36 Shades of Bunt

„Frau Schwalle, entschuldige die Störung, ich wollte fragen, ob ich den Tarik kurz mitnehmen könnte.“
„Du kannst sie alle mitnehmen, wenn du willst.“
„Nein Danke, ich brauche nur den Tarik.“
Tarik guckt sich verwirrt um. Ich grinse ihn an. Das verwirrt ihn noch mehr. In Zeitlupentempo packt er seine Sachen zusammen. Er fragt sich, ob er vorhin in der Kunststunde irgendetwas falsch gemacht hat. Hat er nicht.
Okay, er ist nicht gerade mit Inbrunst an die Kolorierung seines Bildes gegangen. Erst, als ich einen nigel-nagel-neuen 36 Farben Buntstiftkasten aus meinem Schrank holte, der noch zu war überfiel in ein Funken Interesse.
„Guck mal Tarik, hier. Den kannst du benutzen“, flüstere ich ihm zu. Ungläubig guckt er mich an: „Warum ich?“
„Na, du bist doch mein bester Mann. Guck mal, wieviele Farben da drin sind.“ Er betrachtet die Zahl auf dem Kasten: „Sechsundzwanzig.“
„Ja, genau, sechunddreißig Farben.“ Vorsichtig gnibbeln wir gemeinsam den Tesafilm weg. Jeder einen Streifen. Dann öffe ich den Kasten direkt unter seiner Nase. Wie eine Schatztruhe öffne ich den. Und da liegen sie, die noch super angespitzten Buntstifte in tausend Schattierungen. Okay, in 36 verschiednen Farbtönen. 36 Shades of Bunt.

„Tarik, meinst du, du schaffst das, die nachher wieder in die gleiche Reihenfolge zu bringen? Also hier die warmen Farben und da hinten blau, grün und braun und so.?“ Tarik nickt, nimmt sich einen gelben Buntstift und koloriert hingebungsvoll seine Zeichnung, bis es klingelt.

Und zwei Stunden später latscht er nun also hinter mir her zu meinem Klassenraum.
„Soll ich Ihnen was helfen?“, fragt er etwas verunsichert, weil er immer noch nicht weiß, warum ich ihn abgeholt habe.
„Nicht direkt“, sage ich.
In meinem Raum ist es sonnig. Ein Hauch von Frühling. Tarik setzt sich neben meinen Schreibtisch. Ich ziehe ein paar Schnürsenkel aus meiner Hosentasche.
„Ach, aber nicht wieder die Schleife“, sagt er.
Ich: „Doch natürlich. Du musst das doch lernen. Ein so großer Kerl wie du, muss doch eine Schleife binden können.“
Zieh mal deinen Schuh aus. Dann üben wir.
„Aber er stinkt.“
„Kein Problem.“
Ich zwirbel den alten Schnürsenkel aus seinem Schuh, um meine neuen reinzufädeln. „Weißt du, deine Schnürsenkel sind so kurz. Ich hab dir hier neue gekauft.“
„Die haben Sie gekauft?“
„Ja.“
„Für mich?“
„Ja.“
„Und wie teuer waren die?“
„Zwei Euro siebzig.“
Und dann stelle ich fest, dass die blöden Teile, die ich gekauft habe genauso lang sind wie Tariks alte Schnürsenkel.
Also üben wir wieder unter erschwerten Bedingungen.
Noch nie habe ich das Binden einer Schleife didaktisch so dermaßen reduziert.
„…jetzt den Zeigefinger ein bisschen rausgucken lassen, dann um den Daumen und den Zeigefinger rumm und dann da durch, wo der Daumen ist. Den Daumen rausziehen und dann….“
Tarik übt. Tarik gibt nicht auf. Er schwitzt. Aber er gibt nicht auf und nach 20 Minuten bindet er seine erste kreplige Schleife. Dann sogar Schleife mit Schuh am Fuß. Am linken Fuß und am rechten Fuß. Jeweils zwei Mal. Dann gratuliere ich ihm.
„… und das übst du jetzt aber am Wochenende und Montag zeigst du mir das dann nochmal.“

Ich bringe Tarik zurück zum Unterricht von Frau Schwalle, verabschiede mich von ihm und gehe zufrieden in die Sonne eine Zigarette rauchen.

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Allgemein

16 Gedanken zu “36 Shades of Bunt

  1. sehr gut, sehr gut! ich habe diese woche zwei von meinen förderschülern eine eins verpasst. die haben geschaut wie eine kuh wenns donnert. erster teil der abschlussprüfungen für den ersten schulabschluss. den löwenanteil haben sie sich selbst zu verdanken, ich musste nur ein bisschen anschieben. sowas setzt dem job doch das krönchen auf.
    liebe grüße,
    jule*

  2. Schleife binden voll einfach: Machst du aus beiden Schnürsenkeln eine Schlaufe und verknotest die miteinander, fertig. Probiers aus, funktioniert wirklich. Dann geht wenigstens nicht die ganze Freistunde drauf, du Heldin der Arbeit!

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