Wie privat darf’s denn sein?

Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps, sagt man doch so schön. Aber was ist mit Schnaps im Dienst?

In der Vorweihnachts- sowie in der Schuljahresendzeit häufen sich ja die Feierlichkeiten in Schule. Da wird geplant, gesammelt, mitgebracht, aufgebaut, gegrillt, gegessen, gequatscht und gesoffen.

Den Aufbau übernimmt immer die gleiche Person: Die Seele des Lehrerzimmers. Man soll ihr schon irgendwie helfen, aber nicht zu viel, denn die Verantwortung will die Person auf keinen Fall abgeben. Passt man nicht auf, wird man dann mit niederen Arbeiten überschüttet: Tische schleppen, Gläser spülen, Gabeln aus dem anderen Gebäude holen usw. Wie das Kind wirst du von der Ober-Mutti oder dem Ober-Vati (es sind meiner Meinung nach öfter Frauen) herumgeschickt „Deck’ doch schon mal die Tische ein, Frau Freitag! Kannst du noch mal zum Hausmeister, wir brauchen noch einen Dreifachstecker. Geh doch schnell mal einen Korkenzieher suchen!“ Wenn die Verantwortliche dann von der Schulleitung vor dem versammelten Kollegium gelobt wird, dann tut diese Person ganz bescheiden „…ach, lasst doch, das ist mir jetzt aber peinlich…“

Es sind immer die gleichen Leute die helfen und es gehen immer die gleichen zuerst nach Hause. Ich habe die Schonlehrer oft essen, aber nie aufräumen sehen. Ich mache immer irgendwie mit aber gelobt wurde ich noch nie.

Nach dem Essen geht dann die Sauferei los. „Komm’ nimm noch mal ein Schluck. Wir haben noch gar nicht angestoßen. Dein Glas ist ja leer! Auf einem Bein kann man nicht stehen. Los, noch einen Absacker…“ Und dann wird völlig losgelöst abgesackt. Und hier nun meine Fragen: Wie tief darf denn gesackt werden? Und wer bunkert diesen unerschöpfliche Schnapsvorrat, in den verschiedenen Fachbereichen? „Hier ist noch ein Fläschchen!“ „Ich hab’ hier noch was ganz Feines!“ „Komm’, die Buttel hauen wir noch weg. Was weg muss, muss weg.“

Je später der Abend, umso schwieriger wird es für mich, mich dem Mitmachzwang der harten Hunde zu entziehen und mir irgendwann gehen mir die Abstinenz Gründe aus. „Frau Freitag, bist du schwanger? Oder warum trinkst du Cola?“ Sie werden dann ganz kuschelig und wollen dich unbedingt auf ihren Ausgelassenheitspegel bringen. Ich fülle mich stets mit Cola, Sprite und Apfelschorle ab. Unter ihrem Alkohol-Einfluss werde ich zu „unsere Kleine“, „…ach, die Frau Freitag, die hat’s auch nicht leicht, die nimmt sich alles immer so zu Herzen…“

Ich mache bei diesen Gelangen nie mit. Keine Lust auf Verbrüderung, Privatheit und die späteren „Weißt du noch, bei der Weihnachtsfeier- Storys? Na, Frau Soundso war ja ganz schön dicht. Wie ist denn Herr Blahblahblah nach Hause gekommen?“ Wie kommen manche Kollegen dazu sich bei Betriebsfeiern so dermaßen gehen zu lassen? Haben die keine Freunde, mit denen sie es sich mal so richtig geben können?

Allerdings muss ich zugeben, dass die Feiern ohne die besoffenen Hunde ganz schön langweilig wären, denn es ist herrlich, den Niveauverfall zu beobachten. Man muss aber unbedingt den perfekten „Ich geh’ jetzt.“ Moment finden. Der liegt kurz vor dem Aufräumen. Und kurz nachdem sich der harte Hund dazu hinreißen ließ, mal so richtig über die Kollegen abzulästern. Mit glasigem Blick sitzt er oder sie dann in sich zusammengesunken am Tisch: „Allllso, die Frau Soundso…na die isss’ doch auch ein wenig…“ Wenn du Pech hast, erwischen sie dich, legen ihren schweren Arm um dich und lallen dir ins Ohr „Suers als ich dich sah dachtisch du biss aber auch dooof…aba jesss bisss du doch eine ganzzzz lieebe Pessssonn…“ Nicken, nett grinsen und dann nichts wie weg.

Das sind mir die Richtigen, den ganzen Abend laut grölend Scheiße labern und eine Woche später eine Klassenkonferenz ansetzen, weil ein Schüler hinterm Haus geraucht hat.

Von wegen Kollegen…

Die Heterogenität der Lehrerkollegien ist eine Sache für sich. Da hat man eine Schule, mit einer recht homogenen Schülerschaft und dann diese vielen sehr unterschiedlichen Kollegen.

Die unterschiedlichen Einstellungen kommen gerade bei so Themen wie Versetzung, oder doch nicht Versetzung deutlich zutage. Hat eigentlich jedes Kollegium die gleichen Lehrertypen? Sind an jeder Schule alle Variationen unserer Spezies vertreten?

Garantiert gibt es überall die antiquierte Ausgabe des Lehrmeisters, den Pauker, den „harten Hund“. Den kennen wir alle aus unserer eigenen Schulzeit und ich treffe diesen Typ in jeder Schule wieder. Der harte Hund lässt sich auf gar nichts ein. Er ist gefestigt in seinen Prinzipien, genießt bei der Schulleitung  großes Ansehen und ist davon überzeugt, dass sein System das einzig Wahre ist. Ihn gibt es nicht nur als Mann, auch Frauen können der harte Hund sein.

Gerne schildert er im Lehrerzimmer „wie man es macht“. Eine neue Klasse – kein Problem, die wird erstmal drei Tage lang so zusammengebrüllt, bis sie alle weinen und sich eingeschüchtert die nächsten sechs Jahre durch Augenbrauenmimik dirigieren  lassen.

Soziales Lernen, demokratische Strukturen und Evaluation sind für den harten Hund „so ’n Schnullie-Kram“ mit dem er sich nicht abgibt. Er ist von seiner Alleinherrschaft überzeugt. In Klassen von dieser Art Diktator-Lehrern haben es Kollegen schwer, die anders sind, in seinen Augen „weicheieriger“. Die Schüler drehen durch, wenn sie plötzlich mit milderem Auftreten konfrontiert werden. Der harte Hund weiß:  na, der oder die haben es einfach nicht drauf. Denn sein eigenes System wird ja, wie gesagt nie von ihm angezweifelt.

Schüler fürchten diesen Lehrertyp und verwechseln deshalb Angst mit Respekt. Oft hört man von ihnen „Der ist zwar voll streng, aber wir haben viel von ihm/ihr gelernt.“

Klar, beim harten Hund ist jede Klasse erstmal ruhig. Unterrichtsstörungen kommen so gut wie nie vor. Traut sich ja auch niemand. Aber nur weil es ruhig ist, heißt das nicht automatisch, dass jeder viel lernt. Methodisch und pädagogisch bewegt sich der hier beschriebene Lehrertyp nämlich nicht nur im Mittelalter, sondern gerne auch im gefährlichen Sumpfgebiet der gesetzlichen Grauzone: Demütigungen, Beleidigungen und teilweise auch Gewalt gehören zu seinem täglichen Repertoire. Bestraft wird er allerdings nie.

Der Kollege harter Hund kotzt mich in seiner Selbstherrlichkeit an. Nie will er mal was Neues hören, geschweige denn lernen. Weiterbildung? Wozu? Teamarbeit? Was soll das sein? Kritik? Wieso? Bei mir läuft’s doch. Nicht nur in meiner eigenen Schulzeit, auch heute ecke ich immer noch an, wenn mir dieser Lehrertyp begegnet. Sie sagen immer das gleiche und in jedem Statement versteckt sich Kritik an dem Gegenüber:

„Wenn es nicht leise ist, fang ich gar nicht erst an.“

„Echt, das hat der gemacht, das traut der sich bei mir nicht.“

„Den hab’ ich so gegrillt, der hat nicht mehr gezuckt.“

Da wird „auf den Topf gesetzt“, „gar nicht lange gefackelt“,“ kurzer Prozess gemacht“, „erstmal ganz hart durchgegriffen“ und grundsätzlich „gesagt wo es langgeht“, ständig werden „jetzt aber mal ganz andere Töne angeschlagen“ oder „die Daumenschrauben angelegt“.

Andere Lehrertypen werden verunsichert oder belächelt. Harte Hunde sonnen sich in ihrem schlechten Ruf. Schüler fürchte, hassen oder verehren sie. Kollegen ärgern sich über sie, trauen sich aber auch nicht sie zu kritisieren.

Ich finde, sie gehören ins Museum, oder nach Frankreich. Bei der nächsten Schulinspektion sollten sie entdeckt und suspendiert werden. „In fast 70 Jahren nichts dazugelernt, Klassenziel nicht erreicht, dieser Lehrer wird leider nicht in die nächst höhere Klassenstufe versetzt.“

Armer harter Hund, bleib’ einfach sitzen, aber bitte zu Hause.

Zensuren

Wann sind eigentlich Ferien? Ich blicke gar nicht mehr durch. Sollte jetzt nicht bald die Zeit der Filme und Hof beginnen? Eisessen, Schränke ausmisten, Hitzefrei, Kurzstunden, Tische schrubben und mit drei immer noch artig kommenden Zehntklässlerinnen Kunstarbeiten aufhängen…

Ach, aber vorher kommt ja noch die schöne Zeit der Zensurenmacherei und der Zeugniskonferenzen. „Bitte, ich brauch’ nur noch den einen Punkt. Sonst fehlt mir nichts mehr nur der eine Punkt bei Ihnen.“ „Wie jetzt ist es zu spät für ein Referat? Kann ich nicht noch einen Vortrag oder ein Plakat oder so…aber ich brauche doch unbedingt eine Vier…“

„Ach Frau Freitag kannste der Rebecca nicht noch zwei Punkte geben, die ist doch immer da gewesen und die braucht doch den Abschluss.“ „Kann ich dir die Noten nächsten Montag geben? Ich muss heute noch einen Arbeit schreiben…“ „Wie die Zensuren werden zusammen gerechnet? Das erste und das zweite Halbjahr? Echt? Seit wann denn das?“

Kurz vor den Ferien kommen komischerweise auch immer die Dauerschwänzer, Schüler, die man nur von der Kursliste kennt und noch nie gesehen hat. Scheint irgendwie, dass sie sich erst nach den Konferenzen in die Schule wagen, wenn der Druck weg ist. Wenigstens fragen die nicht nach besseren Noten.

Ich sehe mich schon stundenlang am Schreibtisch sitzen und rechnen. Ich habe die Angewohnheit, jede einzelne Zensur aus tausend Kleinstnoten, die ich für alles Mögliche gegeben habe zusammenzurechnen. Ganz am Anfang meiner Karriere  kam es vor, dass ich am Ende eines Schuljahres zu wenige Zensuren hatte und jetzt gibt es bei mir pro Stunde mindestens eine, meistens aber wesentlich mehr Noten zu ergattern. Die mache ich im Bus.

„War super, unglaublich, noch nie gesehen.“ = 1; „War auch super und toll, aber du hast Pech, dass der soundso in deinem Kurs ist und der ist besser.“ = 2; „Ach was soll sein, du bemühst dich, bist immer pünktlich und nett und manchmal sagst du auch was Richtiges“ = 3; „Tut mir leid, aber von dem Fach hast du ja so gar keine Peilung, aber wenn ich dir jetzt ne Fünf gebe, muss ich am Ende noch Förderpläne schreiben, oder noch schlimmer – du bleibst sitzen und kommst dann in meine Klasse, das muss verhindert werden.“ = 4; „Keine Ahnung haben und dann auch noch frech werden. Ständig zu spät, ohne Arbeitsmaterial und immer störende Bemerkungen, alles Schriftliche ein Griff ins Klo und auch noch eine total schlechte Handschrift und die Blätter grundsätzlich zerknittert.“ = 5; „Stand zwar auf meiner Kursliste, kam aber nie, oder kam ab und zu und hat es dann gewagt sich richtig doll mit mir anzulegen.“= 6.

Ich bin ja Schülerschleimer, ich gebe eigentlich keine Sechsen, nur den Karteileichen. Wer nett lächelt bekommt bei mir schon eine Vier. Wer dazu noch gut aussieht und mir Komplimente macht, der kann sich schon über eine Drei freuen. So einfach ist das.

Sie sollen jubeln…

Ich treffe immer mehr junge Referendare. Auch die lustige Spezies ‚Männer für die Grundschule’. Da entfährt mir unweigerlich immer ein: „Süüüß, toll, dass du in die Grundschule willst. Die werden dich lieben.“

In den Grundschulen kann man ja schon par Geschlecht punkten.

In den Oberschulen musst du noch ein wenig mehr drauf haben, als nur Mann sein. Allerdings hilft Mann sein dort auch. Meine These ist – Männer haben es an den Schulen sowieso leichter als Frauen.  Okay, wir Lehrerinnen haben jetzt nicht so das Problem mit „Herr Blahblahblah guckt uns irgendwie immer so komisch an…“  Ich kann gucken soviel ich will, ohne, dass jemand was sagt. Und auch für uns gibt’s in den Schulen jede Menge zu sehen.

Gut haben es allerdings die Lehrer, die richtig was können. Unterrichten ist ja nun nicht so eine Fähigkeit, mit der man bei den Schülern besonders viel Eindruck hinterlässt. Selten höre ich „Boah, Frau Freitag, kennst du die? Die unterrichtet echt geil!“ „Ja, vallah, ich schwör´ das macht die echt Hammer.“ Und dass ein Schüler bei einem Kollegen neulich im Unterricht onanierte, lag wohl auch nicht an dessen toller Geschichtsstunde.

Ja, ich gebe es offen zu, ich würde die Schüler gerne mal so richtig beeindrucken. Sie sollen sprachlos, mit offenem Mund dasitzen – „Hast du das gesehen?“. Ich will Applaus und Zugaberufe. „Mach noch mal Frau Freitag, noch mal, noch mal, noch mal!!“

Frl. Krise träumt seit Jahren davon, mit einem Flick Flack in die Klasse zu kommen und direkt auf ihrem Stuhl zu landen. Ich antizipiere den Salto rückwärts – unvermutet aus dem Stand. Zaubern können wäre auch schon gut. Unvermittelt die Kreide aus ungewaschenen Schülerohren ziehen, oder freestylen – die ganze Stunde, den Lehrervortrag, die Aufgabenstellung, jeder Impuls wird gerappt. Ich kann nicht mal Gitarre spielen oder realistisch zeichnen (könnte ich zeichnen, wäre ich doch nicht Kunstlehrerin geworden). Der Klassiker zum Schülerbeeindrucken ist natürlich Karate. Mit der Harley vorfahren wäre auch okay. Ich wittere jedes Mal, wenn mir auf dem Hof der Fußball vor die Füße rollt meine große Chance und ernte dann doch immer nur Gelächter, bei dem Versuch möglichst brasilianisch zurück zu schießen. Ich habe es mit Breakdance versucht – auch da bin ich kläglich

gescheitert und erntete auf dem Schulfest nur Mitleid.

Ah, da fällt mir ein, eine Sache kann ich ganz gut. Durch jahrelanges Trainieren bestimmter Brustmuskeln (Gastronomiejobs) und einer besonderen Hebeltechnik, bin ich ganz gut im Armdrücken. Geht mir ein Schüler im Unterricht sehr auf den Geist, sage ich ihm, er solle nach der Stunde noch mal kurz bleiben. Er erwartet das berühmte pädagogische Gespräch, und ist dann durch mein „Okay, jetzt zeig’ mal was du drauf hast“, entsprechend  überrascht. Meistens endet es unentschieden, aber ein paar schwächliche Großmaul-Schüler habe ich auch schon besiegt. Das spricht sich natürlich rum. Kleiner Tipp: Man schafft kräftemäßig immer nur einen Schüler, also das „ich auch, ich auch“ souverän an dir abprallen lassen.

Frl. Krise kann mit der linken Hand vom Lehrerpult Sachen in den Papierkorb werfen und treffen. „Musste mal üben, macht auch Spaß.“ Ich sehe es ein, man muss klein anfangen, aber heimlich träume ich immer noch vom Salto.

Die Schüler haben es gut, ich wäre schon beeindruckt, wenn sie einen eigenen Bleistift dabeihätten oder für die Vokabeltests üben würden.

Aber das ist so illusorisch, wie der Flick-Flack von Frl. Krise.

(Nicht vergessen, heute 20.15 die Superlehrer – Sat1…ich bin sehr gespannt…)

Schulfremde

Heute waren wieder Schulfremde in der Schule. Also Leute, die keine Lehrer sind, aber trotzdem irgendwie in der Schule arbeiten wollen. Gerne sind das nicht so ganz erfolgreiche Künstler, besonders engagierte Eltern, oder Schulflüchtige – Menschen, die mal Lehrer werden wollten und dann doch nicht Lehrer geworden sind. Jedenfalls tummeln diese Leute sich gerne in unseren Schulen und bringen mitunter unseren gewohnten Trott durcheinander. Man nennt sie auch die Dritten.

Die Schüler sind die Ersten – die Milchzähne – erst schön und weiß, dann Karies und Ausfall, dann kommen neue. Lehrer, sind die Zweiten. Fest, robust, meist langlebig, müssen viel aushalten, mal bricht ’ne Ecke ab, manche werden gelb, bekommen Löcher, müssen gefüllt oder operiert werden, andere fallen einfach aus. Und dann kommen die Dritten. Strahlend, perfekte Imitationen der Zweiten, aber eben doch keine echten Zweiten, sondern nur künstliche Staffage. Man benutzt sie zwar, aber abends nimmt man sie raus, säubert sie und steckt sie über Nacht in ein Wasserglas. Die Zweiten werden nie raus genommen und gepflegt, die bleiben immer drin und die müssen immer ran.

Diese Dritten erkennt man sofort. Sie sind irgendwie ganz anders als wir Lehrer. Der größte Unterschied: Sie sind immer voll positiv drauf. Sie habe immer viel zu erzählen, meistens haben sie wahnsinnige Projekte, die sie mit unseren Schülern machen wollen. „Und meinst du das wäre möglich, wegen Gender und so, diese Doku über lesbischen Sex zu sehen?“ Ich: “Klar, …vielleicht nicht mit der Siebten, aber mit der Achten…sicher…“ Sie sind sehr interessiert; geradezu neugierig und voll offen. „Ach, und du würdest dich also als Gangsta bezeichnen.“ „Ach und du rappst, spannend, kann ich das mal hören? Und dieses Gangbang…erzähl mal…“ Sie lieben es, einfach mal mit in den Unterricht zu kommen „ach, kann ich einfach mal mitkommen? Geht das?“ und dort kann man sie dann – je nach Lust und Laune – mit ein paar Sprüchen und ein wenig Unterricht voll begeistern oder extrem schockieren.

Eines haben sie allerdings nicht. Sie haben kein Timing. Sie bewegen sich sehr langsam. Das mit den Pausen kapieren sie nie und versuch’ mal einem Dritten die Anfangszeiten der Schulstunden bei zu bringen. Einen ganzen Schultag einen Dritten an der Backe zu haben schlaucht total. „Ach, hat es schon geklingelt? Geht es jetzt gleich weiter? Ich wollt’ noch mal aufs Klo…“ Sie schleichen dir hinterher und wollen alles sofort erklärt bekommen: „Und wie läuft das hier mit dem blah blah blah und der blah blah blah…“

Aber vor allem sind sie heiß auf Schülerkontakt: „Ihr könnt du sagen, so alt bin ich ja noch nicht…“ (By the way, wenn du über 19 bist, bist du für die Schüler schon mit einem Bein im Grab.) Und die Schüler…die lieben diese Dritten, denn endlich hört ihnen mal jemand zu. Plötzlich sind sie voll wichtig. Sie werden beobachtet, befragt und was sie sagen wird sogar notiert. Manche Schüler, spielen sich auf, als wären sie Superstars, wenn Schulfremde da sind. „Wir können das Interview ja auch in der nächsten Stunde weiterführen, da hab’ ich bloss Mathe, is’ nicht so wichtig.“

Aber wehe die Schulfremden wollen mit den Schülern arbeiten. Wenn die Dritten von ihnen auch nur das kleinste bisschen Einsatz verlangen, dann hört man schnell: „Kommt heute die Frau wieder? Is’ scheiße mit der Frau. Die Frau soll nicht mehr kommen.“ Und plötzlich ist der stinknormale Unterricht bei Frau Freitag doch nicht so schlimm.

Liebe Dritten, für diesen Stimmungswechsel, den ihr bei den Schülern auslöst, bin ich euch sehr dankbar. Aber um eines bitte ich euch trotzdem: Mir ist schon klar, dass ihr uns Lehrer zum größten Teil doof findet. Zu autoritär, unkreativ und ungerecht. Aber bitte, bitte, urteilt nicht so schnell! Denkt nicht immer beim Hintensitzen sofort: „Na, das könnte ich alles besser.“ Stellt euch erstmal vorne hin und macht was. Hinten sitzen ist leicht. Aber wir stehen jeden Tag, Stunde um Stunde, Jahr für Jahr da vorne und zwar nicht nur für ein schönes, tolles Superprojekt, für das wir zigtausend Euro in den Arsch geblasen bekommen und mit dem wir uns dann selbstverliebt in der Öffentlichkeit präsentieren, bevor man uns dann wieder ins Wasserglas legt.

Das Lehrerzimmer

Das Lehrerzimmer.  Das ist doch in jeder Schule der schönste Ort. Als Schüler darf man dort nicht rein. Darf höchstens an der Tür stehen und irgendwelche wichtigen Dokumente reinreichen. Mit ernstem Gesicht, geben sie uns ihre Hausaufgaben, Hefter oder Atteste, als wären es Todesanzeigen: „Frau Freitag, können Sie das bitte bei Frau Blahblahblah ins Fach legen?“ Dabei lehnen sie sich möglichst weit in den Raum hinein, um dabei möglichst viel von der Leherzimmerszene mitzukriegen. Diesen, für sie verbotenen Raum, wo es von Lehrkräften nur so wimmelt, vor Lehrern und Lehrerinnen, die dort rum sitzen, vorm schwarzen Brett oder am Kopierer stehen, selbst geschmierte Pausenbrote essen, Kaffee trinken, nicht rauchen und die ganze Zeit reden und viel lachen. Auf die Schüler wirkt der Lehrer im Lehrerzimmer anders, neu, unbekannt, ja geradezu unheimlich menschlich und dadurch umso skuriler. Was geht da ab? Was machen die da? Sie sind dort irgendwie zu entspannt. Aber wovon der Schüler nichts ahnt, sind die unausgesprochenen Verhaltensregeln, im Lehrerzimmer.

Das fängt schon morgens vor der ersten Stunde an. Wer ist zuerst da? In jedem Kollegium gibt es die Sehrfrüherscheiner, die Danneintrudeler und die Aufdeletzendrückerkommer. Da ich zur ersten Fraktion gehöre, kann ich die Ankunft der anderen Gruppen immer genau verfolgen. Wir Sehrfrüherscheiner haben unsere Seht-wie-organisiert-ich-bin Routine. Die geht so: Gang zum Fach, alles rausnehmen, sofort sortieren und ein „muss ja muss ja“  Stöhnen, dann der Blick auf den Vertretungsplan. Ein geheucheltes: „Ach Frau Soundso fehlt ja immer noch. Muss ja doch was Ernsteres sein.“, dabei noch lustige Sprüche der Kollegen kommentieren, wie etwa: „Na, heute Hitzefrei?“ oder „Steh’ich nicht drauf? Na dann kann ich ja gehen…“  Diese Sprüche kommen vor allem von den Danneintrudlern, denn die geben sich betont lässig und die Sehrfrüherscheiner sind damit beschäftigt, sich zu organisieren, denn sie gehören ja automatisch zu den Ichhaballesimgrifflern. Ihre Aufgabe ist es auf die Sprüche etwas wie „Er nun wieder.“ oder „Herr Sowieso – du hier und nicht in Hollywood?“  zu erwidern. Die Danneintrudler gehen auch nicht zu ihren Fächern, sondern holen sich erst mal einen Kaffee und berichten lautstark aus ihrem spannenden Privatleben, denn sie wollen sicher gehen, dass man sie als Ichkönnteauchwasganzanderesmacher wahrnimmt. Und kurz vorm Klingeln oder auch später erscheinen die Aufdenletzendrückerkommer. Abgehetzt hechelnd stürzen sie nur durchs Lehrzimmer, um hinten wieder raus zum Unterricht zu rennen. Immer Hefter, Bücher oder sonst was im Arm, während sie alle Fragen mit: „Tut mir leid ich hab grad‘ gar keine Zeit“ abwehren. Sie haben nie Zeit, sie vermitteln einem den ganzen Tag das Gefühl, dass sie irgendwie mehr Stunden unterrichten, als man selbst. Sie klagen und jammern am meisten. Leiden ist ihr Ding. Von ihnen hört man viel über „die da oben“. Um 8.10 Uhr sind alle weg, außer ein paar Sehrfrüherscheinern, die erst zur zweiten Stunde haben und deren Bewegungen sich nun so sehr verlangsamen, dass man fast meinen könnte, sie seien erstarrt. Sie schleichen von ihrem Fach zum Kopierer, zurück zum schwarzen Brett, lesen dort alles ganz genau durch: “Das kann ich hier doch abmachen, oder? Die Gesamtkonferenz war ja schon vor zwei Wochen.“

In den Pausen füllt sich die Lehrerlounge wieder mit Leben. Und jetzt greifen die ungeschriebenen Gesetze der nicht-aber-irgendwie-doch-festgelegten Sitzordnung an den zu wenigen Tischen. Für neue Kollegen ein Spießroutenlauf, ein Fettnäpfchen-Slalom aller erster Güte. Für alle anderen ein zu Hause, ein Ort des Lebens in all seinen Facetten.

Ich liebe es dort so sehr, dass ich auch nach Unterrichtsschluss genrne noch stundenlang dort abhänge. Es ist Cafe, Club und Wohnzimmer zugleich. Ich denke ernsthaft darüber nach, mir in meiner Wohnung ein eigenes Lehrerzimmer einzurichten.