Produzieren wir Massenvernichtungswaffen?

„Dazu haben wir die Integrationsbeauftragte der CDU ins Studio eingeladen.“
Frühstücksfernsehen. Jaaaa, das Frühstücksfernsehen wird mir jetzt meine Fragen beantworten: „Wie können wir uns vor Islamisten schützen. Welche Präventionsmaßnahmen…“

Endlich, denke ich. Endlich bekomme ich die Antwort. Die Integrationsbeauftragte wird mir jetzt sagen, wie ich präventiv mit den potentiellen Dschihadisten in meinem Unterricht umgehe. Seit letzter Woche denke ich: Oh Mann, bei uns an den Schulen läuft aber auch so einiges schief. Wir entlassen jeden Sommer dutzende frustrierte junge Männer ohne Schulabschluss. Angry young men! Und dann sehe ich die Berichterstattungen über die Attentäter. „Er wollte Rapper werden. Gelegenheitsjobs, schlechte Bildung, Verlierer der Gesellschaft, usw.“

Die Frau, die bei der blonden Frau im Studio war, die, die zusammen mit der den trauermarsch, der dann doch kein Trauermarsch war kommentierte, die hat gute Sachen gesagt. Diese jungen Männer strengen sich in der Schule nicht an. Sie wollen alles immer gleich. Gleich berühmt sein, gleich reich sein, gleich das dicke Auto haben. Aber einen Schulabschluss oder eine Ausbildung zu machen, das ist mühsahm. Zu Arbeiten ist mühsam. Sich in irgendeinem Djihadisten Camp an Waffen ausbilden zu lassen – das geht schnell und dann bist du wer.

Darüber musste ich viel nachdenken. Und sie sagte auch – diese Jungen fühlen sich wohl in der ewigen Opferrolle.

Viele meiner Schüler sind ja ähnlich – zumindest was das „sich nicht richtig anstrengen, aber alles gleich haben wollen“ angeht. Aber was kann man da machen? Ich möchte doch keine potentiellen Terroristen entlassen. Und immer wird davon gesprochen, dass man präventiv arbeiten muss. Ja, das glaube ich auch, aber wie. Jedesmal, wenn jemand im Fernsehen wieder sagt: „Da müssen wir viel früher ansetzten. In den Schulen…“ dann stürze ich mich direkt vor den Bildschirm, um ja nicht zu verpassen, was ich machen soll. Und dann? Dann kommt NICHTS!!!!! Noch NIEMAND hat in irgendeiner Diskussion gesagt, was man machen kann. Und ich kann wirklich sagen, dass ich fast ALLES über den IS gesehen habe. Ich hab mir schon alles reingezogen, als sie noch ISIS hießen. Aber noch NIEEEEE habe ich gehört, wie diese Prävention denn aussehen soll.

Aber jetzt die Integrationsbeauftragte der CDU. Die wird mir das sagen.
Sie ist klein und dem Namen nach irgendwie türkisch. Die Interviewerin: „Ist Ihr Migrationshintergrund bei Ihrerm Posten ein Vorteil?“ LAAAAAAAANNNGWEEEIIIILG!!!! Ja, natürlich ist er das. Wenn sie nicht türkische Wurzeln hätte, hätte sie doch den Job gar nicht bekommen. Also weiter bitte!

„Wie haben Sie als Muslima die Anschläge erlebt?“ Hääääähhhhhh, was soll das denn jetzt?

Dann noch ein bisschen PEGIDA. Überraschenderweise findet sie die nicht so toll, aber man müsse ja auch die Ängste der Bürger….. oh, das hatte ich ja noch gar nicht gehört.

Ich denke: Jetzt labern die aber schon ganz schön lange. Viel Zeit für die Prävention bleibt da aber nicht mehr.

Und dann: „Frau Blah, Blah, Blah, ich bedanke mich für das Gespräch.“

Na toll! Hat die sich auch wieder davor gedrückt, mir konkret zu sagen, was ich mit den verwirrten Jugendlichen in meiner Klasse machen soll. Schönen Dank auch.

Aber halt – haben die nicht alle eine Seite im Internet? Ich such die jetzt und schreibe der eine Email. Die Integrationsbeauftragte soll mir gefälligst sagen, wie diese Prävention aussehen soll!

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Allgemein

16 Gedanken zu “Produzieren wir Massenvernichtungswaffen?

  1. Irgendwie brauchen diese Jungs positive Vorbilder, welche nicht in der Opferrolle stecken oder nur den gerinsten Weg gehen.
    Wie das gehen soll? Wohl nur über kleine Initiativen, welche dann einen Schneeballeffekt haben könnten..Ich bin ja auch keine Integrationsbeauftragte.

    Ich habe das Buch zum Film „Intouchable“ gelesen. Der Pfleger, sagte darin, er hätte in seinem Lebensumfeld in den Aussenquartieren von Paris kein positives Vorbild gehabt. Niemand hätte ihm gezeigt, dass sich „richtige“ Arbeit lohnt. Erst durch Zufall fand er seinen Weg in ein selbstbestimmtes, glückliches Leben.
    Dies würde ich allen jungen Leuten bei uns wünschen!

  2. schreib einen schönen gruß von mir dazu. würde mich auch interessieren. und wen muss man fragen, um diese ganzen potentiellen neonazis präventiv in der schule zu behandeln? (bisher zieht die methode baseballkeule ja ganz gut…. in meinem kopf).
    liebe grüße,
    jule*

  3. The answer is blowing in the wind… Den Schülern beibringen, wer sich anstrengt bekommt auch Arbeit? Zur Hälfte (wenn nicht mehr) gelogen. Opfer von Gewalt- taten besuchen, ein Kurzpraktika im sozialen Dienst? Vielleicht hilft das ein wenig. Marx lehren? Leider nicht gerne gesehen…. Tja. Weiß auch nicht so recht.

  4. Ich glaube die Kids müssen das Gefühl haben in unseren Kreisen ( in unserer Gesellschaft) gebraucht zu werden. Jeder Mensch hört doch gerne, dass das was er macht, gut macht. Das Gefühl unentbehrlich zu sein, motiviert doch jeden weiter zu machen. Diesen Kids aber, ist doch schon vorher der Wind aus den Segeln genommen worden. Und wieso? Versetzen Sie sich in die Lage eines Grundschülers, der nicht so gut ist und von Zuhause keine Unterstützung zu erwarten hat. Der wird zum Delta ( Brave New World) kategorisiert und kommt nicht auf das Gymnasium, wo die Eltern ihn haben möchten. Was hat dieser Schüler dann schon in einem jungen Alter für ein Selbstwertgefühl? Oder heißt es, das merken die doch nicht???

  5. Auf die Antwort der E-Mail, bin ich wirklich gespannt. Mit vielen Worten jonglieren können die alle gut. Ich bezweifle, dass da gute Ansätze zurückkommen. Ich bin gespannt!
    Wenn sie neben der Erfüllung des aktuellen Bildungsplans, bei ständig weniger Personal und weniger Geld, nun auch noch das Heranzüchten kleiner Terroristen verhindern, dann ist es aber wirklich bald Zeit für einen Orden =)

    LG
    Anja

  6. Ich würde gerne auch eine Anfrage stellen, und die oder der eine oder andere Leser bestimmt auch. Politiker reagieren nur auf Massen, siehe Pegida, Stuttgart21, …
    Je mehr Anfragen, um so größer der Zwang, etwas unternehmen zu müssen. Irgendwo ist bestimmt bald wieder Wahl, da muss man gut dastehen.
    Butter bei die Fische, hat jemand die Emailadressen der zustaändigen Politiker der Parteien des Bundes und Landesverbände?
    Hier schon mal die Landesbeauftragten:
    http://www.bundesauslaenderbeauftragte.de/auslaenderbeauftragte-bundeslaender.html
    Und Bundesbeauftragte:
    http://www.bundesregierung.de/Webs/Breg/DE/Bundesregierung/BeauftragtefuerIntegration/amtPerson/kontakt/_node.html;jsessionid=7342B6F34F544CEC974ADF2B8D1D5F8D.s4t1

    Viel Spass beim schreiben.

  7. Frau Freitag, Sie sind die Coolste. Genau das hatte ich auch schon vor – die Medien anschreiben, daß sie mal eine vernünftige Diskussionsrunde darüber machen, WARUM sich diese jungen Leute radikalisieren, aus was für einem Umfeld sie stammen, und – noch viel wichtiger – was man dagegen machen kann.
    Am besten im genau gleichen „Tonfall“, den man gegenüber Leuten verwenden würden, die sich einer bescheuerten Sekte (Scientology…) anschließen oder heroinsüchtig werden – gerne auch mal die Eltern zu Wort kommen lassen.
    Bitte unbedingt berichten, wenn Sie eine Antwort kriegen sollten!

    Die Muslima aus Hamburg-Harburg bei „Hart aber fair“ war zwar sehr sympathisch, sagte aber leider auch nur, die „Moscheen würden ja schon ganz viel tun“, und die Medien würden niiiieee darüber berichten. Wenn wirklich soviel getan wird (z.B.: wir setzen mehr Imame in der Gefängnisseelsorge ein, wir sprechen gezielt Leute in der Moschee an, wir würden gerne auch in Schulen gehen….) – hätte sie da vielleicht auch konkreter werden können.

  8. Nach allem, was man so zum Thema Gewalt, Vorbilder, Erwachsenwerden, etc. liest, braucht es eigentlich dauerhafte, direkte Bezugspersonen, die dann auch den Konflikt aushalten. Wie das in einer Schule gehen soll, ist mir schleierhaft.

    Natürlich kennt man die lauten Problemschüler, aber die Zeit, sich wirklich mit den Personen zu beschäftigen, hat doch keiner in der Schule. Mentorenprogramme sollen angeblich recht erfolgreich sein.

    Dann gibt es aber auch die leisen Problemschüler. Ich stelle mir vor, dass man die intorvertierteren jungen Menschen noch viel schlechter einschätzen kann. Da erfährt man von ernsthaften Identifizierungs*dings noch viel weniger.

    Ich Erwartungen an die Schule scheinen mir in der Prävention dann doch fehlgeleitet. Wie rennt denn bei Ihnen die Sozialarbeit und die zusätzliche Betreuung ab? Gibt es das überhaupt?

    Ich glaube, dass die Politik genauso ratlos ist wie Sie. Bin auf die Antworten gespannt.

    • meine Lösung – an brennpunktschulen die unterrichtsverpflichtung runtersetzen und die gewonnene zeit als mentor für die schüler agieren.

  9. Warum schiebt man eigentlich nie die Schuld dem Kindergarten zu? *verwirrt*
    Ach und ich find`s wirklich klasse, dass ALLE wissen, dass man schon früher, in der Schule ansetzen muss… Ist echt super so nen Wissen… Hilft auch voll viel, wenn am Ende dann doch niemand weiß, WIE man ansetzen soll / muss.

    Und Schüler motivieren damit sie einen Sinn im Lernen sehen… Na, das kriegt man vielleicht auf dem Gymnasium hin, aber selbst da bezweifle ich das…

    Ich geh mir jetzt mal überlegen, wie ich meinen Nachhilfeschülerinnen erklären kann, warum man so doofes Mathe lernen soll, was die dann eh nie im Alltag brauchen… Hmm… Irgendwelche Berufe wo sie das bräuchten werden sie eh nicht wählen…

    • Meine Schülerinnen haben schon erkannt, wozu sie z.B. Prozentrechnung brauchen können. „Frau Freitag, is schon wichtig, weil beim Shoppen steht ja ganz oft 20% billiger.“
      Und falls man sich mal einen Teppich kauft ist auch gut, wenn man die größe des Zimmers errechnen kann.
      ein viertel Liter Wasser – sowas hilft beim Kochen usw.

      • Ja, das habe ich auch versucht zu erklären. Dass man ab und zu schon mal cm in m umrechnen können muss etc…
        Aber leider …. Naja, da wird man dann Fahrkartenkontrolleurin, da muss man nämlich nur Fahrkarten kontrollieren und Leute aufschreiben. Voll easy und ist total anspruchslos…

        Warum zum Geier findet man keine vernünftige Erklärung im Internet, was so ein Fahrkartenkontrolleur tatsächlich alles leisten / können muss?

        Egal… Übernächste Woche darf ich die armen Schülerinnen weiter quälen… Die das eh nicht brauchen, weil ist ja ganz neues Thema jetzt und braucht man nicht mehr…. *kopfkratz*
        Nach dem ich mal so ne alte Prüfung überflogen habe, durfte ich feststellen, dass man in dem Fall 10 Punkte verlieren würde…. Aber naja…

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