Der Ton und die Musik

Okay, ich habe ein bisschen Kopfschmerzen und ich glaube ich werde krank. Der Hals kratzt. Heute darf Dieter nicht im Auto rauchen. Soviel steht schonmal fest. Ich sage einfach: „Kannst du heute mal bitte nicht rauchen?“ Oder soll ich das gar nicht als bittende Frage formulieren, sondern sagen, dass ich nicht möchte, dass er im Auto raucht? Vielleicht denkt er dann ich bin zickig. Ich glaube das denkt er sowieso. Und soll ich das vorher sagen, also, wenn er noch gar nicht raucht, oder so eher beiläufig, wenn er die Packung rausholt? Wie formuliert man das am besten? Und soll ich dann auch gleich sagen, dass er mich nicht immer Mensch Mädel nennen soll?

„Ich hab vorhin festgestellt, dass du ein halbes Jahr älter bist, als mein Sohn.“, sagt Dieter zur Begrüßung.
„aha.“
„Aber nicht, dass du mich jetzt Papa nennst.“
„Nee, nee, keine Angst.“
„Hehe, das wäre ja was. Papa. Weil ich könnte ja dein Vater sein.“
Bist du aber nicht, denke ich. Und ich habe gar nicht das Bedürfnis, jeden Mann, der älter als ich ist, Papa zu nennen. Das wäre ja auch seltsam. „Herr Schulleiter, Papa, äh, sorry…“
Da braucht der Dieter also keine Angst zu haben.

Wir gehen zum Auto und er raucht. Ich rauche nicht, weil ich ja sonst meine‘ ich bin ein bisschen krank‘- Story später nicht so gut rüberbringen kann. Dieser Weg zum Auto ist immer etwas unangenehm. Worüber redet man. Ich versuche mir immer neue Fragen zur theoretischen oder zur praktischen Prüfung auszudenken und Dieter labert immer irgendwas vom Wetter.

Wir fahren so rum. Ich versuche alles richtig zu machen. Entspannt mit dem Rücken am Sitz zu kleben und nicht wie ich mir das bei Frau Dienstag abgeguckt habe mit der Nase an der Windschutzscheibe zu hängen. Ich bemühe mich sehr die Kupplung ganz weich kommen zu lassen und dabei noch sanft Gas zu geben. In meinem Kopf höre ich dauernd: „Rückspiegel, Seitenspiegel, Schulterblick, Rückspiegel, Seitenspiegel, Schulterblick…“. Ich möchte wirklich alles richtig machen. Nur eine Sache vergesse ich immer: Bevor ich blinke, wenn ich zum Beispiel auf eine rote Ampel zufahre, da vergesse ich immer wieder in die Spiegel zu gucken. Irgendwie geht das nicht in meinen Kopf rein, dass ich in die Spiegel gucken soll, wenn ich nur auf die rote Ampel zurolle und noch gar nicht abbiege. Ich muss ja später sowieso nochmal…. aber ich soll ja nicht denken. Ich soll ja nur machen, was Dieter sagt. Und Dieter sagt: „Einparken.“ Heute parken wir, was das Zeug hält. „Spiegel auf Spiegel, rollen lassen, anhalten, nochmal gucken, dann hart nach rechts eindrehen, bis 45 Grad entstehen, und dann nach links lenken.“ Und irgendwie will das nicht klappen. Ich lande entweder auf dem Bordstein oder zu stumpf oder zu spitz irgendwo, wo ich dann nicht mehr einparken kann. „Mensch Mädel, ich hab doch gesagt 45 Grad. Warum machst du das denn nicht.“ Ich versuche es immer wieder. „Mensch Mädel, mach doch einfach, wie Dieter sagt. Jetzt hast du zu langsam gelenkt. Jetzt zu schnell. Toll, das war der Bordstein.“ Was mache ich nur falsch? Ich will das wirklich lernen. „Sag mal Dieter, 45 Grad von was denn eigentlich?“
Er erklärt mir von was. „Weißt du nicht was 45 Grad sind?“ Naja, denke ich 5 Grad wärmer als beim Bikram-Yoga. „Du hattest doch Geometrie, oder nicht?“
„Ja, ja schon. Aber ist schon etwas länger her.“ Hier ein schönes Beispiel, wo Mathe dann doch mal im Alltag vorkommt. hätte ich damals mal besser aufgepasst. Ich probiere weiter und irgendwann klappt es. Ich erwarte Lob. Lob kommt nicht. Statt Lob heißt es nur: „Nächste Möglichkeit nach rechts.“ Wir sind wieder auf einer großen Straße. Ich fahre 50. Schalte weich, bremse vorbildlich, biege tangential ab. Ich finde ich mache alles gut.

Dann fahren wir auf eine rote Ampel zu.
„An der Ampel links abbiegen.“, sagt Dieter und ich betätige den Blinker.
Plötzlich haut Dieter mit der Hand gegen das Plastik vor ihm. „Du hast wieder nicht in die Spiegel geguckt. RÜCKSPIEGEL, SEITENSPIEGEL, SCHULTERBLICK! WIE OFT SOLL ICH DAS DENN NOCH SAGEN?“ Oh Scheiße, das hatte ich wirklich vergessen. Aber die Ampel war ja sowieso noch rot und…
„Ich sage das immer wieder und du machst das nicht.“
„ich mach das doch nicht mit Absicht nicht.“
„Mehr als dir das immer wieder zu sagen, kann ich aber nicht. Dann sage ich dir das einfach nicht mehr.“
Häh? Wie ist er denn jetzt drauf?
„Häh? Was meinst du?“
„Na, dann sage ich dir das einfach nicht mehr. Und dann wirst du ja sehen, in der Prüfung…“
„Moment mal! So geht das ja wohl nicht. Du MUSST mir das doch sagen! Du bist doch der Fahrlehrer!“
„Wieso? Wenn du nicht machst was ich sage, dann bringt das doch nichts. Dann kann ich das auch sein lassen.“
Jetzt werde ich auch lauter: „Häh? Soll ich dann einfach auch mal keine 50 Euro mehr mitbringen? Deine Aufgabe ist doch mir das beizubringen. Und ich LERNE das noch und wenn ich das nicht mache mit dem Blinken, dann, weil ich es vergesse. Wenn du denkst, dass ich so ein hoffnungsloser Fall bin und du mir das nicht beibringen kannst, dann gib mich doch an Murat ab.“
Der spinnt ja wohl… „dann sagt er mir nichts mehr“… das ist sein verdammter Job!

Wir fahren schweigend weiter. Ich mache das Fenster auf. „Mensch ist das voll hier. Was ist denn heute los?“ Dieter wechselt das Thema, plaudert den Rest der Stunde über irgendwas. Ich parke nochmal ein. Er lobt mich sogar. „Ja, war okay jetzt.“
Rauchen will er auch nicht.

An der Fahrschule steht Murat. Dieter gibt mir die Hand. „Und geh in dich!“, sagt er. Jetzt reicht es aber. Ich sage: „Du aber auch!“ Er guckt mich verwundert an. „Dieter, der Ton macht die Musik! Ich möchte nicht die ganze Zeit angemeckert werden!“ Das wird ihm zu denken geben. Vielleicht hört nach dem Rauchen im Auto auch das Mensch Mädel und das Gezeter auf… Vielleicht friert aber auch morgen die Hölle zu.

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Allgemein

7 Gedanken zu “Der Ton und die Musik

  1. Hmm, also Moment, Straße du fährst auf die Ampel zu, sollst links abbiegen, kein Spurwechsel nötig. Nur geradeaus fahren, anhalten, blinken – da guckt kein Mensch in irgendwelche Spiegel, wozu denn auch? Das möge er mal erklären. Noch dazu beim Linksabbiegen, wo man eh alles einsehen kann. Beim Rechtsabbiegen ist es logisch, Ampel grün, Rückspiegel, Seitenspiegel Schulterblick wegen der verdammten Radfahrer in Berlin. Aber auch da erst wenn grün, nicht schon beim Ranfahren.
    Wechsel den Lehrer, mit dem wird das offenbar auch nix!

  2. Ich verfolge deinen Weg zum Führerschein mit Spannung. Besser als jede Soap Opera. Bitte halt uns weiter auf dem Laufenden! Und zeig dem doofen Dieter wo der Hammer hängt!

  3. Wechseln. Es liegt nicht an dir. Der ist sowas von auf dem Holzweg als Lehrer. Er kann sich gar nicht ändern, und deshalb wird es auch nie nie nie besser werden, nur schlimmer. Dabei soll und kann Lernen, egal was, doch solchen Spass machen! Und nur dann bleibt auch was haften. Besser ein Ende mit Schrecken… Leider habe ich auch schon einige Male in meinem Leben so viel Durchhaltewillen und Ehrgeiz (die Situation durch „besseres Verhalten als Schüler“ in den Griff zu kriegen) an den Tag gelegt, wie du, spreche also aus Erfahrung. Meine Erlebnisse beziehen sich, wohlgemerkt, auf eine ganz andere „Branche“, aber das Verhalten des „Lehrers“ ist mir sehr vertraut. Veraltete beziehungsweise nicht vorhandene Pädagogik… Aufschlussreich aber auch erschütternd zu lesen. Gönne dir einen Lehrer, Frau Freitag! Liebe Grüsse von einer geneigten Leserin, die auch immer wieder unterrichtet und sich hier zum ersten Mal zu einem Kommentar hinreissen lässt.

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