Tarik – mein bester Mann

Von der ersten Sekunde in der Tarik mit den anderen Siebtklässlern meinen Raum betrat, wußte ich – der braucht eine Sonderbehandlung. Tarik ist ziemlich groß und sehr kräftig für sein Alter – was heißt für sein Alter – ich weiß gar nicht wie alt er ist. Vielleicht ist er nur zu groß für die siebte Klasse, weil er eigentlich schon in der Achten sein müsste. Tarik ist jemand, den du dir notgedrungen direkt vor die Nase setzt, um ihm erst gar nicht die Möglichkeit zu geben von hinten links deinen Unterricht zu zerstören. Tarik lebt in seiner dunkelblauen Daunenjacke, die er immer bis ganz oben zumacht. Ich heize meinen Raum auf Tropentemperaturen, aber Tarik ist so ein Typ, der seine Jacke trotzdem anlassen möchte. Es erfüllt mich schon ein wenig mit pädagogischem Stolz, dass er in meinem Unterricht seine Jacke auszieht. Auch wenn es 15 Minuten dauert.

Tarik ist so eine Mischung zwischen Pitbull und Baby. Jeden Montag guckt er mich mit seinen traurigen Sylvester Stallone Augen an und versucht mir gleichzeitig einen Bleistift aus meiner Stiftebox zu klauen, obwohl er eigentlich immer einen eigenen Bleistift dabei hat.

Bei Tarik habe ich von der ersten Stunde die Taktik des ‚Besten Mannes‘ angewendet. „Tarik, los, nun fang mal mit der Aufgabe an.“ dann habe ich mich zu ihm gebeugt und geflüstert: „Du bist doch mein bester Mann hier in Kunst.“ Auf dem Hof schreie ich ihm entgegen: „Hallo Tarik, mein bester Mann“. Und er boxt mir von hinten auf den Oberarm, wenn ich ihn noch nicht gesehen habe. Seinem Klassenlehrer erzähle ich immer, wenn es mit Tarik gut lief. Es ist offensichtlich, dass es für Tarik nicht selbstverständlich ist, dass es im Unterricht gut läuft.

Tarik braucht enorm viel Zuwendung. Die bekommt er auch meistens, wenn die anderen Schüler mich nicht zu sehr in Anspruch nehmen.
„Frau Freitag, ich bin fertig.“
„Tarik, an dem Bild kannst du aber noch sehr viel verbessern. Und du sollst es ja auch noch kolorieren.“
„Frau Freitag, welche Farbe jetzt?“
„Hellblau“
Tarik malt etwas mit hellblau aus.
„Frau Freitag, und jetzt?“
„Lila, würde ich sagen.“ Er nimmt den lila Filzer und koloriert.
„Und jetzt?“
„Pass auf Tarik, ich lege die Stifte jetzt in genau der Reihenfolge hin, wie du sie benutzen sollst.“
Das geht ganz gut und ich habe drei Minuten Ruhe. Dann wird es Tarik zuviel und er gibt Firat, der neben ihm sitzt und nur halb so groß ist wie er, einen fetten Nackenklatscher.
„Tarik! Lass das!“
„Aber war nur Spaß.“
Ich gucke mir Firat an, der den Kopf einzieht.
„Ja, für dich vielleicht, aber nicht für ihn. Komm, wir malen weiter aus. Tarik malt auf der einen Seite und ich beuge mich über meinen Lehrertisch, male auf der anderen Seite und lege Tarik die Farben zurecht.

Heute war Tarik irgendwie nicht gut drauf. Das Jackeausziehen dauerte länger, dann suchte er stundenlang nach seinem Bleistift und schließlich stänkerte er mit Firat.

„Firat, setz dich mal weiter nach hinten.“ sage ich und Firat packt seine Sachen und geht. Tarik spring sofort auf. „Dann gehe ich auch nach hinten!“
„Nein, du bleibst hier.“
„Nein, ich will auch nach hinten.“
„Tarik, ich brauch dich hier vorne.“ Tarik setzt sich langsam auf seinen Stuhl „Du bist doch mein bester Mann.“

Die Stunde plätschert so dahin und als es ans Aufräumen geht, sehe ich, dass Tarik hinten bei Firat ist. Er steht vor dem kleinen Firat und hat seinen Schuh auf dessen Stuhl abgestellt. Firat bindet ihm die Schnürsenkel zu. Bildgewordene Demütigung. Ich fange innerlich an zu kochen.
„TARIK! KOMM SOFORT HIER HER!“
Tarik guckt verwirrt zu mir. Wieder dieser traurige Blick. Hängende Stallone Augen. Er nimmt seinen Schuh von Firats Stuhl und kommt zu mir an den Tisch. Ich gucke runter. Der Schnürsenkel ist noch offen. Plötzlich denke ich: Oh. Vielleicht…

Ich beuge mich zu Tarik und frage leise „Kannst du keine Schleife machen?“
Und er schüttelt den Kopf.
„Okay, dann setzt dich mal zu mir und zieh den Schuh aus.“
Das macht er.
Ich nehme den Schuh und binde eine Schleife. Dann er. Wir üben und üben. Es ist nicht leicht, denn die Schnürsenkel sind zu kurz und Tariks Finge sehr dick. Aber er gibt nicht auf. Obwohl er immer wieder flüstert „Ich kann das einfach nicht, das hat man mir schon so oft gezeigt.“
Ich sage: „Doch Tarik, das kannst du. Das ist ganz einfach.“
Und kurz vorm Klingel binden wir gemeinsam die erste kreplige Schleife.
„Tarik, das üben wir in der nächsten Stunde und dann kannst du das! Versprochen!“
Er nickt, lächelt und geht. Er ist ja auch mein bester Mann!

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Allgemein

18 Gedanken zu “Tarik – mein bester Mann

  1. Frau Freitag, mir blutet das Herz! Ich bin selber Lehrerin, habe wohl auch einige Tariks sowohl im Unterricht, als auch in meiner eigenen Klasse. Was würde ich dafür geben mehr Zeit dafür zu haben „Schleife-machen“, oder ähnliche Dinge beizubrigen… und immer die entsprechenden Situationen zu erkennen….

    Liebe Grüße aus dem Tor zum Ruhrgebiet.

  2. Oh Frau Freitag, das ist so Grundschule…. und ich muss es wissen, denn ich bin in der Grundschule. Es freut mich total, dass Lehrer an der weiterführenden Schule auch mal „Grundschule“ machen, denn viele Kinder/Tennies sind im Herzen doch noch Grundschule (und leider auch von manchen Fähigkeiten ….)wobei Schnürsenkel binden ja eigentlich sogar Kindergarten wäre… Schön, dass du wieder bloggst!

  3. Oh mein Gott… Das traf mich jetzt unerwartet, ich habe auch feuchte Augen. Ich bin ganz gerührt. Ich unterrichte auch toughe Jungs und das kommt mir so bekannt vor. Thanks, you’ve made my day.

  4. Frau Freitag,
    ick könnte heulen … vor Freude, dass Sie hier wieder so viel schreiben, vor Lachen wegen „Bester Mann Taktik“ und vor Rührung wegen dem Klops und seiner ersten Schleife.
    Schön weiter bloggen, sie sind doch hier im Internet die beste Frau.
    Der Musiklehrer

  5. Finden das die anderen Schüler nicht doof, wenn Sie einen Schüler immer als „den Besten“ bezeichnen? Oder verstehen die tatsächlich den Hintergrund?

    • ICH SAG NICHT ER SEI DER BESTE – ICH SAGE ER SEI MEIN BESTER MANN. UND DIE schüler kriegen das gar nicht so mit. wie gesagt er sitzt direkt vor meiner nase.

  6. Ich habe Sie heute im Gottesdienst „kennengelernt“. Evangelium und Predigttext waren das Gleichnis vom Sämann, der unberirt auf fruchtbaren und unfruchtbaren Boden sät: der Pastor verglich Ihre Arbeit und Zuwendung mit diesem Sämann, denn wenigstens etwas wird aufgehen und hunderfach Frucht bringen. Und im Gottesdienst, wie auch jetzt beim Lesen vom „besten Mann“, schäme ich mich meiner Tränen nicht. Wei schön, dass ich Ihnen heute begegnet bin. Burkhard

  7. P.S. Bisher glaubte ich, dass ich kein Legastheniker sei, aber vielleicht liegen die Schreibfehler doch an der für ältere Augen etwas kleinen Schrift im Kommentarfeld….Burkhard

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