Mein neues Lehrer-Ich

Endlich ist wieder Schule! Endlich! Diese Herbstferien – unnötige Unterbrechung des herrlichen Schulalltags. Wie hab ich mich gefreut auf die lieben Kleinen…
Am letzten Schultag habe ich noch schnell eine neue Sitzordnung bauen lassen: Gruppentische!!! Yeah!Schluss mit diesem antiquierten Frontalunterricht. Ab jetzt nur noch moderne, schülerorientierte Lernformen! Auch meine Rolle soll sich ändern. Vom Wissensvermittler werde ich zum Coach. Das hatte ich mir fest vorgenommen für die Herbstferien. Ich werde zum Lernbegleiter meiner Schüler. Nie wieder werde ich Wissen vermittelnd vor denen stehen und auf sie einquatschen. Nein! Ab jetzt werde ich ihnen ein Begleiter auf ihrem eigenen Lernweg sein. Ich werde die Angel. Ich werde keine Fische mehr darreichen!

Kein Wunder, dass bei mir niemand was lernt. Stehe ich doch nun schon seit über 10 Jahren vor der Tafel und labere und labere. Nie mache ich SOL (Selbstorganisiertes Lernen). Kein Kugellager, kein Fishbowl, keine Schreibgespräche – wie soll man da was lernen?

Aber jetzt: Mit den Gruppentischen ist der Grundstein für ein völlig neues Lehrerleben gelegt! Nun erfordert mein neues Lehrer-Ich allerdings eine ganz gründliche Vorbereitung des Unterrichts von mir. Stationsarbeit will vorbereitet sein. Think-Pair-Share läßt sich auch nicht aus dem Ärmel schütteln. Da kamen mir doch diese Herbstferien ganz recht. In 14 Tagen kann man doch so einiges schaffen. Aber als ich gerade mit meiner Vorbereitung anfangen wollte streckt mich ein fieser Virus nieder. Wie ein Goldesel stülpt sich mein Inneres aus allen Körperöffnungen nach außen. Ich möchte hier nicht ins Detail gehen, aber ich habe mehrere Nächte stundenlang gekotzt und mit Durchfall das Klo besetzt. Wenn beides gleichzeitig passiert, ist das wirklich eine ziemliche Einschränkung der Unbeschwertheit. Trotzdem dachte ich in diesen Nächten mehrfach: ich bin dieser Goldesel. Die Tage danach waren schwierig. Meine Erkenntnis: Man kann mit einem TUC-Keks am Tag überleben.
Man verliert auch Gewicht. Ist nicht schwer – diese Gewichtsreduzierung. Der Kleiderschrank eröffnet einem plötzlich ganz neue Möglichkeiten. Aber wer darunter litt – mein neues Lehrer-Ich. Wenn man fast die gesamten Herbstferien mit dem Virus verbringt, dann fehlt die Zeit für die intensive Vorbereitung und am Montagmorgen war alles, was ich hatte, die Gruppentische.

Wird schon, wird schon – dachte ich mir dann morgens im Bus und machte noch schnell eine feine Mädchen-Junge-Sitzordnung.

Dann die erste Stunde: Die Kinder kommen.

„Was das?“
„Warum neue Tische?“

„Setzt euch mal hin, ihr Lieben!“

Nach anfänglichem Murren saßen sie irgendwann an den Gruppentischen. Von der Hälfte der Klasse sah ich nun nur noch den Rücken. Hmmm. Das fetzt ja nun nicht so. Und besonders Aufmerksam waren sie irgendwie auch nicht. Da sie sich nun an ihren Gruppentischen alle angucken konnten, quatschten sie auch alle miteinander. In der zweiten Stunde – Kunst in einer anderen Achten – war es auch nicht besser. Die durften sich hinsetzen, wo sie wollten und das trug auch nicht zu einer erhöhten Aufmerksamkeit und mehr Ruhe bei.

In der dritten Stunde hatte ich Englisch in meiner Klasse und das ging irgendwie gar nicht. Nach zwanzig Minuten habe ich die Tische wieder frontal ausrichten lassen. Plötzlich war es wieder ruhig.

„Sehr schön. Und jetzt nehmt mal ein Blatt raus und schreibt das von der Tafel ab, was ich gleich ran schreibe!“

Ich finde übrigens, dass ich aussehe wie Freddie Mercury.

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Allgemein

34 Gedanken zu “Mein neues Lehrer-Ich

  1. Hallo Fr. Freitag … habe dich schon sehr vermisst!

    Als Neuerdingsteilzeitvertretungslaienlehrer habe ich mir grade was hinter die Ohren geschrieben. Also schön gradeaus und von vorn!

    Herzlichen Glückwunsch zum Aussehen. Die meisten Frauen dieser Welt wünschen sich insgeheim, wie Freddie Mercury auszusehen.

    • Da habe ich ALLES gemacht! Eine Lehrerhure war ich! Sogar für Stummer Impuls war ich ich mir nicht zu schade! Ja, zum Glück ist diese Zeit vorbei.

      • Der stumme Impuls ist auch bei Lehramtspraktikanten sehr beliebt. Bei meinem letzten Praktikum hat ausnahmslos JEDE Stunde mit einem stummen Impuls angefangen…

      • omg, bei uns kursiert auch das Gerücht, dass man im 2. SE zweistellig vergessen kann, wenn man den stummen Impuls vergessen sollte…dabei so ein Schwachsinn, warum muss man als Refi denn eigentlich utopischen Unterricht machen…die widersprechen sich alle so wunderbar…da schreien sie Kompetenzen und auf der anderen Seite beharren sie dann immer auf ihren merkwürdigen Methoden, so dass dann alles so konstruiert wirkt, als müsste sich alles den Methoden unterordnen…

  2. wenn ich nicht so faul wäre, würde ich auch mehr frontal unterrichten (wenn ich schulpraktikum habe). schüler mögen so was ja…aber fishbowl…ihhhhh…das geht viel zu oft schief (es sei denn man macht das in der uni mit willigen studenten)!

  3. Hey Frau Freitag,
    haben neulich auf von Gruppentischen auf alt hergebracht umgestellt, weil wir die Kleinen mal wieder von vorn sehen wollten. Wussten gar nicht mehr so genau, wie die aussehen. Man, haben die sich verändert! Das hat’s voll gebracht!

  4. Was machte ich gestern in der 9. Stunde? KUGELLAGER. Grandios gescheitert…
    Allerdings, womit scheitert man in der 9. Stunde nicht?

    Und zum Aussehen…der Virus hat sich offensichtlich auf den Sehnerv geschlagen, beste Frau Freitag! So was soll vorkommen!
    (Obwohl…diese Hasenzähne…*grübel)

  5. Selbstorganisiertes Lernen … das KANN nur in die Hose gehen, wenn die Schüler nicht
    a) seit Jahren daran gewöhnt sind und
    b) tatsächlich lernen WOLLEN.

    Wir arbeiten in der AV neuerdings viel mit ich-will-lernen.de – sehr empfehlenswert, und ich habe vorher noch nie erlebt, dass es im Computerraum sooo ruhig und konzentriert zugehen kann. Als Lehrer unbedingt einen „Tutorenzugang“ beantragen!

    • muss ich mir mal in ruhe angucken – die figuren sehen ja etwas steif auf – aber computer ist immer gut. ab welcher klassenstufe würdest du das empfehlen?

  6. Nach insgesamt 13 Jahre Schule (die noch nicht all zu lange zurückliegen), kann ich aus Schülersicht im Nachhinein sagen, dass Gruppenarbeiten und Co nichts bringen. Es werden keine wirklichen Erkenntnisse erarbeitet sondern nur offensichtlich Darlegendes.
    Meiner Meinung nach gibt es nichts besseres als Frontalunterricht!

    • na ja, Donnerstags habe ich beispielsweise 9 Stunden Frontalunterricht am Stück. Das ist dann nicht mehr so der Bringer. Vor allem dann nicht, wenn du Lehrer hast, die permanent vom Thema abkommen und von Sozialstaat Deutschland auf fremdgehende Frauen abschweifen. Da hast du dann deinen sinnvollen Frontalunterricht… *seufz*

      wie bei so vielen Dingen – die gesunde Mischung macht´s 😉

  7. Im Grunde schon ab Klasse 5/6. Es geht ja ganz leicht los. Letztendlich führt der Bereich „Schulabschlüsse nachholen“ durch den gesamten Hauptschulstoff, in 10 Etappen.

    Zugeschnitten ist die Sache allerdings wohl eher auf etwas ältere Schüler – die Lernsituationen sind alle in Betrieben angesiedelt. Also eher für Schüler, die sich bereits beruflich orientieren, also ca. Klasse 8.

    Die Aufgaben sind hervorragend gemacht – hoher Spielfaktor, sehr abwechslungsreich.

  8. Gruppenarbeiten waren und sind mir ein Graus. Man ist auf der einen Seite darauf angewiesen, mit dem, was die anderen machen zu leben – und andererseits gibt es da immer noch diesen T(oll)e(ein)a(anderer)m(achts)-Effekt.

    Ich persönlich finde Frontalunterricht auch nicht so dolle, kann aber verstehen, dass er (noch) notwenig ist, um Schülern, die unwillig sind, etwas beizubringen. Gruppentische – wir hatten das Experiment in der neunten Klasse – sind zwar an und für sich eine nette Idee, tragen aber einerseits zur „Grüppchenbildung“ bei und sorgen andererseits dafür, dass man sich eher mit den anderen unterhält, als dem Unterricht zu folgen.

  9. „Ich finde übrigens, dass ich aussehe wie Freddie Mercury.“ – Wah, so richtig mit Feinripp und Haaren auf der Brust – kannste mal ein Beweisfoto einstellen, Frau Freitag? 😀

  10. erinnern kann ich mich aus meiner schulzeit an themen aus gruppenarbeiten, ausflüge, klassefahrt und außerschulisches lernen, also so referate und interwiews mit anderen beruflern, dann noch ein bisschen oberstufe. Der rest ist weg, doch, gähnende langweile, wenn da vorne jemand redete.
    Bei mir gibt es deshalb fast nur gruppenarbeit, heißt ja jetzt kooperatives lesen.

    Frau freitag, entschuldigung, ich habe mich das letzte mal nicht vorgestellt. Ich dachte, ich hätte schon häufiger kommentare geschrieben. Gar keinen. Dabei lese ich seit 1 1/2 jahre täglich hier

  11. Genial, genial! � Think-Pair-Share – schon fast vergessen dann aber – heute gleich zwei Mal umgesetzt – unglaublicher Erfolg: Die eine Klasse kann jetzt Klammerrechnung – die andere schriftliche Division !!!� Und Spa� hats auch gemacht, sprach die abschlie�ende FeedBackRunde! � 1000 Dank Lauere schon auf die n�chsten hei�en Tipps und verbleibe mit freundlichen Schulgr��en

  12. Ich find Gruppenarbeiten und diesen ganzen Quatsch auch an der Uni extrem anstrengend. Auch mit meinen über-20jährigen Kommilitonen. Aber im Japanischunterricht machen wir das leider bis zum Erbrechen, neuerdings auch in Übersetzen. Einziges Ergebnis: Keinen interessiert es, es wird irgendein scheiß gemacht und nur Mist hingeschmiert, weil wenn die Gruppe als Ganzes verantwortlich ist und nicht ich persönlich, ist es ja egal, wenn der Lehrer das mies findet. Positive Synergieeffekte habe ich nur ganz ganz selten erlebt. Da ist mir Frontalunterricht mit „Die Lehrerin redet, ich konzentriere mich auf das was sie sagt und versuche, die Aufgabe zu verstehen/eine Lösung zu formulieren“ wesentlich lieber, als mich mit drei Leuten über Details in der Formulierung zu streiten.

    Gerade bei unwilligen Schülern (man sollte nicht glauben, dass es das an der Uni gibt, ich dachte immer, die suchen sich das Studium aus, also wollen sie lernen, aber gut…) ist alles andere als „Frontalunterricht und an die Tafel rufen“ mMn Zeitverschwendung.

    Noch ein kleiner Tipp, was bei unserem damals besonders unaufmerksamen Japanischkurs im 3. Semester geholfen hat: Die Lehrerin hat nicht nur alles frontal gemacht, sie hat auch die Namen aller Teilnehmer auf Karteikarten geschrieben, durch Zufall eine gezogen und der/die war dann dran mit der Aufgabe. Das hat die Aufmerksamkeit selbst bei den notorischen Quatschtanten extrem erhöht, weil jeder immer drankommen konnte und die Lehrerin großzügig Extraaufgaben verteilte, wenn man offensichtlich nicht aufgepasst hatte.

  13. Frontalunterricht geht immer, Gruppenarbeit und individuelles Lernen nur unter bestimmten Voraussetzungen. Je größer die Klasse, desto schwieriger die Umsetzung. Null Toleranz gegen Störer; wenn man nebenbei doch Basiserziehung leisten muss, geht das gar nicht. Ideal wäre also eine Auffangstruktur wie der TED-Raum. Gruppen sollten in der Regel durch die Lehrkraft oder per Zufall zusammengesetzt werden, sonst bilden sich immer die gleichen mit gemeinsamem Arbeitsethos und fester Aufgabenverteilung. Und am wichtigsten: Früh damit anfangen! Wenn die SchülerInnen vier, sechs, acht Jahre lang mit Frontalunterricht auf Passivität getrimmt wurden, ist es danach fast unmöglich, die zu eigenständiger Arbeit zu bewegen. Falls das aber gelingt, ist es viel effektiver.

  14. Hallo Frau Freitag,… wissen Sie eigentlich, was Sie mir mit diesem Namen eingebrockt haben????
    Ich bin nämlich Lehrerin und heiße Freitag… Danke… 🙂 Aber ich nehme es mit Humor und lese gerne Ihre Bücher…
    Und meine Schüler sitzen an Gruppentischen und erhalten Frontalunterricht. Ist ja auch interessant, dass Finnland ohne MEthodenkompetenz so weit vorne in der PISA-Statistik ist… oder???

  15. Einzelkämpfer unter sich, hier.

    Wie soll Gruppenarbeit auch gelingen, wenn keiner der unterrichtenden Einzelkämpfer das je gelernt hat.

    Gruppenarbeit im Einzelkampf unterrichten muss doch scheitern!

    Das ist wie Schwimmenlernen in der Wüste.

    Frontaleinzelkampfunterrichtsbefreite Schulen können nur Teamplayer.

    Öffnet die Klassen, geht zu den Kollegen zur Hospitation. Tauscht Arbeitsmaterialien aus. Dann muss keine in den Herbstferien allein vor sich hinkotzen.

    Ausser in der Schule gibts das doch garnicht mehr, dass jeder ineffektiv vor sich hin brödelt und der irren Illusion hinterher hechelt, Stoff paucken und unverdaut wiederkäuen wäre im 45 Minutentakt eine kulturelle hochwertige Angelegenheit, die mittels Noten gerecht zu beurteilen wäre.

    Aussortieren und selektieren. Das kann man damit vielleicht. Fürs wirkliche Leben bringt das kaum Nutzwert.

    Gute Besserung!

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