Phasensprung

So, jetzt der Endspurt, renn‘ renn´, nur noch vier Wochen und noch sooo viel zu unterrichten. Langsam sind Pubertätserscheinungen in meiner Klasse sichtbar. Also Hamid kam schon am ersten Schultag in de Siebten mit einer Ladung Pickeln im Gesicht in die Schule und Vincent denkt auch, dass man Mitesser nicht ausdrücken kann. Oder was denkt der sich? Was denken Jungs überhaupt über Pickel? Ich habe mich damals, und eigentlich heute auch noch, JEDER noch so kleinen Hautunreinheit, quetschender Weise entledigt. NIE wäre ich mit einem Mitesser auf der Nase in die Schule gegangen. Schon gar nicht mit den gleichen Pickeln mehre Monate lang. Ich drücke mir sogar Pickel aus, die gar keine sind. Aber die Jungs… tja.
Vielleicht wissen die nicht… vielleicht sollte ich das mal im Unterricht thematisieren. In Englisch? Oder besser in Ethik?

Ach, wenn es doch nur die Pickel wären… meine Klasse produziert einfach mal Hormone ohne Ende. Plötzlich wird da gekichert und gegackert, wo früher eifriges Lernen und überhöhte Aufmerksamkeit waren. Man widerspricht mir, verdreht die Augen, ist dauernd wegen irgendwas eingeschnappt und wird nervös, sobald das andere Geschlecht auftaucht.

Schule und Unterricht rücken in irgendein Nirvana. Noten – ach, was soll’s… Die 45 Minuten Unterbrechung der Pause ist nur noch zum Quatschen und Stören da. Neuerdings stören sogar einige von den lieben Mädchen.

Puhhhh, noch vier Wochen, dann können sich die Eltern erstmal wieder 14 Tage mit ihren Pubertisten beschäftigen. Ich möchte sowas ja nicht zu Hause haben. Wie lange dauert denn diese Pubertät? Warum müssen die denn alle da rein? Könnte man das nicht mit Vorlesungen lösen:

„So, hier nun die Menschwerdung: Erstmal wachsen euch Haare an den unmöglichsten Stellen. Könnt ihr alles abrasieren oder auch nicht – wie ihr wollt. Dann findet ihr die Mädchen oder Jungs, die ihr immer eklig fandet, plötzlich gut. Dann fangt ihr an zu riechen – dagegen hilft waschen. Und ehe ihr fertige Erwachsene seid, durchlauft ihr noch ein paar ‚Wer bin ich‘ -Phasen. Ihr könnt euch die Haare färben, schneiden, glätten, dauerwellen, whatever. Die Jungs machen das lieber mal schön mit Inbrunst, weil ihr evtl. irgendwann gar keine Haare mehr habt. Und dann könnt ihr nach jeden Ferien mit einem neuen Kleidungsstil in die Schule kommen. In 20 Jahren findet ihr ALLES, was ihr anhattet sowieso TOTAL peinlich.
Jedenfalls ist das die Pubertät. Ach ja, und ein paar Stimmungsschwankungen. Wenn ihr mich fragt – lohnt sich alles nicht so richtig und ist voll anstrengend. Dauernd hat man Stress. Überspringt mal diese nervende Phase und lernt lieber für die Schule.“

Das alles schön als Power Point Präsentation und dann in Ruhe bis zur Zehnten unterrichten. Wär‘ doch gut, oder?

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Allgemein

25 Gedanken zu “Phasensprung

  1. Wenn es diese Vorlesung gibt, buche ich bitte schon mal drei Plätze für meine PAW (Pubertisten-Anwärter). Was das betrifft, habe ich bei der Kinderplanung alles gegeben. Jedes Kind nur ein Jahr älter als das nächste.

    Heißt also, dass ich alle drei quasi zeitgleich in der Pubertät habe. Das wird schön. NICHT !!!

  2. Eine faszinierende Idee, diese Präsentation.
    Wenn da nicht das Problem wäre, dass die pubertierenden Mensch-werden-Woller/-innen vermutlich bereits beim ersten Satz einen Kicher-/Gackeranfall bekommen würden, so dass sie den Rest gar nicht mehr mitbekommen…

  3. „Lernt lieber für die Schule!“

    Ist das nicht das eigentliche Problem?

    Die Schule hat zwar 100 Jahre nach Einführung noch immer nichts vom Leben gelernt, das mit der Pubertät zum Beispiel, verlangt jedoch von den Schülerinnen, sie sollten für die Schule lernen.

    Es gibt mittlerweile immer mehr denkende Lehrerinnen, die erkennen, dass Schule mehr sein sollte als Stoffvermittlungs-, Stoffabfrage- und Schüleraussortierungsanstalt.

    Dazu gehört auch, dass die Pubertät nicht als Krankheit betrachtet wird, die bekämpft werden muss, sondern als Chance, die ergriffen werden muss und die dazu gehört.

    Heute ist noch nicht mein Tag!

  4. „Überspringt mal diese nervende Phase und lernt lieber für die Schule?“

    Nach gefühlten 200 Jahren Schulpflicht lernt Schülerin in Deutschland noch immer nur für die Schule und nicht für Leben.
    Und die Schule hat auch nach fast 100 Jahren realer Schulpflicht vom Leben noch nichts gelernt.

    Pubertät ist keine Krankheit sondern eine Lebensphase, die, wäre Schule nicht Betriebsblind, auch konstruktiv integriert werden könnte.

    Zwei Fragen dazu:

    1. Soll Schule Bildung vermitteln oder Stoff pauken und abfragen?
    2. Lehrt Schule das Lernen und selbst Denken und wie beurteilt man das?

    Pubertät ist nichts was Lehrer bekämpfen müsste oder gar könnte.
    Diese „Peinlichkeit“ ist kein persönliches Versagen.

    • Ja bitte, Herr Mittwoch, lassen Sie hören.
      Vielleicht gelingt es mir ja, daraus Erkenntnisse zu abzuleiten, die dabei helfen, diese Pubertät auch konstruktiv ins Familienleben zu integrieren.
      Ich habe nämlich das zu Hause, was Frau Freitag nicht zu Hause haben will (Ich manchesmal auch nicht, aber hilft ja nix!)

  5. Das wäre PER-FEKT! Vor allem müßte man sich nicht mit den pupertierenden 9. Klässlern rumschlagen, die Lehreranweisungen gerne mit „ey, waruuuummm?!“ kommentieren.

    Und Aufgaben erledigen als optional ansehen, sich in den Pausen kloppen, Federtaschen von den Tischen fegen oder sie jemand anderem an den Schädel werfen usw……

  6. Nee, keine PPP – Hormontest am Eingang, dann Auswahl: bei Durcheinander im Hormonhaushalt (Sprich: Pubertät) – ab zur Sozialarbeit, Aufklärung und Selbstfindung o.ä.; wenn Hormonhaushalt wieder o.k., dann weiterlernen, wo man aufhören musste (oder ein Stückchen davor…)

  7. Ich finde die Vorschläge hier absolut klasse. Ihr Pädagogen: Macht was Gescheites draus und bringt den Kinder Leben mit und gegen die Pubertät bei. Das wird klasse. Und wenn Ihr Euch alle ranhaltet, dann profitieren meine Kinder und meine Nerven auch davon. Meine Stimme und Unterstützung habt Ihr 😉

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