Was arbeitest du eigentlich?

„ERST FAHREN, DANN LENKEN!!! Mensch Mädel, warum machst du denn nicht, was ich sage?“ Irgendwie klappt das heute mit dem Einparken nicht so gut und Dieter zetert und zetert. „Mach das doch einfach so, wie Dieter dir das sagt!“ Ich nehme einen neuen Anlauf. Wieder alles falsch. „Mensch Mädel, warum fährst du nicht langsam, wenn ich sage langsam?“
„Vielleicht, weil du mich mehr anmeckern musst.“, sage ich.
„Ich meckere doch gar nicht. Ich sage dir nur, was du machen sollst.“
„Aber wahrscheinlich musst du mir das einfach noch aggressiver sagen.“ Ha, paradoxe Intervention. Dieter wird ein bisschen ruhiger. Ich fahre aus der Parklücke raus.
„Ich bin doch nicht aggressiv. Ich bin die Ruhe selbst.“ Ich muss lachen. „Was? Du? Die Ruhe selbst? Du bist doch total aggressiv und ich lass mich nicht gerne anmeckern.“ Und wenn ich eins bei diesen ganzen Fahrstunden gelernt habe, dann ist dass, wie wichtig mir Lob für jeden kleinen Scheiß ist und wie krass sich das anfühlt, wenn man angemeckert wird. Eine wichtige Erkenntnis für eine Lehrerin, die sich nun schon seit 15 Jahren durch irgendwelche Lerngruppen meckert.
„Du bist wahrscheinlich zu ungeduldig. Ihr jungen Leute seit heute alle so ungeduldig.“, sagt Dieter, jetzt in einem sehr viel netterem Tonfall. Schön, dass ich für ihn Teil von junge Leute bin. Das war ich ja bei Harald nie. Aber im Vergleich zu Dieter bin ich ja auch ein Spring Chicken.
„Ihr seid alle sooo ungeduldig. Das hängt meistens mit eurem Beruf zusammen. Was machst du denn?“, fragt er.
Oh Gott. Beruf. Was sage ich denn jetzt. Lehrerin auf keinen Fall. Soll ich es jetzt mal mit dem Rodeoreiten probieren? Ich könnte ihm was von saisonbedingter Pause erzählen. Aber wenn er dann nachfragt? Am Ende kennt er sich noch mit Rodeos aus. „Nun sagt doch mal, was du arbeitest.“
Ich schüttel den Kopf und mache eine wegwerfende Handbewegung. Die sowas wie: Ach frag nicht weiter nach, das willst du gar nicht wissen, ausdrücken soll. Auf der Bank habe ich mal den Bankpeoples die mir irgendwelchen kurz- mittel und langfristigen Anlageschmonz verkaufen wollten auf die frage, womit ich mein Geld verdiene gesagt: Prostitution. Das war der Brüllet. Aber wenn ich das jetzt sage, dann fragt Dieter garantiert nach und die Chancen sind groß, dass er sich da besser auskennt als ich.

Dieter lässt nicht locker: „Wie, also machst du gar nichts? Dann bist du Hausfrau.“ Wir stehen an der Ampel und warten auf grün. Ich gucke zu Dieter und sage: „Hausfrau? Nicht mal dis!“ Anlügen will ich ihn ja auch nicht und wenn man so dermaßen gar nichts im Haushalt tut wie ich, dann kann man sich nun wirklich nicht Hausfrau nennen. Außerdem wohne ich in einer Wohnung. Soll ich einfach sagen, dass ich im Lotto gewonnen habe und jetzt nie mehr arbeiten muss? Nee, lieber nicht, dann brummt der mir doch bestimmt endlos viele Fahrstunden auf.

Ich Wechsel einfach das Thema: „Sag mal Dieter, bei der Prüfung, muss man da auch wenden können?“ Und schon ist es egal, was ich arbeite und ich erhalte einen schönen Mensch-Mädel-Vortrag über was alles in der Prüfung drankommt. Ich konzentriere mich auf die Straße und lasse Dieter neben mir reden. Ist wie Radio. Läuft einfach so und man muss sich das auch nicht die ganze Zeit anhören.

Als wir uns verabschieden erzählt mir Dieter von seinen Nachmittagsplänen. „Jetzt habe ich noch eine Fahrstunde und dann muss ich nach Hause. Die Putzfrau kommt.“ Er macht eine kurze Pause. „Ich leiste mir jetzt eine Putzfrau.“ Ich gucke ihm direkt in die Augen und sage: „Na hoffentlich ist die auch angemeldet!“ Dieter schluckt. Ha, jetzt hab ich es! Wenn er nochmal fragt, dann sage ich, ich bin beim Finanzamt!

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Allgemein

5 Gedanken zu “Was arbeitest du eigentlich?

  1. MENSCH … ähm … also … was ist eigentlich so verwerflich daran, Lehrerin zu sein? Hab ich nicht kapiert, auch nach nochmaligem Durchlesen der ersten Fahrschulposts nicht.

    Mein Vorschlag wäre, einach behaupten, Schriftstellerin und/oder Bloggerin zu sein (unter Pseudonym), das hat den Vorteil, dass es a) stimmt und b) ausreichend Infos dazu vorhanden sind (anders als Finanzamt, was passiert denn, wenn er dann Hilfe bei der Steuererklärung will oder sowas).

    Falls dann die Frage kommt, ob man davon leben kann, würd ich einfach behaupten „nee, ich hab noch nen anderen Job zum Broterwerb“ – locker umschifft mit der Lehrerin.

      • Meine Eltern sind beide Lehrer (pensionier), mein Bruder ist Lehrer, ich habe 2 Onkel, die als Lehrer waren. In praktisch jedem Chor, in dem ich jemals gesungen habe, hat der Berufsstand der Lehrer die Mehrheit gestellt. Lehrer sind auch nicht schwieriger als … Familie.

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