Mein persönliches Heimlich-Manöver

„Heute ist Aschermittwoch.“, sagt Dieter. Ich mache gerade einen Bilderbuchschulterblick.
„Und, hast du dir was vorgenommen? Willst du Verzicht üben in irgendetwas“, frage ich, weil ich das seit zwei Tagen dauernd im Fernsehen höre. Verzicht üben.
„Ja.“
„Ach echt? Auf was willst du denn verzichten?“ frage ich „Zigaretten?“ und bereue sofort das gefragt zu haben. So ein Hardcoreraucher wie Dieter würde niemals auf Zigaretten verzichten. Ich ja auch nicht. „Und Herr Junkie, wollen Sie bis Ostern nicht mal auf Ihren Stoff verzichten?“

Ich rudere sofort zurück: „Nee, nee, Spaß, Zigaretten nicht, wa?“
„Weißte“, sagt Dieter „ich lebe jeden Tag so, als wenn es mein letzter wäre.“ Darüber muss ich erstmal nachdenken. Außerdem soll ich gleich rechts abbiegen. Also sage ich darauf gar nichts. Dieter lebt also jeden Tag so, als sei es sein letzter Tag. Und an seinem letzten Tag auf der Erde würde er also mit mir im Auto durch Tempelhof gurken …. echt jetzt, ja?

Also wenn ich nur noch einen Tag hätte, dann würde ich bestimmt nicht neben Dieter sitzen und dreimal hintereinander rückwärts einparken und jedes Mal zu weit vom Bordstein zum Stehen kommen. Wenn ich nur noch einen Tag hätte, dann bräuchte ich ja auch keine Fahrstunde. Dann würde ich einfach so fahren, denn, selbst wenn sie mich dann ohne Führerschein erwischen würden… was sollte denn dann passieren?

Ich finde nicht heraus, worauf Dieter verzichten möchte und frage auch nicht weiter nach. Ich soll einparken. Beziehungsweise soll ich mir erstmal eine Parklücke suchen: „Such dir mal eine Parklücke.“ Das mache ich. Die ist nicht schön. Die auch nicht. „Da war eine. Oder da.“ Dieter schüttelt den Kopf. „Warum nimmst du nicht die?“ Erst sagt er, ich soll mir eine aussuchen und dann… alles was ich mache ist falsch.

Ich parke. Mehrmals. Jedesmal stehe ich zu weit vom Bordstein weg. „Mach das doch einfach wie ich sage.“, sagt Dieter. Ich lege den ersten Gang ein, rolle nach vorne. Wie war das nochmal? Eine viertel Drehung nach rechts und dann eine halbe Drehung nach links. Oder erst links und dann rechts? Scheiße, ich weiß es nicht mehr.

Dieter schüttelt den Kopf: „Was kurbelst du denn da so? Viel zu schnell gelenkt. Na toll, jetzt bist du schon wieder auf dem Bordstein. Warum machst du das nicht einfach wie ich sage?“

Ich versuche es nochmal. Ich weiß nicht mehr was er gesagt hat. Er schüttelt wieder den Kopf und seufzt.

„Ich weiss nicht mehr wie das ging.“
„Aber ich habe dir das schon so oft gesagt. Aber wenn du das nie so machst wie ich sage. Wenn du das immer so machst wie du denkst…“

Jetzt reicht es mir: „MEINST DU ETWA ICH MACHE DAS MIT ABSICHT FALSCH? MEINST, DU ICH WILL DAS NICHT LERNEN?“

Dieter wird etwas kleinlaut, weil ich wirklich laut werde. „Keine Ahnung, du machst ja nicht, was ich sage.“

„WEIL DAS SO NICHT FUNKTIONIERT!!! DU KANNST MIR DAS 10 000 MAL SAGEN. ICH LERNE DAS NICHT DAVON, DASS DU MIR DAS IMMER WIEDER SAGST. ICH MUSS DAS ÜBEN! ICH MACHE DAS DOCH NICHT MIT ABSICHT IMMER WIEDER FALSCH.“

„Na, du bist ja auch immer so hektisch und ungeduldig. Anstatt dich zu entspannen und alles in Ruhe zu machen.“

„WIE SOLL ICH MICH DENN ENTSPANNEN, WENN DU MICH DIE GANZE ZEIT ANMECKERST?“

„Hä? Ich meckere doch gar nicht.“

„WAS??? DU MECKERST DIE GANZE ZEIT!!! DU TUST DIE GANZE ZEIT SO, ALS SEI DAS BEI MIR SOWIESO ALLES HOFFNUNGSLOS! DU KÖNNTEST MICH JA AUCH MAL LOBEN, WENN ICH ETWAS RICHTIG GEMACHT HABE!“

„Warum soll ich dich loben? Reicht doch, wenn ich dir sage, was du falsch machst.“

Oh Mann, Dieter. Nicht gemeckert ist genug gelobt, wa? Und dann erkläre ich ihm, dass Lob wichtig ist. Er will es nicht einsehen. „Wenn ich die Schüler in den Himmel lobe, dann denken die doch, dass sie alles schon könnten.“
„Keine Angst, das denke ich auf keinen Fall und von „in den Himmel loben“ bist du ja noch sehr weit entfernt. Aber du könntest ruhig mal sagen, dass ich irgendwas schon besser mache als vorher.“

Ich bleibe bei meinem Standpunkt, dass Lob zum Lernen gehört und auf jeden Fall zu meiner Entspannung beitragen würde. Dieter findet Lob unnötig und ich sei die erste, die danach verlangt. Dann erzählt er mir aber, wie ihn sein Chef lobt und, dass sich das gut anfühlt.

„Muss er aber nicht. Ich weiss ja, dass ich ein guter Fahrlehrer bin.“
„Ja, aber fühlt sich doch trotzdem gut an, oder nicht.“
„Aber ich brauche das nicht.“
„Aber fühlt sich trotzdem gut an, oder?“

Ich rede mit Dieter wie mit einem verstockten I-Kind. Und worüber eigentlich? Das Lob beim Lernen nicht schadet, wie er denkt. Absurder geht es ja wohl gar nicht. „Dieter, versuch es doch einfach mal. Vielleicht wirst du ein noch besserer Fahrlehrer, wenn du ab und zu lobst.“

Ich blinke und fahre aus der Parklücke. Den größten Part dieser Diskussion habe ich lautstark geschrien. Dieter zündet sich eine Zigarette an. Ich verschalte mich und wechsele den Fahrstreifen ohne zu blinken. Wütend sollte man nicht Autofahren. Das war immer eine Antwort bei den Prüfungsfragen. Wütend soll man nicht fahren. Ich bin eigentlich nicht wütend. Ich bin erleichtert. Zufrieden. Irgendwie befreit. Wir fahren stumm durch die dreißiger Zone.

„Mann, ist das heute voll hier.“ sagt Dieter.
„Ja, ziemlich voll heute.“, sage ich. Die Sonne scheint durch die Scheiben und blendet uns.

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7 Gedanken zu “Mein persönliches Heimlich-Manöver

  1. Lehrer wie Dieter können sich anscheinend nicht vorstellen, dass manchmal die grösste Leistung beim Unterrichten darin besteht, den Schüler machen zu lassen, nur sparsame Hinweise zu geben, Erfolge zu bestätigen und vor allem: den Schüler nicht beim Lernen zu stören! Ich bleibe dabei: wechseln, Frau Freitag!

  2. Oh Himmel! Und du bist dir SICHER, dass du bei Dieter bleiben willst?
    Parken ist ein Glücksspiel, richtig gut geht das eigentlich nur mit Autos, die man eine Weile fährt, weil man dann genau weiß wo es genau steht und dann schafft man auch die magischen max. 20cm vom Bordstein weg.

  3. Liebe Frau Freitag,

    das bescheuerte Einparken aber auch – bei meiner Prüfung ist damals fast der Motor abgestorben – ich glaube, ich habe mind. zwei – drei Jahre geübt, bis ich das richtig konnte – dann hab ich die Karre (Golf II) aber auf einer Briefmarke parken können. Richtig fahren lernst du nicht in der Fahrschule, sondern erst später, weil das richtig Übung braucht – nach der Fahrschule kannst halt das kleine Einmaleins, aber das reicht schon. Dein Dieter macht den Eindruck, dass er dich erst entlässt, wenn du das große kannst… Lass dir von dem nichts mehr gefallen!!!! Nach dem 26. (also morgen in 2 Wochen) schaut er eh in die Röhre! Nachträgliche Gratulation zu der 0 Fehler – Theorie! So ist es richtig, da hat der Typ wahrscheinlich erst mal schlucken müssen….

  4. Recht so! Einfach mal ordentlich auf die Amatur hauen und ihm die Meinung geigen!
    Ich habe mich damals auch mit 3 verschiedenen Fahrlehrern rumgeplagt aber die wussten wenigstens wie man konstruktive Kritik gibt und das Phrasen wie „warum machst du nicht wie ich sage“ genau 0 bringen.

  5. Jau, Frau Freitag…
    gibs ihm …schicken Sie IHN noch mal zur Schule.
    Machen Sie ihn zum Schuljungen und lassen ihn mal so richtig vor
    dem Direx stramm stehen – mach Männchen Dieter.

    DA die meisten (jedenfalls viele) Fahrlehrer einen Bundeswehr-Hintergrund
    haben, weil sie als Zettis (Zeitsoldaten) , also Unteroffiziere (mittlerer Dienst) ,
    dort ihre Fahrlehrerausbildung machten, haben sie ein Ohr für
    plötzlich auftauchend hierarchischen Geräusche.
    Und ihre verschütteten Bundeswehrreflexe, bei der gerade sie von berufswegen
    klein gemacht wurden, damit sie im Ernstfall für Offiziere auch optimal funktionieren,
    kommen wieder zum Vorschein.
    Einfach mal ein wenig Klassen-Nahkampferfahrung aus der Schulpraxis rauslassen.

    Vielleicht könnten Sie damit eine weiterführende Fahrlehrer-Ausbildung für fortgeschrittene
    Fahrlehrer begründen, um Defizite zu beheben und den Umgang mit KundInnen reibungsfreier
    zu gestalten. Sie also noch fortgeschrittener machen .
    DIE Marktlücke in Berlin.

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