Er sah aus wie Hund

Whatsapp ist besser als Facebook.
Mit Whatsapp bekomme ich die Schüler aus dem Bett. Damit erinnere ich sie daran, dass irgendeine Stunde ausfällt, nicht ausfällt, dass sie für einen Test lernen sollen oder ich benachrichtige Eltern, wenn ihre Sprößlinge nicht in der Schule waren. Das geht alles sehr gut und schnell und kann in der U-Bahn erledigt werden.

Gestern hatte ich allerdings ein Whatsapperlebnis der etwas anderen Art.
Onur, ein Schüler meiner Klasse ist seit Schuljahresbeginn auf Probe an einer anderen Schule. Dorthin ging er auf eigenen Wunsch, aber ich muss zugeben, ich war nicht besonders unfroh über seine Entscheidung.
Onur ist emotional ein Baby, dass viel Zuwendung braucht. Bekommt er die nicht, wird er bockig und stänkert rum. Ich kam eigentlich immer ganz gut aus mit Onur – solange ich ihm die richtige Dosis Zuwendung verabreichte.
Herzlos wie ich bin, hätte ich Onur schon längst vergessen, wenn er sich nicht in regelmäßigen Abschnitten bei mir melden würde. Er stand schon mehrmals einfach so vor meinem Klassenraum und schreibt mir immer wieder bei Whatsapp kleine Nachrichten. Meistens postet er dann Fotos von Ausflügen mit der neuen Klasse.
Im Museum, beim Schwimmen oder so wie gestern – beim Bowlen. Ich schreibe mit ironisch zwinkerndem Smiley zurück:
„Lernt ihr auch irgendwas sinnvolles?“
Er informiert mich daraufhin, dass er in Englisch eine 1 oder 2 geschrieben hat und jetzt immer alles versteht. Ich wundere mich – nicht zum ersten Mal- dass es anscheinend möglich ist den Unterrichtsstoff und die Anforderungen noch tiefer zu schrauben, als ich es ohnehin schon tue.
Ich schreibe: „Schön.“ Und denke, dass unsere Konversation damit eigentlich erledigt ist. Aber weit gefehlt.
Er: „Aber gestern war scheiße. So ein typ in meine Klasse hat meine Jackwolfskin Jacke schmutzig gemacht und ich habe gesagt mach sauber und er meinte mir nein und ich meinte mach sauber und er sagt nein und ich sage 50 Mal mach sauber aber er macht nicht und ich dann Bombe in sein Gesicht und er sah aus wie Hund und jetzt weiß ich nicht ob ich fliege oder nur Verwarnung kriege weil eigentlich gefällt mir hier die schule.“

So. Was sagt man nun dazu? Was soll ich ihm denn darauf antworten? Die gute Pädagogin würde eine schöne pädagogisch durchtränkte Message gegen Gewalt ablassen und ihm dann die Daumen drücken, dass der arme Onur doch hoffentlich noch eine letzte Chance erhalten wird.

Die mittelmäßige Pädagogin würde sich vielleicht nach dem Verschmutzungsgrad der Jacke erkundigen und nachfragen, ob Schläge die Jacke gesäubert haben und dann vielleicht noch Konfliktlösungen aus dem verbalen Spektrum vorschlagen.

Der Normalmensch würde nachfragen, wie sich Onur immer so teure Sachen wie eine Jackwolfskin-Jacke leisten kann.

Frau Freitag schreibt: „Ich hoffe du bekommst eine Anzeige.“
Dann warte ich ein paar Sekunden und schreibe: „Gewalt ist nie gut und das musst du lernen!“

Ich denke: Das ist meine Meinung und ich bin doch Charlie!

Onur hatte wohl mit eher aufmunternden Worten gerechnet, denn schließlich gefällt es ihm doch an der Schule und er schreibt jetzt gut Noten und er will doch bleiben.

Er antwortet: „wie hässlich. und sie waren meine Lehrerin. Das hätte ich nicht von Ihnen gedacht. Löschen Sie meine Nummer!“

Und das habe ich dann auch getan.

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Allgemein

21 Gedanken zu “Er sah aus wie Hund

  1. Hat Charlie genau richtig gemacht. Wer sich „häßlich“ verhält muss dann wohl auch damit klarkommen, wenn andere das nicht abfeieren. Mal ganz davon abgesehen, dass die Antwort überhaupt nicht „häßlich“ war. Naja, da fehlt wohl noch ne ganze Menge Reife ;). Finde es erstaunlich, dass man Facebook und Whatsapp für die Kommunikation mit Schülern nutzen darf. Ist vielleicht gar nicht mal die schlechteste Idee :).

    • mein schulleiter sagt immer: alles was hilft.
      und da beziehe ich eben die neuen medien mit ein – in den satz. und wo sollte ich denn fragen ob ich das DARF? Und WARUM?

      • Es gibt doch einige Schulbehörden, die das Nutzen solcher privaten Dienste zur Lehrer-Schüler-Kommunikation strikt verboten haben. Dafür sollten dann eigene Dienste geschaffen werden, aber die nutzt natürlich keiner (weder Schüler noch Lehrer), weil sie nicht so gut funktionieren.

      • mit meiner jetzigen klasse bin ich nicht auf facebook verbandelt, sondern nur per whatsapp. ich sehe da kein problem. wir sollen ja die eltern (mit denen ist die kommunikation auch leichter per whatsapp) am ersten tag informieren, wenn die schüler fehlen. wo ist da das problem, denen per whatsapp eine nachricht zu schreiben?
        Ohne whatsapp wären wandertag und klassenfahrten – wenn man sich irgendwo treffen muss oder sich jemand verspätet – viel schwieriger durchzuführen.

  2. Fragen würde ich lieber nicht ;). Aber ich weiß, dass es in meinem Bundesland erst kürzlich zur Diskussion stand, ob Lehrer mit Schülern bei Facebook befreundet sein dürfen bzw. dort mit ihnen Nachrichten austauschen. Weiß gar nicht, was jetzt letztendlich dabei raus gekommen ist.

  3. Ich kann das nicht einordnen. War das eine Rangelei, wie wir sie früher auch auf dem Schulhof hatten? Paar gerötete Köpfe und vielleicht ein paar blaue Flecken und dann ist gut? Oder darf man nach der Schilderung davon ausgehen, dass jede Menge Blut geflossen ist, zumindest die Nase gebrochen wurde oder ähnlich Fiesheiten? Da fehlt mir in meiner Blase einfach jeder Rahmen.

    Gerade weil ich nicht einschätzen kann, ob es bei Onur Grenzen gibt und wie die aussehen, fällt es mir schwer, die Reaktion zu bewerten.

    Was ich aber verstehe: manchmal ist es einfach zu viel. Keiner von uns ist immer freundlich, zugewandt, … wie es von Lehrer_innen (Lehr*, ….???) auch gegenüber ehemaligen Schülern (zumindest von diesen) scheinbar erwartet wird. Dann wird nicht pädagogisch reagiert sondern angemessen. „Wenn du dich prügelst, leb‘ mit den Konsequenzen.“

    Kann Sie verstehen.

    Bzgl. dem Einsatz neuer Medien wie Facebook, Whatsapp, etc. gibt es zumindest in einigen Bundesländers sehr grosse Einschränkungen (Quelle: Familienmitglieder, die Lehrer oder Schüler sind). Was ich mir schwer vorstelle – den privaten von dem dienstlichen Account zu trennen. Das ist natürlich einfach, wenn man einen Facebook-Account ausschliesslich dienstlich nutzt.

    • also – zu facebook – das ist doch kein problem sich ein lehreraccount anzulegen. das habe ich auch. und whasapp ist doch nur eine telefonnummer. wie soll ich denn die erziehungsaufgaben, die wir übernehmen müssen leisten, wenn ich die schüler nicht erreichen kann. manche kommen ja nicht immer zum unterricht. und zu der schlägerei – keine ahnung – ich war ja nicht dabei. aber onur ist ziemlich bullig. und ich finde es durchaus pädagogisch ihm zu vermitteln, dass es für gewaltanwendungen anzeigen gibt. die gibt es auch schon, wenn er jemanden nur am ärmel festhält. warum sollte er das nicht lernen dürfen?

      • Ich wollte Ihnen auch gar nichts vorwerfen. Ich versuche halt einfach nur, Geschehnisse einzuordnen oder halt – wie hier – eben nicht. In der himmelblauen Traumwelt, in der ich aufgewachsen bin und offensichtlich noch immer leben, gibt es Grenzen, die einfach nicht überschritten werden.

        Dazu gehört, dass man sich bei „Prügeleien“ unter Gleichaltrigen zurückhält und dass man sowas nicht zur Anzeige bringt (weil ausser ein paar Ego-Blessuren oder einem geringen Sachschaden, der dann vom Verursacher bezahlt wird, auch nicht passiert ist).

        <— Landei, Gumminasium, Jahre her

        Deshalb war mein erster Eindruck, dass Ihre Reaktion hart ist. Aber ich stehe nicht in Ihren Schuhen und einige Andeutungen hier im Blog lassen durchaus auf – sach ich jetzt mal so – handfestere Umgangsarten in Ihrem Schulumfeld schliessen.

        Der Teil des Kommentars zu Facebook/ Whatsapp war nur als Klarstellung gemeint. Einige Dienstgeber verbieten das offensichtlich ihrem Lehrpersonal. Lehreraccount kannte ich bisher nicht.

  4. Also, ich kann verstehen, wenn Schüler nerven. Und ich weiß auch, dass Gewalt keine Lösung ist.
    Was ich aber nicht verstehen kann, ist, warum man einem Ex-Schüler, der einen gar nicht interessiert, eine Anzeige wünscht. Dann doch lieber nicht antworten. Ich hätte vielleicht was Ausweichendes geschrieben, vielleicht „Mit der Angst zu fliegen, musst du jetzt leben.“ Wäre auch nicht nett gewesen, aber nicht so… Den Kontakt hätte ich schon lange gelöscht – schließlich ist er ja nur ein Ex und den braucht man auch nicht ewig in der WApp-Liste zu führen…

    • ich glaube durch meine antwort hat er aber was gelernt. ausweichen ist doch blöd. er soll ruhig wissen, dass bei gewaltanwendung eine anzeige drohen kann. sonst lernt er das doch nie und denkt :“is doch normal zu schlagen – passiert doch nichts.“

  5. Da nicht so viel Zustimmung in den Kommentaren kam wie ich erwartet hätte: Ich finde die Antwort total richtig und angemessen. Irgendwann ist mal gut mit Verständnis haben und das IST nun mal die Konsequenz, zumindest ab einem gewissen Alter.

  6. Ich finds richtig. Vielleicht hilfts ja doch, wenn eine Bezugsperson außerhalb der Familie ihm mal klarmacht, wie ernst so etwas ist. Wenn nicht, war es vermutlich sowieso aussichtslos. Aber sich immer als Opfer sehen – zum Kotzen. Das muß man nicht unterstützen.

  7. Ich grüble jetzt schon einige Zeit, wie man „normaler und direkter“ hätte antworten können…Vielleicht: „Lieber Onur, tut mir sehr, sehr leid, dass Deine Jacke schmutzig geworden ist! Unter http://www.reinigen-aber-richtig.de findest Du sicher Tipps wie Du sowohl Schmutz als auch die Blutflecken entfernen kannst.“ ???

    Liebe Frau Freitag, ich fand Ihre Antwort so angemessen und pädagogisch wie nur irgendwas: klare Botschaft, gut verständlich und angemessen konfrontativ um im Gedächtnis zu bleiben.
    Mal sehen, ob Onur Ihre Nummer auch gelöscht hat!

      • Liebste Fr. Mittwoch,

        mit „normaler und direkter“ meinte ich eher so, dass er es auch definitiv versteht.
        Irgendwas in der Art und Weise von „Ey Alter, hast du n Arsch offen? Dir gehört eine aufs Maul gehauen, wenn du so einen Scheißdreck machst! Hoffentlich musst du dafür Sozialstunden ableisten!“.

        Die Höflichkeit und der pädagogische Background von fraufreitag verbietet natürlich solche Aussagen… aber angemessener hät ich natürlich meins gefunden. 😉

  8. Hier im echten Norden darf man Kontaktdaten nur aus dem Schularchiv beziehen und nicht selbst erfragen. Und laut Datenschutz haben nur Eltern und volljährige Schüler eine Telefonnummer. Kind mit Handy, wo gibt’s denn sowas?
    Auf Klassenfahrten bitte ich als vorbildlicher Beamter deshalb immer einen Mitschüler, den Vermissten anzurufen. Aber nicht von meinem Handy, dann wäre die Nummer im Speicher und ich bald im Datenknast.

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