Ich stinke

Ich stinke. Ich stinke die gesamte U-Bahnfahrt. Ach, was sag ich – ich stinke schon in der ersten Unterrichtsstunde.
Heute morgen, als das Handy seinen grauenhaften Weckruf verströmte war es noch stockdunkel draußen. Kannte ich gar nicht mehr – war es doch in den letzten Wochen immer hell, wenn ich aus dem Schlaf kam. Was ist plötzlich los? Wird es jetzt wieder dunkler? Sollte es nicht nicht heller werden?

Also dunkel war’s. Früh war’s und ich musste duschen und frühstücken und Frühstücksfernsehen und dann musste ich mir irgendwas zum anziehen suchen. Und da passierte der erste Fehler. Ich nehme das hellblaue T-Shirt von der Wäscheleine. Kurz denke ich: Nein, nicht das! Das ist umgekippt.
Trotzdem ziehe ich es an. Warum? Weil kein anderes da war? Nein, da waren viele. Weil es mein Lieblingshirt ist? Nein, aber es hat einen schönen Kragen und ist bequem. Und weil ich noch nicht richtig wach war. Denn sonst hätte ich doch gewußt, dass irgendwas mit dem T-Shirt nicht in Ordnung ist.

Das T-Shirt hat seine Haltbarkeit überlebt und ist jetzt – wie gesagt – umgekippt. Das heißt, dass es, wenn man es anzieht sofort stinkt, als hätte man einen Marathonlauf absolviert.

Nur das blöde blaue T-Shirt hätte ja schon gereicht. Aber ich ziehe dann noch einen Pulli an, der schon seit Wochen auf dem Stapel „geht noch – kannste nochmal anziehen“ liegt. Dieser Stapel ist hoch und eigentlich sind die meisten Sachen schon so zerknittert, dass sie überhaupt nicht mehr gehen. Viele sind einfach auch schon viel zu oft getragen. Und zu Guterletzt ziehe ich auch noch einen Kaputzenpullover drüber – man weiß ja nie. Vielleicht ist draußen kalt. Ist dunkel – wird auch kalt sein. Ist aber nicht kalt draußen. Schon gar nicht in der U-Bahn.

Mit abgelaufenem T-Shirt, zerknittertem stinke Pulli, Kaputzenpulloverteil und Wollmantel sitze ich nun im Wagen und schwitze. Aufsteigende Hitze ist das noch nicht. Kenn ich – war’s nicht. War nur: Dumm angezogen.

Dann in meinem Klassenraum. Oh, irgendjemand hat die Heizungen aufgedreht. Es ist voll warm. Ich schwitze noch mehr. Fange an zu müffeln. Ob die Schüler das auch riechen. Oh Gott. Hoffentlich riechen die nur den Rauch und nicht dem Schweiß. Ich will nicht die stinkende Lehrerin sein. Ich wollte nie die sein, wo die Schüler sagen: „Ja, ganz nett. Aber sie stinkt voll.“.

Irgendwie überstehe ich den Schultag und fahre nach Hause. In der U-Bahn stinke ich weiter vor mich hin. Da ist es nicht ganz so schlimm, weil da ja fast alle stinken. Also vor allem die Männer. Da sitzt man morgens neben Männern und denkt: Alter, was ist los? Direkt aus dem Bett in die U-Bahn? Oder in den Klamotten ins Bett und dann raus aus dem Bett und raus in die Welt? Haben Männer keine Dusche? Putzen die sich nie die Zähne? Und die Haare… die muss man ab und zu auch waschen.

Aber ich stinke ja heute auch und das macht mich ganz traurig. Ich will mein Leid teilen – geteiltes Leid ist halbes Leid. Aber mit wem teilen? Soll ich die Oma neben mir auf meine ungewaschenen Klamotten aufmerksam machen? „Entschuldigung, merken Sie, wie eklig ich rieche?“

WhatsApp rockt und Frau Dienstag wird mich verstehen. Wenn es mir schlecht geht, geht es ihr auch schlecht und wenn es mir gut geht, dann ist bei ihr auch alles tutti. Demnach: Wenn ich stinke, dann stank sie heute auch. Garantiert.

Ich klage ihr mein Leid und was antwortet sie?

„Ich stinke null. Hab mein T-Shirt sogar wieder in den Schrank gelegt.“

WIE BITTE??????? Wieder in den Schrank gelegt? Spinnt die? Das DARF man nicht!!!!! Ihr wird das Gleiche passieren wie mir. T-Shirt aus dem Schrank nehmen, anziehen, Siebte Klasse unterrichten und dann hat sie den Salat. Hoffen wir mal, das sie das hier liest und das Teil sofort in die Wäsche schmeißt.

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Allgemein

9 Gedanken zu “Ich stinke

  1. Yupp, ich ziehe eisern zur Arbeit nur frisch gewaschene Kleider an und Zwiebellook, damit ich in der S Bahn und im Büro bei Wärmestau schnell etwas ausziehen kann.
    Es gibt immer wieder Kollegen und Mitpassagiere welche dies nicht so halten, igitt…
    ABER ich bin auch ein Trüffelschwein mit sehr feiner Nase. Bei mir stinkt schnell einer, ich hätte neben Ihnen in der S Bahn vielleicht schon meinen Finger unter die Nasenlöcher legen müssen 🙂

  2. Du schaffst es mit diesem Text, dass man sich auch gleich stinkig fühlt und unter die Dusche will, … :-/ … aber ja, ich bin zwar nicht Frau Dienstag, aber ich kenne das auch, …

  3. Nicht schöööön, so ein Anfang…
    Ich habe gestern in einem Anflug von Sauberkeitsfaulheit alle Pullover ‚vom Stapel‘ – egal aus welchem Material sie sind – in die Waschmaschine gestopft.
    War auch keine so gute Idee…

  4. Na da hab ich ja Glück, dass wir hier in BW erst morgen wieder arbeiten.
    Ich trainiere das Frühaufstehen seit drei Tagen und hab mir grad ein gebügeltes T-shirt hingelegt. Wer jetzt vor Neid erblasst, dem sei vorgehalten, dass die ländliche Langeweile schuld ist, dass ich für sowas Zeit hab. Hier is nix los!

  5. Ein recht nerviges Problem, kenn ich auch. Einfach mal den ganzen Kram, der nach dem Anziehen wie alter Spüllappen stinkt mit echten 60° C waschen. Das wirkt Wunder… Und wenn die Sachen das nicht aushalten, ist es auch nicht mehr Schade drum. Die Sachen stinken meist auch schon nach dem Waschen beim Aufhängen, da kann amn solche Kandidaten am Besten erschnüffeln. Der Geruch verschwindet beim Trocknen vollständig, taucht aber beim nächsten Feuchtwerden (HARHAR) durch Regen, schon leichtes Schwitzen oder auch erneutes 40°C waschen wieder auf.

  6. Eine Freundin sagte dazu immer „…und wenn du es selber riechst, haben es alle anderen schon längst gerochen!!!“ Fällt mir dann an solchen Tagen immer gern ein, wenn man dann ja auch schon diverse Elterngespräche usw. hatte

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