Seminarleiter

Frau Dienstag freut sich, dass ihre Haare hier so eine Wichtigkeit erhalten. „Das mit dem Referendariat find‘ ich langweilig. Das mit dem Frisör war viel lustiger.“

Klar. Das fand sie viel lustiger, weil es um SIE ging. Immer wenn es um sie geht findet sie das lustig. Aber ich kann das auch verbinden. Schließlich waren wir zusammen im Referendariat (wir haben uns bei der Vereidigung kennengelernt) und wir haben auch zusammen den Bezirk gewechselt.

Da wir uns gleich gut verstanden, saßen wir natürlich auch im Seminar zusammen. Wie Rosa und Dilay, wurde dauernd getuschelt und gegackert. Mir fiel zu jedem Mitseminaristen und vor allem zu unserem Seminarleiter immer ein bekloppter Spruch ein, über den sie dann leise kicherte.
Das lief immer so: Der Seminarleiter sagt was und ich flüstere ihr irgendwas Lustiges zu und sie tritt mich unterm Tisch und sagt: „Sag das mal laut, hihihi, sag das mal laut!“ Anfangs war ich auch noch so blöd das dann laut zu wiederholen. Und über meinen unqualifizierten Quatsch haben dann die anderen Referendare gelacht. Der Seminarleiter aber nicht. War das gut? Ich weiss nicht. Irgendwann habe ich die Sachen dann nicht mehr laut gesagt.

„Sag du doch!“ Aber das wollte sie irgendwie auch nicht. Meistens waren es auch nur so Sachen wie: „Au Backe, guck mal seine Schuhe. Slipppers!!!! Ihhhhhh!!!! Wo kriegt man denn sowas? Und der Bart – voll mit Lineal rasiert. Was er wohl für Unterwäsche trägt….“ Was man halt so als Abhängiger über den Machthaber sagt, während man so abhängig im Seminar abhängt.

Einen Satz meines Seminarleiters werde ich nie vergessen, denn ich hatte vorher selten gehört, wie man mit einem Satz seine ganze Person so deratig auf den Punkt bringen kann. Der Satz ging so: „Meine Frau sagt auch immer, wie kann denn deine Sekretärin deine Schrift lesen?“ Diesen Ausspruch konnte ich ganz unkommentiert stehen lassen. Okay, ich habe eigentlich viele Sätze von Seminarleitern immer noch in den tiefen meines Hirns abgespeichert. Das sind Sätze, die so eine tolle Wirkung auf mich hatten, dass man sie einfach nicht mehr vergisst.

Wie schon geschrieben – einer meiner Favoriten:
„Frau Freitag, ich bin jetzt 10 Jahre Seminarleiter, aber sowas habe ich noch nie gesehen.“
„Frau Freitag, was labern Sie da im Stuhlkreis die Schüler so voll? Wollen Sie zeigen wie schlau Sie sind?“
„Frau Freitag – Unterricht wie aus den 50er Jahren.“
„Frau Freitag – Unterricht wie aus den 70er Jahren.“ Einen Sprung von 20 Jahren habe ich da eben mal von einer zur nächsten Vorführstunde hingelegt.
Schön auch – nach meiner ersten eigenen Unterrichtsstunde im Unterrichtspraktikum. Die Lehrerin so:
„Frau Freitag, wenn ich Ihnen jetzt alles aufzähle, was Sie falsch gemacht haben, dann sind Sie ja auch demotiviert.“
Dann wieder Seminarleiter:
„Frau Freitag, sie verschwenden die Lebenszeit der Schüler.“
„Frau Freitag, dass Sie den armen Klee benutzen, um Ihre blöden Farben zu erklären, da tut er mir direkt Leid. Der würde sich im Grab umdrehen.“

Sätze, die ich gesagt habe und vielleicht besser für mich behalten hätte:
„Gruppenarbeit ist doch scheiße.“
„Hilbert Meyer, was weiß der schon?“
„Klippert nervt!“
„Wer fertig ist kann gehen.“ (Habe ich nie gesagt, ist aber immer mein kleiner Privatwitz, wenn es um Differenzierungsmöglichkeiten geht.)
„Nö, ich finde ich habe das Stundenziel sehr wohl erreicht.“
„Tja, die einen sagen so, die anderen sagen so.“

Und hier der Knaller – kam gar nicht gut an:
„Ich weiss, dass ich irgendwann eine sehr gute Kunstlehrerin sein werde.“
Dieser Satz war es wahrscheinlich, der mir das Genick gebrochen hat. Kombiniert mit der Feststellung:
„Frau Seminarleiterin, ich glaube wir haben so Probleme miteinander, weil wir uns so ähnlich sind.“

Diese Sprüche trugen nicht gerade dazu bei, dass ich mich bei der Seminarleiterin beliebt machte. Durch totale Selbstaufgabe und absolute Unterwerfung bekam man bessere Noten, als mit einer etwas vorlauten Art. Sie wollte die Mutti von uns sein. Ich wollte sie aber nicht als Mutti. Sie wollte, dass wir alle immer jammern und in regelmäßigen Abständen heulen. Damit sie dann sagen kann: „Wird schon wieder. Mutti hilft dir.“ Ich habe auch geheult. Vor Wut und nicht im Seminar. Oh Mann habe ich geheult. Ich bin regelrecht dehydriert im Referendariat. (Die Gewichtsabnahme war nur Flüssigkeitsverlust.)

Meine Seminarleiterin war drei Meter groß und sah aus wie Sauron. Ich war klein und abhängig und wollte mich nicht in diese Rolle fügen, sondern strampelte mit den Füßen, wie ein Käfer im Schnabel von einem Vogel.

Meinen 50er/70er Jahre Unterricht konnte sie mir nicht austreiben. Ich unterrichte jetzt herrlich irgendwelchen 60er Jahre Kram (OP-Art – fetzt voll!) und sage mir in jeder zweiten Stunde: „Ich bin wirklich eine sehr gute Kunstlehrerin.“

Advertisements
Allgemein

18 Gedanken zu “Seminarleiter

  1. Ich habe von Meyer nur die Aussage im Ohr: Ein- und dieselbe Stunde kann gut oder schlecht bewertet werden, je nachdem, worauf wert gelegt wird. Das fand ich recht tröstlich – gerade, was Unterricht angeht gibt es nicht nur eine Wahrheit. 🙂

  2. „Sätze, die ich gesagt habe und vielleicht besser für mich behalten hätte:
    “Gruppenarbeit ist doch scheiße.”
    “Hilbert Meyer, was weiß der schon?”
    “Klippert nervt!”
    “Wer fertig ist kann gehen.” (Habe ich nie gesagt, ist aber immer mein kleiner Privatwitz, wenn es um Differenzierungsmöglichkeiten geht.)
    “Nö, ich finde ich habe das Stundenziel sehr wohl erreicht.”
    “Tja, die einen sagen so, die anderen sagen so.”“

    Oh ja. Mein Schulleiter fährt leider voll auf die Luftpumpe Meyer ab.

  3. Liebe Frau Freitag,
    Warum? habe ich mich gefragt, als ich deinen Artikel (sagt man das beim Blog so?) gelesen habe. Klar, hab ich beim Ref auch geheult und an mir gezweifelt, obwohl die Kommentare, die ich zu meinem Unterricht bekommen habe, noch nicht mal so böse waren wie bei dir. Und dann kam das WARUM??? Mir war es schleierhaft, warum ich mich für andere Leute (meine Schüler, ihre Eltern, die Seminarleiter (die in ihren eigenen Unterrichtsversuchen gezeigt haben, dass sie weder ihre Schüler im Griff haben, noch modern unterrichten können, geschweige denn Zeitlimits einhalten o.ä.) oder die Schulleitung) aufripple. Dann bin ich (nach annähernd einem Jahr) gegangen. Man muss auch verlieren können – mein Schulleiter sagte damals „Wenn Sie einen Job haben, sagen Sie mir Bescheid und schauen Sie, ob Sie dort auch noch einen Job für mich finden.“ Das ganze System ist doch zum Scheitern verurteilt…

  4. Mein erster Gedanke als Nicht-Lehrer war: wer ist Hilbert Meyer?

    Wikipedia: so ne Art deutscher Pädagogik-Guru, mit dessen Wirken hauptsächlich Referendare gequält (?) werden; findet Einphasige Lehrerausbildung gut.

    Mehr war da nicht zu holen. Da muss aber noch mehr sein, sonst würde es den Spruch nicht erklären. Ich muss mal mit meinem Bruder telefonieren, der kennt den bestimmt.

      • Och, der Frosch macht doch nur das, was wir alle wollen: Überleben. Der frisst den kleinen Frosch doch nicht, weil er den was Böses will, sondern nur, weil er selbst überleben will. Bei Menschen ist das anscheinend (nicht nur scheinbar ;-))) anders……

        Quack!!!

  5. Jaja, der Hilbert. Ich habe bei ihm studiert und habe auch nicht erschließen können, was andere an dem so toll fanden. Nett war der, aber irgendwie besonders schlau oder außergewöhnlich, nö. Ich erinnere mich an mein erstes Seminar bei ihm. Hochsommer, ungefähr 100 Grad im Schatten, und jetzt machen wir eine Vertrauensübung. Klar, mit ganz vielen schwitzigen und mir völlig fremden Erstsemestern mach ich so eine Übung, wohl kaum. War so mit fallen lassen und festhalten – uähhh. Ich habe dann, als einzige, erklärt, dass ich verzichte und er sagte für alle: die Jessica hat für sich entschieden, nicht mitzumachen und das ist OK. Danke, Hilbert. Da bin ich beruhigt…

      • Laut seiner Website mal 3 Jahre lang… in den 60ern, von 64 bis 67 – Frau Freitag, dann ist dein Unterricht heute der den der Hilbert auch mal gemacht hat, von daher passt das doch super^^

      • okay, wer drei jahre unterrichtet hat kann natürlich 30 Jahre darüber schreiben wie man das macht…

    • Hat der gefragt, ob man Duzen darf? Ich mag ungefragtes Duzen nämlich überhaupt nicht…..Das stellt eine Intimität her, der man sich hinterher nicht mehr entziehen kann…… sagen Sie mal einer Person, man möchte von dieser Person nicht mehr geduzt werden….. praktisch unmöglich.

      Ich hab´s einmal gemacht und viel Prügel dafür eingesteckt, aber es war es wert……

  6. Lese das jetzt erst, herrlich. Seminarleiter, Fachleiter, Menschen, die teilweise vom anderen Stern kamen und kommen.
    Hilbert Meyer, der Gott der Didaktik….

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s