Der erste Schultag, immer wieder ein Genuss

Geschafft, der erste Schultag ist geschichte. Und was für eine. ..

Ich komme mir vor wie einmal Vollwaschgang, Schleudern und dann aus dem vierten Stock auf die Straße geschmissen. Verschwitzt, dehydriert und völlig verwirrt. Erste Stunde mit meiner Klasse.  Stundenplan ansagen, neue Lehrer, neue Räume, neue Kurseinteilung, neue Fächer. Alles dauert, kaum einer hat irgendwas dabei „Tschüch, ich dachte heute is‘ noch nicht so richtig.“ „Ich schreib den Plan dann von ihr ab…“; „Zeugnis – oje, hab ich vergessen…“ „Wieso haben wir heute Sport?“ – Ich habe extra den Tafelanschrieb vom letzten Schultag nicht weggewischt. Da steht: Der Unterricht beginnt in der zweiten Stunde. Alle brauchen ihr Sportzeug. Ich hätte sie doch alle nochmal anrufen sollen. Und seit wann muss man sein Zeugnis vorzeigen? Seit der ersten Klasse!!!!!!

Nicht aufregen…sie sind halt so. Wer hatte mir versprochen, dass sie in der Neunten ganz anders sind. Ge- aber leider noch nicht erwachsen.

In der zweiten Stunde zehnte Klasse. Gefühlte 40 Leute betreten den Raum und es werden immer mehr: „Ich bin auch noch hier.“ „Du stehst aber nicht auf der Liste.“ „Ich bin hier neu und die im Büro haben mir gesagt, dass ich zu Ihnen soll.“

Okay, Materialliste – abschreiben! Hier die erste Aufgabe für heute. Vorlesen! Hier sind Blätter. Anfangen! „Ich habe keinen Bleistift.“

„Ich hab‘ kein Bleistift.“ „Ich hab auch keinen.“ „Ich auch nicht“….

„Leute, warum habt ihr keine Arbeitssachen mit?“ „Wir wußten ja nicht…“ „Wir dachten…“

Ein eher schleppender Anfang. Aber schon leiser als in meiner Klasse. Nach der Stunde erstmal rauchen und dann meine erste Freistunde. Fachlehrerkollegen, ohne Klasse und somit ohne Sorgen, kommen frisch erholt auf mich zu „Haste mal?“ „Kannste mal?“ „Weißte mal?“ Ich apathisch in meinem Stuhl. Plötzlich kommt ein Kollege: „Frau Freitag, du hast eine neue Schülerin, die steht draußen, komm mal.“ Ich zur Schülerin: „Ja hallo, blah blah blah blah hier sind zwei Jungs aus deiner neuen Klasse. Nemmt sie mal mit. Seid höflich!“

Zurück ins Lehrerzimmer. Ich will mich entspannen! Kommt Daniela (nix Emo geworden, eher Disco): „Frau Freitag, wir haben Informatik, aber der Lehrer sagt, wir haben nicht bei ihm…“ Ich: „Wartet mal, ich checke mal.“ Mist der Stundenplan ist im Klassenzimmer: “ Kommt mal mit.“ Auf dem Weg wird die Schülerscharr immer größer, auch Schüler anderer Klassen gesellen sich zu uns. „Was ist denn mit euch?“ „Wir haben auch Informatik.“

Erst Klassenraum, dann Vertretungsplan, dann Erkenntnis – die Schüler haben eine Freistunde. Wie ich ja eigentlich auch. Ich gehe über den Hof, steuere das Lehrerzimmer an. Ich will Kaffee.

Dann das große Chaos: Schreiende Schüler rennen auf mich zu: „Alle sagen wir haben jetzt Mathe und dann Geschichte, aber auf dem Plan stand doch, dass wir Musik haben.“ Ich zurück zum Klassenraum – scheiße, habe ich ihnen den Stundenplan falsch angeschrieben. Sie haben Montags eine Stunde mehr. Sie beschweren sich, meckern. Ich „Dafür habt ihr heute nach der sechsten Schluss habe ich gerade erfahren.“ Sie meckern trotzdem.

Plötzlich steht ein Schüler an meinem Raum, ich will gerade abschließen: „Frau Freitag, ich bin auch in ihrer Klasse.“

Ich „?????“

Er „Ja, doch, in echt…“

Ich „Whatever, schreib dir den Stundenplan ab.“

Die Freistunde ist fast vorbei, noch schnell eine rauchen und dann Doppelstunde Acht. Neue Gruppe. Ich bad Cop und good Cop in einer Person, halte ich aber gerade mal für zwei Stunden durch. Schüler drehen nicht durch, noch nicht. Ich hab‘ sie ganz gut gefoppt. Sie denken: Wer weiß, vielleicht ist sie streng….mal lieber noch nicht soviel Scheiße bauen. Dann halb eins habe und bin ich fertig.  So fertig, dass ich erst um drei aus der Schule komme und auch jetzt noch nicht regeniert bin.

Wenn der erste Tag so anfängt, wie wird es dann erst morgen? Da habe ich nämlich acht Stunden und noch nichts vorbereitet…

Phantomschmerzen

Die Sprache geht wieder, aber das Gehirn…na ja, the Ferienmodus kicks in. Was soll man denn in einem Blog der, die, das (????) von Schule handelt (gemerkt? – Schule wieder ohne Artikel) in den Ferien schreiben, wenn gar keine Schule stattfindet? Nix Schule – nur Ferien.

Da hat man es doch mit einem Alltagsbeschreibungsblog viel besser: Heute bin ich da gewesen und dann dort und dann habe ich das gemacht und das und das Wetter war so lala. Gedacht habe ich mir dieses und jenes und zu Essen gab es was ganz Besonderes.

Ich hingegen bin ja ohne meine Schule völlig aufgeschmissen. Empfinde Phantomschmerzen, wo sind meine Schüler, ich will unterrichten, au, au, au, ich bin doch Frau Freitag, sprecht mich hier mal nicht sechs Wochen mit meinem Vornamen an. Ich habe doch gar keinen, ich bin doch Lehrerin. Mein Vorname ist Frau. Was die Schüler wohl gerade machen? Und wie finden eigentlich Eltern die Ferien? Wahrscheinlich eher anstrengend.

Unsere Schüler langweilen sich ja in den Ferien oft und wenn die Schule wieder angefangen hat, dann darf man auf gar keinen Fall Themen stellen wie: Schreib’ dein schönstes Ferienerlebnis auf. Geht gar nicht. Ich beginne die ersten Stunden immer mit: „Schön, dass ihr da seid. Hat irgendjemand was besonders Interessantes erlebt in den Ferien, was er uns miteilen möchte?“ Gab nur einmal ein Mädchen, die hatte in einem Film mitgespielt. Und dann gehe ich auch schnell zum Tagesgeschäft über.

Im Lehrerzimmer wird schon am ersten Tag gestöhnt und dann ein wenig aus dem Urlaub erzählt. Eigentlich würde es auch reichen, wenn man eine Liste mit den Ferienzielen aufhängen würde. Es geht ja sowieso nur um Abgleich. DomRep, Toskana, Binz, Kreta, Irland, Island, Galapagos – boing- Galapagos hat gewonnen! Ich will immer schnell Alltag. Ich liebe Alltag. Ich bin alltagsüchtig. Ferien stören meinen Alltag. Alles soll normal sein, strukturiert, alltäglich halt. In den Ferien ist gar nichts normal. Ich war gestern bis um zwei Uhr draußen. Wo gibt es denn so was? Im meinem Alltag jedenfalls nicht. Jammer, jammer, jammer…