Ethik nicht so leicht wie man denkt

Heute kriege ich sie! Heute wird super! Heute werden wir eine ganz tolle Ethikstunde zusammen haben. Ich fahre 30 Minuten früher in die Schule, als ich muss. Ich stelle alle Tische in Gruppentischformationen. Ich besorge mir riesengroßes Papier. Die kopierten Arbeitsanweisungen für das stille Schreibgespräch tue ich in Folien – aber die ganz durchsichtigen – die teuren. Die Arbeitsanweisungen und die Blätter lege ich auf die Gruppentische. Dann baue ich den Laptop und den Beamer auf.

Zur Einstimmung auf das Thema ein Schreibgespräch, dann der Film, dann Beobachtungsaufgaben – auf Arbeitsblättern. Jeder Schüler soll eine Figur aus dem Film beobachten und aufschreiben was die Figur im Laufe der Story erwartet. Die sieben Figuren habe ich kopiert, ausgeschnitten und jeweils eine an die Arbeitsblätter getackert. Hätte ich einen Farbdrucker – ich hätte die sogar bunt ausgedruckt – so überzeugt bin ich von dieser Stunde.

Die Klasse ergießt sich nach und nach in meinen Raum. Die Ersten freuen sich, dass sie mit ihren Freundinnen zusammensitzen können. Es entstehen also drei Gruppentische mit fröhlichen Kindern und zwei Tische mit Ausgegrenzten und unpünktlichen Schülern. Ach ja, und natürlich setzen sich die drei Störer auch zusammen. Zu einem Schüler, der eigentlich sonst gut mitmacht, nun aber keine Chance mehr dazu hat.

Es klingelt. Ich sage nichts. Irgendwann fangen zwei Gruppen an, sich das Arbeitsblatt anzusehen. Eine Mädchengruppe fängt sogar mit der Aufgabe an. Ich beobachte die anderen Gruppen. Der eine Störer nimmt den Schal vom anderen Störer und will ihn nicht zurückgeben. Beide ziehen an dem Schal. Ein Mädchen am Aussätzigen-Tisch fängt an zu frühstücken, dann steht sie auf und schmeißt das Papier ihres Brötchens weg.

Zwei Tussimädels fangen an sich die die Wimpern zu tuschen und dann die Haare zu kämmen. Dabei sitzt die eine auf dem Schoß der anderen.

Die Zeit vergeht. Zwei Gruppen arbeiten gut. Drei Gruppen arbeiten nicht gut. Eine Gruppe denkt, es ginge nur darum, in die Mitte des Blattes ein Wort zu schreiben.

Ich rege mich innerlich schon wieder auf… kurz gesagt: die zwei Gruppen haben super gearbeitet und es hat ihnen auch Spaß gemacht. Die anderen haben mich nur genervt und zum Film sind wir gar nicht erst gekommen. Ich habe die guten Gruppen etwas früher gehen lassen, die anderen mussten die Tische zurückstellen. Das hat ihnen nicht gefallen. Als sie nach dem Klingeln alle weg waren, habe ich fluchend die Tische geschrubbt und den Müll vom Boden aufgehoben. Ich war soooooooo sauer. Mistpocken! Elende!

Da der Beamer aber nun schon da stand und weil ich wirklich wissen wollte, was die Schüler zum Film sagen – habe ich die Stunde dann einfach in der Englischklasse, die ich danach hatte gehalten. Und siehe da – hat Spaß gemacht – lief super und meine Laune war wieder justiert. Ich glaube Ethik nervt gar nicht so – es ist diese spezielle Klasse, die mich nervt. Aber was soll man da machen? Can’t teach them – can’t shoot them.

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Allgemein

21 Gedanken zu “Ethik nicht so leicht wie man denkt

    • FrlKrise die Moralomi of the nation (um mal auch etwas von meinem großzügigen englischvocabulary kundzutun) when I would be good enough I would speak the whole day long english and say clever things like „I believe I spider“ and so on …(oooh guckmal ich hab gar nicht If&would gesagt hahah!)

  1. Es ist sehr frustrierend, wenn man Unterricht fast so gründlich vorbereitet wie seinerzeit im Referendariat eine UPÜ – und die Klasse dann weder mitmacht noch zu bändigen ist. Und ja – manchmal läuft es mit einer anderen Gruppe dann ganz hervorragend, das baut dann wieder auf!

    „Can’t teach them – can’t shoot them“
    How about strangling them?

  2. Haben die Schüler bei Fehlverhalten (etwa hier die Tussis) mit irgendwelchen Konsequenzen zu rechnen? (Sowas wie Minuszeichen am Ende der Stunde etc.) Falls nicht, ist es nicht verwunderlich, wie sie sich benehmen.
    In manchen Ethikkursen (ja, die 8klässler sind die ätzendsten!) trage ich vor den Augen der Schüler in der Pause die Minus- und Pluszeichen ein (Skala: –,-,0,+,++). Das hat was gebracht, in puncto Mitarbeit, seitdem ich das öffentlich mache. Ist zwar Stress, weil die Schüler mich nach der Stunde bestürmen und auch umzustimmen versuchen, letzteres schaffen die aber nie. Kostet auch Zeit und Nerven. Aber dafür kann ich in manchen Stunden mit der Liste wedeln und auch die Begründung der mündlichen Note ist einfacher und transparenter…

  3. oh heavens to betsy! vielleicht ist es ganz gut das mit dem „can´t shoot them“… wer weiß wie sich die Klasse in anderen Fächern bei anderen Lehrern verhält… stellen sie sich mal vor die würden alle Störer shooten- wer bliebe? Ein zwei Megastreber- dann gäbs nix mehr mit Gruppenarbeit 😉

  4. klingt 100% nach meiner ethik achten (gymnasi und so) letztes jahr. achte gehört rausgeworfen, ab in die wildnis, mit dem rad einmal von münchen nach berlin, führen einer supermarktfiliale für drei wochen, bergwanderung mit draußen schlafen über mehrere wochen, hiphop lernen alldaylong für einen monat, buch schreiben und drucken, whatever, nur nicht sitzen und lernen. ich glaube, schon rein biologisch ist in dieser umbruchsphase wenig bei denen zu machen, wenn schule klassischer art involviert ist.

  5. Wie wäre es mit einem einjährigen Pflichtpraktikum/Sozialen Jahr in der 8. oder 9. Klasse, so für alle? Danach kann wiederkommen, wer lieber Schule macht, als zu arbeiten. In den zwei Klassen lernt man sowieso kam was. Gibt zu viel anderes Interessantes.

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