Hamid und der Telefonjoker

„Frau Freitag, Hamid war heute eine halbe Stunde zu spät bei Mathe.“, sagt Frau Schwalle und guckt mich böse an.
„Ich hab aber pünktlich Schluss gemacht.“
„Er sagt, dass er zum Schulleiter musste, wegen einer Zeugenaussage.“
„Zeugenaussage?“, frage ich, um Zeit zu gewinnen und Frau Schwalle nickt.

Am Freitag hatte es bei uns in der Schule wieder einen kleinen Anschlag gegeben. Irgendwelche Idioten haben mit dem Feuerlöscher Unsinn gemacht. Also den Feuerlöscher unsachgemäß verwendet. Sprich: kein Feuer gelöscht. Stellt sich die frage, ob erst Feuer machen, um dann mal den Feuerlöscher zu benutzen, besser gewesen wäre. Ich würde sagen: Nein.

Kurz bevor ich nach Hause gehen will, sehe ich Schulleiter Fischer im Sekretariat. Sofort schüttet meine Inspektor-Drüse Hormone und allerlei Botenstoffe durch meinen gesamten Körper. Message an den Aktivitätsauslöser: Nachprüfen…Nachprüfen…Nachprüfen!

„Entschuldigung Herr Fischer, ich hätte da mal eine Frage.“
„Ja, was denn Frau Freitag?“
„Sie haben doch heute Schüler befragt, zu dem Vorfall mit dem Feuerlöscher, oder?“
„Ja, hab ich.“

Mental-Note an die individuelle Verbesserungszentrale: Ich muss mal lernen meine Fragen und Anliegen besser zu formulieren. Ich stottere immer viel zu viel rum.

„Äh, ja, also Herr Fischer, ich wollte nur fragen, ob da auch Hamid aus meiner Klasse dabei war.“
Herr Fischer denkt kurz nach. Mental-Note: Einfach mal nach Fragen, kurz nachdenken, kommt gut. Mal ausprobieren!
Dann schüttelt er den Kopf: „Nein, da waren ein Mustafa, Kevin und Osman. Kein Hamid.“

„Aha. Danke Herr Fischer. Ich wollte das nur wissen, weil Hamid gesagt hat, dass er bei Ihnen war und dann ist er 30 Minuten zu spät in den Unterricht von Frau….“ Herr Fischer rollt leicht genervt die Augen. Mental-Note: Manchmal muss man nicht alles erklären.

Nachhauseweg. Die U-Bahn kommt nicht. Ich nehme mein Handy. WhatsApp fetzt.
Ich tippe: „Hamid, warum warst du zu spät bei Frau Schwalle?“
Kling. Er: „Polizei hat mich abgerufen. Angerufen“
Ich: „Und was wollten die?“
Kling. Er: „Wollten reden wegen der Sache.“

Die Sache (eine kleine Körperverletzung) ist eine, sich seit Monaten hinziehende, Zeugenaussage, die Hamid nicht tätigen kann, weil der Angeklagte nie erscheint. Hamid findet das auch nicht weiter schlimm, weil er jedes mal 20 Euro bekommt, wenn er wieder eingeladen wird. Und jetzt rufen die Hamid also an, weil sie reden wollen. Kann sein, muss aber nicht sein.

Ich glaube, das ist ein eindeutiger Fall für die SPUSI!!!

Ich: „Hamid, geh morgen zu Frau Schwalle und zeig ihr dein Handy Telefonprotokoll. Da steht ja drin, wann die dich angerufen haben und wie lange du mit denen telefoniert hast.

Kling. Mental-Note: Ruhig mal den Ton abstellen in der U-Bahn.
Er: „Bei iphone gibt es sowas nicht.“

Ich: ????? Na ob das stimmt? Sofort verschicke ich an fünf Iphonebesitzer eine SMS und führe mit zwei von ihnen noch technische Gespräche. Ergebnis: Sowas gibt es beim Iphone auch!

Ich: „Hamid, doch gibt es. Können wir morgen gucken.“
Kling. Er: „Ok“
Ich: „Ok“

Die Sache ist noch nicht geklärt. Es bleibt spannend. Leider sind es bis morgen noch so viele Stunden. Oh Mann, ich liiiiebe meinen Job!

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Allgemein

4 Gedanken zu “Hamid und der Telefonjoker

  1. An meiner Schule machen die Schüler keinen Unsinn mit Feuerlöschern, sie drücken gleich den Notknopf oder öffnen den Notausgang. Das finden die dann solange witzig, bis der Direktor und die Feuerwehr kommt.
    Es ist schön zu wissen, dass es nicht nur an meiner Schule so schlimm zu geht 🙂
    Liebe Grüße Stella

  2. Wie wichtig ist es eigentlich, ob Hamid die Wahrheit bzgl. des Telefonjokers sagt oder nicht? So ganz formal gedacht, hat er doch zuvörderst die Verpflichtung, pünktlich in der Mathestunde zu erscheinen. Selbst Aufforderungen, bei der Schulleitung zu erscheinen oder mit der Polizei zu telefonieren negieren diese Verpflichtung nicht.

    Es wäre also seine Aufgabe, eine Entpflichtung zu bekommen; entweder durch eine Bestätigung durch die Schulleitung (die es ja, wie die Recherche ergeben hat, nicht geben kann) oder durch eine Bestätigung durch die Polizei (die es besser wissen sollte, zur Unterrichtszeit anzurufen). Ausserdem wäre es Hamids Aufgabe, dem Polizisten mitzuteilen, dass es gerade nicht passt.

    Man stelle sich vor, Frau Schulle wäre von der Polizei kontaktiert worden und wäre nicht (rechtzeitig) zu ihrem Unterricht erschienen, ohne dass der Schulleitung (oder wer auch immer die Personal- und Vertretungsplanung macht) auch in dringenden Fällen sofort zu melden. Das hätte sicher mächtig Ärger gegeben.

    Ist das für einen Schüler prinzipiell anders? Praktisch natürlich; wer von uns hat nicht unliebsame Stunden verspätet angefangen oder ist gar nicht erschienen irgendwann im Laufe seiner Schulzeit? Der Unterricht kann ohne Hamid stattfinden; ohne Frau Schulle nicht.

    Ausser solchen praktischen Fragen ist der Unterschied aber gar nicht so gross. Schliesslich ist die Schule ja irgendwann einmal zuende und – sollte Hamid eine Lehre machen oder einen Job antreten – Meister/Vorgesetzte sind selten begeistert, wenn man ohne vorher Bescheid zu geben mal eben für eine halbe Stunde verschwindet.

    Insofern bleibt als interessant Ermittlungstätigkeit nur noch die Frage, ob Hamid zusätzlich noch gelogen hat. Ich weiss nicht, ob ich das wirklich wissen wollte; wieder auf meine eigene Schulzeit referenziert: Lehrerinnen und Lehrer werden ständig angelogen (und wollen das wahrscheinlich auch so haben*).

    Spannend ist die CSI-Freitag auf jeden Fall. Hat manchmal etwas von Machtspielchen „wer ist schlauer, Schüler oder Fr. Freitag?“. Irgendwann jedenfalls kommen die ganzen Lügen (desto aufwändiger desto eher?) immer raus. Vielleicht wollen Lehrer aber auch nur, dass ihre Schüler lernen, gescheite Ausreden zu finden. Das braucht man schliesslich noch öfter im Leben.


    (*) Ich erinnere mich an einen Vorfall in der Schule:
    – der Lehrer hat immer in den ersten 10 Minuten eine sehr mühsame und unangenehme Überprüfung der Hausarbeiten gemacht. Die Hausübungen wurden benotet, es war relativ klar absehbar, wieviele Noten man brauchte, damit kein „nicht feststellbar = ungenügend“ aufschien. Überprüfung der Hausübung war einzige Quelle für mündliche Noten bei diesem Lehrer und sie wurden mit exakt 50% bewertet.
    – das führte dazu, dass diese ersten 10 Minuten oft nur noch die Schüler in der Klasse waren, die sich gut für die Überprüfung der Hausübung vorbereitet hatten und wahrscheinlich einen Einser oder Zweier bekommen würden (und die Mitschüler, die unter keinen Umständen NIE auf die Idee gekommen wären, Unterrricht zu schwänzen).
    – die Ausrede „ich bin aufgehalten worden“ wurde immer ohne Probleme akzeptiert; auch wenn von 13 Schülern (mehr waren wir nicht) 7 oder 8 nicht da waren.
    – die Wahrheit „ich hatte meine Hausübung nicht“ führte im Wiederholungsfall zu einer Sechs
    – die Wahrheit „ich wollte nicht geprüft werden“ führte zu einem weniger netten Plausch mit Schulleitung und Klassenlehrer
    => Lehrer wollen (machmal) belogen werden.

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