Deine Klasse…

Meine Klasse wurde gelobt! Meine Klasse wurde gelobt! Meine Klasse wurde gelobt!

Ich sitze in meiner Freistunde im Lehrerzimmer, mit einer Schulfremden „kann ich mir auch den Deutschunterricht mal ansehen“ und einer anderen Kollegin. Beide kommen gerade aus einer Doppelstunde in meiner Klasse. Ich will lieber erst gar nicht fragen, wie es war und rede deshalb übers Wetter.

Aber dann die Schulfremde: „Das ist aber eine nette Gruppe, Ihre Klasse.“

Ich: „??????? Hääähhhh, meint die mich? Meint die meine Klasse? „Ja, die sind aber nett miteinander und die haben so schön gearbeitet.“ „Naja, die können auch anders und der Andreas…der…ist ja immer, und der blah blah und die soundso die macht ja nie…“ mischt sich die Kollegin ein. Ich: “Jetzt hör’ mal auf, die wurden doch gerade gelobt, nun lass doch mal!“ Ich will dieses Lob (fast das erste in diesem Jahr) noch genießen, bevor die Sportlehrerin gleich reinkommt und mir aufzählt wird, wer wieder nicht am Sport teilgenommen hat. Deshalb wiederhole ich: „Ja, die sind echt nett.“ Ich will noch mehr hören, ich will noch mehr Lob, aber da kommt nichts mehr. Das Thema wird gewechselt.

Ich lehne mich zurück und lasse den Satz durch mein Gehirn wabern „Das ist aber eine nette Gruppe.“ Schön klingt das. Selten, aber sehr schön. Ich finde auch, dass die eine nette Gruppe sind. Ich mag meine Klasse sehr gerne. Alle. Irgendwie sind die alle toll. Sie gehen mir zwar sehr auf die Nerven, aber sie sind trotzdem alle toll. Nur schade, dass nur ich das sehe.  Bei den Kollegen scheinen sie ihre Tollheit geschickt zu verbergen, denn ich höre sonst nur: „Deine wieder.“ „Oh Gott, du gehst in die Freitagklasse, na viel Spaß.“ „Ach die arme Neue, bei denen Ethik…na, das kann ja was werden.“

Deine. Wie ich das hasse. Ich habe die doch nicht geboren. Und trotzdem heißt das immer – deine. Die Kollegen kommen mit ihren Fehlzetteln auf mich zu gerannt und zur Begrüßung bekomme ich regelmäßig ein vorwurfsvolles „Wieder sechs Leute zu spät…“

Nie heißt  es 10 Leute waren pünktlich. Ich muss mich immer um die Nichtssoangepassten kümmern, die guten Allesrichtigmacher, über die werde ich nicht informiert. „Nicht gemeckert ist genug gelobt.“ Und im Vorbeigehen höre ich dann so Kommentare wie „Wie der Herr so das Gescherr“ (oder so ähnlich) was ja nichts anderes heißt, dass ich Schuld daran bin, dass Andreas, Peter und Sabine wieder zu spät gekommen sind. „Die haben nicht bei mir geschlafen!!!!! Wenn sie das gemacht hätten, dann hätte ich sie pünktlich geweckt und dann wären sie auch nicht zu spät gekommen!!!!“

Mir wird seit zwei Jahren suggeriert, dass meine gesamte Klasse nicht in die Pubertät gekommen wäre, wenn sie einen fähigeren Klassenleiter gehabt hätten. Nun ist es aber zu spät. Alle sind hormonell überdosiert (von mir!) und drehen frei. Sie benehmen sich total daneben, sie kommen zu spät, sie machen keine Hausaufgaben. Und wenn sie welche machen, dann schreiben sie sie nur von dem Deppen ab, der sie gemacht hat. Sie vergessen jeden Zettel, den man ihnen zur Unterschrift nach Hause mitgibt. Sie haben selten ihr Arbeitsmaterial dabei. Sie passen nicht gut auf im Unterricht. Sie arbeiten nicht besonders viel mit. Ihnen fehlt der Ehrgeiz und die Konzentration. Dafür werden sie frech, anmaßend und unverschämt, wenn man sie ermahnt.

Und trotzdem finde ich sie toll. Sie sind witzig und fröhlich. Sie kommen zu spät, weil sie sich so gut verstehen und soviel auf dem Hof zu tun haben. Sie müssen auch oft noch aufs Klo oder in die Cafeteria. Sie arbeiten nicht mit, weil sie sich momentan für andere Dinge interessieren. Sie bringen die Zettel mit den Unterschriften nicht mit, weil sie es einfach vergessen, wenn sie zu Hause sind.

Sie sind ganz normale Teenager in der schlimmsten Zeit der Pubertät. Sie haben Babyspeck und Pickel und ziehen sich komische Klamotten an. Sie haben alle Handys und wissen genau, wie man sie bedient. Sie schminken sich seltsam, oft sind sie orange. Die Jungen verkleistern ihre Haare mit Gel und die Mädchen finden das süß. Sie bequatschen dauernd ihre Probleme. Sie sind ständig verliebt und dann wieder doch nicht. „Schon laaange nicht mehr mit dem, Frau Freitag.“ Sie machen gute Witze und lachen, wenn ich über Kabel stolpere. Sie bringen mir die übelsten Ausdrücke in Arabisch oder Türkisch bei und versichern mir, das hieße ‚Guten Tag’ und ‚Auf Wiedersehen’. Sie sind ständig wie auf  Koks, völlig überdreht und zu laut.

Ich finde sie wirklich super.

Das sind also die Superlehrer

Okay, nun lief also gestern die, von mir heiß erwartete erste Sendung der Superlehrer auf Sat.1. Noch bin ich recht unschlüssig. In den Telefonkonferenzen, während der Werbepausen (danke Sat.1, dass du Analysezeit eingeplant hast) mit Frl. Krise, auch allgemeine Ratlosigkeit. Frl. Krise: “Es kommt mir so vor, als hätte ich diese Dilara schon mal unterrichtet.“ Mir kommt es so vor, als hätte ich alle diese Schüler schon im Unterricht sitzen gehabt und als kenne ich die Lehrer aus sämtlichen Lehrerzimmern meiner Berufszeit.

Also erstmal der Deutschlehrer – mein Favorit bisher – Typ Sakko mit Ellenbogenverstärkung. Er wird als der Strenge, der Sichdurchsetzende (der Nichtsduldende) vorgestellt und wie das aussieht erfahren wir gleich in der ersten Stunde: „Nicole, Sie weigern sich an die Tafel zu kommen…das dulde ich nicht. Sie werden mit der Sozialpädagogin ein Gespräch führen.“ Schön, wenn man delegieren kann. Die Sozialpädagogin war nicht begeistert. Meine Vermutung: Sie mag den Deutschlehrer nicht. Man merkt auch, dass der Herr Deutschlehrer lange nicht mehr unterrichtet hat (war er nicht durch einen Sportunfall in die Frühpensionierung gezwungen), denn Wörter wie Chemotherapie und Emanzipation sind meiner Meinung nach schon lange kein Stoff mehr der Fünften Klasse. Und hat ihm denn niemand gesagt, dass es ungünstig und auch unnötig ist, die Schüler mit ihrer – man kann schon mal davon ausgehen – schlechten Rechtschreibung an der Tafel vorzuführen. Und die Quittung erhielt er ja auch gleich von Nicole „ich muss irgendwie weiblicher werden“.

Dann der liebe Mathelehrer: Typ knuffiger Althippie mit Herz. Nett und geduldig, der wird die Schüler immer respektvoll behandeln und versuchen sie zu motivieren, „nein, 4 plus 2 ist nicht 7. Rechne noch mal, du schaffst das!“ Aber er wird ja schon in der kommenden Woche an seine Grenzen getrieben und bricht weinend im Lehrzimmer zusammen, oder weint er, weil er die Teilnahme an der Sendung bereut?

Dann der Englischlehrer: Typ „Ich mach hier mal einen auf Kumpel und merke dabei gar nicht, wie ich damit total baden gehe.“. Was sollte denn das mit dem Händeschütteln in Zeiten der Schweinegrippe. Und warum essen die Schüler in seiner Stunde Bonbons „Wir werden hier nur mündlich arbeiten, denn es geht nachher um eine mündliche Prüfung“ – denkt der denn, da hilft es sich den Mund mit Süßigkeiten voll zu stopfen? Und dass er die Schüler gleich am Anfang aufs Klo gehen lässt wird sich nicht mehr rückgängig machen lassen. Er wird wenig Ärger mit den Schülern haben, denn er wird jeder Konfrontation aus dem Weg gehen. Der ist irgendwie zu dünn.

Und die Schüler…naja, die erscheinen mir recht normal. Also was soll diese Anmoderation “Die schlimmste Klasse Deutschlands…“ das ist höchstens die kleinste Klasse, mit den ältesten Schülern. Wahrscheinlich bekommen die auch noch Geld dafür und ihnen wurde der Hauptschulabschluss ja schmackhaft gemacht, als wäre der ein Hauptgewinn im Lotto oder ein Exclusivvertrag mit C&A. Und wenn die Spielregeln wirklich so sind, wie ich das am Ende der Sendung verstanden habe – dass jede Woche der renitenteste und schlechteste Schüler raus gewählt wird, dann haben die Lehrer doch gar kein Problem mehr. Dann sage ich doch: Her mit dieser Regel! Verankert die mal sofort im Schulgesetz: Ab dem kommenden Schuljahr hat die Gesamtkonferenz die Möglichkeit jede Woche einen Schüler aus jeder Klasse zu schmeißen. Herrlich wäre der Schulalltag…

Liebe Superlehrer, jetzt kommt mal nächste Woche in die Puschen. Ich will mehr sehen als das! Regeln aufstellen und alle unterschreiben lassen – gähhhn, Das Schwänzen nicht dulden und dann doch nur mit der Hälfte der Klasse den Unterricht anfangen – schnarch. Schlechte Testergebnisse in Mathe – Überraschung! Von Schülerinnen beleidigt werden und sich dann mit halbgaren Entschuldigungen zufrieden geben – schlaf ein. Macht mal ein bisschen Action. Macht eurem Sendungsnamen mal alle Ehre. Wenn das alles ist, was ihr könnt, dann brauche ich doch nicht abends vor dem Fernseher zu sitzen, das habe ich doch jeden Tag.

Liebe Schüler, ihr langweilt mich. Habt ihr nicht mehr drauf als eurer übliches Zuspätkommen, im Unterricht essen und nix wissen… Überrascht uns doch mal mit perfekter Rechtschreibung und zieht verdammt noch mal die Jacken aus, schon schlimm genug, dass sich da noch kein Superlehrer dran gestört hat.

Ab zur Analyse

Ohne Frau Dienstag und Frl. Krise wäre ich schon längst in einer Burnout-Klinik.

Seit dem Beginn des Referendariats laufe ich hochtourig, im oberen Bereich meiner persönlichen Leistungsgrenze. Wenn dann irgendetwas passiert, was nicht geplant oder bedacht wurde, dann kommt mein gesamtes System ins Schleudern. Der Motor hakt, es entstehen komische Geräusche und in diesen Momenten wende ich mich dann immer an Frau Dienstag und Frl. Krise – zur Analyse.

Frl. Krise schwört auf paradoxe Intervention und Frau Dienstag liebäugelt mit „Hart bleiben, da sag’ ich einfach nein, die Zügel erstmal anziehen…“ Ich glaube Frau Dienstag teilt meinen Traum, den Unterricht als ein zwei Quadratmeter großer Mann mit tiefer Stimme abzuhalten, der die Schüler durch sein bloßes Ein- und Ausatmen in Schach hält. Leider gehören wir beide eher zur leptosomen Fraktion, die sich mit anderen Tricks durchsetzen muss.

Frau Dienstag entwickelt momentan eine Persönlichkeitsstruktur, mit der sie eine prima Schulleiterin werden könnte. Sie empfindet Gefallen daran die Kollegen auflaufen zu lassen: “…ich hab’ die dann nur so angeguckt und ganz ernst gesagt: Bitte nicht in dem Ton.“ Sie durchschaut die Strukturen im Lehrerkollegium „Herr X ist der Taschenträger und Herr Y die rechte Hand von Frau Z.“ Sie bewundert die konsequenten Kollegen „…die entschuldigt das Fehlen nur mit Attest, und zwar VOM ERSTEN TAG an.“ Sie geht souverän mit den neuen Anforderungen um: „…klar kann ich Chemie unterrichten, dass lese ich mir im Bus an.“ Und sie hat auch keine falsche Ehrfurcht vor Autoritäten „…bei dieser Fortbildung…die war ja eigentlich nur für Schulleiter…alles Idioten und auch noch schlecht angezogen.“ Und sie wüsste auch genau was sie mit ihrer Gehaltserhöhung anfangen würde. „Guck, guck, das ist genau der Wagen, den Frau Fischer fährt. Ein Jaguar, is’ der nicht geil?“

Leider passieren ihr im Alltag dann doch immer wieder kleine Fauxpax(s), die ihre Führungsqualitäten in Frage stellen. Sie lässt sich vom stellvertretendem Schulleiter dabei erwischen, wie sie Leitz-Ordner aus dem Materialschrank „ausleiht“, sie macht ihre Pausenaufsichten etwas zu leger „Frau Dienstag, der Sven hatte ein Feuerzeug und sie stehen direkt daneben.“ Und letztendlich liebt sie den Schülerkontakt und das Unterrichten doch noch zu sehr „Dieses Energieprojekt war gaaaaanz toll. Die haben alle soooo schön gemalt und die Sachen ausgeschnitten, war super gewesen.“ Aber irgendwann wird sie noch Schulleiterin. Einer sehr kleinen Schule. Frau Dienstag schwört auf niedrige Klassenfrequenzen. „..in dem Kurs sind ja nur sechs Leute und wenn die krank sind, dann schließe ich mich ein und räume auf. Muss ja auch mal sein.“ An ihrer Schule gibt es mehr Lehrer als Schüler „…na ja, wir waren zum Glück zu zweit. Waren ja auch acht Schüler da.“

Bei Frau Dienstag kann ich immer jammern und mich bedauern lassen „Du Arme, 28 Siebtklässler, ganz alleine und dann auch noch Linolschnitt…“

Frau Dienstag kennt alle meine Schüler und mein gesamtes Lehrerkollegium, dass erleichtert die Analyse sehr „Also Frau B. war die mit dem Teddypulli, die mit dem Mann, der nach England abgehauen ist und die nicht weiß, wo sie im Sommer ihre vier Katzen unterbringen soll…“, „Vergiss’ doch Herrn P. der hat doch sowieso nichts drauf.“

Obwohl wir an verschiedenen Schulen arbeiten denke ich vormittags oft an Frau Dienstag oder Frl Krise. „Hätte ich eben nicht lieber das und das sagen sollen? Was kann ich eigentlich machen, wenn der Schüler immer so und so ist? Wie kann ich denn denen das und das beibringen? Ach, ich rufe einfach Frau Dienstag an oder frag’ Frl. Krise. „Frau Dienstag, du glaubst nicht was heute bei uns passiert ist…Frl. Krise, sag’ doch mal was ich machen soll, die sind immer so…“

Und das Verrückte ist, die beiden wissen immer eine Lösung. Unglaublich! Ohne sie würde ich nicht nur im Lehrerzimmer vor mich hinmurmeln, extrem zu- oder abnehmen, mich in den Schlaf weinen oder gar nicht mehr schlafen, ich bin mir sicher, ich säße schon im Allgäu in eine Decke gewickelt auf der Terrasse einer teuren Burnout-Klinik.

Also, vielen Dank an euch! Ich hoffe ihr bleibt mir bis zur Rente.

Schulfremde

Heute waren wieder Schulfremde in der Schule. Also Leute, die keine Lehrer sind, aber trotzdem irgendwie in der Schule arbeiten wollen. Gerne sind das nicht so ganz erfolgreiche Künstler, besonders engagierte Eltern, oder Schulflüchtige – Menschen, die mal Lehrer werden wollten und dann doch nicht Lehrer geworden sind. Jedenfalls tummeln diese Leute sich gerne in unseren Schulen und bringen mitunter unseren gewohnten Trott durcheinander. Man nennt sie auch die Dritten.

Die Schüler sind die Ersten – die Milchzähne – erst schön und weiß, dann Karies und Ausfall, dann kommen neue. Lehrer, sind die Zweiten. Fest, robust, meist langlebig, müssen viel aushalten, mal bricht ’ne Ecke ab, manche werden gelb, bekommen Löcher, müssen gefüllt oder operiert werden, andere fallen einfach aus. Und dann kommen die Dritten. Strahlend, perfekte Imitationen der Zweiten, aber eben doch keine echten Zweiten, sondern nur künstliche Staffage. Man benutzt sie zwar, aber abends nimmt man sie raus, säubert sie und steckt sie über Nacht in ein Wasserglas. Die Zweiten werden nie raus genommen und gepflegt, die bleiben immer drin und die müssen immer ran.

Diese Dritten erkennt man sofort. Sie sind irgendwie ganz anders als wir Lehrer. Der größte Unterschied: Sie sind immer voll positiv drauf. Sie habe immer viel zu erzählen, meistens haben sie wahnsinnige Projekte, die sie mit unseren Schülern machen wollen. „Und meinst du das wäre möglich, wegen Gender und so, diese Doku über lesbischen Sex zu sehen?“ Ich: “Klar, …vielleicht nicht mit der Siebten, aber mit der Achten…sicher…“ Sie sind sehr interessiert; geradezu neugierig und voll offen. „Ach, und du würdest dich also als Gangsta bezeichnen.“ „Ach und du rappst, spannend, kann ich das mal hören? Und dieses Gangbang…erzähl mal…“ Sie lieben es, einfach mal mit in den Unterricht zu kommen „ach, kann ich einfach mal mitkommen? Geht das?“ und dort kann man sie dann – je nach Lust und Laune – mit ein paar Sprüchen und ein wenig Unterricht voll begeistern oder extrem schockieren.

Eines haben sie allerdings nicht. Sie haben kein Timing. Sie bewegen sich sehr langsam. Das mit den Pausen kapieren sie nie und versuch’ mal einem Dritten die Anfangszeiten der Schulstunden bei zu bringen. Einen ganzen Schultag einen Dritten an der Backe zu haben schlaucht total. „Ach, hat es schon geklingelt? Geht es jetzt gleich weiter? Ich wollt’ noch mal aufs Klo…“ Sie schleichen dir hinterher und wollen alles sofort erklärt bekommen: „Und wie läuft das hier mit dem blah blah blah und der blah blah blah…“

Aber vor allem sind sie heiß auf Schülerkontakt: „Ihr könnt du sagen, so alt bin ich ja noch nicht…“ (By the way, wenn du über 19 bist, bist du für die Schüler schon mit einem Bein im Grab.) Und die Schüler…die lieben diese Dritten, denn endlich hört ihnen mal jemand zu. Plötzlich sind sie voll wichtig. Sie werden beobachtet, befragt und was sie sagen wird sogar notiert. Manche Schüler, spielen sich auf, als wären sie Superstars, wenn Schulfremde da sind. „Wir können das Interview ja auch in der nächsten Stunde weiterführen, da hab’ ich bloss Mathe, is’ nicht so wichtig.“

Aber wehe die Schulfremden wollen mit den Schülern arbeiten. Wenn die Dritten von ihnen auch nur das kleinste bisschen Einsatz verlangen, dann hört man schnell: „Kommt heute die Frau wieder? Is’ scheiße mit der Frau. Die Frau soll nicht mehr kommen.“ Und plötzlich ist der stinknormale Unterricht bei Frau Freitag doch nicht so schlimm.

Liebe Dritten, für diesen Stimmungswechsel, den ihr bei den Schülern auslöst, bin ich euch sehr dankbar. Aber um eines bitte ich euch trotzdem: Mir ist schon klar, dass ihr uns Lehrer zum größten Teil doof findet. Zu autoritär, unkreativ und ungerecht. Aber bitte, bitte, urteilt nicht so schnell! Denkt nicht immer beim Hintensitzen sofort: „Na, das könnte ich alles besser.“ Stellt euch erstmal vorne hin und macht was. Hinten sitzen ist leicht. Aber wir stehen jeden Tag, Stunde um Stunde, Jahr für Jahr da vorne und zwar nicht nur für ein schönes, tolles Superprojekt, für das wir zigtausend Euro in den Arsch geblasen bekommen und mit dem wir uns dann selbstverliebt in der Öffentlichkeit präsentieren, bevor man uns dann wieder ins Wasserglas legt.

Das stimmt aber nicht!

Mein Freund sagt: „Wenn man alle deine Einträge liest, könnte man denken du bist zynisch, gleichgültig, abgeklärt, hoffnungslos, ohne Ideale und vor allem ohne Perspektive.“ Aber das stimmt gar nicht! Ich liebe meinen Beruf wirklich!

Und Frau Wolff denkt meine Schüler würden unter mir leiden, wie ich unter dem Referendariat. Auch das stimmt nicht. Aber wie soll ich das hier glaubhaft vermitteln?  Vielleicht mit einem Perspektivwechsel.

Montagmorgen 7.45 Uhr zwei Schüler meiner Klasse treffen sich an der Bushaltestelle. Der Bus hat Verspätung. Nennen wir sie Peter und Sabine. Sabine zu Peter: “Scheiße, der Bus hat Verspätung, jetzt kommen wir zu spät zu Englisch.“

Peter: “Is’ doch egal, wir haben doch bei Frau Freitag.“

Sabine: „Stimmt, die sagt ja eh’ nix. Hast du die Hausaufgaben gemacht?“

Peter: „Welche Hausaufgaben?“

Sabine: „Ich glaube wir sollte so einen Text lesen. Aber ich weiß gar nicht wo der ist. Und irgendwelche Fragen beantworten…oder sollten wir nur die unregelmäßigen Verben unterstreichen? Ah, endlich, da kommt der Bus.“

Zweite Stunde. Hof. Zwei Zehntklässler (sagen wir mal Babsi und Michael) auf dem Weg in die Cafeteria. Es ist kurz vor der vierten Stunde.

Michael: „Was ham wir jetzt?“

Babsi: „Kunst.“

Michael: „Gehst du hin?“

Babsi: „Nee, is’ doch nur bei Frau Freitag, ich sag’ ich hatte Bauchschmerzen. Die entschuldigt doch sowieso alles.“

Michael: „Ja stimmt.“

Kurz vor der Mittagspause:  Zwei Neuntklässlerinnen kommen an meinem Klassenraum vorbei. Ich führe gerade ein sehr pädagogisches Gespräch mit einer Schülerin deren Freundin schwanger ist und deren Freund sie zu einem Schwangerschaftsabbruch überreden möchte.

Die vorbeikommenden Mädchen: „Frau Freitag, können wir noch mal ihre Filzer ausleihen, wir haben gleich Kunst und die gibt heute Noten und ich hab’ meine heute vergessen und eine Schwere und zwei Kleber brauchen wir auch noch.“

Ich: “Hier, aber bitte wiederbringen.“

Okay, so oder so ähnlich sehen meine Vormittage aus. Ich höre schon den Vorwurf: „Ja, mit Laissez faire und Schülerschleimerei versucht sie sich jetzt aus der Affäre zu ziehen. Inkonsequent ist sie auch noch, verfolgt das Zuspätkommen und das Schwänzen ihrer Schüler nicht ordnungsgemäß…“ Aber das tue ich! Ich schreibe mir die Finger wund (Elternbriefe, Schulversäumnisanzeigen, Aktenotizen…), quassle mir den Mund fusselig „Das mit dem Schwänzen muss aufhören! Ihr wart schon wieder zu spät bei Mathe…“. Aber was soll ich sagen: Es nützt nichts.

Allerdings ist mir eines immer bewusst, nämlich, dass die Schüler einen Großteil ihrer Jugend in der Schule verbringen. Und wir sind nicht nur dafür verantwortlich sind, dass sie etwas lernen, sondern auch, diese Zeit so zu gestalten, dass sie sich gerne daran zurückerinnern.

Berufskleidung

Ach, mir ist doch noch was eingefallen…

Warum können wir eigentlich unsere Berufskleidung nicht steuerlich geltend machen? Ich habe ja, wie wahrscheinlich jeder Lehrer, meine Schulklamotten und meine Privatkleidung. Privat so ganz leger. Aber in der Schule – da bin ich ja Lehrerin und da darf nix auf den T-Shirts stehen. Bei Frau Dienstag kam mal ein Kollege mit einem „Böhse Onkelz“ T-Shirt in die Schule. Finde ich persönlich unpassend.

Liebe Junglehrer, Aufdrucke wie: „Wählt die CDU – jetzt!“, „Motörhead fetzt“, aber auch „Ökostrom – die bessere Alternative, auch wenn’s Atomstrom ist“ gehören eher in die Kategorie – privat. Kauft euch uni – also einfarbige T-Shirts für das Unterrichten. Nicht zu eng und nicht zu weit ausgeschnitten. Und Achtung, die ganz billigen halten dem Angstschweiß, den man bei Vertretungsstunden entwickelt nicht lange stand. Die kippen dann um und fangen an zu stinken. Da hilft nur wegschmeißen und neue kaufen. Also gleich ein paar Euros mehr investieren. Liebe Junglehrerinnen, BH nicht vergessen!

Frau Dienstag schwört auf Blusen. Vorne zugeköpft ist gar nicht schlecht, denn man darf nicht vergessen, dass – vor allem beim Frontalunterricht – ja allen Blicken ausgeliefert ist. Und auch wenn die Schüler nicht zuhören, oder mitmachen, eines tun sie ganz sicher – sie werden dich von oben bis unten mustern. Und wenn das Hemd zu durchsichtig, oder der Pullover dreckig ist, dann weiß das gleich die ganze Schule. Apropos Pullover – liebe nicht mehr ganz so junge Lehrerinnen, bitte keine Pullover mit Teddybär-Aplikationen tragen!

Meine Idealvorstellung vom perfekten Lehreroutfit wäre eine hautenge Art Rüstung, wie ein Korsett aus irgendeinem tragbaren Metall. Könnte so geschnitten sein wie eine Stewardessenuniform, in dunkelgrau und da müssten so Stäbe drin sein, die einen aufrichten, damit man ganz gerade steht. Habe ich aber noch nicht gefunden und so begnüge ich mich mit den spießigsten Kostümchen, die ich in den Damenoberbekleidungsabteilungen der Kaufhäuser finde. Ich habe mir sogar extra eine Brille mit Fensterglas gekauft, damit ich lehrerinnenmäßiger aussehe. Und trotzdem fragte mich letztes Jahr ein Schüler, ob ich eine Praktikantin bin. Haare unbedingt hochstecken, am besten Dutt. Und die Schuhe nicht zu flach, die Schüler müssen dich an dem Klackern deiner Absätze erkennen.

Und die Herren…was ist los mit euch Lehrern? Warum seid ihr so schlecht angezogen? Meint ihr, den Schülern fällt nicht auf, dass ihr nur zwei labbrige Cordhosen besitzt? Mehrere Tage das gleiche Hemd tragt und eure braunen Lederslipper  irgendwie nicht mehr angesagt sind… Die Schule ist ein modischer Trend setzender Ort! Macht mal mit! Und was ist das eigentlich immer mit diesen  speckigen Schweinsledertaschen…?

Opferlehrer

Wenn man anfängt Lehrer zu werden, fängt man ganz unten an.  Man denkt, nun habe ich die harte Zeit des Referendariats hinter mich gebracht und jetzt wird alles besser. Aber nichts da!

Die erste Position, die man als neuer Lehrer an jeder Schule einnimmt, ist Opferlehrer.

Opferlehrer sind Opfer, in jeder Klasse und in jedem Unterricht. Es wird erstmal auch nicht besser, sondern eher schlimmer. Man denkt man unterrichtet, aber eigentlich wird man geopfert. Das Schlimme ist, man kann sich auch niemandem anvertrauen, denn man will ja an der neuen Schule nicht als Loser dastehen. Man will ja vermitteln, dass man alles im Griff hat, denn bei der Einstellung hat man doch noch großspurig gesagt, dass Chemie fachfremd und Ethik achte Klasse gar kein Problem seien. Und dann steht man da und leidet. Und da kommt einem der überproportional ausgeprägte Hang zum Masochismus, den jeder Lehrer in sich trägt zugute.

Du bist neu an einer Schule, frischgebackener Lehrer/Lehrerin und kommst in eine neunte Klasse. Im Lehrerzimmer tuschelt man hinter deinem Rücken, als du erzählst, dass du jetzt in der 9b hast. Du stellst dich vor, keiner hört zu, oder auch möglich – alle wiederholen was du sagst – die ganze Stunde lang, jedes einzelne Wort. Du drehst dich an die Tafel – ungünstig, wenn du hinten keine Augen hast – wirst beworfen. Drehst dich zur Klasse, keiner war’s. Zurück zur Tafel, wieder wirst du beworfen. Dieses Spiel spielst du 45 Minuten, gehst dann mit hochrotem Kopf ins Lehrerzimmer und sagst „Ja, war okay.“. Das geht jede Stunde so – nur die Wurfgeschosse ändern sich. Abends weinst du. Frau Dienstag wurde mit Plastikflaschen beworfen. Ich nur mit Papierkugeln, Bleistiften und diesen Teilen zur Wasserspeicherung aus den Blumentöpfen. In der Schule erzählst du niemandem davon. Zu Hause will es nach einigen Wochen auch niemand mehr hören. Du verlierst Gewicht.

Ich gehe mal davon aus, dass klar ist, dass du den Schülern in deinen Stunden überhaupt nichts beibringst. Denn Opferlehrer tun zwar in jeder Stunde so, als unterrichteten sie, aber in diesen Stunden unterrichten nur die Schüler. Bist du es gelernt hast: Du bist der Opferlehrer! Nach dem Bewerfen kommt die Phase des miesen Fertigmachens. Hast du einen ungünstigen Nachnamen, wirst du damit verarscht. Erfahren die Schüler deinen Vornamen, vergessen sie deinen Nachnamen. Hast du körperliche Eigenarten, unverwechselbare Kennzeichen oder siehst irgendwie anders, als normal aus – zu dünn, zu dick, zu klein, zu groß…- dann ist klar, dass die Schüler dich damit aufziehen. Bist du normal, dann denken sie sich Gemeinheiten aus: „Sie haben Ratten in der Unterhose“ „Ihre Haare sehen aus, wie bei einem Eisbären unten rum“ oder „Sind ihre Klamotten vom Müll?“ Wochen vergehen.

Und plötzlich stellst du fest, dass die Schüler doch etwas gelernt haben. Nämlich: Dass sie bei dir machen können was sie wollen. Im ersten Berufsjahr von Frau Dienstag durchbohrt Michael T. mit dem Kartenständer die Decke, reisst die Heizungsrohre aus der Wand und tritt den Wasserhahn ab. Bei mir schlägt ein Schüler mit der Faust die Fensterscheibe kaputt. Bei Frau Dienstag rauchen Siebtklässler im Unterricht. Frau Dienstag sieht sich nach Monaten bei C&A im Spiegel „Ich sah aus wie ein Junkie“.

Du fragst dich jetzt, „Und was kann ich dagegen tun?“ Da gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder du gewöhnst dich langsam daran, bis es nicht mehr weh tut oder du wehrst dich und zwar mit jeder einzelnen Faser deiner Person.