst du das nicht auf den Rücksitz?”
“Äh, weil, äh….” Weil ich das bei Mike auch immer so gemacht habe und weil ich bei Harald nie irgendetwas auf den Rücksitz legen durfte. Dieter schüttelt den Kopf und wir steigen ein. Als ich den Motor starte, geht das Radio an. Ich suche am Radio nach dem Ausknopf. “Was suchst du denn?”, fragt Dieter. Ich sage, den Ausknopf. “Laß doch das Radio an.”, sagt er. Meine erste Fahrstunde mit Radio. Meine erste Fahrstunde mit Dieter. Dieter sagt: “Mensch Mädel, jetzt gib mal Stoff, hier ist fünfzig.” Ich gebe Stoff. Ich will vor der Ampel runterschalten. Er sagt: “Erst halten, dann schalten. Was hast du es denn so eilig, Mädel?” Und ich habe darauf keine Antwort.

Wir fahren auf die Autobahn. “Stoff! Stoff! Stoff! Die Gänge ausfahren!” Nach dem dritten Versuch fliege ich im zweiten Gang die Autobahnauffahrt hoch, schalte dann in den dritten und gleich in den fünften.”
Dieter will, dass ich in der fünfziger Zone auch im vierten Gang fahre. Das wollte Mike nie. Aber ich mache, was Dieter sagt. “Mensch Mädel, nun schalte mal in den Vierten!”

Dieter will, dass ich rasant fahre. Nicht so vorsichtig. Loben tut er mich nicht. Aber wenn ich etwas falsch mache, dann guckt er aus seinem Fenster, schüttelt den Kopf und sagt nach einer kleinen Pause irgendwas, das mit “Mensch Mädel” anfängt.

Wir parken. Quer, längs, rückwärts, vorwärts. Ich schlage das Lenkrad zu sehr ein und stehe nicht richtig. Ich weiß nicht, wie ich korrigiere. “Hab ich noch nicht gemacht. Sonst hat das immer gleich geklappt.”, sage ich.
“Korrigieren… tzzzz, hat dir der Mike das nicht beigebracht? Was hast du überhaupt bei dem gelernt?”, fragt er und ich denke: “Armer Mike. Krank oder tot und jetzt redet der Dieter auch noch schlecht über ihn.

Die nächste Fahrstunde habe ich erst nächste Woche. Wieder bei Dieter. Ich bin verwirrt. Auf dem Nachhauseweg denke ich an Mike. Was er wohl gerade macht? Wie es ihm wohl geht? Was ist passiert? Soll ich ihn anrufen und fragen?

Eine Landpartie

Die Sonne scheint, die Stadt schläft. Samstagmorgen um kurz vor neun. Dreieinhalb Stunden mit Mike. Überlandfahrt. Ich finde das sollte auf jeden Fall aufs-Land-Fahrt heißen, weil wir ja die Stadt verlassen. Rausfahren. Die Straßen sind leer. Mein Magen auch. Wir fahren los. “Wir machen auch eine Pause.”, hatte Mike gesagt. Ich sehe uns in einem gemütlichen Gasthof irgendwo in der Prignitz sitzen. Soll ich dann Mike einladen? Macht man das so?

Mike geht es gut. “Mir geht es in letzter Zeit so richtig gut.”, sagt er. Ich sage: “Na, das ist doch schön.” Mike sitzt neben mir. Ich fahre. Im Gegensatz zu Harald sagt er mir nicht dauernd, was ich machen soll. Nur so Sachen wie: “Dann links auf die Autobahn.” Und diesmal schalte ich sogar alleine in den fünften Gang.

Wir fahren raus aus der Stadt. Immer noch Autobahn. Nur jetzt darf man noch schneller fahren. Und plötzlich sind da LKWs. “Was machen die denn da auf meinem Fahrstreifen? Ich dachte die dürfen am Samstag nicht fahren.”
“Sonntags. Und jetzt überholen wir die mal!”
Überholen auf der Autobahn … macht eigentlich Spaß. Jedesmal werden ein paar Stresshormone ausgeschüttet. So wie beim Klauen.
Die Autobahn hört gar nicht mehr auf. Wo will Mike mit mir hin? Und wie soll ich eigentlich Autofahren ohne Mike neben mir? Ich kann mir das gar nicht vorstellen, dass der irgendwann nicht mehr da sitzt. Wenn er nicht da wäre, dann würde ich wahrscheinlich das Radio anmachen, aber das Radio würde mir nicht sagen, wenn ich etwas falsch mache. Vielleicht kann ja Mike immer mitfahren, wenn ich meinen Führerschein habe. Ich rufe ihn dann an: “Mike, ich will meine Eltern besuchen. In zehn Minuten vor meiner Haustür – okay?” Ich würde mich auf jeden Fall sicherer fühlen.

“Hast du dir schon mal überlegt einen LKW Führerschein zu machen?”, fragt Mike plötzlich und ich fahre fast über eine rote Ampel vor Lachen. “Nee, wirklich, ich würde dir das durchaus zutrauen.” Okay Mike, ich verstehe schon, dass du dich mit deinen Motivationsversuchen von Harald absetzen möchtest, aber du musst jetzt auch nicht übertreiben.
“Würde vielleicht auch ein Job bei rausspringen.” Und schon sehe ich mich in einem riesigen LKW, mit Schweinen hinten drauf durch Europa düsen. Denkt Mike, ich hätte keinen Job? Wir haben noch gar nicht darüber geredet, was ich eigentlich so den ganzen Tag mache. Jedes Mal, wenn wir an einer Schule vorbeifahren und ich Schüler am Straßenrand sehe, versuche ich möglichst neutral geradeaus zu gucken. Schüler, alte Leute, Hunde, mit allem habe ich gar nicht zu tun.

Landstraße. Voll krass, dass man da 100 fahren darf. Warum eigentlich? Und kein Wunder, dass es dort soviel Unfälle gibt. Auch die Landstraße ist leer und wir fahren und fahren. Ortseingangsschild, runterschalten, 50 fahren, Vorfahrt achten, hochschalten, rausfahren, Gas geben, Landstraße, bis zum nächsten Ortseingang. Alles läuft super. Aber langsam fängt mein Knie an wehzutun. Oh Mann, wie soll ich denn dann durch Europa fahren, wenn mir schon kurz vor Dresden das Knie wehtut? Bin ich jetzt körperlich nicht mehr in der Lage Auto zu fahren? Ich gucke auf die Uhr. Halbzeit. Was ist mit unserer Pause?

“Fahr mal rechts ran.”, sagt Mike irgendwann und ich parke den Wagen. Weit und breit kein Gasthof. In einem Haus sehe ich hinter den Gardinen, dass eine Frau Aerobic macht. In einem rosa Trainingsanzug. Bodentiefe Fenster und der Garten sieht traurig aus. Ich strecke meine Beine aus. Mein Knie tut immer noch weh.

“Irgendwie tut mir mein Knie weh.”, sage ich zu Mike.
“Kennst du dieses Buch?”, fragt er und ich denke – was ist denn das für eine Frage – kennst du dieses Buch? Welches Buch? Aber dann freue ich mich doch, weil Mike mit mir über Bücher reden möchte.

“Häh, welches Buch?”, frage ich, steige aus dem Auto und fange sofort mit Dehnübungen an.
“Kamasutra.”
Kamasutra? Was will er denn jetzt?
“Nee? Kenn ich nicht.”
“Na, das sind so Stellungen.”
Oh Mann, er soll nicht weiterreden. Hier in der Einöde, die da drüben in dem rosa Trainingsanzug, die Sonne auf dem Kopfsteinpflaster….
“So Stellungen…”, sagt er nochmal und lacht dabei.
“Ach, du meinst, sowas sollte es auch fürs Autofahren geben, wegen meiner Knieschmerzen.”
Mike nickt. Ein kurzer Moment der Stille. Ich gehe an den Kofferraum und hole mir eine Zigarette. Mike putzt die Scheiben vom Auto. Ich fotografiere das Auto. Und Mike. Schicke das Foto Frau Dienstag. Mein Freund denkt Mike, ist so ein gutaussehender toller Hecht. Ist er nicht.
“Du beschreibst den immer so, als sei der voll der hübsche Typ.”, sagte mein Freund neulich in der Küche. Jetzt habe ich Fotos, die das Gegenteil beweisen. Nicht, dass man das hier falsch versteht – ich hätte gar nichts dagegen, wenn Mike der Adonis der Fahrschulen wäre. Ist er aber nicht.
Wir steigen wieder ins Auto. Das war die Pause. Kein Gasthaus, keine Gänsekeule mit Rotkohl, keine Rechnung, die ich bezahlen könnte. Eine schnelle Zigarette in der Sonne. Ein kurzer Kamasutra-Moment von Mike, dann geht es zurück nach Berlin. Wenigstens sind die Scheiben sauber, aber das Knie tut immer noch weh.

Vor der Fahrschule verabschieden wir uns. “Na Mike, dann wünsche ich dir schöne Weihnachten.”
Er lacht: “Ja, und wenn jetzt Ostern wäre, dann würde ich sagen: Ich wünsche dir dicke Eier.”
“Ihhh!”, sage ich.
Aber Mike setzt noch einen drauf: “Und wenn jemand unartig war, du weißt ja wo die Rute ist.”
“Hmmm. Okay dann, bis nächstes Jahr.”

Ich laufe nach Hause. Dieser Mike… was ist mit ihm? Ich verstehe ihn nicht. Warum redet er immer so? Möchte er, dass ich auch so mit ihm rede?
Vielleicht mach ich das mal in der nächsten Fahrstunde.