Gerechtigkeit ist, wenn etwas gerecht ist

„Also wir geben dem Vater das größte Stück, weil er der Vater ist. Und dann der Sohn, weil der ist schon 18, also auch schon ein Mann. Die Mutter bekommt ein kleineres Stück, weil sie ja schon vom Backen irgendwie satt geworden ist. Und die Tochter, die muss auf ihre Linie achten, also bekommt die ein kleines Stück. Die Vierjährige bekommt auch nur ein kleines Stück Kuchen, weil ihr Magen ist noch so klein.“ Stolz guckt Tarek in die Runde. Fatima und Gülistan, die beide in der ersten Reihe sitzen gucken zu mir und verziehen missbilligend ihre Gesichter. Ich zucke mit den Schultern. Das war nun der dritte Vortrag, in dem nach diesem Prinzip geteilt wurde.
Ich halte meine erste Ethikstunde. Es geht um Gerechtigkeit. Die Aufgabe war, einen Kuchchen auf eine Familie zu verteilen. Der Vater hat schwer im Haus geackert, die Mutter und die Tochter haben den Kuchen gebacken, der große Bruder kommt von seinem Kumpel und hat voll Hunger und das kleine Mädchen ißt gerade diesen Kuchen so gerne.

Ich zeige auf meine Wortkarten: „Nach welchem Gerechtigkeitsprizip habt ihr denn den Kuchen aufgeteilt?“
Tarek: „Gleichheitsprinzip.“

„Na, dann hätten doch alle gleich große Stücke.“

Gülistan meldet sich: „Autoritätsprinzip. Weil der Vater und der Bruder die größten Stücke bekommen.“

Dann wendet sie sich direkt an Tarek: „Warum bekommt die Tochter nicht ein größeres Stück, schließlich hat sie den Kuchen gebacken?“

„Sie will auf ihre Linie achten.“

„Ach, und das bestimmst du? Nicht sie, oder was?“, frage ich.

Rami mischt sich jetzt von hinten ein: „Der Sohn war doch nur den ganzen Tag Playstation spielen bei seinem Freund und dann kommt er nach Hause und bekommt das größte Stück. Das ist doch ungerecht. Stell dir mal vor, du backst einen Kuchen und dann komme ich zu Besuch und esse den ganzen Kuchen auf.“

Die Klasse ist voll dabei. Es wird hin und her diskutiert. Die Gruppen, in denen nur Mädchen waren, haben alle den Kuchen in fünf gleich große Stücke geteilt. Eine Jungsgruppe will am nächsten Tag gleich noch einen Kuchen backen und dann denen, die diesmal ein kleines Stück bekommen haben (die beiden Töchter) die großen Stücke geben. Sie meinten, dabei würde es sich dann um das Gleichheitsprinzip handeln. Auf die Frage, warum sie dann nicht gleich fünf identische Stück Kuchen aufteilen fällt ihnen nichts ein.

Schon erstaunlich, wie die Jungs die Welt sehen und was für eine Vorstellungen die von Gerechtigkeit haben. Ach ja, eine Gruppe hat dem Vater ein kleines Stück gegeben: „Männer mögen keinen Kuchen.“

Ich denke hier bleibt noch viel zu tun. Aber ich habe ja noch drei Jahre Zeit.

Advertisements
Allgemein

17 Gedanken zu “Gerechtigkeit ist, wenn etwas gerecht ist

  1. Solche Stunden habe ich früher geliebt. Das ist mal wirklich interessant, man konnte diskutieren und die eigene Meinung zählte, man durfte sie verteidigen und Argumente tauschen und nichts war von Anfang an „falsch“ oder „richtig“. Es ging nicht nur darum, etwas auswenig zu lernen oder zu reproduzieren, dass es vorher auch schon gab und wo man selbst überhaupt nicht wichtig für war.
    Und ich finde auch immer noch sowas am spannendsten. 🙂

  2. Wenn die Mütter der Jungs mal zum Elternsprechtag kommen, wär ich neugierig, was sie zu einem Bericht von dieser Ethikstunde sagen…
    Immerhin beruhigend, dass die Mädchen – egal ob ndH oder nicht – das anders sehen!

    • Entschuldige, fuaix!

      In diesem Blog kommentieren soviele an Schulen tätige, dass ich gedankenlos diese selbst erst vor wenigen Jahren gelernte Abkürzung verwendet habe!

      Im Zusammenhang mit Schülern bedeutet sie in meinem Wohn-Bundesland, wie ich gerade ergoogelt habe:
      „Schüler nichtdeutscher Herkunftssprache sind Schüler, deren Mutter- bzw. Familiensprache nicht deutsch ist. Die Staatsangehörigkeit ist dabei ohne Belang; entscheidend ist die Kommunikationssprache innerhalb der Familie.“
      [ist diese Defintion eigentlich in allen Bundesländern die Gleiche??]

      Ich hätte aus dem Kopf ndH auch mit „nichtdeutscher Herkunft“ „übersetzt“ und erkenne gerade den entscheidenden Unterschied, zu erkennen am Vergleich mit der Definition des Statistischen Bundesamtes, die nach Migrationshintergrund, nicht nach Sprachkompetenz schaut:
      http://de.wikipedia.org/wiki/Migrationshintergrund#Definition_des_Statistischen_Bundesamtes

      Inhaltlich wollte ich sagen, dass ich mich freue, dass die Mädchen „mit Migratonshintergrund“ sich bezüglich ihres Gerechtigkeisgefühls offenbar nicht von den „biodeutschen“ Mädchen unterscheiden – während angesichts der genannten Namen ich den Eindruck habe, dass es einen solchen Unterschied bei den Jungs in Frau Freitags Schule offenbar gibt.
      (Frau Freitag: wenn ich mich täusche, bitte korrigieren!)

  3. Seid längerem mal wieder ein richtig guter Blogeintrag! Für die Beschreibung solcher Situationen schätze ich unsere lieber Frau Freitag als Autorin so sehr! Wenig verbales Rumgehampel, interessante Situation und gut geschrieben. Schön 🙂 Das gibt eindeutig einen „toll gemacht“-Stempel!

  4. Kuchen ist toll. Ich würde den Kuchen vierteln und jeder kriegt ein gleich großes Stück. So reicht der Kuchen 4 Tage lang. Ist doch auch schön.

    Liedtipp zum Thema Kuchen: Faulsein ist wunderschön von Pippi Langstrumpf.

  5. Ich musste beim Lesen ein bisschen schmunzeln und an das Verteilungsprinzip unserer Oma denken, welches in etwa dem der Junden hier entsprach. Spiegelei und Schnitzel: Männer bekamen zwei Stück, Frauen und Kinder eins…
    (weil die Männer früher hart arbeiten mussten).

  6. Wenn die Schüler den Kuchen backen sollen und danach gerecht verteilen dann kommt folgendes bei raus: Alle Jungen kriegen ein gleich großes Stück Kuchen und die Mädels machen den Abwasch 😉

  7. Heute habe ich doch glatt ein „Frau Freitag“-Buch im Laden (Ma.rkt.ka.uf) gesehen, nur nicht gekauft… das Geld langte heute nicht mehr, welches in der Tasche war…

    Jedenfalls hing dort auch eine schicke Liste… PLATZ 1 für Frau Freitag, im Bereich Sachbücher?!

    Glückwunsch :o)

    Platz 1!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s