Under Pressure

Hallo, ich habe gar nicht viel Zeit, um zu berichten. Habe mich in die Lobby des Motels geschlichen und tippe auf dem Businesscomputer, an der Rezeption. Olli steht an der Tuer  und guckt, ob der Boss kommt.

Wann habe ich denn den letzten Eintrag gemacht? Ah, ja, auch schon hier, ueber’s Fernsehen, na ich kann euch sagen, dass TV- Programm wurde nicht besser. Je mehr man davon sieht, umso schlechter scheint alles zu sein. Und dann der Regen…was ist denn mit diesem Wetter los? Ist das am Ende doch globale Erwaermung? Wird es ueberhaupt noch mal aufhoeren zu regnen?

Wir sind also seit einigen Tagen hier mehr oder weniger eingeschlossen. Wir verlassen das Motel nur, um uns Nahrung zu beschaffen. Langweilig ist es aber irgendwie trotzdem nicht. Olli ist gar nicht so jung wie ich dachte…also schlauer und lustiger als ich annahm. Wir amuesieren uns eigentlich ganz gut, auch ohne Fernsehen. Jetzt steht er draussen und raucht. Der raucht viel, wahrscheinlich zu viel. Fuer sein Alter sieht er ziemlich gut aus…gross, ziemlich dunkle Haare und er legt viel Wert auf seine Klamotten. Immer gute T-shirts – immer mit irgendwelchen Bandnamen drauf. Wenn ich frage, was Discharge sein soll oder Under Pressure – “ Das sind Bands…die kennnen Sie sowieso nicht Frau Freitag.“ Jetzt hat er sich seit zwei Tagen nicht rasiert und der leichte Bartschatten steht ihm ganz gut. Und sein Koerper ist auch…scheisse, da kommt der Boss. Schnell veroeffentlichen. Video mach ich spaeter.

She did the corn but not the apple

Ach Kinder, die Zeitverschiebung…manomann…und immer noch ein wenig jetlag…und dann diese Zweifler und Mahner…warum kann und darf denn Frau Freitag nicht dem regnerischen Binz entkommen und sich ein wenig in den Vereinigten Staaten amuesieren (see, no umlauts!)?

Irgendeine hoehere Macht scheint, mir eine Lehre erteilen zu wollen, denn wir sind aus New York City nach Vermont gefluechtet…ich dachte hier waere es vielleicht nicht so heiss. Und jetzt sitzen wir seit Stunden im Motelzimmer, denn es regnet, als wuerde die Welt untergehen. Fuer die Schlauberger unter euch lieben Lesern – check the weather report of Brattleboo, Vermont – bingo- es regnet.

Was soll das? Habe ich nicht ein wenig trockenes Sommerwetter verdient? Habe ich nicht hart genug gearbeitet im letzten Schuljahr? Ich wuerde mir so gerne dieses kleine Hippiestaedchen ansehen, aber es regnet echt doll, schlimmer noch als in Binz und wenn mir hier niemand eine Arche baut und mich reinsetzt, kann ich das Motel nicht verlassen. Zum Glueck haben wir dieses Paerchen aus Los Angeles kennengelernt und die haben uns ihren Laptop geliehen. Ich habe ihnen meinen Passport gegeben. Fairer Deal. Nur als Pfand…

Ich habe ja einen kleinen Regenschirm – Leute, kauft euch einmal in eurem Leben einen Knirps und ihr werden immer gluecklich und trocken sein. Theoretisch koennte ich also rausgehen und euch berichten, wei es hier ist. Aber der feine Herr Olli hat natuerlich keinen Regenschirm…  wie auch, er ist doch noch so jung. Regenschirme sind ja einfach nur uncool und deshalb zu vernachlaessigen. Er hat auch sehr viel Angst um seine neuen Turnschuhe, die sehen noch so neu aus. Ausserdem scheint er das Amerikanische Fernsehen zu geniessen. Er glotzt schon seit Stunden. Heute morgen war er ganz fasziniert von einer Sendung auf A&T, in der es um Zwangsneurosen ging. Eine Frau kann keine harten Sachen essen, weil sie Angst hat, dass ihre Zaehne brechen, dann ausfallen und wenn einmal einer raus ist, dann hat sie bald keine mehr. Und dann kommt da der Supertherapeut.

Sie stehen vor einem Tisch mit Tacochips, Maiskolben und zwei Aepfeln. Sie macht eine Riesenshow aus dem Verzehr von ein paar lumpigen Chips. „So how does it feel?“ fragt der Superdoc. Sie sieht aus, als wuerde sie sich jeden Moment aus dem Fenster stuerzen, verzieht das Gesicht, klappt die Oberlippe ueber ihre Zaehne und fluestert: „Not good at all.“

Dann labert der Doc weiter rum und sie sagt auch irgendwas weinerliches und dann geht es auf zum Corn. Der Maiskolben, die grosse Herausforderung…Sie haelt den mit spitzen Fingern und heult fast. Es dauert Minuten, gefuehlte Stunden, bis sie ihn an ihren Mund hebt. Olli und ich bewegungslos auf dem Bett. Voellig gebannt: Wird sie es tun? Wird sie in den Maiskolben beissen? Sie starrt ihn als sei der eine Miniatombombe. Und dann – yeahhh- supervorsichtig beisst sie rein. Du spuerst foermlich, wie jeder ihrer Zaehne abbricht. Sie guckt so verzweifelt. Warum quaelt der Typ die arme Frau so. Ich bekomme automatisch Zahnschmerzen.

„Great, you did the corn!“ der Doc ist begeistert. Sie ist voellig neben der Spur. Dann sagt er, dass sie jetzt nicht die kleinen nervenden Teile vom Maiskolben aus ihren Zaehnen popeln darf und sich erst in drei Stunden ihre Zahnbuerste bekommt. Das ist zuviel fuer sie. Und dann will dieser Mengele auch noch, dass sie in den Apfel beisst. „Oh no, I am sorry I can not do the apple!!!“ Jetzt erwacht ihre persoenliche Resistanz. „But you did the corn. Are you sure you can not do the apple.“ “ Absolutly sure! I will not do the apple.“

Und dann kommt eine Frau mit Halbglatze und du denkst – ach die Arme die hatte Chemo, aber nein, sie reisst sich die Haare raus… leider konnten wir die Story nicht sehen, weil Olli unbedingt diese Sendung ueber die Hochsehfischer sehen wollte. Aehnlich wie die Icetrucker.

Sollte es weiter so regnen wird das ein Blog der die das sich mit dem Amerikanischen Fernsehprogramm am Morgen, Nachmittag und am Abend auseinandersetzt…da haette doch auch niemand was dagegen, oder?

Aber drueckt mir mal die Daumen, dass hier bald wieder die Sonne scheint. Mit Olli hier, die ganze Zeit im Zimmer… das wird auf die Dauer bestimmt auch langweilig.

Es regnet immer noch

Gegen acht kommt der Freund. Gutgelaunt geht er direkt ins Badezimmer: „Mensch, das war eine Supertour. Wir waren beim Jagdschloss in Granitz und in Prora. Du glaubst gar nicht, wie unheimlich es dort aussah im Regen. Ich hab’ Fotos gemacht. Zeig’ ich dir gleich, auf einem ist sogar ein riesiger Blitz drauf. Echt geil. Und der Krüger, wie der fährt…echt super. Wusstest du dass die beiden schon seit zwanzig Jahren im Radrennverein sind? Die nehmen sogar an Wettkämpfen teil. Wo wart ihr eigentlich? Wir haben am Schloss auf euch gewartet.“

Ich verstehe nichts mehr, weil die Dusche zu laut ist, gehe auf den Balkon und rauche. Es regnet immer noch. Hinten am Meer sieht man auch immer wieder Blitze.

„Bist du fertig? Die Krügers wollen in die Kakadu-Bar und ich hab’ ihnen vom Blue Moon erzählt, da könnten wir auch noch hingehen. Die Dusche ist aus und der Freund kommt nur mit dem Handtuch bekleidet aus dem Badezimmer, stellt sich vor den Spiegel und kämt seine Haare. „Ich will nicht in die Kakadu- Bar.“  „Wieso, wir sind dort verabredet. Wir müssen noch alles besprechen, wegen morgen. Der Krüger will ein Segelboot ausleihen. Stell’ dir mal vor, die haben beide einen Hochseesegelschein, na ja, die sind ja auch aus Hamburg.“

„SEGELN? Ich geh auf keinen Fall segeln. Morgen regnet und stürmt es wieder. Ich will nach Hause. Ich hab’ keinen Bock mehr. Binz nervt.“  Jetzt guckt mich der Freund zum ersten Mal, seit seiner Rückkehr richtig an. „Nach Hause? Spinnst du? Nur weil es ein bisschen nieselt?“

„NIESELT?“ schreie ich, „Ich wäre heute fast gestorben auf dieser Scheißradtour. Das ist alles scheiße hier. Ich will hier nicht mehr sein. Das sind meine Ferien und ich muss mich erholen! Ich will nach Hause.“ „Aber wir haben doch für 10 Tage gebucht.“ „Ist mir egal. Du kannst ja noch bleiben.“ Der Freund sieht meinen Koffer. „Komm lass uns erstmal in die Kakadu-Bar gehen und dann reden wir noch mal. Du musst ja nicht mit segeln kommen. Aber ich hätte echt Bock dazu. Wollte ich schon immer mal machen. Und der Krüger meint, bei Sturm fetzt das so richtig.“

In der Bar warten die Krügers schon. Oliver steht neben seiner Mutter und guckt wieder schlecht gelaunt auf den Boden. „Na, Frau Freitag, schlapp gemacht heute?“ fragt mich der Krüger gutgelaunt. „Ach, wissen Sie,  Radfahren…“ mir fällt nichts ein. „Der Regen…mein Rad war kaputt.“ Oliver grinst. Der soll bloß die Klappe halten. Frau Krüger fummelt ihrem Sohn am Kopf rum: „Oliver, mach dir doch mal die Haare aus dem Gesicht. Du kannst ja gar nicht sehen.“ Ich finde seine Frisur sieht eigentlich ganz gut aus. Wenigstens hat er noch Haare, im Gegensatz zu seinem Vater. Der beugt sich mit dem Freund über eine Landkarte: „Hier müssten wir lossegeln und dann mit der Strömung…“

„Ich gehe mal kurz raus.“ sage ich zu Frau Krüger. Unter dem Vordach am Eingang quetsche ich mich an die Wand und rauche. Es regnet immer noch und meine Schuhe sind vom ersten Tag immer noch leicht feucht. Plötzlich steht Oliver neben mir. „Darf ich mal ziehen?“

„Sag’ mal wissen deine Eltern, dass du rauchst?“ Keine Antwort. „Segeln.“ „Ja, die wollen um 8 Uhr los.“ Oliver klingt nicht begeistert. „Segeln im Sturm. Um acht. Na, ohne mich. Ich fahre heute nach Hause. Meine Sachen sind schon gepackt. Ich glaub’ ich werd’ mal jetzt einfach gehen. Mach’s gut, Oliver.“ Damit lasse ich ihn stehen und gehe zurück ins Hotel.

Dort schreibe ich dem Freund eine kurze Nachricht, er soll nicht böse sein, sich beim Segeln amüsieren und mich später anrufen. Dann nehme ich meine Koffer und gehe zum Bahnhof. Binz nervt echt. Ist mir nie so extrem aufgefallen wie heute. Der Zug geht erst in einer Stunde und ich werde wohl heute Abend nur bis Hamburg kommen. Na, macht nichts, besuche ich Barbara, die kenne ich noch aus der Schule und die habe ich schon ewig nicht mehr gesehen.

Als der Zug schon eingefahren ist, kommt Oliver angerannt. Völlig außer Atem und mit einer Reisetasche über der Schulter springt er in den Zug: „Kein Bock mehr auf Binz.“ In dem Moment schließen die Türen und der Zug fährt los.

Tour de Rügen

Morgens beim Frühstück, bin ich schon ganz aufgeregt: „Ist das nicht toll, dass wir hier mal Leute kennen lernen? Und jetzt machen wir auch noch eine Radtour mit denen.“ „Hmm, is’ toll.“ Der Freund hört mir gar nicht richtig zu, er kämpft mit dem Ei. Es ist etwas zu weich und jetzt trennt er das flüssige Eiweiß vom Eigelb. Er weiß nicht wohin mit dem Eiweiß. „Das war doch echt nett gestern Abend mit denen. Dieser Krüger, der ist ja total lustig und sie ist auch wirklich nett. Hast du gehört, die wird nächstes Jahr Seminarleiterin. Aber der Sohn. Viel Text hatte der ja nicht.“ „Ist halt ein Teenager.“ „Ja, aber trotzdem. Der sagt ja gerade mal ja und nein. Sonst hat der den ganzen Abend gar nichts gesagt. Ah, da kommen sie. – Ach du scheiße, wie sehen die denn aus?“

Herr und Frau Krüger stehen vor uns, in voller Radfahrermontur. Hautenge Radlerhosen und dazu passende Trikots. Solche mit Taschen auf dem Rücken. Er hat einen kleinen Rucksack und sie hält eine Wasserflasche aus schwarzem Plastik in der Hand. Beide haben Fahrradhelme dabei. Aber nicht irgendwelche, sondern solche, die hinten schmaler werden.

„Kann’s los gehen?“ fragt Herr Krüger. „Klar. Sie sind ja gut ausgerüstet. Dann mal auf zu Pauli’s Radshop. Mal sehen was für Gurken der heute im Angebot hat.“ sagt der Freund. Ich bin sprachlos. Die beiden sehen so profimäßig aus – Herr Krüger hat sogar die Beine rasiert. Frau Krüger dreht sich noch mal um: „Oliver, kommst du?“ Oliver trägt dasselbe T-Shirt und dieselben zu großen Jeans wie am Vortag und trottet langsam und schlecht gelaunt hinter seinen Eltern her. Viel Radtourbock scheint er nicht zu haben. „Na, freust du dich schon aufs Radfahren?“ fragt Frau Freitag ganz die freundliche Pädagogin. „Es regnet gleich.“ „Ach, “ versuche ich ihn zu beruhigen „das nieselt bestimmt nur ein wenig.“

Aber als wir vor die Tür treten sehe ich dicke, schwarze, tief hängende Wolken am Himmel. Pauli leiht uns fünf etwas abgenutzte Mountainbikes zum Spezialpreis. Herr Krüger verhandelt gut. „Und Frau Freitag, keinen Helm?“ „Nee nee, lassen Sie mal, da fühl ich mich nicht wohl mit. Ich fahr auch nicht so besonders schnell.“

Ich nicht, aber die Krügers. Kaum sitzen sie auf ihren Rädern, pesen die auch schon in einem Affenzahn die Strandpromenade runter. Der Freund hinterher. Der Teenager und ich bilden das Schlusslicht: „Na, deine Eltern fahren ja ganz schön rasant.“ keuche ich schon nach den ersten Metern. „Sind beide im Radrennverein.“

Ich bin schon nach zehn Minuten völlig aus der Puste. Meine Beine tun weh, mein Hintern schmerzt, der Sattel ist viel zu hart, ich komme mit der Gangschaltung nicht klar und jetzt fängt es auch noch an zu regnen. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Ich dachte wir radeln so ein wenig am Meer lang. Zum Glück ist der bocklose Oliver bei mir. Lustlos passt er sich meinem Tempo an. Der Freund und die Krügers sind nicht mehr zu sehen.

Der Regen wird immer doller. „Na Oliver, Spaß ist was anderes, oder wie siehst du das?“ Oliver gibt ein verächtlich klingendes Geräusch von sich. Ich glaube er stimmt mir zu. „Scheiße, meine Hose ist schon ganz nass. Und mit dem Wind…scheiße jetzt wird es echt kalt.“ Ich fahre durch eine große Pfütze „Na toll, warum haben diese Drecksmountainbikes keine Schutzbleche. Eine schwule Dreckskacke ist das.“ brabble ich vor mich hin. Oliver grinst: „…ja, echt schwule Dreckskacke…“

„VERFICKTE ARSCHRADTOUR MISTSCHEISSE!!!“ schreie ich und fühle mich etwas besser. Wir sind schon außerhalb von Binz und hier scheint kein Mensch mehr in Hörweite. Hier ist überhaupt niemand zu sehen. Die Zivilisation hört hier auf. Es gibt auch keine richtigen Straßen oder Wege mehr. Wir ackern uns durch aufgeweichten Matsch. Ich habe Schwierigkeiten die Kontrolle über das Fahrrad zu behalten. Ständig verkantet sich das Vorderrad. „Geht’s?“ fragt Oliver als ich fast vom Rad falle.

Als es das erste Mal blitzt kriege ich einen Mordsschreck und beim dazugehörigen Donner rutsch ich mit dem Vorderrad weg und fliege über den Lenker direkt in den Matsch. Oliver kichert. „Sehr witzig! Scheiße, Scheiße, verfickte Scheiße, jetzt sind meine Sachen komplett versaut. Ich hab’ keinen Bock mehr! Ich fahr nicht mehr weiter. Ich bleibe jetzt hier sitzen. Die müssen doch irgendwann wieder zurückkommen.“

Ich suche meine Zigaretten in der Jackentasche. Die meisten sind total aufgeweicht und die nassen Finger helfen auch nicht. Aber eine ist noch halbwegs trocken. Die anderen zerknülle ich mit der Packung und schmeiße sie in einen Busch. „Kann ich mal ziehen?“ fragt der Teenager und als er inhaliert sieht er das erste Mal irgendwie zufrieden aus. „Radfahren ist echt nicht mein Ding. War’s noch nie.“ sage ich und nehme die Zigarette wieder an mich. “Ich fahre auch lieber U-Bahn“ sagt er und stößt dabei den Rauch aus, als hätte er gerade an einem Joint gezogen.

Wir sitzen noch eine Weile unter einem Baum im Matsch und warten bis es aufhört zu regnen, dann schieben wir die Fahrräder wieder nach Binz. Wortlos gebe ich meins bei Pauli’s Radshop ab. Pauli guckt auf meine völlig verdreckte Hose, zum Glück sehe ich ihn durch meine nasse Brille nicht richtig, aber ich glaube er grinst.

Im Hotel schalte ich den Fernseher an und lege mich in die Badewanne. Meine Klamotten deponiere ich auf dem Balkon. Vom Badezimmer höre ich Ben Wettervogel: „…das massive Sturmtief zieht nach Norden und wird an der Küste für weitere ungemütliche Tage sorgen. In der Mitte und im Süden Deutschlands stabilisiert sich das Azorenhoch und bringt wieder Sommertage mit Temperaturen über dreißig Grad.“

Eine Stunde später habe ich meine Sachen gepackt.