Nun mach dir mal nicht ins Hemd

So, noch drei Fahrstunden und dann habe ich die Prüfung. In einer Woche besitze ich entweder einen Führerschein – meinen Führerschein – oder bin das erste Mal durchgefallen. Noch drei Mal zu Dieter und noch drei Mal durch Tempelhof gurken.

„Jetzt ist es bald soweit“, sage ich zu Dieter, der vor der Fahrschule auf mich wartet. Zigarette und Kaffee. Wie immer. „Was ist soweit?“, fragt er.
„Na, nächsten Freitag ist doch die Prüfung.“
„Mensch Mädel, nu mach dir doch nicht ins Hemd. Ganz locker bleiben.“ Dieter hat gut reden. Für ihn ist ist das ja eine klassische Win-Win-Situation. Wenn ich die Prüfung schaffe, ist er mich los und wenn nicht, dann verdient er noch ein paar Scheine an mir. „Einmal durch die Prüfung fallen kostet soviel wie einmal Mallorca.“, sagt Dieter. Na toll.

In der Fahrschule schiebe ich meine 50 Euro über den Tresen.
„Am Montag kommt der neue Fahrlehrer.“
„Ach, hat er sich für euch entschieden? Gratuliere.“, sage ich. Der neue Fahrlehrer war schon oft ein Gesprächsthema von Dieter und mir. Er soll sehr gut aussehen und hatte sich vorgestellt, aber um eine zweiwöchige Bedenkzeit gebeten. Er soll Mike ersetzen. In meiner Vorstellung habe ich schon viele Fahrstunden bei ihm genommen. In meiner Vorstellung ist der neue Fahrlehrer nicht nur sehr gutaussehend, sondern auch unheimlich nett und einfühlsam. Mit einem strahlendem Lächeln motiviert er mich. Mit netten Worten manövriert er mich auf die Autobahn und lobt mich nach jedem geglückten Spurwechsel in den Himmel. In meiner Vorstellung sind der neue Fahrlehrer und ich schon ganz dicke.

„Dieter, ich wollte vielleicht Montag noch eine Fahrstunde nehmen. Für Mittwoch und Donnerstag habe ich schon Fahrstunden angemeldet. Aber ich dachte vielleicht wäre es gut, am Montag auch noch eine zu haben. Als wir die Termine festlegten, dachte ich noch, dass ich eine Woche verreisen würde. Von Dienstag bis Dienstag nochmal in der Sonne entspannen, dann Mittwoch, Donnerstag fahren und Freitag schön erholt in die Prüfung gehen.“

Frau Dienstags Kommentar zu diesem Plan: „Waaas, du willst noch verreisen? Warum das denn? Du machst doch jetzt den Führerschein! Du musst fahren üben und dann kaufst du dir ein Auto. Warum willst du denn jetzt nochmal weg? Nee, nee, kauf dir dann mal schön einen eigenen Wagen!“ Ich mache immer, was Frau Dienstag sagt und deshalb bin ich nicht weggefahren.

„Also Dieter, wie sieht es aus am Montag.“
„Tja, da wirst du Trauer haben. Außer du willst um sieben Uhr früh fahren.“
„Nee, will ich nicht.“
„Ansonsten ist Montag und Dienstag alles voll.“
„Dann nehme ich vielleicht eine Stunde bei Murat.“
Dieter blättert durch Murats DIN A5 Heft und schüttelt den Kopf. „Bei dem sieht es genauso aus.“

Meine Chance! Jetzt nicht zu gierig klingen. Ich warte lieber noch kurz, bevor ich frage.
Dann: „Vielleicht könnte ich bei dem Neuen eine…“
„Nee, nee, dit machen wa mal schön nicht. Wir wissen noch gar nicht, wie der unterrichtet, und nachher bringt der dir das noch ganz anders bei und du kommst dann ganz durcheinander. Nee, nee.“
Mist.

„Na okay. Aber wenn ich durchfalle, dann wechsele ich zu dem.“, sage ich.
„Wieso solltest du durchfallen? Du fällst nicht durch.“, sagt Dieter und ich denke, ich höre nicht richtig. Dieter denkt also, dass ich die Prüfung schaffen kann.

Das glaubt er aber auch nur bis ich an der Einmündung mit dem grünen Blechpfeil bei rot nicht zuerst an der Haltelinie stoppe, nicht zwei Sekunden vor dem Stoppschild warte und mit voll Karacho in der dreißiger Zone um die Ecke schieße. Da schüttelt er nur den Kopf.

„Such dir mal ’ne Parklücke.“ Das lasse ich mir nicht zweimal sagen und wähle eine sehr kleine aus.
„Mensch, Mädel, da passt du nicht rein.“, sagt Dieter.
„Doch. Ich suche die Herausforderung. Lass mich mal machen!“

Es wird doch etwas schwerer, als ich gedacht hatte. Dieter erzählt mir von irgendeiner Annegrit, die erst bei einem anderen Fahrlehrer war und immer gesagt hat, dass sie das bei dem aber so gelernt hat.
„Und ich meinte zu ihr, dit is ja alles schön und gut, aber jetzt machste mal genau, was ich dir sage. Und in der Prüfung ist sie dann schön durchgefallen.“ Ich denke, na toll, so eine Story brauche ich ja jetzt. Dabei kurbel ich nach links und wieder nach rechts. Mist immer noch zu weit vom Bordstein weg. Ich muss korrigieren. „Und dann hat sie noch drei Fahrstunden genommen und bei der Prüfung war sie wie ausgewechselt. Und hat bestanden.“

Das klingt jetzt allerdings wieder interessant. Welche Geheimwaffe hatte diese Annegrit?
„Und was war mit ihr? Hat sie heimlich geübt? Oder hatte sie was genommen?“
„Nee. Ganz einfach. Sie hat das in der Prüfung einfach genau so gemacht, wie ich ihr das beigebracht hatte.“
„Ach so. So eine Geschichte ist das. Okay.“
„Mensch Mädel, du passt hier nicht rein! Das schaffst du nicht!“
„Doch schaffe ich, warte. Noch ein Versuch. Ich fahre nochmal raus.“
Ich schaffe es nicht. Vielleicht war die Lücke wirklich zu klein. Ich suche mir eine andere. Eine mit nur einem Auto vorne und keinem Auto hinten. Also eine sehr sehr große Lücke. Und siehe da. Es klappt.
„Na siehste. Geht doch.“

Wir fahren weiter. Dieter raucht. Ich fahre. Es fängt an zu regnen. Ich schalte den Scheibenwischer ein. Irgendwann ist die Stunde rum. Jetzt sind es nur noch zwei Fahrstunden. Der Countdown läuft.

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2 Gedanken zu “Nun mach dir mal nicht ins Hemd

  1. Liebe Frau Freitag!
    Wie jetzt – wegfahren von Die zu Die???
    Sind doch gar keine Ferien… *grübel* …
    Sabbatjahr? Kündigung und Dasein als Erfolgsautorin ? (Ein Schelm wer hier ans AUTO denkt) Burn Out? Vorruhestand?

    Ansonsten: viel Erfolg bei der Prüfung! Sie schaffen das! 😎

    Herzlichste Grüße
    Ella

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