Draußen ist irgendwie auch Tunnel

Den ganzen Tag war es so hell, dass ich mir gar nicht vorstellen konnte, dass es irgendwann doch dunkel werden würde. Wurde es aber.
„Schnell, schnell, lass mal losfahren, solange es noch ein bisschen Licht gibt!“, sage ich zu Dieter und versuche ihn zu einem etwas temporeicheren Gang zum Auto zu bewegen. „Immer mit der Ruhe, Mädel.“
Wir sitzen im Auto. Ich stelle den Sitz und die Spiegel ein. Dieter hustet. Dann nehme ich meine Tasche vom Rücksitz.

„Dieter. Ich hab was für dich.“
„Für mich?“, frag er sichtlich überrascht.
„Ja, hier. Ich habe dir Toffifees mitgebracht.“
„Oh.“ Er lacht und will sich die Packung nehmen. Ich halte sie aber noch zurück.
„Warte! Ich habe mir das so gedacht: Immer, wenn du mich lobst, dann kannst du eins essen. Und wenn du eine Reihe weg hast, dann darfst du eine Zigarette rauchen.“

Dieter lacht. Dann nimmt er die Packung und legt sie ins Handschuhfach. Na ja, denke ich, vielleicht will er jetzt noch nicht mit dem Loben anfangen und vielleicht will er jetzt auch gerade nichts essen. Ich habe voll Hunger, aber ich fahre erstmal los.

Im zweiten Gang biege ich rechts ab. Dieter sagt: „Ich wäre ja im ersten Gang abgebogen.“
Wir fahren die Sonnenallee runter und es wird langsam dunkel, aber dafür immer voller auf der Straße. Alle fahren, wie sie wollen. Ich bin die Einzige, die beim Spurwechsel blinkt. Den Radfahrern scheint alles egal zu sein. Die Ampeln beachten sie gar nicht. Ich schon und sie werden immer rot, wenn ich komme. Ich stehe also als Erste an der Haltelinie. Ein Smart kommt aus der Seitenstraße und stellt sich quer vor mich. Dieter sagt, das sei typisch Smartfahrer. Dieter sagt oft schlechte Sachen über die Smartfahrer. Smarte seien überhaupt nur halbe Autos. Falls ich mir einen Smart kaufen sollte, dann werde ich das Dieter nicht erzählen. Was soll ich mir denn überhaupt für ein Auto kaufen? Frau Dienstag schickt mir täglich Bilder von Audis und BMWs und natürlich VWs.Und weil ich keine Meinung zu diesen Autos habe – die sehen irgendwie alle gleich aus – zeige ich sie dem Freund. Der sagt dann nur: „Geht gar nicht.“ Auf der Straße gehen wir an einem geparktem Kombi vorbei. „Kauf doch sowas, damit könnte man dann was transportieren.“ Ich sage: „Und Parken?“
Das kann ja noch was werden, dieses Autokaufen. Das hat wohl auch mit Image zu tun. Da soll ich nun mit einem Autokauf entscheiden, ob ich Punk, Popper oder Emo sein will. „Da seh ich dich nicht drin.“, sagt der Freund, als ich ihm den von Frau Dienstag vorgeschlagenen BMW auf der Straße zeige. „Eher sowas.“, sagt er und zeigt auf einen alten Jaguar.

Aber erstmal geht es durch die Nacht. Dieter singt neben mir. Das Radio läuft auch. Dieter singt aber nicht zu dem Lied im Radio, sondern irgendein Volkslied. Ich versuche mich auf den Verkehr zu konzentrieren und überhaupt erstmal den Straßenverlauf zu erkennen. Dann geht es auf die Autobahn. Warum ist die nicht beleuchtet? Dann Tunnel. „Ha, jetzt ist egal, ob man im Tunnel ist, draußen ist irgendwie auch Tunnel.“
„Hmm“, sagt Dieter.

Das mit dem Loben hat er irgendwie auch schon wieder vergessen. Er hat noch gar nichts Nettes gesagt. Zündet sich aber trotzdem eine Zigarette an. Wir reden über Fahrschulen. Und die Preise von Fahrstunden. Ich finde die sind teuer. Dieter findet die sind billig. Na, wenn er die bezahlen müsste, fände er die garantiert auch teuer.

Wir fahren auf die Tankstelle. Wir müssen tanken. Ich will tanken, aber Dieter ist schneller. „Bitte, bitte, lass mich tanken! Ich muss das doch lernen.“ Und dann darf ich und finde es super. Aber im Auto riecht alles nach Benzin. Wie kommt dieses Benzin an meine Hände? „Tanken ist gar nicht so einfach.“, würde Harald jetzt sagen „Unterschätz das Tanken mal nicht.“

Wir fahren und fahren. Es wird immer dunkler. Ich benutze das Fernlicht (blaue Anzeige ist Fernlicht, gelb sind die Nebelteile…) Und langsam denke ich: Eigentlich ist das alles gar nicht so schwer. Da machen die Fahrlehrer ein Bohei um dieses Autofahren und eigentlich ist das doch gar nicht so schwer. Am Ende kann man das und wird darüber lachen, wie blöde man sich am Anfang angestellt hat. Etwas zu lernen ist schon verrückt. Erst kann man eine Sache nicht und dann übt man und dann kann man die und weiss gar nicht mehr, warum man solche Schwierigkeiten damit hatte. Nun sollte einer Lehrerin diese Erkenntnis auch schonmal während der Arbeit in der Schule gekommen sein. Ist sie aber nicht, weil ich leider zugeben muss, dass ich nie das Gefühl habe, dass die Schüler bei mir wirklich etwas gelernt haben. Vielleicht merke ich das nur nicht, aber vielleicht lernen die einfach nichts in meinem Unterricht. Dabei macht Lernen voll Spaß. Ich finde, ich kann jetzt schon Autofahren – auf jeden Fall kann ich es besser, als am Anfang und darüber freue ich mich sehr. Und vor allem – alles gelernt, trotz ohne Lob vom Fahrlehrer.

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2 Gedanken zu “Draußen ist irgendwie auch Tunnel

  1. Ich kann Sie mir gut in einem BMW vorstellen, Cabrio vielleicht.
    Aber ein alter grüner Jaguar wäre der Renner.
    Stellen Sie sich mal vor, damit auf den Pausenhof einzubiegen, sensationell.
    Allerdings müssten Sie immer ein Mikrofasertuch dabei haben, wegen der Abdrücke der Kinderfinger.
    Das mit Dieter wird nichts mehr, der ist pädagogikresistent.

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